[eigene Übersetzung des Leitartikels, Militant, Nr. 444, 23. Februar 1979, S. 2]
Der Marxismus erklärt, dass die Staatsmacht auf „bewaffneten Formationen von Menschen” ruht. Die Richtigkeit davon wird durch den Verlauf der Revolution im Iran gezeigt.
Die verbleibenden dünnen Fäden der Macht des Schahs im Iran ruhten auf seinen Armeekommandeuren und dem Rest der Offizierskaste, die loyal zum absolutistischen Regime geblieben waren. Auf sie und seinen Premierminister Bachtiar setzte der Schah seine Hoffnungen auf ein konterrevolutionäres Comeback.
In jeder Revolution haben die Generäle in ihren Clubs gemurmelt: „Gebt mir ein zuverlässiges Regiment, und wir werden Recht und Ordnung wiederherstellen“, was bedeutete, die Arbeiter*innen und Bäuer*innen niederzuschlagen, so dass die Kapitalist*innen und Großgrundbesitzer*innen wieder in Ruhe das Mehrprodukt genießen konnten, den sie der Arbeit der Arbeiter*innen und Bäuer*innen abgerungen hatten.
Im Iran jedoch wurden die Soldaten und Luftwaffenangehörigen von der Bewegung der Arbeiter*innen und der Mittelschicht gegen das Regime des Schahs und seinen Feigenblatt-Nachfolger beeinflusst.
Die Generäle hatten ein zuverlässiges Regiment, das von Dissidenten gesäubert war: die Kaiserliche Garde, die Kerntruppe des Schahs. Diese wurde für einen Angriff auf die Luftwaffenstützpunkte eingesetzt, die zu Bastionen der Revolution zu werden drohten. „Schlagt sie nieder, richtet die Unzufriedenen hin, säubert die Armee und macht dann mit brutaler Repression die Massen nieder“, kalkulierten die Generäle.
Aber wie Karl Marx betonte, braucht die Revolution manchmal die Peitsche der Konterrevolution. Die Kämpfe auf den Luftwaffenstützpunkten provozierten vor allem einen Aufstand der Arbeiter*innen.
Ihre Kameraden bei der Luftwaffe verteilten alle überschüssigen Waffen und Munition an die aufständischen Massen. Der Angriff der Kaiserlichen Garde wurde zurückgeschlagen und das Regiment zerfiel unrühmlich.
Die bewaffneten Arbeiter*innen griffen die Kasernen an. Die meisten Soldaten, denen eine Alternative zum verhassten Regime geboten wurde, schlugen sich auf die Seite der Revolution.
Die bewaffneten Arbeiter*innen griffen die Kasernen der Truppen in Teheran an. Die meisten Soldaten, denen eine Alternative zum verhassten Regime geboten wurde, schlugen sich auf die Seite der Revolution. Auch sie sind Söhne, Brüder und Verwandte der Arbeiter*innen und Bäuer*innen. Nach 48 Stunden Kämpfen waren die Massen, vor allem die Arbeiter*innenklasse, vollständig siegreich.
Allein in Teheran gibt es jetzt 70.000 bewaffnete Arbeiter*innen. Sie haben brüderliche Beziehungen zu den Soldaten und Luftwaffenangehörigen, die nur allzu bereitwillig Revolver, Gewehre und Maschinengewehre aushändigen. Sogar einige Panzer wurden von den Massen übernommen.
Bachtiar und viele der Generäle wurden verhaftet. Die notorischen Verbrecher unter ihnen, die die monströse Geheimdienstpolizei SAVAK anführten und den Befehl gaben, auf unbewaffnete Demonstrant*innen zu schießen [und in den letzten Monaten 10.000 bis 20.000 Menschen töteten], wurden hingerichtet. Dies war wegen des Drucks der Massen auf Ayatollah Khomeini, die Gerechtigkeit für die Morde forderten, die von den Gangstern in Uniform begangen worden waren.
Aber die wahre Macht im Iran liegt nun bei den bewaffneten Arbeiter*innen und den wachgerüttelten einfachen Soldaten. Bislang sind sie sich dieser Macht noch nicht voll bewusst – obwohl sie den Kapitalist*innen, Großgrundbesitzer*innen und Großhändler*innen Angst und Schrecken einflößt.
Die imperialistischen Mächte, die den Schah unterstützten und bewaffneten, betrachten diese Entwicklung der Revolution mit Bestürzung und bösen Vorahnungen. 25 Jahre lang haben sie die Reaktion und die Militärdiktatur im Iran unterstützt, wie sie es auch in Vietnam, Pakistan und anderen Kolonialländern getan haben. Jetzt ernteten sie die Folgen.
