[Die Neue Zeit, XX. Jahrgang 1901-1902, I. Band, Heft 1, S. 13-20]
In seinem Begrüßungsartikel an das Lübecker Parlament der Arbeit hatte Bebel der sicheren Erwartung Ausdruck gegeben, es werde die vielen ihm gestellten Aufgaben in der befriedigendsten Weise lösen. Diese Erwartung wurde vielfach als Ausfluss eines übertriebenen Optimismus betrachtet angesichts der Größe und Mannigfaltigkeit der Meinungsverschiedenheiten, die in der letzten Zeit unter uns aufgetaucht waren. Aber der Erfolg hat Bebels Voraussage glänzend bestätigt. Die deutsche Sozialdemokratie kann mit dem in Lübeck Geleisteten vollauf zufrieden sein.
Auch Jene können es sein, die dort in der Minorität geblieben, denn so unangenehm es ist, zur Minderheit zu gehören, so ist doch die erste Vorbedingung fruchtbringenden politischen Wirkens klare Einsicht in die Kraftverhältnisse der verschiedenen Faktoren, mit denen man zu rechnen hat, Diese Einsicht haben uns die letzten Parteitage, die dem Lübecker vorhergingen, nicht immer gegeben, denn eine Reihe von Umständen führte da stets dahin, dass man zwar aufs Schärfste stritt, dann aber einmütig eine Resolution votierte und erklärte, wir wollen doch Alle dasselbe.
Dadurch wurde die Partei nicht einmütiger gemacht, sie wurde nur im Dunklen gelassen über die Stärke ihrer verschiedenen Richtungen; die Diskussion konnte zu keinem Abschluss kommen, sondern loderte immer wieder empor ohne ein anderes Ergebnis als wachsende persönliche Verbitterung. Erst der Lübecker Parteitag hat klar und deutlich gesprochen und damit einer Situation ein Ende bereitet, die wie ein Alb auf uns zu lasten begann.
Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass es nicht auch Situationen gibt, aus denen eine möglichst einmütig angenommene Resolution den besten Ausweg bildet, auch wenn sie einen Kompromiss darstellt. Eine solche Situation bot die Angelegenheit der Hamburger Akkordmaurer. Hier war ein Messen der Kräfte durchaus unangebracht, hier hätte eine jede, einer erheblichen Minderheit aufgezwungene Resolution den Charakter entweder der Vergewaltigung der Partei durch die Gewerkschaften oder der letzteren durch die Partei erhalten, und gerade das war’s, was vermieden werden musste. Es galt hier nicht, der Partei eine bestimmte Richtung zu geben, sondern einen in sie eingedrungenen Konfliktstoff möglichst schmerzlos aus ihrem Körper zu entfernen.
Von Wichtigkeit war die Angelegenheit nicht bloß deswegen, weil sie einen Keil in die Arbeiterbewegung zu treiben drohte, sondern auch deshalb, weil sie aufs Neue bezeugte, wie eng die Beziehungen zwischen .Gewerkschaft und Partei trotz aller Neutralitätsbestrebungen sind.
Es war nicht eine Frage der Neutralität, sondern eine Frage der Selbständigkeit der Gewerkschaft, um die es sich handelt. Beides wird vielfach verwechselt und durcheinander geworfen, dadurch entsteht aber die schlimmste Verwirrung. Man kann sehr wohl die Selbständigkeit der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie anerkennen und doch ihre Neutralität verwerfen. Eine tatsächliche politische Neutralität der Gewerkschaften finden wir nur in England und Amerika, wo es eine Sozialdemokratie von Belang nicht gibt. Außerhalb der angelsächsischen Welt sind die freien, kämpfenden Gewerkschaften allenthalben ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung, zu der sie im Verhältnis des Kindes zur Mutter standen. Diesem Verhältnis entwachsen sie nun immer mehr, sie entwickeln immer mehr ihre Eigenart, da sie andere Aufgaben, andere Kampfesmittel und Kampfesmethoden haben, als die Sozialdemokratie. Aber diese wachsende Selbständigkeit kann nicht zu politischer Neutralität führen, da Sozialdemokratie und Gewerkschaften beide denselben Gegner bekämpfen. Partei und Gewerkschaft sind vielmehr zwei alliierte Armeen, von denen jede ihr eigenes Kriegsmaterial, ihre eigene Führung, ihre eigene Disziplin hat, die aber nur dann siegen können, wenn sie vereint Seite an Seite kämpfen, die aufs Innigste aufeinander angewiesen sind.
