Franz Mehring: Algeciras

[Die Neue Zeit, XXIV. Jahrgang 1905-1906, I. Band, Nr. 23, S. 737-740]

f Berlin, 28. Februar 1906

„Binnen weniger Wochen muss sich zeigen, ob die Westmächte tatsächlich gewillt sind, die hochmütige Sperrung gegen uns zu behaupten – dann wird und muss das Schwert entscheiden.“ So schreibt heute ein Organ der Flotten- und Weltmachtpolitik, das zu den ruhigeren seiner Art gehört, aber gleichwohl mit völliger Seelenruhe feststellt, dass eine so frivole wie kurzsichtige Abenteurerpolitik das Deutsche Reich an den Rand eines Weltkriegs gebracht hat.

Es ist nicht eine Rechtfertigung, sondern eine Verurteilung dieser Politik, wenn gesagt wird, Deutschland wolle nichts, schlechterdings nichts für sich in Marokko, weder einen Hafen, noch eine Kohlenstation, noch eine Einflusssphäre, noch Privilegien, noch Konzessionen. Eine Verurteilung gerade vom kapitalistischen Standpunkt aus. Denn dieser Standpunkt rechtfertigt die Kriege, weil sich die Konflikte zwischen den Lebensinteressen der Nationen nicht anders austragen lassen als durch blutige Waffengänge, was auch, solange die Klassengesellschaft besteht, einen gewissen Sinn hat. Aber einen Krieg provozieren, solange kein Konflikt von Lebensinteressen und überhaupt gar kein Interessenkonflikt vorliegt, das ist die Sache einer so frivolen wie kurzsichtigen Abenteurerpolitik.

So war ehedem die Politik der ostelbischen Junker, die die Städte überfielen und brandschatzten, angeblich, weil irgend ein Städtebürger ihnen ein schiefes Gesicht geschnitten hatte. Man muss in der Tat bis ins Mittelalter zurückgehen, um historische Vergleiche zu der Bülowschen sogenannten Weltpolitik zu finden. Allerdings ist zu Zeiten eine Legende umgelaufen, wonach auch die kapitalistischen Handelskriege des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts aus solchem Quark, wie dem Streite um ein Glas Wasser oder dergleichen entstanden sein sollten. Zum Beispiel hat man früher den siebenjährigen Krieg darauf zurückgeführt, dass Maria Theresia die Pompadour, die Hauptmätresse Ludwigs XV., in einem liebenswürdigen Briefe begrüßt habe, während der alte Fritz sich geweigert habe, ihr auch nur einen mündlichen Gruß zu senden. Zunächst lag die Sache umgekehrt: Maria Theresia hat niemals an die Pompadour geschrieben, wohl aber hat ihr der alte Fritz eines seiner „angestammten“ Länder mitsamt allen „getreuen Untertanen“ anbieten lassen, um ihre Gunst zu gewinnen, nämlich das Fürstentum Neuchâtel, das damals noch kein schweizerischer Kanton, sondern ein hohenzollerisches Nebenland war. Aber auch so hat die Sache mit dem Ursprung des siebenjährigen Krieges gar nichts zu tun. Dieser Krieg entstand aus sehr realen Interessenkonflikten, namentlich der englischen und französischen Kolonialpolitik auf dem amerikanischen Kontinent. In den Nöten dieses Krieges machte der alte Fritz dann der Pompadour jenes Anerbieten, um sie zu einem Verrat an den Interessen ihres Landes zu veranlassen, worauf jedoch nicht einzugehen die Mätresse loyal und patriotisch genug dachte.

Für Frankreich standen im siebenjährigen Kriege kapitalistische Lebensinteressen auf dem Spiel, und das gleiche gilt auch von seiner heutigen Marokkopolitik. Eben deshalb wird sie von den französischen Sozialisten grundsätzlich bekämpft, und auch vom kapitalistischen Standpunkt aus darf man sagen, dass sie historisch rückständig sei, dass sie etwa in die Methoden des siebenjährigen Krieges zurückfalle, die seit dem Entstehen der großen modernen Industrie überholt sind. Die siegreiche Waffe dieser Industrie ist die Wohlfeilheit der Waren, womit sie selbst chinesische Mauern einschießt, aber nicht sind es Kanonen und Kriegsschiffe, wie zur Zeit des siebenjährigen Krieges. Unter diesem Gesichtspunkt haben auch bürgerliche Radikale die Marokkopolitik Delcassés mit Fug bekämpft, indem sie, belehrt durch die Erfahrungen in Algier und Tunis, für die internationale Machtstellung ihres Landes fürchteten, wenn es sich für ein Menschenalter in Marokko verbeiße und verblute. Aber immerhin – vom kapitalistischen Standpunkt aus lässt sich nicht bestreiten, dass es ein Lebensinteresse für Frankreich ist, eine herrschende Hand in Marokko zu haben.

