Franz Mehring: Krach über Krach

[Die Neue Zeit, X. Jahrgang 1890-91, I. Band, Nr. 8, S. 225-230]

f Berlin, 11. November 1891

Es kracht immer noch weiter. Wer in diesem Herbste eine Chronik der bürgerlichen Gesellschaft von Berlin schreiben will, der muss wohl oder übel eine chronique scandaleuse schreiben. Die Villen des Tiergartens legen Wert darauf, pünktlichst und in jedem Betrachte zu beweisen, dass sie zur heutigen Ordnung der Dinge ebenso organisch gehören, wie die Verbrecherkeller der Veteranenstraße. In den zierlichsten Schmuckkästchen unseres städtischen Parkes hausten die Bankiers, die eben wegen schmählichen Betruges in die Untersuchungshaft abgeführt worden sind oder die sich selbst aus dieser Welt expediert haben.

Der letzte Sonntag war ein böser Tag für die „oberen Zehntausend“ von Berlin. Es lastete auf ihnen wie die unheimliche Ahnung des jüngsten Gerichts. Erst der Krach des „superfeinen“ Bankhauses Hirschfeld & Wolff, dann der Krach des „nicht feinen“ Hauses Friedländer & Sommerfeld, dort die Verhaftung eines Mannes, dem nach sechzig Jahren lukullischer Verschwendung noch ein Lebensabend in den Mauern des Zuchthauses lebenswert erscheint, hier der Doppelselbstmord zweier Brüder, und. zu alledem die Aussicht, das die neue Woche einen Sturm auf sämtliche Bankhäuser bringen und sie dutzendweise über den Haufen stürzen würde – was wunder, dass selbst die eisernen Nerven abgehärteter Börsenwölfe erbebten und die kapitalistische Presse alle Fühlhörner einzog. Aber heute nach drei Tagen glauben sie sicher zu sein, dass die Hefe des Kelches noch einmal an ihnen vorübergegangen ist, und in jenem schnellen Wechsel der Stimmung, welche verzweifelten Spielern eigen zu sein pflegt, beginnen sie schon wieder übermütig zu werden. „Das Gewitter hat die Luft gereinigt,“ „die Spekulationswut des Publikums trägt die alleinige Schuld,“ „die Hyänen des Schlachtfeldes schleichen auf dem Kapitalmarkte,“ so klingt es aus den Kapitalistenblättern, und wie lange noch, dann wird Herr Ludwig Bamberger als Hohepriester der Bourgeoisie – die Börse als eine Stätte „echtester Wertschöpfung“ feiern und dies geniale Urteil begründen, wie folgt: „Hier wird der ganze Ernährungsfleiß einer Nation, ihr Arbeiten, sparen, ihr Erzeugen und Aufhäufen im kondensiertesten Extrakt zusammengefasst und umgesetzt, die Lebenswärme einer ganzen Weltbewegung in Brennspiegeln aufgefangen, welche mit ihren heißen Strahlen in der Minute Besitztümer ausbrüten oder zersetzen. Ohne dies Abstraktions- und Extraktionsvermögen der finanziellen Denkbewegung, ohne das Saug- und Druckwerk der Geldmärkte, wäre der rasche Kreislauf der heute verbrauchten Kapitalmassen gar nicht durchführbar. Nun rechne man noch dazu, dass es zum unentbehrlichen Beruf des Geldmarktes gehört, auch künftigen Wert in gegenwärtigen, Furcht und Hoffnung in Geld umzusetzen, ohne welche der Umschlag und die Schöpfungskraft nur langsam vorankämen – rechne man das alles zusammen, und man wird leicht verstehen, dass das Räderwerk dieser gigantischen Arbeitsstätte nicht auf und nieder gehen kann, ohne auch an den Schicksalen der Einzelnen seine Wunderkraft zu bewähren, seine zerstörende so gut wie seine schöpferische.“ So sang Herr Bamberger nach dem großen Krache der siebziger Jahre, und so wird er – was gilt die Wette? – wieder singen, wenn sich demnächst aus bürgerlichen Kreisen etwelches Gewinner der Unglücklichen erheben sollte, deren Knochen durch die „Wunderkraft“ der „gigantischen Arbeitsstätte“ zermalmt worden sind.

