[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 47, S. 641-645]
f Berlin, 12. August 1896
Einer politischen oder sozialen Bewegung, die in den Massen festen Fuß zu fassen beabsichtigt, kann nichts Besseres passieren, als den Zorn der Mächtigen zu erregen, Seit der Veröffentlichung des kaiserlichen Telegramms an den Geheimrat Hintzpeter ist der evangelisch-sozialen Bewegung dies Glück widerfahren. Sie hat dadurch den ersten Beweis erbracht, dass wirklich etwas hinter ihr steckt, und man kann sie als eine ernsthafte Erscheinung behandeln, ohne sich lächerlich zu machen. Zur rechten Zeit kommt denn auch Paul Göhres Schrift über die Geschichte und die Ziele der evangelisch-sozialen Bewegung. Sie ist in Leipzig bei Grunow erschienen und verdient in mancher Beziehung, gelesen zu werden.
Herr Göhre gehört zu den besten Köpfen, den ehrlichsten Charakteren und namentlich den politisch und wissenschaftlich geschultesten Vertretern des evangelischen Sozialismus. Seine Geschichtserzählung ist natürlich im Sinne seiner besonderen Richtung gefärbt, aber sie ist nicht unredlich und auch keineswegs kritiklos Im Großen und Ganzen haben sich die Dinge so abgespielt, wie Göhre sie schildert. Von den Irrtümern, die ihr mit unterlaufen, seien nur ein paar erwähnt, die sich auf die Sozialdemokratie beziehen, Herr Göhre sagt, V. A. Huber habe „öffentlich kaum jemals in bemerkenswerter Weise“ zur Sozialdemokratie Stellung genommen. Das ist aber unrichtig. Auf die vielleicht allzu überschwängliche Anerkennung, die Lassalle in seinem Offenen Antwortschreiben den Verdiensten Hubers um die Förderung des Genossenschaftswesens gespendet hatte, antwortete Huber mit seiner Schrift über die „Arbeiter und ihre Ratgeber“, worin er bedingt für Schulze-Delitzsch, unbedingt und noch dazu in ziemlich hämischer Weise gegen Lassalle Partei nahm. Nach Lassalles Tode veröffentlichte Huber in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ einen Nekrolog, worin er Lassalle eine „katilinarische Natur“, einen „mammonistischen Emporkömmling“ nannte, der „nie einen Beweis wirklicher Liebe für das Volk gegeben“ habe, und in seiner letzten, erst nach seinem Tode erschienenen Schrift über die englische Arbeiterfrage erläuterte Huber den „ganzen sozialdemokratischen Schwindel“ dahin, dass eine so „gänzlich faule soziale Gärung in einer wüsten prahlerischen Agitation“, dass „ein solcher Grad geistiger Verwilderung und Depravation kaum in einigen entlegensten sozialen Pfützen oder einzelnen obskuren Individuen der englischen Agitation zu finden“ sei. Lassen wir also dem braven Huber den Ruhm, im Schimpfen auf das klassenbewusste Proletariat den feindlichen Brüdern vom liberalen Manchestertum eine ganz erfolgreiche Konkurrenz gemacht zu haben.
Recht hat dagegen Herr Göhre, wenn er es an dem Pastor Todt rühmt, dass dieser evangelische Landgeistliche sich redlich bemüht habe, die sozialdemokratische Agitation zu verstehen. Wenn Todt sie auch nicht in dem Umfange verstanden hat, wie Herr Göhre behauptet, so lag das nicht an seinem Willen, sondern an inneren und äußeren Schwierigkeiten, die im Jahre 1877 einem gründlichen Verständnis der revolutionären Arbeiterbewegung im Wege standen. Jedenfalls war Todt ein ehrlicher und wohlwollender Mann, und sein Buch über den radikalen deutschen Sozialismus verdient das ihm von Göhre gespendete Lob: „Da ist nirgends ein Versuch, Nebensächlichkeiten, Extravaganzen, Spezialideechen einzelner Sozialdemokraten für das Wesen der ganzen großen Partei leichtfertig auszugeben.“ Um so bedenklicher stand es eben deshalb um Todts evangelischen Sozialismus Er konnte nicht finden, dass die ökonomischen und politischen Forderungen der Sozialdemokratie dem Neuen Testament widersprächen, und was hatte die evangelisch-soziale Bewegung dann noch auf der Welt zu suchen? Höchst bezeichnend für diese Bewegung sagt Herr Göhre: „Freilich ist Todts Heißhunger nach Gründlichkeit und Objektivität auch wieder verhängnisvoll für ihn gewesen. Er hat sich so blind von ihm fortreißen lassen und sich so tief in die sozialdemokratische Gedankenwelt verbissen, dass er schließlich überhaupt nicht wieder von ihr loskommt und, von ihr hypnotisiert, vielfach alle Kraft verliert, sich kritisch über und neben sie zu stellen.“ Der schwache Magen des evangelischen Sozialismus mag allerdings wohl „Heißhunger nach Gründlichkeit und Objektivität“ nicht vertragen können.
