[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 14, 31. März 1916, S. 103]
Im Leitartikel der „Gleichheit“ vom 18. Februar schreiben Sie unter der Überschrift Franz Mehring zum siebzigsten Geburtstag: „Eine Erweiterung seines publizistischen Arbeits- und Kampffeldes schuf sich Franz Mehring namentlich mit seiner Tätigkeit an der. Leipziger Volkszeitung ‚. Nach Bruno Schoenlanks Tode, 1901, war er bis 1907 ihr leitender Redakteur, in den folgenden Jahren ihr eifriger, den Charakter des Blattes prägender Mitarbeiter. Zeiten des unvergessenen Glanzes und Ruhmes für die ,Leipziger Volkszeitung‘, die damals durch scharfe Vertretung des proletarisch-revolutionären Standpunktes die Führung der sozialdemokratischen Linken hatte und mit ihrer Haltung oft bestimmend für die Entscheidungen der Gesamtpartei wurde.“
Was es mit der „Chefredaktion“ Mehrings auf sich hatte, will ich hier nicht weiter untersuchen. Völlig unbegreiflich aber ist mir, wie die „Gleichheit“ behaupten kann, Mehring sei nach 1907 der „eifrige, den Charakter des Blattes prägende Mitarbeiter“ der „Leipziger Volkszeitung“ gewesen. Nach 1907 war von irgendeiner Mitarbeit Mehrings für die „Leipziger Volkszeitung“ keine Rede mehr, geschweige denn, dass er der den Charakter des Blattes prägende Mitarbeiter gewesen wäre. Da hat sich die „Gleichheit“ einen schönen Bären aufbinden lassen. Wenn es vielmehr wahr ist, was die „Gleichheit“ schreibt, dass nämlich jene Jahre „Zeiten des unvergessenen Glanzes und Ruhmes für die ,Leipziger Volkszeitung‘ waren, die damals durch scharfe Vertretung des proletarisch-revolutionären Standpunktes die Führung der sozialdemokratischen Linken hatte“, so war dies nur möglich in häufiger scharfer Polemik gegen Mehring, der „damals“ in enger Freundschaft mit Karl Kautsky und unter dem lebhaften Beifall der revisionistischen Presse die Haltung der „Leipziger Volkszeitung“ aufs Bitterste bekämpfte. Ich hatte übrigens bisher Anlass, zu glauben, dass der Redaktion der „Gleichheit“ dieser Tatbestand recht wohl bekannt sei.
Mit Parteigruß
Neubabelsberg, 22. Februar 1916.
gez. Dr. Lensch
Zu dieser ebenso geschmack- wie taktvollen „Richtigstellung“ haben wir zu bemerken, dass uns insofern ein Irrtum unterlaufen ist, als Mehring unter der politischen Redaktion des Genossen Lensch nicht an der „Leipziger Volkszeitung“ mitgearbeitet hat und unser Lob, wie dem Genossen Lensch bekannt ist, der Genossin Luxemburg gebührt.
Unser Irrtum war um so entschuldbarer, als wir ebenso, wie Genosse Lensch, wussten, dass Mehring auch für diese Zeit in den freundschaftlichsten Beziehungen zu allen sonstigen Angehörigen der „Leipziger Volkszeitung“ gestanden hat. Die Gründe, die ihn zeitweise dem Blatt fernhielten, lagen allein in der Persönlichkeit seines damaligen politischen Redakteurs. In einem, weiteren Parteikreisen durch den Druck bekannten Briefe vom 22. April 1912 schrieb Genosse Lensch selbst an Mehring:
„Die politische Notwendigkeit gebietet. Persönliches zu vergessen. Aus dieser Auffassung heraus gestatte ich mir, Sie, werter Genosse, zur Mitarbeit an der ,Leipziger Volkszeitung ‚ hiermit aufzufordern. Ihre Artikel in der ,Neuen Zeit ‚ haben mir den Beweis erbracht, dass Sie in einen schweren Konflikt mit dem Parteivorstand und seinem wissenschaftlichen Wortführer Kautsky kommen oder bereits mittendrin stecken, und zwar aus Gründen, die völlig identisch sind mit jenen, die seinerzeit den Genossen Kautsky zu seinen Angriffen auf die ,Leipziger Volkszeitung‘ veranlassten.“
Wonach denn auch „ein wenig mehr Licht“ auf die „Richtigstellung“ des Genossen Lensch fällt. Im Übrigen sind wir in der angenehmen Lage, wenn auch nicht mit dem Genossen Lensch, so doch mit der „Leipziger Volkszeitung“ selbst in dem Urteil über Mehrings Tätigkeit für dieses Parteiblatt vollkommen übereinzustimmen. Die Redaktion hat seines siebzigsten Geburtstags in ehrenvollster und herzlichster Weise gedacht, und gemeinsam mit ihr hat ihm der Verlag eine künstlerisch ausgestattete Adresse folgenden Inhalts überreicht:
Dem langjährigen Mitarbeiter, Leiter und Freund der „Leipziger Volkszeitung“
Franz Mehring,
der das von Schoenlank begonnene Werk zu stolzer Höhe vollendet, das starke Bollwerk wider die Feinde der Arbeiterklasse zum ragenden Wartturm um die Grundsätze des Sozialismus gestellt hat, dem Meister der Sache und der Form, dem entschlossenen Wegweiser und leuchtenden Vorbild sagen zu seinem siebzigsten Geburtstag Dank und Glückwunsch
Redaktion und Verlag der „Leipziger Volkszeitung“
Wir warten ab, ob die Tätigkeit des Genossen Lensch für die „Leipziger Volkszeitung“ die gleiche Würdigung finden wird, wenn auch nicht an seinem siebzigsten Geburtstag, so doch vielleicht schon am fünften Jahrestag seines „Umlernens“ oder seiner Mitgliedschaft in der berühmten „Gesellschaft von 1914″.
Redaktion der „Gleichheit“.
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