Und wenn es mit dem finanziellen Krache abgetan wäre! Aber in seinen unheimlichen Pausen kracht es noch viel unheimlicher in der Moral, Politik, Poesie der bürgerlichen Gesellschaft. In ihrer anfänglichen Verlegenheit suchte die kapitalistische Presse die Aufmerksamkeit eines verehrlichen Publikums von den schmachvollen Bankbrüchen abzulenken, indem sie einen formidablen Angriff auf die hiesige Polizei unternahm. Dieselben Blätter, welche niemals auch nur mit einer Wimper gezuckt haben, wenn Hunderte von Arbeiterexistenzen durch die Ausweisungen des Sozialistengesetzes vernichtet wurden, traten mit den Gebärden eines Marquis Posa vor dei Polizeipräsidenten von Richthofen. Ah, und weshalb? Nun, die Schutzleute hatten bei der Enthüllung des Begasbrunnens den Schlossplatz so dicht abgesperrt, dass das „echt freisinnige, aber auch echt patriotische Bürgertum“ nicht als Hurrah-Kanaille hatte hinaufgelangen können. Man kennt die Geschichte des Schlossbrunnens; er steht da als ein Denkmal des Bürgerstolzes vor Königsthronen, als ein Denkmal, dass die „Edelsten und Besten“ des erwähnten Bürgertums einen nach ihrer Wange gezielten Schlag nur mit untertänigst geknicktem Rückgrate zu parieren wagten. Und zu der Enthüllung dieses Denkmals nicht einmal einen patriotischen Schrei der Begeisterung ausstoßen zu dürfen! Gegen solche „Misshandlung,“ solche „polizeiliche Unterdrückung“ setzt sich unser Bürgertum denn doch noch resolut zur Wehre.

Einen Trost aber hat es in allem Leide: es hat wieder einmal die Sozialdemokratie „vernichtet.“ Und zwar durch die Hand des Herrn Eugen Richter. Die bürgerlichen Blätter entflammen vor Begeisterung über die „sozialdemokratischen Zukunftsbilder“ dieses kapitalistischen Klopffechters. Die Einen nennen sie ein Meisterwerk der Poesie, die Anderen ein Meisterwerk der Politik, aber darin sind die Einen wie die Anderen einig, dass die Schrift ein Meisterwerk ist. Sie rühmen den „kernigen Humor,“ das „tiefe Gemüt“ des Verfassers. Sogar die „Kölnische Zeitung“ und die „National-Zeitung,“ zwischen denen. und Herrn Richter sonst das freundliche Verhältnis von Hund und Katze besteht, stimmen mit ein. Diese „vornehmen“ Organe tadeln zwar die kleinkrämerische Reklame, die der Dichter in seinem Schriftchen für sein Persönchen macht, aber sonst preisen sie die „sozialdemokratischen Zukunftsbilder“ als den reinen Sozialistentod. Herr Richter aber verzeichnet diese Lobsprüche wohlgefällig in seiner „Freisinnigen Zeitung.“ Es ist der stolz der „nicht feinen“ Firma Friedländer & Sommerfeld darauf, dass die „superfeine“ Firma Hirschfeld & Wolff ihre Wechsel diskontiert.