Stoeckers Agitation stellt Göhre nach ihren verschiedenen Wandlungen ziemlich zutreffend dar. Dass er Stoeckers Person beträchtlich überschätzt, mindestens ebenso sehr überschätzt, wie die landläufige Kapitalistenpresse sie unterschätzt, erklärt sich aus seinem Standpunkt, Wogegen wir aber beiläufig protestieren möchten, das ist die lächerliche Tuerei mit dem Heldenmut, den Stoecker in seinen Redekämpfen mit Most bewiesen haben soll. Stoecker handelte als ganz geschickter Demagoge, wenn er das Geschwätz der bürgerlichen Presse: in den Berliner Arbeiterversammlungen gehe es mit Mord und Totschlag her, dazu ausnutzte, um sich bei dem alten Kaiser Wilhelm als „Lanzenbrecher“ aufzuspielen, aber Herr Göhre sollte diese Selbstreklame Stoeckers in einer ernst gemeinten Schrift doch nicht ernsthaft wiederholen. Der erste Konservative, der in Berliner Arbeiterversammlungen ging, um zu diskutieren, war nicht Stoecker, sondern Rudolf Meyer, lange Jahre, ehe den Stoecker „des Volkes erbarmete“. Meyer war ein viel zu verständiger Mann, um deshalb mit irgend welchem „Heldenmut“ zu prahlen; er begnügte sich, die schwindelhafte Behauptung, dass bürgerliche Redner in sozialdemokratischen Versammlungen Haut und Knochen riskierten, an ihren Ort zu stellen. Wenn Stoecker nach seiner eigenen, von Herrn Göhre wiederholten Versicherung „bebend“ in sozialdemokratische Versammlungen gegangen ist, so ist damit nur eines von beidem bewiesen: entweder hat Mutter Natur den „zweiten Luther“ im Punkte der Courage äußerst stiefmütterlich ausgestattet oder aber der „teure Gottesmann“ war ein großer Schwindler vor dem Herrn. Und wenn Stoecker Mosts landläufige, gegen die christlich-sozialen Geistlichen gerichtete Redewendung? „Macht Eure Rechnung mit dem Himmel! Eure Uhr ist abgelaufen!“ dazu benutzte, zum an die„Nationalzeitung“ zu schreiben? „Diese Drohung sollte jedem Verständigen den Abgrund zeigen, an dem wir stehen, und zur Entschiedenheit mahnen. Eine große Partei, deren Führer mit einem poetischen Zitat zum Mord auffordert, muss entweder innerlich überwunden oder äußerlich vernichtet werden“, so bleibt eben nur dieselbe Alternative: entweder ein Zitterer der ärgsten oder ein Denunziant der klüglichsten Sorte.
