[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 40, S. 417-420]
f Berlin, 3. Juli 1901.
Es sind demnächst dreiunddreißig Jahre verflossen, seitdem der Verbandstag der deutschen Arbeitervereine im Nürnberger Rathaussaal tagte, Der Verband selbst entstand im Sommer 1863 als Gegengewicht gegen den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“, den Lassalle im Frühling desselben Jahres gegründet hatte; er umfasste die Arbeitervereine, die noch den liberalen Prinzipien anhingen, wie sie von Schulze-Delitzsch und der Fortschrittspartei vertreten wurden.
Aber ein halbes Jahrzehnt hatte genügt, um auch in diesen Vereinen das proletarische Klassenbewusstsein zu erwecken: sie waren von Jahr zu Jahr weiter nach links gerückt, und schon nach einem halben Jahrzehnt fiel die Entscheidung, eben auf dem Nürnberger Verbandstag, der sich für die Prinzipien der Internationalen Arbeiterassoziation erklärte. Freilich nur erst mit einer nicht gar großen Mehrheit, aber gerade darin zeigte sich die heilsame Notwendigkeit des Beschlusses, dass, sobald er einmal gefasst war, die schwache Mehrheit unaufhaltsam anwuchs, während die beträchtliche Minderheit, die sofort aus dem Verband ausschied, wie Schnee an der Sonne zerschmolz; ihr Versuch, einen neuen Verband im Schlepptau der Bourgeoisie zu gründen, scheiterte schon im ersten Anlauf.
Von der alten Garde der deutschen Sozialdemokratie sind heute nicht mehr Viele am Leben und noch Weniger wirken rüstig im Dienste der Arbeiterklasse fort, von den ältesten Lassalleanern wohl nur die Genossen Metzner und Vahlteich. Etwas zahlreicher sind die Männer erhalten, die vom 5. bis 7. September 1868 in Nürnberg mit getagt haben; zwei von ihnen, Liebknecht und Karl Hirsch, hat uns erst das vorige Jahr entrissen, aber es leben und schaffen noch die beiden Vorsitzenden des Verbandstags, Bebel und Gabriel Löwenstein, dann der Berichterstatter über die Programmfrage, Robert Schweichel, ferner die Genossen Gräulich, Motteler und Stolle. Zweien von ihnen gilt heut unser Gruß, dem Einen, da er sich anschickt, seinen achtzigsten Geburtstag zu feiern, vom Anderen, da er in die Heimat zurückkehrt aus dem ehrenvollen Exil, das er wegen seiner treuen Hingebung an die Interessen des klassenbewussten Proletariats mehr als zwei Jahrzehnte hindurch zu ertragen gehabt hat.
Am 12. ds. Mts. beschließt Robert Schweichel sein achtzigstes Lebensjahr Er hat in frischer und rüstiger Manneskraft das Jahr 1848 miterlebt, das unvergessliche Jahr, das sich immer glorreicher aus dem Schutte erhebt, worunter es die privilegierten Klassen zu begraben versucht haben. Jedoch der unversöhnliche Hass dieser Klassen gegen das „tolle Jahr“ ist dessen rühmlichster Anspruch auf das Andenken der Nachwelt. Gewiss hat es manchen Abfall und manchen Verrat gesehen, gewiss ist in ihm nach den Worten des Dichters viel „verlottert und verloren“ worden, aber trotz alledem hat es der deutschen Kultur einen so mächtigen Ruck vorwärts gegeben, wie kein anderes Jahr des vorigen Jahrhunderts. Und es waren deutsche Proletarier, die diesen gewaltigen Anstoß gaben, der wohl oft gehemmt, aber niemals wieder erdrückt werden konnte, ja der bis auf den heutigen Tag fortwirkt. In den Reihen der revolutionären Arbeiter hat Robert Schweichel damals schon gestanden, klarer und schärfer blickend als die meisten seiner Alters- und Klassengenossen. Als wir jüngst die Papiere der „Neuen Rheinischen Zeitung“ durchmusterten, fanden wir auch seinen Namen unter einem Schriftstück, das von Königsberg an die gewaltige Vorkämpferin des deutschen Proletariats eingesandt worden war; es sind schon dieselben festen und sicheren Züge, in denen heute noch der Greis schreibt. Von Allen, die an dem berühmten Revolutionsblatt mitgewirkt haben, ist Schweichel nun wohl der letzte Überlebende.