Khomeini steht der revolutionären Bewegung, die seine auserwählte Regierung an die Macht gebracht hat, mit Besorgnis und Angst gegenüber.
Angesichts der neuen Entwicklung der Revolution klammern sie sich nun aus Angst vor Schlimmerem seitens der Massen verzweifelt an Ayatollah Khomeini. Khomeini stand der revolutionären Bewegung, die seinen Kandidaten Basargan und mit ihm die liberalen Vertreter des Kapitalismus wie Außenminister Sandschabi an die Macht gebracht hat, mit Besorgnis und Angst gegenüber.
Die Politik des Ayatollahs, wie sie durch seine Schriften enthüllt wird, ist durch und durch reaktionär. Er will eine Rückkehr zum religiösen Regime der Vergangenheit, als die muslimische religiöse Hierarchie mit enormer Macht dem Staat diente.
Er befürwortet kapitalistische Eigentumsrechte uneingeschränkt, abgesehen von der utopischen Ablehnung von Wucher [Zinsen auf Kapital]. Aber der moderne Kapitalismus kann ohne ihn nicht funktionieren, sodass der Ayatollah, wenn er Macht und Einfluss behalten würde, zwangsläufig gezwungen wäre, sich den iranischen und internationalen Bankier*innen zu beugen, solange der Kapitalismus bleibt.
Die Hauptbeschäftigung Khomeinis und der neuen Regierung ist, wie diese neu gewonnene Macht der Massen gebrochen werden kann.
Deshalb hat es der Ayatollah zur Sünde erklärt, Waffen zu besitzen. Die Regierung hat die Rückgabe der von den Massen angeeigneten Waffen gefordert. Diese geben ihnen die wahre Macht.
Khomeini fordert außerdem beharrlich, dass die Soldaten in die Kasernen zurückkehren. Die schlimmsten Verbrecher wurden als Opfer erschossen. Aber Generäle, die nicht anders sind [außer dass sie nicht so eng mit den schlimmsten Verbrechen des alten Regimes identifiziert werden], sollen ihre Kommandos wieder übernehmen.
Natürlich ist das kein Zufall. Sandschabi, Basargan und Khomeini sprachen sich alle für „die Armee” und die Polizei [d. h. die kapitalistische Kontrolle der Gesellschaft durch die Offizierskaste] aus, bevor die Revolution an Stärke gewonnen hatte. Was sie betrifft, war die Absetzung des Schahs und Bachtiars alles, was erforderlich war. Ein paar kosmetische Gesten: Aber alles andere sollte unverändert bleiben.
Aber die Massen sehen die Dinge anders. Die bewaffneten Arbeiter*innen wollen ihre Waffen nicht abgeben, und in dieser Phase kann man sie nur mit Gewalt zwingen, das zu tun. Sie haben zuvor mit bloßen Händen und nur mit Stöcken gekämpft. Ihre Gewehre sind für sie eine feste Sicherheit und ein Hindernis für die Reaktion.
Die Geheimpolizei SAVAK ist verschwunden. Wer soll ihre Entwaffnung erzwingen? Massendemonstrationen von Tausenden von Soldaten fanden statt, die die Entfernung der Generäle forderten, die sich weigerten, in ihre Kasernen zurückzukehren, und die eine neue „revolutionäre Armee” forderten.
Als Geste gegenüber den Massen hat die Regierung die bereits zerfallene „Kaiserliche Garde” „aufgelöst”, aber es gibt kein Wort über die Generäle des Schahs, die das „Kommando” über die Truppen übernommen haben. Die Regierung wartet auf den rechten Augenblick und hofft, dass die revolutionäre Stimmung der Massen abebbt, wenn diese nach Monaten des Generalstreiks wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.
Hier ist eine klassische revolutionäre Lage, wie sie Lenin erklärte. Die wahre Macht haben die bewaffneten Arbeiter*innen und Soldaten inne. Es gibt Arbeiter*innenkomitees in den Ölfeldern, Fabriken und sogar in den Banken und Büros.
Eine marxistische Partei im Iran würde jetzt die offene Gründung von gewählten Soldatenkomitees mit Delegierten vorschlagen – im Geheimen mögen sie schon existieren. Diese würden landesweit mit einem Zentralkomitee in Teheran verbunden werden.
Selbst jetzt misstrauen die Arbeiter*innen der liberalen Regierung und haben auch kein volles Vertrauen in Khomeini.
Doch anstatt Lenins Politik in einer ähnlichen Lage in Russland vorzuschlagen – Macht für die Komitees und kein Vertrauen in die Regierung, mit der Enteignung der Banken, Großunternehmen, Großkaufleute und Großgrundbesitzer*innen –, vertritt die sogenannte iranische Kommunistische Partei, die Tudeh, eine Politik der Unterstützung der Regierung und des Ayatollahs.