Das gilt für Deutschland nicht, und es wird selbst nicht einmal von der Bülowschen Politik behauptet, dass es für Deutschland gelte. Aber Deutschland ist nicht begrüßt worden, als sich England und Frankreich über das künftige Schicksal Marokkos einigten, und das erheischt blutige Sühne. Diese geistreiche Idee ist ein Hintertreppenwitz des Fürsten Bülow, denn als das englisch- französische Abkommen im April 1904 geschlossen wurde, hat er bekanntlich im Reichstag erklärt, dass deutsche Interessen dadurch nicht verletzt würden. Jedoch diese geistreiche Idee ist nicht nur weit hergeholt, sondern auch einfach aus der Luft gegriffen. Durch das französische Gelbbuch steht längst fest, dass Delcassé bereits am 25. März 1904 den deutschen Botschafter in Paris von dem bevorstehenden Abschluss des englisch-französischen Vertrags unterrichtet und speziell über die Punkte unterrichtet hat, die sich auf Marokko bezogen: Unterstützung des Sultans durch Frankreich, besonders zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit, was die Unternehmungen des Handels fördern würde; völlige und strenge Beachtung der Handelsfreiheit; Anerkennung der besonderen Situation und der Interessen Spaniens.

Diese Mitteilung hat der damalige französische Minister des Auswärtigen vom deutschen Botschafter vor dem Abschluss des Vertrags gemacht, um Gelegenheit zu geben, deutsche Beschwerden und Wünsche geltend zu machen. Und der deutsche Botschafter hat: diesen Beweis des Vertrauens mit großem Danke entgegengenommen. So das französische Gelbbuch, dessen Darstellung tatsächlich bestätigt wird in dem deutschen Weißbuch. Tatsächlich sagen wir, nämlich durch das verlegene Stottern, womit es über diese Unterredung zwischen Delcassé und Radolin hinweggleitet. In einer kleinen, lehrreichen Schrift, die Kurt Eisner kürzlich im Verlag des Dresdener Parteiblatts über den Marokkokonflikt veröffentlicht hat, sind die beiden Berichte einander gegenübergestellt, und man braucht nur einen Blick auf sie zu werfen, um zu erkennen, wo das schlechte Gewissen zu finden ist, ob auf französischer oder auf deutscher Seite.

Danach fällt die Behauptung in sich zusammen, dass Deutschland nicht rechtzeitig von dem englisch-französischen Vertrag unterrichtet worden sei. Bleibt als Stein des Anstoßes, dass die Mitteilung in einem vertraulichen Gespräch und nicht in einer offiziellen Kommunikation erfolgt sei. Das erinnert an die schönen Tage des Regensburger Reichstags, wo man sich jahrelang darüber stritt – wenn die damaligen Perückenstöcke auch viel zu vernünftig waren, um einen Kriegsfall daraus zu machen –, ob eine gewisse Kategorie von Gesandten ihre Sessel auf den Teppich oder nur auf die Fransen des Teppich stellen dürften. Fürst Bülow hat jüngst das Geheimnis seiner Staatskunst dahin erläutert, der richtige Diplomat müsse eine Fliege hinter seinem Rücken spüren und doch das Fell eines Rhinozeros haben. Praktisch macht er seine Politik so, dass er die Fußtritte des zarischen Despotismus mit seiner Rhinozeroshaut auffängt, während er hinter seinem Rücken nicht einmal die Fliege, sondern schon den Fliegendreck spürt, dass ihm das englisch-französische Abkommen nur in einem vertraulichen Gespräch, nicht aber in einer offiziellen Kommunikation mitgeteilt worden sei.