Der „kernige Humor“ und das „tiefe Gemüt“ sind natürlich nur im pickwickischen oder vielmehr im bürgerlichen Sinne zu verstehen. Oder noch genauer: nur im deutsch-bürgerlichen Sinne. In dem bürgerlichen England gab es auch einmal einen genialen Humoristen, der, wie Herr Richter, das Los der Nähterinnen in der heutigen Gesellschaft besang. Er hieß Thomas Hood, und jeder Leser der „Neuen Zeit“ kennt sein Lied vom Hemde in Freiligraths meisterhafter Übersetzung. Aber nach Herm Richter ist Thomas Hood ein abscheulicher Demagoge. Der deutsche Dichter schildert eine Nähterin Agnes, die ein „Kapitälchen“ von mehr als 2000 Mark durch ihrer Hände Arbeit erworben und auf der Sparkasse angelegt hat. Das ist auch etwa nicht in Folge besonderer Glücksfälle geschehen, sondern Agnes hat einfach den heute landesüblichen Lohn erhalten; ihre „Freundinnen“ verdienen ebenso viel: nur das sie ihren Lohn „für eigenen Putz, für Ausflüge und Vergnügungen“ vergeuden, während Agnes ihn als weibliches Ideal des Herrn Richter natürlich auf die Sparkasse bringt. Mit dieser wahrheitsgetreuen Schilderung vergleiche man nun einmal die aufreizende Darstellung Hoods:

Schaffen – Schaffen – Schaffen!

Und der Lohn? Ein Wasserhumpen,

Eine Kruste Brot, ein Bett von Stroh,

Dort das morsche Dach – und Lumpen!

Ein alter Tisch, ein zerbrochener Stuhl,

sonst Nichts auf Gottes Welt!

Eine Wand so bar – ’s ist ein Trost sogar,

Wenn mein Schatten nur drauf fällt!

O, draußen nur zu sein, wo Viol‘ und Primel sprießen –

Den Himmel über mir. Und das Gras zu meinen Füßen!

Ach ja, nur eine Frist,

Wie kurz auch – nicht zur Freude!

Nein auszuweinen mich einmal

so recht in meinem Leide.

Wer hat nun Recht, Hood oder Richter? Man schlage die amtlichen Untersuchungen über den Lohn der Frauenarbeit nach, und man wird finden, wer – doch bleiben wir höflich! Bei alledem ist Agnes noch „etwas jung“ zum Heiraten, sagen wir also 17 oder 18 Jahre; heiratete sie zehn Jahre später, so hätte sie nicht nur ein „Kapitälchen,“ sondern schon ein „Kapital,“ nach welchem nicht nur Friedländer & Sommerfeld, sondern selbst schon Hirschfeld & Wolff alle zehn Finger geschleckt haben würden. Und bliebe sie gar unverehelicht, so kann man nur mit Schwindeln daran denken, welchen Reichtum sie sich bis zu ihrem siebzigsten Lebensjahre zusammengenäht haben würde. Alle diese glänzenden Aussichten werden leider dadurch zerstört, das der Zukunftsstaat in Folge einer siegreichen Revolution der Arbeiter gegründet wird und dass er es sein Erstes sein lässt, das „Kapitälchen“ von Agnes zu konfiszieren. Als das resolute Frauenzimmer, welches sie ist, brennt sie aber mit ihrem Schatze, obgleich die Grenzen von der Polizei des Zukunftsstaates so dicht besetzt sind, als wollte der Zar sie bereisen, nach Amerika durch. In den Vereinigten Staaten nämlich, wo nie ein Bismarck die Sozialdemokratie „gemacht“ hat, ist nach Herrn Richters poetischen Träumen der Zukunftsstaat für ewig unmöglich. Hier arbeitet Agnes in einem Putzgeschäft und ihr Verdienst – man denke! – hebt sich noch „außerordentlich,“ da der deutsche Sozialstaat keinen Flitterstaat produzieren lässt und somit die deutsche Konkurrenz in Putzwaren für Amerika leistungsunfähig geworden ist. Wir scheiden also von dieser lieblichen Jungfrau, welcher der Dichter den zartesten Schmelz seiner Seele eingehaucht hat, mit dem beruhigenden Bewusstsein, das sie Dank ihrer treuen Anhänglichkeit an den Kapitalismus auf dem besten Wege ist, Millionärin zu werden.