Anderes, was an Herrn Göhres Schrift historisch richtigzustellen wäre, übergehen wir. Es wäre unbillig, hierin ihren Schwerpunkt zu suchen, der vielmehr in dem Nachweise liegt, dass und weshalb alle evangelisch-sozialen Anläufe an dem Widersprüche zwischen dem patriarchalischen und dem proletarischen Zuge des christlichen Sozialismus gescheitert sind. Dieser Nachweis ist zwar keineswegs neu und von sozialdemokratischer Seite schon oft in summarischer Weise geführt worden. Deshalb ist es aber doch ganz verdienstlich, wenn ihn ein ehrlicher Evangelisch-Sozialer in eindringender Weise an einem bestimmten historischen Zeitabschnitte führt. Jedoch, so sehr wir in diesem Punkte Herrn Göhre zustimmen, so wenig können wir seine Ansicht teilen, dass sich der Grundfehler in der christlich-sozialen Rechnung herausrechnen ließe. Er irrt, wenn er die Schuld an dieser künstlichen Zusammenkoppelung zweier unversöhnlicher Prinzipien einzelnen Personen zuschreibt; nicht Todt und selbst nicht einmal Stoecker sind deshalb anzuklagen; der Fehler liegt im Wesen des christlichen Sozialismus selbst.
Sehen wir einmal ganz von seiner rein demagogischen Seite ab, von allen den Fällen, in denen er frivoler Weise zur Betölpelung der Arbeiterklasse missbraucht worden ist, so hat er im neunzehnten Jahrhundert zwei historische Wurzeln. Einmal ist er die Begleiterscheinung des naturwüchsigen Arbeiterkommunismus, der seiner theoretischen Form nach an das den Massen vertraute Gedankenmaterial anknüpft, ganz ähnlich, wie die gebildeten Utopisten an das ihnen vertraute Gedankenmaterial der Aufklärung anknüpften. Die beiden historisch bedeutsamsten Formen dieses naturwüchsigen Arbeiterkommunismus, die durch die Namen Cabet und Weitling gekennzeichnet werden, hatten beide die religiöse Färbung. Aber es war immer nur eine Farbe, die im heißen Atem des Klassenkampfes sehr schnell verwitterte. Je klarer sich die Massen über den proletarischen Inhalt ihrer Bewegung werden, um so rücksichtsloser zerbrechen sie ihre patriarchalische Form. Bei Weitling tritt das christliche Moment sogar schon direkt rückständig auf, Weitling griff nach dieser Planke, nachdem sein utopistisches Schiff gescheitert war, obgleich er unseres Erachtens in seinem Evangelium der armen Sünder den Niederschlag des urchristlichen Kommunismus im Neuen Testamente genialer ausgeschöpft hat, als alle christlich-sozialen Theologen, die sich an demselben Problem abgearbeitet haben. Wie schnell dann nach Weitlings Entfernung aus der Schweiz der religiöse Utopismus als urwüchsige Arbeiterbewegung umkam, ist bekannt; es genügt, an den religiösen Narren Albrecht und den religiösen Schwindler Kuhlmann zu erinnern. In der revolutionären Bewegung des deutschen Proletariats ist er niemals wieder aufgetaucht.
Womit natürlich nicht gesagt ist, dass er überhaupt nicht wieder zeitweise auftauchen kann, und zwar in solchen Schichten der Arbeiterklasse, die sich sozusagen erst aus wilder Wurzel zum Klassenbewusstsein zu entwickeln beginnen. In recht interessanter Weise beleuchtet Herr Göhre diese Seite der Frage in seinem Kapitel über die Evangelischen Arbeitervereine. Die ersten dieser Vereine entstanden im Jahre 1882, als jede sozialdemokratische Agitation lahmgelegt war, sie pflanzten nicht nur ein religiöses, sondern sogar ein konfessionelles Banner auf; sie erwuchsen aus dem Gegensatze zu den katholischen Arbeitervereinen und stellten sich „auf den Boden des evangelischen Bekenntnisses“, um das evangelische Bewusstsein zu wecken und zu fördern, Treue zu halten gegen Kaiser und Reich und so weiter; die einzige ans Ökonomische streifende Forderung ihres Programms war Unterstützung der Mitglieder in Krankheits- und Todesfällen. Wie es jetzt in diesen Vereinen aussieht, sagt Herr Göhre mit den dürren Worten: „Äußerlich ist zwar noch alles ruhig und in Frieden, im Innern ist die Spannung aber nur desto größer. Das konservative und das proletarische Prinzip stehen sich auch in ihnen schroff und unversöhnbar gegenüber,“ Und Herr Göhre weiß keinen anderen Rat, um diese Evangelischen Vereine bei der evangelisch-sozialen Fahne zu halten, als ihr religiöses Prinzip in den blauen Äther allgemeiner Gefühle zu verflüchtigen und dafür ihre proletarischen Forderungen in konkreter Handgreiflichkeit zu vertreten.