Aber auch die organisatorische Selbständigkeit von Gewerkschaft und Partei findet zeitweise ihre Grenzen. Denn das Bild von den beiden verbündeten Armeen ist nur ein Vergleich, und jeder Vergleich hinkt bekanntlich Das Bild ist insofern unzutreffend, als es vielfach dieselben Kämpfer sind, die wir in der einen wie in der anderen Armee finden. Wohl dürfen die Gewerkschaften sich nicht auf sozialdemokratische Mitglieder beschränken, wohl muss die Sozialdemokratie auch Bevölkerungsschichten in ihren Rahmen ziehen, die gewerkschaftlich noch nicht organisiert, ja auch solche, die der gewerkschaftlichen Organisation unzugänglich sind, aber die Kerntruppen sind hier wie dort dieselben. Das macht, bisher wenigstens, tiefer gehende Konflikte zwischen Partei und Gewerkschaften zu einem bloßen frommen Wunsche unserer bürgerlichen Arbeiterfreunde, es muss aber andererseits dahin führen, dass jeder Konflikt innerhalb der einen Organisationsform sich auch in der anderen. fühlbar macht. Der sozialdemokratische Gewerkschafter ist überall sowohl Sozialdemokrat wie Gewerkschafter; er kann weder die gewerkschaftliche Haut ausziehen, wenn er in die Parteiversammlung geht, noch die sozialdemokratische, wenn er sich in die Gewerkschaftsversammlung begibt; Jeder Konflikt zwischen sozialdemokratischen Gewerkschaftern wird demnach zu einem Konflikt innerhalb der Sozialdemokratie, auch wenn es ein rein gewerkschaftlicher Konflikt ist.
An der Beilegung solcher Konflikte und an der Bekämpfung aller Sonderbündelei hat die Sozialdemokratie also dasselbe Interesse wie die Gewerkschaften, wie sonst geht auch hier das Interesse beider Organisationsformen des Proletariats Hand in Hand. Wer das noch bezweifelt haben sollte, den werden die Lübecker Verhandlungen eines Besseren belehren, die nicht einen Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaft bekundeten, sondern vielmehr ihre Solidarität aufs Glänzendste dokumentierten, eine Solidarität, die vor Allem in dem Entgegenkommen zu Tage trat, das trotz aller erregten Worte auf beiden Seiten geübt wurde und das schließlich zu einer fast einstimmigen Annahme der Resolution Fischer mit dem Amendement Staningk führte. Jene guten Freunde dürften sehr enttäuscht sein, die erwarteten, in Lübeck werde es endlich zu dem von ihnen so sehnlich erwarteten Risse zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie kommen.
Es wurde in Lübeck kein Zweifel darüber gelassen, dass die Sympathien der gesamten Sozialdemokratie auf Seite des Zentralverbandes der Maurer sind und dass es für die Pflicht der Partei erachtet wird, dort, wo sie von einer Gewerkschaft in einem inneren Konflikt angerufen wird, ihren gesamten Einfluss aufzubieten, um die Sonderbündler zur Anerkennung der gewerkschaftlichen Disziplin zu bewegen und den gewerkschaftlichen Konflikt beizulegen. Aber es wurde für unmöglich erachtet, weiter zu gehen und nicht bloß den moralischen Einfluss, sondern auch die äußerste Zwangsgewalt, die der Partei zu Gebote steht, die politische Enthauptung, wie sehr gut gesagt wurde, in den Dienst der Gewerkschaften zu stellen. Das wäre nicht bloß aus rechtlichen Gründen im vorliegenden Falle unzulässig, weil dieser nach dem bestehenden Parteirecht keine Handhabe dazu bot, sondern auch praktisch bedenklich, weil es die Partei in unabsehbare. Verwicklungen bringen würde.
Die Partei wird von jedem Konflikt innerhalb der gewerkschaftlichen Welt ideell in Mitleidenschaft gezogen; das liegt in der Natur der Dinge und lässt sich nicht vermeiden; wir haben aber nicht den mindesten Grund, die Partei auch noch in enge materielle Verbindung mit den gewerkschaftlichen Gegensätzen zu bringen und künstlich neuen Konfliktstoff dadurch zu schaffen, dass wir der Parteiorganisation die Verpflichtung auferlegen, bei gewerkschaftlichen Streitigkeiten die Minorität mit ihrer Strafgewalt niederzuschlagen.