Soweit über den „kernigen Humor“ der „sozialdemokratischen Zukunftsbilder;“ nun aber noch etwas über ihr „tiefes Gemüt.“ Besagte Agnes hat nämlich einen Schwieger-Großvater, der bei seiner verheirateten Tochter in einem „molligen“ Großvaterstuhl seine beschaulichen Tage verbringt. Kommt der Zukunftsstaat, rafft erst den „molligen““ Stuhl an sich und steckt dann dessen würdigen Inhaber in eine Altersversorgungsanstalt, die in Schloss Bellevue eingerichtet wird. Aus Gram hierüber verfällt der alte Herr unheilbarem Stumpfsinn, den der Dichter ergreifend schildert. Dieser Großvater hat seinerseits ein Enkeltöchterchen Annie, welche sich Nachts die Decke vom Bette zu strampeln pflegt. Der Zukunftsstaat nimmt in seiner rohen Gleichmacherei auf diese berechtigte Eigentümlichkeit des Kindes keine Rücksicht und steckt es in eine Kleinkinderbewahranstalt. Nun hat das Unheil seinen Gang. Das Kind strampelt sich Nächtens die Decke vom Bette, wird nicht wieder zugedeckt, erkältet sich und stirbt an der Bräune. Der Schmerz um den Verlust des Kindes macht nun die Mutter Paula wahnsinnig; sie hält sich für die Mörderin, weil sie sich in Bebels „Frau“ verlesen und die sozialdemokratischen Anschauungen in der Familie verfochten hat. Also ganz wie es in Platens „Verhängnisvoller Gabel“ lautet:

Und die Elster fiel in Wahnsinn, weil sie all dies angestiftet.

Überhaupt sind die Schicksalsdichter, welche Platen verewigt hat, die Vorbilder des Poeten Richter, und Platen hat auch wohl vorahnend die bürgerlichen Klassen von heute gesehen, als er von einem Publikum sang.

Das auf seinen Schaugerüsten einen Löwen hofft zu schaun.

Aber fast nur schäb’ge Kater schleichen sieht und hört miaun.

Doch genug von dem Poeten Richter und nun noch ein kurzes Wort über den Politiker! Unter den Feinden der Arbeiterklasse ist Herr Eugen Richter von jeher – in diesem Falle muss leider die Höflichkeit der Wahrheit weichen – der schofelste gewesen. Die Führer aller anderen Parteien, die Konservativen Rodbertus und Wagener, die Nationalliberalen Bennigsen und Miquel, die Ultramontanen Jörg und Hitze usw. haben sich doch jeweilig, so gut oder so schlecht sie es konnten, mit der Arbeiterbewegung sachlich auseinanderzusetzen gesucht, Herr Eugen Richter aber nie. schon in seinem ersten Pamphlet gegen dieselbe, der 1865 erschienenen „Geschichte der sozialdemokratischen Partei in Deutschland seit dem Tode Lassalles,“ beginnt er im ersten Kapitel mit einem hämischen Grinsen darüber, das die Leiche Lassalles „ohne jede Feierlichkeit auf einem Plan- und Kaluderwagen auf den Kirchhof gebracht und im Beisein. mehrerer Polizeibeamten begraben“ sei und schließt er das letzte Kapitel, indem er einem „Arbeiter“ folgende Kritik von Lassalles Produktivassoziationen in den Mund legt? „Also kriegt jeder der 500.000 Arbeiter, welche sich die künftigen Minister Schweitzer etc. aussuchen, dermaleinst von den 100 Millionen Talern 200 Taler gegen Zinsen gepumpt, mit denen er in der Produktiv-Genossenschaft unter Polizeiaufsicht zu arbeiten hat. Und das ist die schöne Staatshilfe, durch welche die Arbeiter glücklich werden sollen? Weiter nichts? Danke schön.“ Nach genau demselben Rezepte: persönliche Gehässigkeiten und sachliche Verdrehungen, selbst da, wo wie bei Lassalles Produktivassoziationen, sogar seinen Geisteskräften eine wirksame Polemik möglich war, sind Richters sämtliche Kundgebungen gegen die Sozialdemokratie gearbeitet.

