[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 1, 2. Januar 1901, S. 1 f.]
Das Ende des Jahres, des Jahrhunderts hat uns einen jener Prozesse gebracht, welche mit wünschenswertester Klarheit die sittliche Fäulnis und Verworfenheit aufzeigen, die unsere Gesellschaft unter der Hülle der Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit in sich birgt. In geradezu erdrückender Fülle hat der Prozess Sternberg Bild auf Bild des ekelhaftesten Lasters entrollt, in welchem sich die verkommensten Schichten des Lumpenproletariats und die verkommensten Kreise der oberen Zehntausend in schöner Verständnisinnigkeit ebenbürtig zusammenfinden. Und neben den Typen des widernatürlichen Wüstlings, der zu allen Schurkereien bereiten Gelegenheitsmacherin, der Dirnen jugendlichsten, ja kindlichen Alters, kurz neben den abstoßenden Gestalten Derer, die auf dem Markte der geschlechtlichen Ausschweifung suchend und feilbietend auftreten, ließ er die stattliche Reihe Jener vorüberziehen, die ihr Gewissen und die Wahrheit ebenso schmachvoll verschacherten, wie die Anderen die Möglichkeit zur Befriedigung perverser Neigungen. Kaum eine gesellschaftliche Schicht, die nicht unter den bestochenen Zeugen und den bestechenden Helfershelfern vertreten wäre, welche die Verteidigung zu Gunsten Sternbergs aufrief. Der protzige Großbourgeois wie der solide Kleinbürger und der vereidete Beamte, sie sind in trauter Gemeinschaft mit dem anrüchigen Privatdetektiv, dem versoffenen Dirnenvater und den Prostituierten jeglicher Stufe aufmarschiert, um gegen besseres Wissen den widerlichen Lüstling vor dem Zuchthaus zu retten.
Von dem Prozess quillt ein schier betäubender Geruch weit fortgeschrittener sittlicher Fäulnis und Verwesung empor, einer sittlichen Fäulnis, die sich keineswegs auf das Gebiet des gemeinen, käuflichen Geschlechtsgenusses beschränkt, sondern die die verschiedensten Gebiete unseres sozialen Lebens, die alle Beziehungen von Mensch zu Menschen ergriffen hat und zersetzt. In dieser kapitalistischen Gesellschaft ist alles Ware, alles käuflich, von den dürftigen, unreifen Reizen krankhaft veranlagter, verlotterter Kinder, bis zur Fürsorge der Verwandten, den Achtungsbeweisen der vornehmsten Kreise, dem Wissen und Können der Juristen, dem Eide der Zeugen, der Ehre der Staatsbeamten: so predigt eindringlichst fast jede Episode, jede Tatsache des Prozesses. Jeder sinnliche Genuss, jedes sittliche Gut, jeder gesellschaftliche Wert war für Sternbergs Gold feil. Die Geheimarchive von Behörden vermochte es sich ebenso zugänglich zu machen, wie die Absteigequartiere der „Masseusen“.
Und so ist es nicht die schmutzige Persönlichkeit Sternbergs allein, die zusammen mit Dirnen und Kupplerinnen als gerichtet aus dem Prozess hervorgeht. Es sind alle die Käuflichen und Gekauften – ohne Unterschied, ob sie wie der Polizeikommissar Thiel dem Strafrichter verfallen sind, oder ob sie verstanden haben, aalglatt zwischen den Maschen des Strafgesetzes hindurch zu schlüpfen –, die Sternbergs Gold in Eideshelfer seiner „Unschuld“ verwandelt hat. Es ist vor Allem die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die als Nährmutter der großen, alle menschlichen Beziehungen vergiftenden Käuflichkeit wieder einmal auf der Anklagebank saß und verurteilt worden ist.
Denn der Prozess Sternberg hat für Jeden, der nicht seinen Kopf vor dem Anblick der Tatsachen in den Sand der Selbsttäuschung vergräbt, lichtvoll das Eine gezeigt: Die enthüllte soziale Fäulnis ist keine zufällige Erscheinung, die einzelnen Personen anhaftet, sie ist vielmehr im tiefsten Wesen dieser besten aller Welten begründet, welche dem Millionen- und Mädchenjäger Sternberg alle ihre Annehmlichkeiten in reichster Fülle spendet und mit ihren Härten das schwer frondende Volk der Arbeit begnadet. Die infamen Schurkereien, deren sich die Schuft, Lump & Cie. nach dem Prozess und in dem Prozess schuldig gemacht haben, sind nicht krankhafte Auswüchse an einem sonst gesunden sozialen Körper. Sie sind die natürlichen, unabwendbaren Folgen eines in seinem Innersten kranken und vergifteten gesellschaftlichen Organismus. Nicht das macht den Prozess so bedeutsam, dass er hineinleuchtete in die tiefsten Abgründe sittlicher Verworfenheit, dass er eine buntscheckige Musterkarte von Niedertracht und Gemeinheit jeglicher Art aufblätterte, dass er zeigte, wie die Halunken nicht bloß händevoll, nein scheffelweise zu haben sind. Seine Hauptbedeutung beruht in der Beleuchtung der Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft der Warenerzeugung, des Schachers mit allem, was einen Marktwert erlangen kann, dass die kapitalistische Gesellschaft des prassenden Überflusses auf der einen Seite, des darbenden Elends auf der anderen, unter bestimmten Bedingungen mit tödlicher Sicherheit Halunken und Halunkereien erzeugen muss, wie sie die 38tägigen Verhandlungen enthüllt haben.