Die andere Art des christlichen Sozialismus entstand in den besitzenden Klassen und war von Anbeginn eine Begleiterscheinung des feudalen Sozialismus. In ihr steckte stets viel bewusster und unbewusster Humbug. Soweit sie aber ehrlich gemeint war, hatte sie denselben kurzen Kreislauf des Lebens zu umschreiben, wie der christliche Arbeiterkommunismus, nur natürlich in entgegengesetzter Richtung; wenn bei diesen der proletarische Inhalt die reaktionäre Form zerbrach, so zerbrach bei jenen der reaktionäre Inhalt die proletarische Form. Diese Art des christlichen Dualismus ist nichts als eine feudale Axt gegen die liberale Bourgeoisie, eine Axt, die je nachdem sich diese Bourgeoisie mausiger macht oder nicht, lebhaft geschwungen oder auch vergraben, unter allen Umständen aber in dem Augenblicke zerbrochen wird, wo ihre Schneide nicht mehr bloß die kapitalistische, sondern auch die feudalistische Ausbeutung bedroht. Dann wird die feudale Art des christlichen Sozialismus von ihren eigenen Vätern auf den Kehricht geworfen. Und dies erbauliche Schauspiel kann augenblicklich in Deutschland wieder einmal beobachtet werden.
Als letzte Säule des christlich-feudalen Sozialismus, aber als eine Säule, die auch schon nach Herrn Göhres Versicherung geborsten ist und demnächst stürzen wird, steht in Deutschland noch der Evangelisch-soziale Kongress da. Seine „vornehmsten Repräsentanten“ find nach Herrn Göhre neben einem freikonservativen Landesökonomierat Nobbe – Stoecker und Wagner, und diese Namen sagen genug. In der Tat, wer die mehr noch läppische als unanständige, von Herrn Göhre leider bewunderte Verreißung des Erfurter Programms durch Wagner einmal nachlesen will, der wird sich einen zutreffenden Begriff davon machen können, mit wie unglaublichen „sozialethischen, sozialkritischen und sozialwissenschaftlichen“ Seichtbeuteleien der Evangelisch-soziale Kongress die hoffentlich nicht kostbare Zeit seiner Teilnehmer totschlägt. Dass auch einige ehrliche Leute an dem Kongresse teilnahmen, sei gern zugegeben; welche Rolle sie aber dabei spielen, sagte Professor Hans Delbrück, der neben Wagner im Aktionskomitee des Kongresses sitzt, vor einiger Zeit mit den Worten: „Ein Sozialdemokrat, angenommen Naumann sei es wirklich, was er noch lange nicht ist, ein Sozialdemokrat also, der für die Getreidezölle und für alle notwendigen Bewilligungen für die Wehrkraft des Deutschen Reiches zu Wasser und zu Lande eingetreten ist, wie es Herr Naumann getan hat, ein solcher Sozialdemokrat ist immerhin unter Umständen ein sehr schätzenswerter Bundesgenosse.“ Diese zynische Offenheit eines der Macher kennzeichnet den Evangelisch-sozialen Kongress besser als alles Trompetengeschmetter, das Herr Göhre auch jetzt noch über dies wunderbare Gewächs erhebt.