Leider ist es nicht ganz gelungen, diese Gefahr zu beseitigen. Die Klippe, welche die Resolution Fischer so geschickt in dem besonderen Falle der Akkordmaurer zu umschiffen wusste, wird durch die Resolution Bernstein in die Mitte des Parteilebens gerückt. Bleibt sie nicht toter Buchstabe, dann kann sie ein Stein sehr bösen Anstoßes werden.
Anders als mit den Akkordmaurern stand es mit den Budgetbewilligern. Hier galt es nicht, eine strittige Materie von der Partei abzuschieben, sondern zur Entscheidung zu bringen. Hier war jeder Kompromiss von Übel, jede Abschwächung der Resolution Bebel wäre ein großer Fehler gewesen, weil sie statt Klarheit Dunkelheit gebracht hätte. Zweifelhaft konnte man bloß sein, ob durch die Annahme des Amendements Singer die Klarheit nicht noch vermehrt worden wäre. Tatsächlich wollten indes Bebel wie Singer dasselbe und praktisch wird die Resolution in der Bebelschen Form dieselbe Wirkung üben, wie in der von Singer beantragten Form.
Es handelte sich weder bei der einen noch bei der anderen Fassung darum, die Budgetbewilligung unter allen Umständen unmöglich zu machen, sondern darum, jener Anschauung einen Riegel vorzuschieben, als sei die Budgetbewilligung für sozialdemokratische Abgeordnete ein normaler Akt, die Verweigerung ein abnormer, und um die umgekehrte Anschauung als Parteiregel festzustellen.
Die Budgetbewilligung unter allen Umständen zu verbieten, geht nicht an, da wir bereits mit gelegentlichen ausnahmsweisen Zwangslagen zu rechnen hatten und auf weitere gefasst sein müssen. Die einen derselben sind lokaler Natur, in der Eigenart des deutschen Staatslebens begründet. Die deutschen Einzelstaaten sind ganz sonderbare Zwitter, die ihres Gleichen nicht in der Welt haben. Sie sind nicht bloß Verwaltungsorganismen wie die Gemeinden, sondern Herrschaftsinstitutionen, aber doch nur mit halber Souveränität. Die kleinen Staaten sind alle, wenn auch nicht formell, so doch tatsächlich subordiniert dem Großstaat Preußen, in dessen Landtag wir bisher nicht einmal einen Abgeordneten entsenden, geschweige denn das Budget verweigern können. Daraus ergibt sich eine Reihe verwickelter und verzwickter Situationen, Wir sind Republikaner und würden in jedem Staatswesen, in dem wir die politische Herrschaft erlangen, die Republik proklamieren. Wenn wir aber in Gotha die Majorität erlangen, wird die Herrschergewalt des Herzogs dadurch nicht im Mindesten bedroht, denn hinter ihm stehen die preußischen Bajonette. Auch einen Verfassungskonflikt, wie ihn in den sechziger Jahren Preußen, in den zwei letzten Jahrzehnten Dänemark hatte, würde man kaum in Gotha ausfechten können.
Aber zu diesen lokalen Ausnahmesituationen kommen noch temporäre. Gerade unsere Zeit ist reich daran. Die bürgerliche Demokratie ist überall im Niedergang, die Bourgeoisie wendet sich in hellen Haufen den reaktionären Parteien zu. Neben diesen wächst die Sozialdemokratie und wird eine Macht. Aber noch ist sie zu schwach, die Herrschaft an sich zu reißen. In ihrem eigenen Interesse muss sie dort, wo die Reaktion über das Häuflein der bürgerlichen Demokratie zu siegen droht und sie, die Sozialdemokratie, nicht selbst im Stande ist, an seine Stelle zu treten, die Demokratie gegen die Reaktion unterstützen. Das ist alter Parteibrauch bei den Wahlen in Deutschland, das kann unter Umständen auch eine parlamentarische Notwendigkeit einer demokratischen Regierung gegenüber werden, die durch die Gunst besonderer Verhältnisse ans Ruder kommt und sich nur durch die Unterstützung der Sozialdemokratie behaupten kann. Man nütze eine solche Situation aus, so gut man kann, aber bleibe dabei keinen Moment darüber im Zweifel, und lasse auch Andere nicht darüber im Unklaren, dass es sich um ein ausnahmsweises Verhältnis handelt, das nicht dauern kann, weil der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat immer wieder durchbricht und sich mächtiger erweist, als die Wünsche einzelner liberaler Politiker; man bleibe stets dessen eingedenk, dass dieselbe Negierung, die wir heute unterstützen müssen, uns morgen verraten wird, verraten muss, den Bedürfnissen der Klassen entsprechend, denen sie dient, dass wir ihr nie trauen dürfen, ihr stets Gewehr bei Fuß gegenüber stehen müssen.
