Franz Mehring: Ein politischer Glücksritter

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 50, S. 737-739]

f Berlin, 11. September 1901

Der plötzliche Tod Miquels hat noch einmal das politische Totengericht über ihn eröffnet, das eben erst geschlossen war; viel Neues ist dabei aber nicht herausgekommen, und wie sollte es auch? Miquel war ein gescheiter Kopf und ein glücklicher Streber, aber er war keiner jener Denker und Kämpfer, die auch beim Gegner ein tieferes psychologisches Bemühen herausfordern.

Die Frage, ob Miquel überhaupt das Zeug zu einem solchen Denker und Kämpfer gehabt habe. oder ob er von Anbeginn zu dem rücksichtslosen Glücks- und Machtjäger bestimmt gewesen sei, der er tatsächlich geworden ist, gehört zu jenen historischen Vexierfragen, auf die es keine logische Antwort gibt. Wir können nur sagen, dass in seinem Lebenslauf jede Spur davon fehlt, als ob ihm seine rückläufige Entwicklung vom Kommunisten bis zum Agrarier je die geringsten Gewissensskrupel gemacht habe, woraus immerhin der Schluss gezogen werden darf, dass der Heißhunger nach den Fleischtöpfen dieser irdischen Welt immer sehr lebendig in ihm gewesen sein muss.

Am ehesten lässt sich noch sein Übergang vom Arbeiterkommunismus zum Bürgerliberalismus erklären. Für den psychologischen Prozess, der sich dabei abspielte, sind die Briefe nicht uninteressant zu lesen, die der „rote Becker“, der im Kommunistenprozess zu mehrjähriger Festungshaft verurteilt worden war, von der Festung Weichselmünde an seine Freunde richtete. Leider sind diese vor Jahr und Tag veröffentlichten Briefe einem ganz unfähigen Herausgeber in die Hände gefallen, der mit ihnen nichts Rechtes anzufangen gewusst hat; sie enthalten aber den Stoff, woraus sich ein anziehendes Bild gewisser, aus dem Auflösungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft in verschiedenen Formen immer wieder auftauchender Gewissenskonflikte entwerfen ließe. Becker kannte so gut wie Miquel den wissenschaftlichen Kommunismus, wie er im Kommunistischen Manifest niedergelegt worden war, und gerade aus den Gedankengängen dieser Urkunde heraus folgerte er: die Herrschaft der Arbeiterklasse ist erst möglich, wenn die Herrschaft der Bourgeoisie sich ausgelebt hat; eine Herrschaft der Bourgeoisie gibt es in den deutschen Grenzen aber noch gar nicht, sondern nur erst eine Herrschaft des Absolutismus und Feudalismus; wollen wir also vorwärts kommen, so müssen wir erst diese Herrschaft mit Hilfe der Bourgeoisie stürzen und uns zunächst der „Kanaille der materiellen Interessen“ verschreiben, wie es Becker in seinem grimmigen Kommunistenhumor nannte.

Man muss anerkennen, dass dieser Gedankengang in den fünfziger Jahren eine ungleich größere Berechtigung hatte wie heutzutage, wo er ja auch nichts weniger als unbekannt ist. Die damalige Reaktion war in der Tat so absolut rückständig, dass wer mitten in ihr lebte, wohl von der Vorstellung erdrückt werden konnte, dieser absolutistisch-feudalen Unkultur gegenüber sei die kommunistische Zivilisation einstweilen die reine Utopie, und es sei schon ein großer historischer Fortschritt, den Sieg der liberalen Bourgeoisie herbeizuführen. Wie sich diese Vorstellung bei dem „roten Becker“ in der Einsamkeit seiner Festungszelle allmählich entwickelte und einschmeichelte, lässt sich in seinen Briefen eingehend verfolgen, und man sieht daraus, dass es mit seiner Bekehrung durchaus ehrlich herging, so dass man annehmen mag, bei dem Bekehrungsprozess Miquels, der sich zu gleicher Zeit unter gleichen Umständen vollzog, sei es gleich ehrlich hergegangen.

Es kommt darauf wenig an, da der Effekt so oder so ganz derselbe war: eben diese Kommunisten, die sich zum Liberalismus bekehrten, um den Absolutismus und Feudalismus desto sicherer zu stürzen, wurden auf solchem Wege die diensteifrigsten Handlanger des Absolutismus und des Feudalismus. Von Miquel ist das bekannt genug, aber auch der „rote Becker“ gedieh nicht nur zum Oberbürgermeister von Köln, sondern auch zu einem unermüdlichen Ordensjäger und einem Manne von einer so rührenden Königstreue, dass er nach der Versicherung seines schwiegersöhnlichen Biografen in edler Empörung aufwallte, wenn in seiner Gegenwart von Wilhelm I. gesprochen wurde; durch die Ziffer daran zu erinnern, dass es einmal einen Wilhelm Il. geben werde und dass also der Heldengreis sterblich sei, war in den Augen des ehemaligen Hochverräters schon Hochverrat und Majestätsverbrechen. Leute wie Becker und Miquel sind viel serviler geworden gegen die rückständigen Mächte der Geschichte, als etwa die Vertreter des trivialen Liberalismus, als Leute, wie Lasker, die vom Kommunismus nichts wussten oder doch nichts wissen wollten.

