Adolf Lasson – Franz Mehring: Die Berliner philosophische Gesellschaft

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 39, S. 409-411, Rubrik Notizen]

Herr Professor Lasson schreibt uns:

Friedenau, 22./6. 1901.

Sehr geehrter Herr!

Mit Interesse habe ich den Artikel: „Vom Rechte der Revolution“ in Ihrer Nr. 37 gelesen. Vielleicht Interessieren Sie folgende Bemerkungen dazu.

Die Philosophische Gesellschaft, die rein wissenschaftlichen Zwecken dient, betrachtet es als eine wertvolle Erinnerung, dass ein Gelehrter von Ferdinand Lassalles Bedeutung ihr angehört hat und für sie tätig gewesen ist. Lassalle wurde zum Festredner an Fichtes hundertjährigem Geburtstag bestellt aus keinem anderen Grunde, als weil er für eine solche Aufgabe der geeignetste Mann zu sein schien. Durch eine Schmährede das Andenken eines Mannes wie Engels zu verunglimpfen, würde in der Philosophischen Gesellschaft niemals zugelassen worden sein; die Angabe muss auf einem Irrtum beruhen. Ein Denkmal für J. G. Fichte zu errichten plant die Gesellschaft, weil sie in Fichte den Denker, den Redner, den Patrioten und den Mitbegründer der Berliner Universität ehrt. Dem Herrn Reichskanzler Grafen Bülow ist die Aufforderung zur Mitwirkung für diesen Plan genau in derselben Weise zugegangen, wie tausend anderen Männern von Namen und Bedeutung. Dass der Herr Reichskanzler seine Zustimmung zu dem Plane in so warmer und herzlicher Weise ausgesprochen hat, verpflichtet alle, die Fichtes Andenken hochhalten, zu ganz besonderem Danke. Fichtes politische Ansichten und seine Stellung zu den Fragen des nationalen Lebens sind oftmals dargestellt worden, und aus Kuno Fischers Werk über Fichte, das jetzt in dritter Auflage erscheint, haben auch weitere Leserkreise sich darüber belehren lassen. Die in dem Artikel der „Neuen Zeit“ herausgehobenen Stellen können nicht in Anspruch nehmen, für Fichtes Denkungsweise die am meisten bezeichnenden zu sein.

In der Philosophischen Gesellschaft finden sich Männer von größter Verschiedenheit der Richtung und Denkweise zu gemeinsamer wissenschaftlicher Erörterung zusammen, Vertreter der in der „Neuen Zeit“ herrschenden Ansichten würden in der Philosophischen Gesellschaft willkommen sein und sich wohl befinden, sobald sie bereit sind, im reinen Interesse an der Erkenntnis, frei von andersartigen Tendenzen und tolerant für die Ansichten Anderer, sich an wissenschaftlicher Diskussion zu beteiligen.

Hochachtungsvoll und ergebenst

Dr. Adolf Lasson, Prof.

Vorsitzender der „Philosophischen Gesellschaft“.

Darauf antwortet Mehring:

Wenn Herr Professor Lasson versichert, dass die Philosophische Gesellschaft das Andenken ihres ehemaligen Festredners Lassalle in gebührenden Ehren hält, so spreche ich gern mein Bedauern aus, daran gezweifelt zu haben. Begründet war mein Zweifel aber durch die Schmährede, die der Professor Nerrlich über Engels gleich nach dessen Tode in der Philosophischen Gesellschaft gehalten hat, ohne dass aus ihrer Mitte irgend ein Protest dagegen erhoben worden wäre. Herr Professor Lasson findet diese Schmährede abgedruckt als Leitaufsatz im Dezemberheft der „Preußischen Jahrbücher“ für 1895 unter dem Titel: Der Sozialismus und die deutsche Philosophie. Wenn in dieser Rede insinuiert wird, dass die moderne Arbeiterbewegung nur deshalb entstanden wäre, weil Engels und der kleine Kreis seiner in der Geschichte des Sozialismus fortlebenden Vorgänger und Nachfolger die Massen aufgestachelt hätten, wenn Engels ein „ehemaliger Handlungsgehilfe“, eine „derartige Krämerseele“ genannt wird, die aus dem „Tempel der Wissenschaft“ entfernt werden müsse, und wenn endlich behauptet wird, Ruge und Bakunin hätten über Marx mit Recht – ohne dass für dieses „Recht“ auch nur die Spur eines tatsächlichen Beweises beigebracht wird – als über einen „ganz gemeinen Kerl“ und „unverschämten Juden“ gesprochen, so war und bin ich berechtigt, solche Rede eine Schmährede zu nennen.

Über die Frage, welche Sätze Fichtes seine Denkweise am treffendsten kennzeichnen, will ich mit Herrn Professor Lasson nicht streiten, da wir uns darüber doch nicht einigen würden. Es versteht sich, dass ich für meine Auffassung kein größeres Recht beanspruche, als ich seiner Auffassung zubillige; ich denke tolerant genug, das Recht zu achten, womit die Philosophische Gesellschaft das Andenken Fichtes in ihrer Weise ehrt, und ich würde in ihre Bemühungen um ein Denkmal Fichtes als unbeteiligter Dritter gewiss nicht darein geredet haben, wenn die Philosophische Gesellschaft ihre Korrespondenz mit dem Reichskanzler Grafen Bülow in denselben privaten Grenzen gehalten hätte, wie ihre Korrespondenz mit den „tausend anderen Männern von Namen und Bedeutung“, auf die sich Herr Professor Lasson bezieht. Recht und Pflicht der öffentlichen Kritik begann in dem Augenblick, wo die Philosophische Gesellschaft den an sie gerichteten Brief des Reichskanzlers der Öffentlichkeit übergab, mit dem nunmehr von Herrn Professor Lasson wiederholten Anspruch, dass Alle, die Fichtes Andenken hochhielten, sich durch die warme und herzliche Zustimmung des Grafen Bülow zu ganz besonderem Danke verpflichtet fühlen sollten. Ich bin mir bewusst, das Andenken Fichtes so hoch zu halten, wie Herr Professor Lasson; eben deshalb aber sehe ich nur eine dem Andenken Fichtes zugefügte Kränkung darin, wenn ein Minister, dessen politische Taten in unversöhnlichem Widerspruch zu dem „Demokratismus“ stehen, zu dem Fichte sich allezeit bekannt hat, ganz besonders dankbar begrüßt werden soll für die warmen und herzlichen Worte, die er für das geplante Denkmal Fichtes übrig hat.

Sobald dieser Anspruch öffentlich erhoben wurde, erwuchs auch Recht wie Pflicht, öffentlich auf den eben angedeuteten Widerspruch hinzuweisen, das heißt natürlich: Recht und Pflicht für Diejenigen, die Fichtes Andenken dadurch am würdigsten zu ehren meinen, dass sie seine antifeudalen, antiklerikalen und antimonarchischen Grundsätze in den Massen der deutschen Nation verbreiten.

F. Mehring.


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