Aber wenn es höchst ungerechtfertigt ist, wie heute zum Beispiel manche unserer französischen und italienischen Genossen tun, aus einem momentanen Aufflackern der bürgerlichen Demokratie Schlüsse auf ihre steigende Kraft, auf eine allgemeine Milderung des Klassenkampfes und eine dementsprechende neue Taktik – zu ziehen, so wäre es nicht minder ungerechtfertigt, eine solche ausnahmsweise Episode nicht auszunutzen; ja, man muss sie um so eifriger ausnutzen, je mehr man von ihrer notwendigen Kurzlebigkeit überzeugt ist.
Aus diesen lokalen wie temporären Besonderheiten können sicher Zwangslagen erstehen, die eine gelegentliche Zustimmung unserer Abgeordneten zum Budget notwendig machen; es fragt sich bloß, ob es notwendig war, in der Resolution dies besonders zu betonen. Die Gefahr, die heute vorliegt, ist nicht die, dass unsere Abgeordneten zu intransigent sind, dass sie aus schablonenhaftem Revolutionismus eine günstige Gelegenheit zur Erringung von Vorteilen für das Proletariat verpassen, die Gefahr liegt nur nach der anderen Seite, dass man zu leicht eine Zwangslage zur Budgetbewilligung vorliegen sieht, wo gar keine existiert. Von diesem Standpunkt aus wäre die Resolution nach Streichung des Schlusspassus sicher eindringlicher gewesen. Aber andererseits würde sie durch jede eintretende Zwangslage desavouiert und durchbrochen und verlöre dadurch ihr Ansehen auch bei jenen, die nicht in einer Zwangslage befindlich.
Ob also die Bebelsche oder die Singersche Fassung, das ist g’hupft wie g’sprungen. Es gibt keine Fassung, die eine allgemeine Richtschnur geben und doch jedem möglichen Einzelfall gerecht werden könnte, keine Fassung, die sichern würde gegen Illoyalität oder Dummheit von Abgeordneten und gegen Indifferenz von Genossen. Wo diese Eigenschaften vorhanden, nützt die schönste Resolution nichts. Wir müssen Loyalität und Verständnis der Abgeordneten und die eifrige Verfolgung ihrer Tätigkeit durch die Genossen voraussetzen. Unter diesen Voraussetzungen genügt aber die Bebelsche Resolution vollkommen.
Ist der Ausgang der Angelegenheit der Akkordmaurer eine herbe Enttäuschung für jene bürgerlichen Elemente, die auf einen Riss zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften spekulieren, so ist die Entscheidung in der Frage der Budgetbewilligung,. ebenso wie die in der Bernsteinfrage eine bittere Pille für jene, die auf die Mauserung der Sozialdemokratie und ihre darauf folgende Spaltung ihre Hoffnungen bauten.