Die britische und andere kommunistische Parteien unterstützen diese katastrophale Politik, die Politik des Menschewismus in der Russischen Revolution, enthusiastisch. Diese neue Regierung ist eine Kerenski-Regierung in religiöser Tracht. Sie schwebt in der Luft. Im Moment hat sie keine Streitkräfte, auf die sie sich stützen kann, außer den freiwilligen muslimischen Guerillakämpfern. Diese wären noch nicht für einen Zusammenstoß mit den bewaffneten Arbeiter*innen und einfachen Soldaten bereit.
Die Regierung existiert in einem Vakuum. Eine organisierte Alternative ist nicht in Sicht. Aber die Imperialist*innen sorgen sich, dass die Regierung nicht in der Lage sein wird, die Kontrolle zu behalten. Sie sehen, dass es neue Ausbrüche, Streiks und Demonstrationen geben wird, wenn die Massen erkennen, dass die Regierung keine grundlegenden Veränderungen im Wirtschaftssystem und damit in ihrem Leben machen wird.
Nach einigem Zögern hat die Regierung die „radikale” Geste angekündigt, das gesamte Vermögen des Schahs und seiner Familie zu enteignen.
Das ist ein großer Teil des Landes und der Industrie im Iran, aber der Appetit kommt mit dem Essen. Der größte Teil des Vermögens im Iran befindet sich im Besitz von 22 Familien, allesamt Günstlinge des Schahs. Sie erlangten diesen Reichtum durch Plünderung, Betrug und die Gunst des Schahs. Die Forderung nach der Enteignung dieser 22 Familien sollte aufgestellt werden.
Die Revolution im Iran ist in vielerlei Hinsicht weiter fortgeschritten als die Revolution in Portugal auf ihrem Höhepunkt. Aber das Programm der Regierung ist ein rein kapitalistisches.
Sandschabi hat sich für eine „Demokratie mit islamischer Identität“ ausgesprochen. „Die Wirtschaft wird gemischt sein, und sowohl private Investitionen als auch Unternehmen sollen erhalten bleiben.“ Das ist Kapitalismus ohne den Schah.
Für den Moment ist die offene Reaktion schwach. Aber wenn die Arbeiter*innen ihre Macht nicht festigen, wird sie sich unweigerlich entwickeln. Für einen „liberalen“ Kapitalismus gibt es im Iran keinen Raum. Die Inflation und die Krankheit des Kapitalismus international bedeuten, dass die Spekulant*innen im Iran eine Bonanza haben werden.
Gäbe es eine marxistische Tendenz in der Tradition Lenins und Trotzkis, würde sie in den neuen Arbeiter*innenorganisationen, Gewerkschaften, Komitees usw., die im Iran empor sprießen, rasch wachsen.
Wenn die Bewegung nicht mit einem Sieg der sozialistischen Revolution endet, wird es zu einer schrecklichen Reaktion kommen. Die Kapitalist*innen, Großgrundbesitzer*innen, die Offizierskaste und die Imperialist*innen brennen vor unterdrücktem Verlangen nach Rache an den revolutionären Massen.
Der Schah ermahnte seine Generäle bei einem geheimen Treffen: „Ihr müsst zwei Millionen töten“, um die aufständischen Massen zu befrieden und die Kontrolle wiederherzustellen.
Das Regime des Schahs ist in der Mülltonne der Geschichte. Aber Kapitalist*innen und Großgrundbesitzer*innen wären, wie in Hitlers Deutschland und Francos Spanien, zu noch grausameren Maßnahmen bereit, um die Herrschaft des Kapitals zu sichern.
An einem einzigen Tag der Revolution lernen die Massen jedoch mehr als in einem Jahr oder einem Jahrzehnt „normaler“ kapitalistischer Herrschaft. Die Massen diskutieren und denken ständig über Ereignisse nach, wie es Arbeiter*innen bei Streiks tun, jedoch mit noch größerer Anspannung und Bewegung.
Die Unterwerfung unter die kapitalistische Sklaverei und deren Akzeptieren ist beendet. Die Massen denken nach, diskutieren und versuchen, einen alternativen Weg zu finden.
Das ist das Wesen der sozialistischen Revolution. Die Unterwerfung unter die kapitalistische Sklaverei und deren Akzeptieren ist beendet. Die Massen denken nach, diskutieren und versuchen, einen alternativen Weg zu finden.
Wenn sie eine marxistische Führung hervorbringen, wird die sozialistische Revolution im Iran siegreich sein. Die Massen, die mit Perspektiven und klaren Zielen bewaffnet und zum Handeln mobilisiert sind, insbesondere wenn sie wie im Iran bewaffnet sind, sind unbesiegbar.
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