[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 35, S. 321-323]
f Berlin, 3. Juni 1896
Er tanzt in Moskau – unter diesem Titel sang Platen vor vierundsechzig Jahren in einem seiner Polenlieder:
Solch einen König hat gewiss
Ein Volk noch nie gewonnen;
Euch drückte Tod und Finsternis.
Er blieb jedoch besonnen:
Als er gehört vont eurem Fall.
Da gab er einen großen Ball:
Der König tanzt in Moskau.
Dieser König von Polen war der Urgroßvater des jetzigen Zaren, und man muss anerkennen, dass die russischen Despoten auf ihre Überlieferungen halten. Nikolaus I. tanzte über den Gräbern der nach heldenmütigem Kampfe gemordeten Polen, Nikolaus Il. tanzt über den Gräbern der nahe an dreißig Hekatomben getreuer Untertanen, die sich zur Feier seiner Salbung selbst zu Brei gequetscht haben. Und das offizielle Europa tanzt mit ihm, einschließlich oder sogar Allen voran die Würdenträger der französischen Republik, die am Abend der furchtbaren Katastrophe auf vom Chodynskifelde ein „glänzendes Ballfest“ gaben, auf dem die zarischen Majestäten, wie der alleruntertänigste und treu-gehorsamste Telegraf meldet, sich bis zwei Uhr Nachts zu erlustieren geruhten.
Die Kaiserspende an das Volk zeichnete sich durch herrliche Pracht aus, Jeder der vierhunderttausend zuerst Gekommenen sollte erhalten einen weiß emaillierten Blechbecher, eine kleine harte Wurst, ein Stück marzipanartigen, waffelförmigen Honigkuchens, eine mit wenigen Hasel- und Walnüssen, Backpflaumen – und Bonbons gefüllte Papiertüte und ein baumwollenes illustriertes Taschentuch. Um dieses Bettels willen haben sich Hunderttausende von Armen und Elenden gedrängt und geschlagen, dass ihrer 2700 – nach anderen Nachrichten sogar 3600 oder noch mehr – zermalmt auf dem Platze blieben. Dieser scheußliche Hohn auf jeden Begriff menschlicher Kultur kann kaum noch durch die Nachricht gesteigert werden, dass die Führer der Wagen, welche die Spenden des Zaren herumfuhren, die Esspakete vorzeitig ausgeworfen haben sollen, um die Massen zum Ausrauben der Wagen zu reizen und auf diese Weise große Unterschlagungen der Lieferanten zu verdecken. Der russische Despotismus und seine Handlanger sind so reich an Verbrechen: ein Verbrechen mehr oder weniger, das auf ihr Konto kommt, macht nicht einen so tiefen Eindruck, als die entsetzliche Vorstellung, dass Hunderttausende denkender und fühlender Wesen unter Väterchens sanftem Regiment auf diejenige Stufe der Vertierung herabgedrückt worden sind, ohne welche die Katastrophe auf dem Chodynskifelde unmöglich gewesen wäre.
Ja noch mehr: das „Volksfest“ ist durch den grausamen Tod von 2700 Menschen kaum gestört worden. Es hat sich in all seinem rohen Spektakel abgespielt, und Väterchen, der sich von ferne den Massen zeigte, empfing ihren frenetischen Jubel als Dank für seine wahrhaft kaiserlichen Spenden. Wie namenlos elend muss das Leben dieser Menschen sein, dass ihnen ein so kläglicher Tand, dass ihnen ein wüster Rausch zwischen zerfetzten Leichnamen, deren Blut noch gen Himmel dampft, als ein Sonnenblick in ihrem Dasein erscheint! Blutspuren pflegen das Kommen und Gehen der russischen Selbstherrscher zu kennzeichnen, aber so durch Blut und Schmutz musste noch kein Zar auf den russischen Thron klettern, wie der junge Mensch, den sie eben in Moskau gekrönt haben, und mehr noch als seine Vorfahren trifft ihn der Fluch des Dichters:
Blutig fingst auch du zu herrschen
An! Von deinem Hause kehrt sich
Voll von Abscheu weg die Sonne.
Wie vom Haus der Tantaliden.
Indessen die Zeiten sind längst vorüber, in denen zürnende Dichterworte die Mächtigen dieser Erde erschreckten. Über solche Sentimentalitäten sind sie längst hinaus, und ebenso über die Angst vor bösen Vorzeichen. Das Tanzen auf dem Vulkan, an das sie sich je länger je mehr gewöhnt haben, hat ihre Nerven abgestumpft. Über einen Haufen von 2700 Leichen hüpfen die zarischen Majestäten graziös auf den Ball in der französischen Botschaft. Hier und da schämt sich nachträglich dieser oder jener ihrer offiziösen Soldschreiber und schreibt in die Welt hinaus, Väterchen habe alle Festlichkeiten einstellen und das Ballfest in der französischen Botschaft absagen wollen, doch hätten sich hohe Würdenträger ins Mittel gelegt, und der Minister des Auswärtigen hätte den Besuch des Balles aus politischen Gründen für notwendig erklärt. Eine schöne Schmeichelei beiläufig für die französische Republik, der damit unterstellt wird, dass sie eine menschliche Regung des Zaren als eine tödliche Beleidigung ihrer Würde hätte auffassen können! Aber die ganze Meldung trägt den Stempel verlegenen Ausrede an der Stirn und viel glaubhafter ist es, wenn deutsche und englische Korrespondenten berichten, das Ballfest auf der französischen Botschaft hätte zu den reizvollsten gehört, welche je erlebt worden seien; alle Gäste hätten sich köstlich amüsiert und die allgemeine Heiterkeit sei „durch keinen peinlichen, überflüssigen und nutzlosen Rückblick auf die Ereignisse des Tages getrübt“ worden.