Es ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein, dass sie enttäuscht sind. Die Natur der Dinge bringt es mit sich, dass die Anzeichen einer Mauserung in der Partei zeitweise viel stärker erscheinen, als der wirklichen Stimmung der Massen entspricht. Es bildet eine Eigentümlichkeit der modernen Gesellschaft, dass keine ihrer großen Klassen – Proletarier, Kleinbürger, Kapitalisten, Landwirte – Zeit und Bildung genug hat, ihre politische Tagesarbeit selbst zu besorgen. Diese fällt fast ausschließlich, und je größer eine Partei wird, um so mehr, besonderen Fachleuten aus den Kreisen der Intelligenz zu, Berufsparlamentariern und Berufspublizisten. Die so verschiedenen und gegensätzlichen Klassen haben alle ihre politischen Vertreter innerhalb derselben Klasse. In der Tagespolitik der Presse und der Parlamente kommen demnach die Klassengegensätze nicht direkt, sondern reflektiert zum Ausdruck, und daher in der Regel auch abgeschwächt. Die journalistischen und parlamentarischen Vertreter der Kapitalistenklasse sind zumeist weniger gewalttätig und arbeiterfeindlich als ihre Mandanten; umgekehrt tritt – das ist eine alte Erfahrung – bei den journalistischen und parlamentarischen Vertretern des Proletariats das revolutionäre Ungestüm vielfach weniger stark zu Tage, als im Proletariat selbst. Wer daher bloß nach den Reden und Artikeln hüben wie drüben geht, wird immer einer Selbsttäuschung verfallen, er wird die Bourgeoisie für arbeiterfreundlicher, die Arbeiterklasse für zahmer halten als sie sind, und er wird bei der ersten Aktion, die er auf diese Selbsttäuschung basiert, eine Niederlage erleiden, wenn dabei nicht bloß Parlamentarier und Journalisten, sondern auch die Massen in Betracht kommen. Das Bürgertum ist im Ganzen reaktionärer als seine politischen Vertreter, es lässt diese bei jedem energischen demokratischen Schritt im Stich; das Proletariat ist im Ganzen revolutionärer als seine Vertreter und drängt diese vorwärts, so oft sie bremsen wollen.
Das letztere hat wieder, wie schon gesagt, die Erledigung der Budgetbewilligung wie die der Bernsteinfrage in Lübeck bewiesen.
Der Fall Bernstein stand im Mittelpunkt der Verhandlungen des Parteitags. Aber man wird es begreifen, wenn ich hier davon absehe. Ein Urteil über das schließliche Ergebnis einer Diskussion abzugeben, an der ich in so prononcierter Weise Teil genommen. Ich darf um so mehr davon absehen, als ich erwarte, dass die ganze Frage von nun an der Vergangenheit angehört. Nicht etwa, dass ich glaubte, Bernstein und seine Anhänger würden nun ihre Anschauungen ändern. Das hat Niemand von ihnen verlangt, und das anzunehmen, liegt nicht der mindeste Grund vor. Der Gegensatz, der in diesen Diskussionen zu Tage trat, besteht so lange als unsere Partei besteht; er erneuert sich immer wieder und tritt immer wieder auf, aber er wechselt auch immer wieder seine Formen und Kampfobjekte; er findet immer wieder einen Ruhepunkt, hinter dem er in veränderter Gestalt auftritt.
Ein solcher Ruhepunkt scheint jetzt erreicht zu sein. Sicher wird der Gegensatz zwischen Opportunisten und Revolutionären, zwischen Gemäßigten und Radikalen oder wie man ihn sonst nennen mag, wieder einmal auftauchen, aber wahrscheinlich unter anderen Bedingungen und vielleicht auch mit anderer Gruppierung der Richtungen. Wir wollen uns aber nicht weiter den Kopf über diesen noch ungeborenen Gegensatz zerbrechen und uns nur darüber freuen, dass wir annehmen dürfen, die besondere Form, die der alte Gegensatz als Bernsteinfrage angenommen, set ein Ding der Vergangenheit, und dass wir hoffen dürfen, wieder einige Jahre einmütigen positiven Schaffens, nicht nur in der Praxis, wo es nie gestört worden, sondern auch in der Theorie vor uns zu sehen, einige Jahre, in denen an Stelle der Selbstkritik und der Kritik der kritischen Kritik methodisches Forschen in den Vordergrund tritt. Ein Nachhall der Bernsteindebatte waren die Anklagen gegen die „Neue Zeit“. Es war das erste Mal, dass unsere Zeitschrift den Gegenstand öffentlicher Kritik auf einem Parteitag bildete. Da wir hier in eigener Sache sprechen, dürfen wir ihr wohl mehr Raum widmen, als der Gegenstand seiner allgemeinen Bedeutung nach verdient.
Zunächst sei eine „persönliche Bemerkung“ nachgeholt zu einem Satze der Fischerschen Rede, den ich, wie manches Andere der lebhaften Verhandlungen überhört und dessen stillschweigende Hinnahme zu einer Legendenbildung Anlass geben könnte.