Die Wut der Reaktion ist dann auch auf ihn gefallen; an den Ufern des Genfer Sees hat er sein Exil verlebt. Dort ist auch der Dichter in ihm erwacht, dem die deutsche Arbeiterklasse so viel Schönes verdankt. Wie Schweichel nach seiner Rückkehr in die Heimat mit Liebknecht gemeinsam in die Redaktion der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ eintrat, wie beide dann dahinter kamen, dass der Herausgeber dieses Blattes sich an die Regierung verkauft hatte, und wie uns von Neuem ihr Ringen um die nackte Existenz begann, das ist bekannt genug. Nach mancherlei Irrfahrt fanden sie sich von Neuem in der Redaktion des „Demokratischen Wochenblattes“ zusammen, als dessen Redakteur Schweichel seine Programmrede in Nürnberg hielt. Sie hat viel dazu beigetragen, den Sieg an die Fahne der vorwärts dringenden Mehrheit im Schoße des Arbeiterverbandes zu fesseln. Nicht als ob sie gerade neue Gedanken enthalten oder das stürmische Tempo einer Lassalleschen Agitationsrede entfaltet hätte: ruhig und schlicht vielmehr, in durchsichtiger und vollendeter Form, erleuchtet von tiefem Verständnis der modernen Arbeiterbewegung, erwärmt von nicht minder tiefer Sympathie für die Arbeiterklasse, war sie genau so wie sie sein musste, um die besondere Aufgabe zu erfüllen, die an diesem Tage gestellt war. Bebel hätte vielleicht feuriger, Liebknecht vielleicht leidenschaftlicher gesprochen, aber sie hätten vielleicht auch die Zaudernden unschlüssiger und die Widerstrebenden halsstarriger gemacht: so überließen sie mit gutem Bedacht den Vorkampf dem gemeinsamen Freunde, der fest zugleich und mild die schwankende Schlacht zum siegreichen Ausgang zu leiten verstand. Diese Rede Schweichels wird in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie dauern. Bald darauf wandte er sich wieder der Dichtkunst zu, mit dem Rechte des geborenen Künstlers, der seiner Kunst zu leben die Pflicht wie das Recht hat. Sein Herz blieb der Arbeiterklasse treu, und so auch sein dichterisches Schaffen; in seinen Novellen und Romanen weilt er am liebsten oder fast ausschließlich unter dem Volke, das um seine Emanzipation aus den Fesseln der Knechtschaft in jeglicher Gestalt ringt, und seit dreißig Jahren mag kaum ein Parteikalender erschienen sein, worin Schweichel nicht mit einem novellistischen Beitrag vertreten gewesen wäre. Zuletzt, schon weit über das biblische Alter hinaus, hat er den deutschen Arbeitern mit bewundernswerter Kunst ein dichterisches Gemälde des deutschen Bauernkriegs entworfen und so ein reiches Lebenswerk harmonisch gekrönt. Was kümmert es ihn, wenn der schellenlaute Lärm der verschworenen und versippten Kritik, wenn die landläufigen Literaturgeschichten ihn totschweigen? Er bedarf der Lorbeerkränze nicht, die der Tag raubt, wie sie der Tag gespendet hat; fünfzig Jahre und mehr im Dienste der Demokratie haben seine Augen klar und sein Herz wacker erhalten; soll er die jungen Greise beneiden, die mit dekadentem Jammer eine neue Periode der Literatur eröffnen wollen, wenn ihnen kaum der erste Flaum ums Kinn sprosst? Tausenden, ja Hunderttausenden von Mühseligen und Beladenen, mitten in quälender Not und ermattendem Kampfe, die erlösende Welt der Schönheit geöffnet zu haben, das ist die erhebende Gewissheit, worin dieser Dichter sich an seinem achtzigsten Geburtstag sonnen darf.