Immerhin gesteht er zu, dass „die kurze Geschichte des Evangelisch-sozialen Kongresses mit demselben inneren Widerspruche wie alle bisherigen bedeutenderen Erscheinungsformen der evangelisch-sozialen Bewegung endet, mit dem schweren, verhängnisvollen Gegensatze des konservativ-patriarchalischen Prinzips hier, des proletarischen Prinzips da,“ Da Herr Göhre aber nicht zugeben will, dass dieser „unversöhnbare“ Gegensatz in der Sache selbst steckt, so will er ihn „versöhnen“ und das fängt er nicht ohne eine gewisse amüsante Schlauheit an. Er sagt sich: der Gegensatz steckt jetzt sowohl im Evangelisch-sozialen Kongress, wie in den Evangelischen Arbeitervereinen; machen wir ihn also unschädlich, indem wir seine proletarische Seite aus dem Kongress und die patriarchalische Seite aus den Arbeitervereinen nehmen. Herr Göhre bestätigt, was wir seit Jahren vorausgesagt haben, dass nämlich die große Masse der, um im pastoralen Stile zu sprechen, „christlich-sozial gerichteten“ Pastoren beim ersten Stirnrunzeln des Konsistoriums umgefallen ist, und so stellt er sich frischweg auf den Standpunkt des Kaisers: Christlich-soziale Pastoren sei ein Unding. Er will die ganze Masse unsicherer Kantonisten von Pastoren, Professoren, Landesökonomieräten usw. in den Evangelisch-sozialen Kongress verbannen, wo sie sich „sozialethisch“ und „sozialkirchlich“ erbauen, aber „sozialpolitisch“ nicht mitreden soll Damit wäre die „patriarchalische“ Seite der evangelisch-sozialen Bewegung auf einen toten Strang geschoben; kannegießert sie in dem Stile weiter, in dem Herr Göhre über ihre erhebenden Aufgaben kannegießert, so könnten allerdings nur noch die ausgesuchtesten Ängsterlinge des heiligen Eigentums an ihrer Unschädlichkeit zweifeln.
Die „proletarische“ Seite, die Evangelischen Arbeitervereine, will Herr Göhre dann zu einer „Sozialen Reformpartei aller kleinen Leute“ organisieren. Dieser Partei „muss das Christentum zwar Begeisterung und Mut, ihren Mitgliedern edle Gesinnung, Charakterfestigkeit und Opferfreudigkeit, ihrem sozialpolitischen Handeln das letzte Ideal geben, aber es kann ihr nicht auch ihr Programm, ihr politisches Urteil, ihre volkswirtschaftlichen Ideen, ihre parlamentarische Taktik geben.“ Wie der Evangelisch-soziale Kongress rein „evangelisch“, so soll diese neue Evangelisch-soziale Partei rein „sozial“ werden. Über ihr soziales Programm sagt Herr Göhre allerdings nicht mehr, als dass es nach kathedersozialistischen Rezepten gebraut werden soll. Aber er verheißt, die neue Partei werde sich als große sozialreformerische Masse zwischen die große reaktionäre Masse der besitzenden und die große revolutionäre Partei der arbeitenden Klassen schieben.
Das scheint Zukunftsmusik auf der Kindertrompete zu sein und ist es im Grunde auch. Aber die Sache hat noch einen ganz witzigen Haken. Mitten in den Kannegießereien, welche die letzten Seiten seines Buches füllen, sagt Herr Göhre von seiner neuen Partei „Die Landarbeiter aufzurufen, zu organisieren und zu schulen, wird eine ihrer größten Aufgaben sein. Was noch Niemand fertig bekam, soll sie zu erreichen suchen. Hier wird sie ihr agitatorisches Meisterstück zu machen haben. Massen von Landarbeitern müssen ihr anheimfallen.“ Herr Göhre will also den Stier bei den Hörnern packen, und das verrät nicht nur Mut, sondern auch Einsicht.
Denn in der Tat betritt er damit den einzigen Weg, der dem christlichen Sozialismus noch einmal den kurzlebigen Kreislauf seines Daseins zu vollenden gestatten könnte. Das ostelbische Landproletariat ist die einzige große Schicht der deutschen Arbeiterklasse, von der beträchtliche Teile religiöse Denkformen bei der Entwicklung ihres Klassenbewusstseins unter Umständen nötig haben werden. Unter Umständen – denn schwören möchten wir immerhin nicht darauf.
Wenn nur die Kraft des Herrn Göhre so sicher wäre, wie sein Mut und seine Einsicht! Wir fürchten, er stellt sich die Organisation des ländlichen Proletariats leichter vor, als sie ist, als sie wenigstens für ihn ist. Sein guter Wille, eine nützliche Vorarbeit für die ihm sonst so verhasste Sozialdemokratie zu tun, darf deshalb aber nicht verkannt werden.
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