Nach dem Protokoll hat Fischer gefragt: „Wenn die Auffassung richtig ist, der Kautsky schriftlich Ausdruck gegeben hat, dass diesen Schriftsteller (Parvus) in der Partei Niemand mehr ernst nimmt, wie kann man ihn dann zum Fahnenträger machen unserer wissenschaftlichen Revue?“
Öffentlich habe ich Derartiges nie erklärt. Fischer hat es fertig gebracht, in einer Rede, in der er mir Anstand und Sitte predigte, eine Stelle aus einem vertraulichen Privatbrief gegen mich auszuspielen. Der Sinn eines Zitats erhellt nicht immer aus seinem Wortlaut allein, er kann völlig. verändert werden durch seinen Zusammenhang. Bei einem Zitat aus einem veröffentlichten Schriftstück kann Jeder nachprüfen, ob es im Zusammenhang wirklich den Sinn hat, den der Zitierende ihm gibt. Bei der Zitierung eines Satzes aus einer unveröffentlichten Schrift ist dies unmöglich. Ich kann mich des Zusammenhangs nicht mehr entsinnen, in dem der von Fischer angezogene Satz steht; die von Bernstein veröffentlichte Briefstelle, in der er sich findet, reicht zum Erkennen des Zusammenhangs nicht aus. Aber ich habe allen Grund anzunehmen, dass ich in drastischer Form nur sagen wollte, Parvus sei in einer bestimmten Frage in der Partei isoliert. Auf: keinen Fall habe ich gesagt und konnte ich sagen, dass Parvus überhaupt in der Partei nicht ernst genommen werde, denn ich habe Parvus von der ersten Zeile an, die ich von ihm las, sehr ernst genommen, nicht nur als einen Mann von großem Wissen, sondern auch als originellen Denker und als Kämpfer von seltener Überzeugungstreue und Energie. Wohl weichen wir, bei aller Übereinstimmung in den Grundanschauungen, in Vielem von einander ab, gerade weil er originell ist und es liebt, eigene Bahnen zu gehen, aber nichtsdestoweniger schätze ich ihn hoch als Parteimann, Freund und Mitarbeiter, dem speziell die „Neue Zeit“ sehr wertvolle Beiträge verdankt.
Ich fühle mich verpflichtet, das hier zu konstatieren, da mein Schweigen sonst missdeutet werden könnte.
Und noch auf einen zweiten Punkt muss ich hier nachträglich zurückkommen, um auch in diesem jedes Missverständnis auszuschließen. Es wurde behauptet, ich hätte aus der „Neuen Zeit“ eine Reihe von Mitarbeitern hinaus gegrault durch den schlechten Ton, der bei uns herrsche, und es liege System darin. Ich bin dem schon in Lübeck entgegengetreten, aber vielleicht zu flüchtig, daher möchte ich hier nachdrücklich betonen, dass ich selbstverständlich einem jeden Parteigenossen das Recht zuerkenne, an der „Neuen Zeit“ mitzuarbeiten, wenn seine Arbeiten in den Rahmen einer derartigen Zeitschrift passen. Es ist richtig, dass sich seit dem Beginn der Bernsteindebatten eine Reihe schätzbarer Mitarbeiter, darunter Mancher, den ich schmerzlich vermisste, von der „Neuen Zeit“ ferngehalten haben, aber ich sehe den Grund davon durchaus nicht in dem schlechten Tone, der angeblich bei uns herrscht. Dieser „schlechte Ton“, es ist kein anderer Ton, als der Ton der Polemik leidenschaftlicher Menschen, die um dasjenige kämpfen, was ihnen das Heiligste und Höchste ist. Bei jeder Polemik in unseren Reihen taucht die Anklage des schlechten Tones auf. Wie wenig es möglich ist, eine Polemik zu führen ohne eine Sprache, die von der Gegenseite als verletzender, schlechter Ton empfunden wird, zeigten die Lübecker Verhandlungen über die Presse selbst, in deren Verlauf gerade Diejenigen, welche die lautesten Anklagen wegen unseres unanständigen Tones erhoben, schließlich in die Rolle der Angeklagten gerieten.
Wer ist nicht schon in unserer Partei wegen seines schlechten Tones angegriffen worden! Die Lübecker Debatten erinnerten etwas an die des Gothaer Kongresses von 1877, wo kein Geringerer als Friedrich Engels wegen des unpassenden Tones, den er gegen Dühring anschlug, getadelt wurde. Unter den Verfechtern der feineren Tonart befand sich zu jener Zeit auch Johann Most.