Peinlich allerdings, denn so viel Empfindung haben sie sich noch aus sentimentaleren Zeiten gerettet, um sich zu sagen, dass ein Massenmord wie auf dem Chodynskifelde eine etwas unbequeme Sache ist. Aber auch überflüssig und nutzlos, denn daran denkt keiner, die Zustände zu beseitigen, die solche grausigen Katastrophen ermöglichen. Wenn die barbarische Wirtschaft Väterchens so lange fortbestehen soll, bis ihn das zivilisierte Europa daran erinnert, dass sie nicht fortbestehen darf, dann hat sie noch eine lange Reihe guter Tage vor sich. Dann wäre sie sicher bis zu dem Tage, an dem das westeuropäische Proletariat seinen dauernden Sieg erficht. Die Bourgeoisie hat sich längst abgefunden mit dem zarischen Despotismus als mit einer Stütze ihrer europäischen Herrschaft.
Die französische Regierung rutscht auf den Knien vor Väterchen einher, und auch die deutsche Bourgeoisie hat vollständig vergessen, dass die erste Fahne, um die sich der deutsche Liberalismus nach der Julirevolution sammelte, gegen den zarischen Despotismus flatterte. Die speichelleckerische Art, in der die bürgerliche Presse im Deutschen Reiche über die Krönungsfeierlichkeiten in Moskau berichtete, war im Grunde ebenso verächtlich, wie die kriecherische Berichterstattung der französischen Bourgeoispresse über diese zarische Lustbarkeit, mochte sie sich im Allgemeinen auch nicht ganz so grotesk gebärden. Denn die um so frechere Verachtung, die der Zarismus den Deutschen bezeigt, hätte deutsche Blätter zu um so größerer Zurückhaltung veranlassen sollen. Aber wann hätte der deutsche Bourgeois Fußtritte von allerhöchsten Personen anders als mit untertänigen Kratzfüßen beantwortet!
Glücklicherweise steht die gegenseitige Lebensversicherung, welche die Bourgeoisie und der Zarismus geschlossen haben, unnatürlich wie sie ist, auf tönernen Füßen. Die Angst, die sie zusammenschmiedet, ist keine grundlose Angst, und je mehr die russischen Zustände zum Ideal der europäischen Bourgeoisie werden, umso mehr hören sie auf, Wirklichkeit zu sein. Freilich in dieser Beziehung scheint die Katastrophe auf dem Chodynskifelde sehr unerfreuliche Aussichten zu eröffnen. Wie kann man von Massen, die sich um ein Bettelgeschenk des Zaren im wörtlichsten Sinne des Wortes tausend Hälse brechen, eine siegreiche Erhebung gegen den Zarismus erwarten? Indessen alle unbefangenen Nachrichten bestätigen, dass dies Proletariat teils Lumpenproletariat, teils bäuerlich rückständiges Proletariat gewesen ist. Der moderne industrielle Proletarier ist niemals in solcher Weise vertiert und kann auch niemals in solcher Welse vertieren. Möglich, dass der Zar und die Abgesandten des offiziellen Europas, die in Moskau mit ihm tanzen, gerade aus der Katastrophe auf dem Chodynskifelde neuen Trost und neue Zuversicht schöpfen. Aber die Mephisto, die eine solche Rechnung machten, würden sich selbst betrügen, Massen, wie sie sich auf dem Chodynskifelde zertraten und zerwürgten, machen freilich keine Revolution, aber ebenso wenig schützen sie vor einer Revolution. Sie sind es, die jede Revolution, in welche sie geschleudert werden, blutdürstig, grausam, unbarmherzig machen. Der revolutionäre Proletarier ist immer großmütig, oft zu großmütig, der Lumpenproletarier ist es selten oder niemals, und um seine niederen Gelüste zu befriedigen, schlachtet er Andere noch viel lieber als seinesgleichen. Über diese Moral des Chodynskifeldes sind sich die offiziellen Tänzer in Moskau hoffentlich im Klaren; es wäre eine polizeiwidrige Beschränktheit, wenn sie sich darüber täuschten, dass die Zuchtruten, welche sie binden, sie am rechten Orte und zur rechten Zeit züchtigen werden.
Seitdem die deutsche Bourgeoisie den Kampf gegen den zarischen Despotismus aufgegeben hat, ist er, wie die anderen bürgerlichen Ideale auch, dem Proletariat als willkommenes Erbe zugefallen. Bei all ihrer „Vaterlandslosigkeit“ werden sich deutsche Arbeiter nie damit besudeln, dem russischen Selbstherrschertum, das seit länger als einem Jahrhundert den deutschen Interessen jede denkbare Infamie zugefügt hat, irgend einen mildernden Umstand seines ruchlosen Daseins zuzubilligen. Und trotz aller sentimentalen Redensarten, welche auch die bürgerliche Presse über das Unglück auf dem Chodynskifelde macht, dürfen die deutschen Arbeiter allein mit der ganzen Verachtung, die einst ein edler Dichter hineinlegte, die Worte wiederholen? Er tanzt in Moskau.
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