Indem die Ordnung des Kapitalismus die menschliche Arbeitskraft ohne Rücksicht darauf, dass sie untrennbar an das lebendige Menschentum der Arbeitenden gebunden ist, zur Ware erniedrigt, die wie Kaffee oder Zwiebeln auf dem Markte gehandelt wird, entwürdigt sie auch jede Eigenschaft, jede Wesensäußerung, jede Beziehung des Menschen zur Ware, die verkauft und gekauft werden kann. Auf dem großen kapitalistischen Warenmarkt ist der Kinderkörper ein ebenso gangbarer Schacherartikel, wie das falsche Zeugnis und der Meineid. Wüstlinge vom Schlage und von den Millionen eines Sternberg können bar zahlend den Einen erwerben, um die überreizten, schlaffen Nerven aufzupeitschen, wie die Anderen, um nur mit dem Ärmel am Zuchthaus vorbei zu streifen, statt hinter seine Mauern wandern zu müssen. An Verkäufern der genannten Marktwaren wird es nicht fehlen, solange das Laster unter Umständen seinen Mann und seine Frau reichlicher nährt, als fleißige Tugend; solange die aus der Armut geborene Verwahrlosung von Kindern für deren sittliches Verkommen vollendet, was eine krankhafte Veranlagung begonnen, die das furchtbare Erbteil der höllengleichen Lebensbedingungen ganzer Geschlechter ist; solange mittellose Offiziere und Staatsbeamte durch den Zwang der standesgemäßen Lebenshaltung und die Neigung zu standesgemäßen „harmlosen“ Passionen in Schulden gestürzt werden; solange die Gesellschaft von dem Grundsatz beherrscht wird: Non olet, Geld stinkt nicht. Der Wüstling Sternberg, der meineidige Beamte Thiel, die Kupplerin Fischer, das verkommene Kind Woyda, der lange Zug der Dirnen, die Entlastungszeugen, denen auf einmal jede Erinnerung an früher bekundete Vorgänge abhanden gekommen ist, die gewandten Juristen, die um jeden Preis eine Freisprechung zu erzielen trachten: sie Alle, deren Sein und Tun so unaussprechlich anwidert, sind Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der kapitalistischen Gesellschaft, ihre rechtmäßigen Kinder. Sie kann sie nicht verleugnen und wenn sie sich noch so sehr ob der einzelnen Schandtaten in Krämpfen sittlicher Entrüstung windet. Was die Tugendheuchelei der kapitalistischen Gesellschaft so sorgsam unter allerhand Formeln und Verbrämungen zu verbergen sucht: den Triumph der Schachermoral des „Kauft und Verkauft mit Profit!“ über die natürlichsten Empfindungen, über die höchsten Satzungen der Sittlichkeit, über die Gebote der Amtspflicht und Amtsehre, das hat der Prozess Sternberg in abstoßender Nacktheit enthüllt. Er offenbart greifbar deutlich, dass der Kapitalismus alle menschlichen Beziehungen in geschäftliche Beziehungen auflöst, an Stelle aller idealen Werte das allzeit geöffnete Portemonnaie setzt.
Naive Gemüter mögen hoffen, dass der gefällte strenge Richterspruch über Sternberg und seine Laster, dass die noch folgende harte Ahndung der Korruption in der Beamtenwelt der aufgedeckten sittlichen Fäulnis unseres sozialen Lebens entgegenzuwirken vermögen. Die Erfahrung wird nur zu bald zeigen, dass die Kurpfuscherei von Gesetzestexten und Rechtssprüchen sich als ohnmächtig erweist, den aufgezeigten Übeln zu wehren. Denn weil diese aus dem innersten Sein der heutigen Ordnung der Dinge selbst herauswachsen, so werden sie auch wieder und wieder auftreten, die Gesellschaft mit dem Pesthauch der Verwesung erfüllend, solange das heutige Regime die Ursachen und die nährenden Kräfte der sozialen Fäulnis schafft.
Die Gesellschaft wird erst zur sittlichen Reinheit und Kraft genesen, wenn die befreite Arbeitskraft aufgehört hat, eine Ware zu sein; wenn der tote Besitz nicht länger den lebendigen Menschen knechtet und ausbeutet; wenn Käufer und Verkäufer von Werten des Lasters und der Korruption nicht mehr durch den übersättigten, zuchthausbebenden Reichtum und die hungrige, verwahrloste Armut auf den Markt getrieben werden. Der Skandalprozess Sternberg, der sich den Schmutzaffären Heinze und Tausch-Leckert-Lützow würdig anreiht und die Verhandlungen über die frommen Bankdiebe Sanden und Konsorten stilvoll einleitet, zählt zu den Ereignissen, welche der kapitalistischen Gesellschaft das Mene mene tekel schreiben. Langsam, aber unaufhaltsam zieht das klassenbewusste Proletariat heran, um das gefällte Urteil zu vollstrecken.
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