Der Ton, der bei uns angeschlagen wurde, war der Ton der Polemik, und nicht der Ton, selbst wenn er hie und da unangemessen gewesen sein sollte, sondern die Tatsache der Polemik selbst hat es bewirkt, dass eine Reihe von Genossen sich in der „Neuen Zeit“ nicht heimisch gefühlt haben. Das begreife und bedaure ich, aber diese Polemiken zu führen oder führen zu lassen, hielt ich nicht bloß für mein Recht, sondern für meine Pflicht. Ich bin nichts weniger als ein Verehrer von Pöbelhaftigkeit, aber die Anklage des schlechten Tones wiegt für mich federleicht, solange sie nicht verbunden ist mit der Missbilligung des prinzipiellen Standpunktes, den ich vertreten. Gegen diesen ist aber im ganzen Laufe der Debatte kein Einwand erhoben worden.
Es war nicht unser Ton, es war der nicht von mir geschaffene Gegensatz zwischen Bernstein und seinen Kritikern und die daraus notwendigerweise hervorgehende Polemik, die eine Reihe unserer Mitarbeiter uns entfremdete. Das lag in der Natur der Sache und hätte sich nur dann vermeiden lassen, wenn ich es für die Aufgabe der „Neuen Zeit“ ansähe, vorhandene Gegensätze zu verkleistern und zu vertuschen. Dass ich das nicht tue, darin und nicht in dem Tone, der bei uns herrscht, sehe ich die wirkliche Ursache der Missstimmung, die bei manchem Genossen gegen uns herrscht. In diesem Punkte kann ich aber keine Konzessionen machen, denn damit würde ich mich in Widerspruch sehen zu meiner Auffassung von den Aufgaben; die die wissenschaftliche Zeitschrift einer Partei haben muss.
Es gibt Leute, die Wissenschaft und Partei für Begriffe halten, welche mit einander unvereinbar sind, die da meinen, eine wissenschaftliche Zeitschrift könne überhaupt kein Parteiorgan sein, Wäre das richtig, dann müsste es nicht bloß für die Zeitschrift gelten, sondern auch für Diejenigen, die sie machen, dann wäre die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei unvereinbar mit wissenschaftlicher Tätigkeit und es müsste Jeder, der wissenschaftlich arbeiten will, allen Parteien fern bleiben. Wer dies nicht tut, beweist damit schon, dass Wissenschaft und Partei für ihn keineswegs miteinander unvereinbar sind.
Es handelt sich eben bei einem wissenschaftlichen Parteiorgan nicht um die Wissenschaft, sondern um eine bestimmte Wissenschaft, die politische Ökonomie, die schon durch ihren Namen verrät, dass sie eine politische Wissenschaft, wissenschaftliche Politik ist. Es ist die Wissenschaft von den wirtschaftlichen Aufgaben von Staat und Gesellschaft und den Mitteln ihrer Lösung, eine Wissenschaft, die von vornherein praktischer Natur ist, die von vornherein darauf gerichtet ist, das politische Leben zu beeinflussen, darin Geltung zu erlangen. In der Politik können aber nur große geschlossene Organisationen praktisch wirken – Regierungsorganisationen, Kirchen und Parteien. Den Klassengegensätzen entsprechend zerfällt die Wissenschaft der politischen Ökonomie in eine Reihe von Richtungen und jede dieser Richtungen muss danach trachten, eine Regierung oder eine Partei für sich zu gewinnen. Nur dadurch kann sie hoffen, ihre Zwecke zu erreichen, ihre Forderungen zu verwirklichen. Weit entfernt, dass das Parteileben die Wissenschaft tötet, macht es sie vielmehr erst lebendig, denn eine ökonomische wissenschaftliche Richtung, die sich in keiner Partei verkörpert, ist tot, eine derartige Richtung, die nicht danach trachtet, im Parteileben praktische Geltung zu erlangen, wird zu einer zwecklosen Begriffsspielerei.