Der andere Veteran des Nürnberger Tages, dem wir heut unsere Glückwünsche senden, ist immer ein Mann der Praxis gewesen. Nächst und neben Bebel hat Julius Motteler wohl am meisten dazu beigetragen, den Verband deutscher Arbeitervereine ins sozialdemokratische Fahrwasser zu leiten. In Esslingen geboren, kam er im Jahre 1859, ein zwanzigjähriger Jüngling, als Buchhalter einer Vigognespinnerei nach Crimmitschau und ist dann vom ersten Wiedererwachen des politischen Lebens nach der Reaktionszeit der fünfziger Jahre an in regelrechter Entwicklung vorwärts geschritten: erst Mitglied des Nationalvereins, gründete er im Herbste 1866, mitten im großen Abfall der bürgerlichen Klassen, mit Bebel, Liebknecht, Professor Roßmäßler die Sächsische Volkspartei, half dann den Nürnberger Sieg entscheiden und ein Jahr darauf die Eisenacher Partei konstituieren. Immer war er unermüdlich, seine großen organisatorischen Talente zu erproben: in seiner nationalvereinlichen Zeit rief er Konsumvereine ins Leben; dann organisierte er mit Arbeitern, die wegen ihres Anschlusses an die Sächsische Volkspartei gemaßregelt worden waren, eine Spinn- und Webegenossenschaft in Crimmitschau, die ihrerseits wieder etwa fünf Schneiderproduktivgenossenschaften organisieren und mit unterstützen half. Sobald die Eisenacher sich konstituiert hatten, griff Motteler in die gewerkschaftliche Bewegung ein und schuf die internationale Gewerkschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter. Mit alledem noch nicht zufrieden, hat er damit begonnen, die Lokalpresse als Parteiwaffe zu schmieden die Crimmitschauer Genossenschaftsbuchdruckerei, die seit 1870 den von Karl Hirsch redigierten „Bürger- und Bauernfreund“ herausgab, war sein Werk. Dann wurde er im Jahre 1874 nach Leipzig berufen, um die kaufmännische Leitung des „Volksstaats“ und späteren „Vorwärts“ zu übernehmen.
„In dieser Stellung blieb Motteler, bis ihn der Erlass des Sozialistengesetzes zur Würde des „roten Postmeisters“ erhob. Irren wir nicht, so hat ihm ein Spitzel zuerst diesen Namen gegeben, aber wie so oft, ist der Schimpfname zum Ehrennamen geworden, und Motteler wird unter ihm in der Geschichte der Partei fortleben. Den Posten, den er elf Jahre durch als Leiter erst des Züricher und dann des Londoner Geschäftes verwaltete, war ein Ehren- und Vertrauens-, aber auch ein Sorgenposten im höchsten Sinne des Wortes. Was Motteler in dieser Stellung geleistet hat, war ohne Beispiel und Vorbild in der Geschichte verfolgter Parteien. Sicherlich hätte er es nicht leisten können ohne die hoch gesteigerte Entwicklung der modernen Verkehrsmittel und namentlich nicht ohne ein ganzes Heer gleich geschickter und zuverlässiger Helfer, aber der Feldherr dieses ruhmvollen Feldzugs ist er gewesen und hat unermüdlich die Spitzelbande mit samt ihrem Hauptmann Puttkamer aufs Haupt geschlagen. Niemals erklang sein Lob lauter, als wenn Ehren-Puttkamer, wieder und wieder in schimpfliche Flucht geworfen, über die „infernalische Geschicklichkeit“ der roten Feldpost tobte.
Kriegsjahre zählen doppelt, und so mögen Puttkamers Erben es in ihrer Weise gut gemeint haben, wenn sie Mottelers übermäßiger Anstrengung von elf Jahren ein stilles Exil von elf Jahren anhingen. Nun ist auch das überstanden, und der verdiente Veteran kehrt heim, in Allem der Alte, ungebrochen in der rüstigen Kraft seiner Jahre, die ihm noch manch gutes Stück Parteiarbeit gelingen lassen mögen.
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