[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 21. Jahrgang Nr. 7, 2. Januar 1911, S. 97 f.]
Unter trüben Aussichten beginnt das neue Jahr für das deutsche Volk. Not und Entbehrung in des Wortes nacktestem Sinne drücken mit bleierner Schwere auf das tägliche Dasein von Millionen. Jeder Tag bringt weitere Bestätigungen, dass der arbeitenden Masse des Volkes die physische Existenzmöglichkeit immer mehr beschränkt wird. Statistische Zahlen beleuchten scharf, dass die ungeheuerlichen Teuerungspreise einen zunehmenden Rückgang des Fleischkonsums in Deutschland zur Folge haben. Die massenhaften Margarinevergiftungen, die erst kürzlich die öffentliche Meinung aufregten, sind ein neuer himmelschreiender Beweis, dass die Steuer- und Zollgesetzgebung des Reiches zur Verwendung von immer minderwertigeren Surrogaten für die Lebensmittel des Volkes zwingt und geradezu ein Attentat auf Leben und Gesundheit der ärmeren Bevölkerung ist. Die Schöpfer dieser Steuer- und Zollpolitik, die deutsche Regierung und die bürgerliche Reichstagsmehrheit – das sind in letzter Linie die wahren Schuldigen, die die jüngsten Massenvergiftungen auf dem Gewissen haben, wie sie die Verantwortung tragen für die ganze Not und die erschreckende Verkümmerung des Lebens der großen Massen.
Den düsteren Bildern des wirtschaftlichen Elends reiht sich die Bekundung der traurigen politischen Verhältnisse durch den großen Moabiter Prozess an. Dieser Tendenzprozess schlimmster Art, der ein Streich gegen die Sozialdemokratie sein sollte, gestaltet sich mit jedem Tage mehr zur gewaltigen Anklage gegen das herrschende politische System. Es offenbart sich da vor aller Welt in seiner abstoßenden Brutalität: den um seine wirtschaftliche Existenz kämpfenden Proletarier erklärt es für vogelfrei und überantwortet ihn dem blindwütenden Polizeisäbel, die öffentliche Gewalt aber erniedrigt es zur feilen Dirne des ausbeutenden Kapitals. Welch eindringliche Mahnung ist doch dieser Moabiter Prozess, der vom alten ins neue Jahr überleitet und den deutschen Proletariern zuruft: Ihr seid in eurem Vaterland von Kapitals Gnaden ein rechtlos gehetztes Wild, eine schutzlose Beute der fühl- und skrupellosen rohen Büttelfaust, sobald ihr wagt, euch gegen die unmenschliche Ausbeulung zur Wehr zu setzen!
Und lodert nicht ein anderes Flammenzeichen am Eingangstor zu dem neuen Jahr, jene Schreckenstat in der Kieler Marine, die furchtbare Misshandlung eines Marinesoldaten, die das arme Opfer in drei Tagen unter die kühle Erde gebracht und seinem Peiniger sieben Jahre Zuchthaus und Degradation eingetragen hat. Wie unverhüllt musste da das Verbrechen zutage liegen, wenn sogar ein deutsches Kriegsgericht gezwungen war, gegen einen Soldatenschinder eine so strenge Strafe zu fällen. Wie grauenhaft sind die Zustände in der deutschen Armee, auf welche dieser Prozess ein helles Licht wirft! Wehrlos den Misshandlungen der Vorgesetzten in der Kaserne preisgegeben, wehrlos den Brutalitäten der Polizei auf der Straße ausgeliefert, zu Hause mit Weib und Kind dem Hunger und der bitteren Not überantwortet – das ist das Los des deutschen Proletariers, so begrüßt er das neue Jahr wie schon eine unendliche Kette vergangener Jahre!
Überblickt man das verflossene Jahr im Ganzen, so war es von Anfang bis Ende eine Zeit der harten Not und des harten Kampfes. Sein Beginn war beherrscht von dem großen preußischen Wahlrechtskampf, der eine so mächtige Entfaltung proletarischer Klassenaktion gebracht hatte, wie sie Deutschland noch nie gesehen. Mit den gewaltigen Straßendemonstrationen beschritt das klassenbewusste Proletariat neue Bahnen des Kampfes, weckte neue Energien, die in der Masse schlummern, und wies Wege und Mittel, die allein die Lösung der Wahlrechtsfrage in Preußen bringen können, dieser Lebensfrage des deutschen öffentlichen Lebens, in der alle anderen politischen Probleme verknotet sind.
In die Wahlrechtskampagne des Frühlings spielte schon eine neue Sturzwelle des Klassenkampfes hinein: die große Auseinandersetzung zwischen dem koalierten Kapital und den Gewerkschaftsorganisationen, die mit der Riesenaussperrung im Baugewerbe zuerst an brandete. Mit Opfermut und zäher Kampfesenergie wurde dieser erste Ansturm von der organisierten Arbeiterschaft abgewehrt, doch nur um neuen feindlichen Drohungen und Rüstungen zu einem neuen bitteren Kampfe Platz zu machen. Monatelang bedrohte die Generalaussperrung in der Metallindustrie Hunderttausende von Proletarierfamilien und schärfte ihnen wieder schmerzlich ins Bewusstsein ein, dass das Schicksal des Lohnsklaven in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ein schwankes Rohr ist, mit dem die nackte Profitspekulation und der skrupellose Machtkitzel des Unternehmertums schrankenlos ihr frivoles Spiel treiben.