Um dieses glorreichen Treppenwitzes willen begann Bülow im vergangenen Sommer mit dem Säbel zu rasseln und veranlasste die Reise des Kaisers nach Tanger, um den Sultan von Marokko als „völlig freien Souverän“ zu proklamieren und ihn zu „großer Vorsicht“ bei seinen „Reformen“ zu ermahnen. Was es mit der scherifischen Majestät und dem Maghzen auf sich hat, kann man ebenfalls aus der Eisnerschen Schrift ersehen, an der Hand der unanfechtbarsten Zeugen. In Marokko herrschen Zustände einer orientalischen Barbarei, wie sie gleich grauenvoll vielleicht nirgends sonst mehr auf dem Erdenrund existieren; hierfür die moralische und politische Mitverantwortlichkeit zu übernehmen, ohne durch irgendwelche kapitalistische Interessen dazu gezwungen zu sein, das ist eine Entsagung, die sich außer dem Fürsten Bülow noch kein moderner Staatsmann auferlegt hat. Zur Entschuldigung gereicht ihm jedoch, dass er als ostelbischer Junker in ein Staatswesen verliebt sein muss, das ein Kenner, der deutsche Offizier A. v. Conrieg, folgendermaßen schildert: „Marokko ist nicht allein ein vollständig despotischer Staat, sondern der Sultan auch Herr über alles, was seine Untertanen besitzen, die selbst die Berechtigung zum Leben nur bedingungsweise haben. Der Sultan, der obendrein Prinz der Gläubigen und Stellvertreter Gottes auf Erden ist, vereinigt also die höchste irdische und göttliche Gewalt in sich. Der Maure darf weder Sinn noch Anhänglichkeit für eine Sache zeigen; die Gier des Despoten sichert ihn in nichts. Der Sultan scheint das Prinzip zu verfolgen, dass, je miserabler und ärmer ein Volk ist, es desto weniger an Rebellion denkt. In diesem herrlichen Prinzip sind Se. scherifische Majestät und der Vater des Brotwuchertarifs zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag. Mag die Diplomatie der französischen Republik auch nicht an einem Überfluss von Genie leiden, so war sie der Diplomatie Bülows natürlich weit überlegen. Sie ließ den kriegslustigen Delcassé, der auf das Säbelgerassel Bülows wirklich den Säbel ziehen wollte, augenblicklich fallen, ging bereitwillig auf den deutschen Vorschlag einer Konferenz über die Marokkofrage ein, verstärkte mit angespannter Tätigkeit ihre Rüstungen an der Ostgrenze, gab auf der Konferenz in Algeciras in nebensächlichen Fragen gern nach, beharrte aber in den Hauptfragen, in der Bank- und der Polizeifrage, auf einem Standpunkt, der ihr Marokko tatsächlich ausliefern muss. Dabei hat sie alle Mächte, offen oder stillschweigend, für sich, wobei zu gleichen Teilen mitwirken mögen einerseits die ganz richtige Ansicht, dass es ein gefährlicher Präzedenzfall sein würde, die Gesetze der kapitalistischen Zivilisation zu zerbrechen, wonach Frankreich allerdings eine herrschende Hand in Marokko beanspruchen darf, andererseits der allgemeine Hass, den die deutsche Reichspolitik durch ihr großmäuliges Gebaren nach außen und ihrer reaktionären Wirtschaft nach innen gegen sich zu erwecken gewusst hat. Nur einen treuen Genossen hat Fürst Bülow in Algeciras, Se. scherifische Majestät, die in dem Lande des Hungertarifs, der Wahlrechtsräubereien, der Bluturteile den letzten Hort seines Heils erblickt.

So ist die Konferenz in Algeciras vorläufig auf den Sand geraten, und „binnen weniger Wochen“ soll es sich entscheiden, ob wir einen Weltkrieg haben werden oder nicht. Das ist eine leere Rodomontade, denn auf einen so blödsinnigen Anlass hin ist noch nie ein Krieg entstanden, geschweige denn ein Weltkrieg. Worum es sich „binnen weniger Wochen“ handeln kann, ist nur die Frage, ob die internationale Diplomatenzunft, aus einem gewissen Zunftinteresse heraus, die Blamage der Bülowschen Politik möglichst zu verschleiern bereit sein wird oder nicht.

Vom Standpunkt der deutschen Nation aus ist natürlich zu wünschen, dass diese Blamage so krass wie möglich hervortritt. Mit nationalen Interessen hat die deutsche Marokkopolitik nie das Geringste zu tun gehabt; sie war das Werk einer oder einiger weniger Personen, denen, solange sie noch über eine Macht gebieten können, deren richtige Verwertung weit über ihre schwachen Kräfte geht, gerade im Interesse der Nation eine gründliche Lektion nur zu gönnen ist.


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