Andererseits muss, sobald einmal die Politik ein Gegenstand wissenschaftlicher Behandlung geworden ist, jede Partei danach trachten, auf wissenschaftlichem Boden zu stehen, da sie ohne solche Grundlage zu Unfruchtbarkeit in ihrem propagandistischen und gesetzgeberischen Wirken verurteilt ist. Wissenschaft und Partei, weit entfernt, einander auszuschließen, sind vielmehr auf die innigste Vereinigung mit einander angewiesen, können nur dadurch zu ihrer vollen Wirksamkeit gelangen. Aber damit ist natürlich nicht gesagt, dass nicht die Funktionen des praktischen Politikers ganz andere sind, als die des theoretischen Politikers und dass nicht die einen mit den anderen gelegentlich in Widerspruch geraten können. Die praktische Politik strebt nach Macht, die Theorie nach Erkenntnis. Um politische Macht zu erlangen, muss man alle Elemente, die in der gleichen Richtung streben, zusammenfassen und zusammenhalten, muss man danach streben, dass die Unterschiede, die zwischen ihnen zeitweise auftauchen, den Zusammenhang nicht sprengen, muss man die vereinigenden, nicht die trennenden Momente unter ihnen hervorheben. Auer meinte in Lübeck, man könnte ihm kein schöneres Denkmal seiner Tätigkeit setzen, als wenn man auf sein Grabmal schriebe: „Auers Bemühen und Bestreben ist es gewesen, Gegensätze, die in der Arbeiterbewegung sich geltend machten, auszugleichen, sie zu überbrücken.“ Das ist vollkommen im Sinne der praktischen Politik gesprochen und entspringt einer tiefen Einsicht in deren Bedürfnisse und Aufgaben.
Aber anders sind die Aufgaben der Theorie. Sie soll Klarheit schaffen, und dazu gehört vor Allem das Sondern und Auseinanderhalten dessen, was einander ähnlich, aber tatsächlich nicht identisch ist, das Hervorheben der trennenden, nicht der gemeinsamen Momente. Aus dem Zusammenwerfen und Vermengen von Verwandtem, das für den oberflächlichen Beobachter gleich erscheint, entstehen die schlimmsten Konfusionen und Missverständnisse, die auch auf die praktische Politik zurückwirken, indem sie dort Illusionen und aus ihnen entspringende Niederlagen oder doch Kraftverschwendungen und Umwege erzeugen. Die praktische Politik. kommt ohne gelegentliche Kompromisse, ohne die Zusammenfassung von ungleichartigen, wenn auch verwandten Elementen nicht aus, um so weniger aus, je größer die Partei, je bedeutender ihre praktischen Aufgaben; sie wird aber auf diesem schlüpfrigen Boden um so weniger ausgleiten und um so sicherer gehen, je schärfer die sie begleitende Theorie die Eigenart jedes dieser Elemente hervorhebt und je deutlicher sie die Unterschiede zwischen ihnen zum Bewusstsein bringt. Das Überbrücken und Ausgleichen der Gegensätze, das eine so wesentliche Aufgabe der praktischen. Politik, ist der Tod der Theorie.
So können Theorie und Praxis, obwohl sie aufs Engste aufeinander angewiesen sind, doch zeitweise in einen Widerspruch miteinander geraten, der hüben wie drüben unangenehm empfunden wird. Aber ich halte es für die Pflicht der Redaktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift, sich durch eine derartige Missstimmung nicht beirren zu lassen in der Erfüllung ihrer Pflicht, auszusprechen, was ist.
Von diesem Standpunkt aus habe ich die Aufgaben einer wissenschaftlichen Parteizeitschrift seit jeher aufgefasst, danach das System eingerichtet, das ich nun bald zwei Jahrzehnte lang in der Redaktion der „Neuen Zeit“ befolge. Ich habe ihm hier zum ersten Male Ausdruck gegeben 1884, als ich den Marxismus vom Rodbertusianismus schied, und halte heute ebenso fest daran, wie je. Aber so wichtig für die Theorie die Trennung von Verwandtem aber Ungleichem ist, dies ist nicht ihre einzige Funktion. Die Ausübung der letzteren wird nur von Zeit zu Zeit notwendig, wenn eine neue Erscheinung auftritt, zu der wir Stellung nehmen müssen. So wie Prosperität und Krisis in der kapitalistischen Gesellschaft miteinander wechseln, so wechseln in unserer Partei Zeiten der Selbstkritik und der Polemik mit solchen vereinten Schaffens auf den Gebieten der Praxis und der Theorie. Der Parteitag von Lübeck hat, das erwarten wir, eine Periode der Selbstkritik und der Polemik zum Abschluss gebracht und eine Periode gemeinsamen einträchtigen Wirkens eröffnet. Mit der Polemik schwindet auch der polemische Ton und so dürfen wir hoffen, dass der diesjährige Parteitag nicht nur für die Partei, sondern auch für ihr wissenschaftliches Organ eine Periode des inneren Friedens herbeiführt, in der sie wieder von allen Genossen als ihr Organ betrachtet und benutzt wird.
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