Zu Beginn des Sommers hatten wir dann als politisches Hauptergebnis den elenden Bankrott der preußischen Wahlreform im Landtag. Sein Ausklang waren jene berühmten Kaiserreden in Königsberg und Marienberg, die eine verwegene Verleugnung des konstitutionellen Lebens in Deutschland bedeuteten, eine dreiste Verherrlichung des absolutistischen Gottesgnadentums und des Militarismus, ferner eine spießbürgerliche Abkanzlung der Millionen um ihre wirtschaftliche und politische Befreiung ringenden Proletarierinnen und endlich einen Sammlungsruf an alle bürgerlichen Parteien zum vereinten Angriff gegen die Sozialdemokratie. Dieser Kriegserklärung in Worten folgte alsbald die Provokation durch die Tat: die Polizeisäbelpraxis in Moabit, die sich würdig den Heldentaten des preußischen Bütteltums in der Wahlrechtskampagne anreiht, den Ring zynischer Gewaltherrschaft schließend.
Endlich ertönten als würdiger Abschluss des Jahres die heiseren Unkenrufe der Reaktion: der Schrei der konservativen Junker nach dem Staatsstreich, der Schrei großindustrieller Scharfmacher nach Zuchthausgesetzen – von allen Seiten Drohungen und Kampfsignale, die das beginnende Jahr als eines der schärfsten Kriegsjahre für die Welt der Arbeit ankündigen.
Das anhebende Jahr übernimmt so vom verflossenen lauter aufgemachte und nicht abgeschlossene Rechnungen, lauter angeschnittene große Aufgaben, die vor dem klassenbewussten Proletariat stehen. Die bevorstehenden Reichstagswahlen werden sicher wenigstens einen Teil der Ernte bringen, die aus der dichten Saat der Ausbeutung und Knechtung der Volksmassen in ihrem politischen Bewusstsein aufkeimen musste. An uns liegt es, dafür zu sorgen, dass diese Ernte volle goldene Körner der sozialistischen Erkenntnis bringt. Der Volkszorn darf keine oberflächliche Aufwallung bleiben, die beim leisesten Lüftchen verebbt. Die erbitterten Opfer der infamen deutschen Finanzpolitik, des Militarismus, der Kartelle und des Polizeiregiments müssen zu ebenso viel Todfeinden jeglicher Klassenherrschaft und zielklaren, opferbereiten Verfechtern der sozialistischen Gesellschaftsordnung werden.
Doch nicht das Wählen und die Agitation für die Reichstagswahlen allein können die Aufgaben des aufgeklärten Proletariats im nächsten Jahre erschöpfen. Dieses Jahr muss ein Wiederaufleben des preußischen Wahlrechtskampfes, der Wahlrechtskämpfe in allen deutschen Ländern bringen, wo reaktionäre Ruinen aus dem Mittelalter noch wegzuräumen sind. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft in Elsass-Lothringen eröffnet bereits im Januar den Reigen, und Preußen, Braunschweig, Mecklenburg, Hamburg, Bremen, Sachsen müssen folgen. Das im vergangenen Jahre eroberte Recht auf die Straße muss kraftvoll ausgenutzt, die entschlossene Massenaktion muss konsequent und fest über die gemachten Anfänge hinausgeführt werden. Die Genossen in Elsass-Lothringen marschieren auch wegweisend mit den Losungen des Wahlrechtskampfes voran. Wie dort, muss in allen deutschen Ländern der Ruf nach der Republik in der künftigen Wahlrechtsbewegung und auch bei der Agitation für die Reichstagswahlen laut und nachdrücklich ertönen. Er ist unsere Antwort auf die Kaiserreden, auf die Staatsstreichdrohungen der Reaktion.
Nicht minder große Aufgaben wie unserer politischen Organisation stehen unseren Gewerkschaften im kommenden Jahre bevor. Die finstere Drohung der Kapitalgewaltigen in der Metallindustrie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Keine Täuschung kann die Gewissheit verhüllen, dass die Zukunft unvermeidlich gewaltigste Kraftproben zwischen dem koalierten Kapital und den Arbeiterorganisationen in ihrem Schoße birgt. Zu diesen Kraftproben beizeiten zu rüsten ist das erste Gebot, ist eine Lebensfrage für unsere Gewerkschaften. Was anderes heißt aber in diesem Falle rüsten, als die großen Massen mit klarem Bewusstsein über die ganze wirtschaftliche und politische Lage erfüllen, sie mit stärkstem Mut und höchstem Idealismus beseelen und sie den Organisationen zuführen? Was heißt es anderes, als die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu überzeugten Sozialisten, zu Parteimitgliedern machen?
Die großen Aufgaben und Kämpfe des beginnenden Jahres weisen Partei wie Gewerkschaften auf eins hin: auf die Gemeinsamkeit, die Einheit ihrer Ziele und ihrer Aktion. Erst dank dieser Einheit großer Massenaktionen im wirtschaftlichen und politischen Ringen werden wir uns unserem Endziel um einen neuen großen Schritt nähern: der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, um der menschenunwürdigen Ordnung der Not und der Knechtschaft mit starker Faust den Garaus zu machen.
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