Der Fehler in ihrer Rechnung, soweit sie ehrlich war, bestand in dem Irrwahn, dass sie glaubten, das kommunistische Prinzip aufgeben und gleichwohl prinzipielle Politik treiben zu können. Es sind zwei ganz verschiedene Dinge: vom kommunistischen Standpunkt und nach den sich aus ihm ergebenden Konsequenzen den Sieg des Liberalismus über den Absolutismus und Feudalismus zu fördern oder aber sich der „Kanaille der materiellen Interessen“ zu verschreiben, selbst wenn der Sieg dieser „Kanaille“ eine unerlässliche Vorbedingung für den Sieg der Arbeiterklasse sein sollte. Wie man in jener Zeit, wo sich die Becker und Miquel aus Kommunisten in Liberale verwandelten, das kommunistische Prinzip festhalten und trotzdem jede gebotene taktische Rücksicht auf die Rückständigkeit der deutschen Zustände nehmen könne, zeigte Lassalles Arbeiteragitation in klassischer Weise, und es ist bezeichnend genug, dass Becker wie Miquel zu ihren giftigsten Gegnern gehörten, dass sie nicht müde wurden, über Lassalles angebliches geheimes Einverständnis mit Bismarck zu jammern. Dieselben Ehrenmänner, die damit geendet haben, nicht etwa nur Bismarcks Stiefel, sondern selbst die Stiefel des alten Wilhelm und der hinterpommerschen Junker zu putzen!

Die „Kanaille der materiellen Interessen“ hat eigene Manieren. Sie nimmt gleich die ganze Hand, auch wo man ihr nur den kleinen Finger reichen will. Ob sich das Gewissen ihrer Opfer mitunter meldet oder nicht, was wäre davon viel zu sagen? Miquel hatte wohl seine sentimentalen Anwandlungen, namentlich zur Zeit, wo seine Gründertaten öffentlich diskutiert wurden, aber im Ganzen hat er immer mit fröhlicher Unbefangenheit um das goldene Kalb getanzt, und noch als Minister mit zynischem Gleichmut in einem gegen ein paar kleine Leute angestrengten Verleumdungsprozesse bestätigt, was ihm seine ernsthaften Ankläger stets vorgehalten hatten, dass er nämlich als Mitdirektor der Diskontogesellschaft das fünfte Rad am Wagen gewesen sei und trotzdem Millionen eingescheffelt habe. Es war mitten in diesem lukrativen Müßiggange, als sein Freund Lasker den stümperhaften Gründer Wagener als den Hauptvertreter der parlamentarischen Korruption aus dem Tempel jagte, bei welchem berüchtigten Possenspiel Miquel sich schön ins Fäustchen gelacht haben mag.

Wagener war der gescheiteste Kopf der Konservativen, wie Miquel der Liberalen, und es ließen sich mancherlei Parallelen zwischen beiden Männern ziehen; historisch schneidet Wagener schließlich aber doch besser ab als Miquel. Wagener bemühte sich in seiner Weise wenigstens, die ostelbischen Junker zu erziehen, ihren beschränkten Gesichtskreis zu erweitern, ihren blinden Eigennutz aufzuklären, und wenn Wagener von der Partei, für die er jahrzehntelang gekämpft hatte, noch schnöder verraten wurde als von seinen liberalen Gegnern, so geschah es nicht zum wenigsten aus Grimm über den strengen Schul- und Zucht- Meister, der dem junkerlichen Hochmut immer unbequem war. Von dem düsteren Schicksal Wageners sticht die Laufbahn seines liberalen Gegenfüßlers freilich glänzend ab, aber dieser Glanz ist um einen Preis erkauft worden, den Wagener eben doch nicht gezahlt hat und nicht zahlen wollte, durch die knechtische Unterwürfigkeit unter das junkerliche Joch in all seiner kaudinischen Härte, Pech hat der deutsche Liberalismus nun einmal: der einzige „große Minister“, den er produziert hat, ist es dadurch geworden, dass er sich zum gehorsamen Diener des Junkertums machte.

All sein Sehnen hat Miquel aber doch nicht erreicht: er ist nicht Reichskanzler geworden, und er hat auch nicht mehr die Schrift verfasst, womit er in der Muße seines Alters die Sozialdemokratie zu vernichten gedachte. Hat er wirklich gehofft, sich auf dem Stuhle Bismarcks niederzulassen, so ist sein Ehrgeiz mit seinem Verstande durchgegangen; er war schließlich doch immer ein „Roturier“, und so viel Geschmack haben selbst die ostelbischen Junker, dass sie sich von ihrem Bedienten nicht auch nur scheinbar öffentlich kommandieren lassen mögen. In mancher Beziehung ist es aber schade, dass es Miquel nicht bis zum Reichskanzler gebracht hat; dieser Mann würde an dieser Stelle das neudeutsche Reich in all seiner historischen Eigentümlichkeit gar trefflich repräsentiert haben.

Dagegen möchten wir kaum bedauern, dass Miquel seinen sozialistentöterischen Schlag nicht mehr geführt hat. In all seiner Verachtung politischer Prinzipien, in all seinem Jagen nach Macht und Reichtum war das Salz seines Geistes sehr dumpf geworden, und was er im Parlament über soziale Dinge zu sprechen wusste, erhob sich kaum über die abgeschmackten Redewendungen, die seine Zedlitz and Schweinburg in ihren Waschzetteln verzapften. Wir möchten die sozialistenfresserische Literatur fast beglückwünschen, um dies Opus gekommen zu sein, wenn wir nur nicht befürchteten, dass es ihr ganz gleichgültig ist, ob die Massenmakulatur, die sie jahraus jahrein auf den Markt wirft, ein paar Pfund mehr oder weniger schwer sei.

Miquels Name mag wohl in der deutschen Geschichte dauern, aber nicht als der Name eines Denkers oder eines Kämpfers, nicht einmal als der Name eines Staatsmannes oder auch nur Parteiführers, sondern höchstens als der Typus des politischen Glücksritters, wie er im ersten Menschenalter des neudeutschen Reiches möglich und wirklich war.


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