Auch die neueste, eben die „Sozialdemokratischen Zukunftsbilder, “ nur mit dem Unterschiede, das dieselbe nicht an die Adresse der Arbeiter gerichtet ist. Herrn Richters historischer Beruf ist zwar, den handgreiflichen Nachweis zu führen, das man ein kapitalistischer Pfiffikus und doch ein ökonomischer Nichtswisser sein kann, aber zweierlei weiß er immerhin. Erstens, dass er mit seinem kapitalistischen Treiben längst den letzten Arbeiter aus der freisinnigen Partei hinaus gegrault hat, und zweitens, dass er keinem Arbeiter die Behauptung von dem „Kapitälchen“, das schon „etwas junge“ Arbeiterinnen heutzutage ersparen können, in die Hand drücken darf, ohne sie rechts und links um die Ohren geschlagen zu bekommen. Es ist vielmehr der Kleinbürger, den er in den „sozialdemokratischen Zukunftsbildern“ harangiert, und er muss wohl seine Gründe haben, dass er denselben so eindringlich vor der Arbeiterbewegung gräulich zu machen sucht. Die Familie, deren tragischen Untergang im Zukunftsstaate Herr Richter schildert, ist denn auch mit ihrer verhältnismäßig geräumigen Wohnung, ihrem „historischen Kalbsbraten,“ wie der Dichter sich ausdrückt, einem „schönen saftigen Kalbsbraten mit Backpflaumen,“ ihren „molligen Großvaterstühlen“, ihren „Kapitälchen“ usw. eine kleinbürgerliche Familie. Besonders schlagend zeigt das Schlusstableau der Schrift ihre kleinbürgerliche Adresse. Deutschland wird von Frankreich und Russland mit Krieg überzogen und nun heißt es: „In Deutschland ist an ausgebildeten Mannschaften, Gewehren, Pulver und Blei kein Mangel. Alles dies ist von dem früheren Regimente reichlich hinterlassen worden. Aber leider mangelt es in Folge des Rückgangs der Produktion und in Folge der Aufzehrung der Vorräte auf den Eisenbahnen an Kohlen für die Militärtransporte, während die Festungen und Feldintendanturen über Mangel an Fleisch, Mehl und Hafer für den Unterhalt der Truppen klagen.“ Man sieht: Herr Eugen Richter hat hier die Briefe des „früheren Regiments“ gefunden. Genau mit demselben Humbug, der Wehrlosmachung Deutschlands gegenüber Frankreich und Russland, bekämpfte Bismarck in den Faschingswahlen von 1887 die Opposition. Und da Herr Richter aus eigener schmerzlicher Erfahrung weiß, dass die kleinbürgerlichen Wähler vor diesem Humbug scharenweise ausrissen, während ihn die Arbeiter einfach verlachten, so ist leicht zu erkennen, auf wen er es mit seiner famosen Kopie Bismärckischer Wahlkünste abgesehen hat.

Aber trotzdem oder vielmehr: deshalb erst recht erweist er sich auch in dieser Schrift als derjenige Feind der Arbeiterklasse, als welcher er schon bezeichnet worden ist. In dramatisch bewegter Weise schildert er, wie die Arbeiterinnen ihren „Reichskanzler“ mit „Kot und allerlei Unrat“ bewerfen, weil sich derselbe die Stiefeln nicht selbst putzt, sondert aus Mangel an Zeit von einem Anderen putzen lässt. Dieser „Stiefelwichsfrage“ sind beiläufig drei Kapitel gewidmet. Die männlichen Arbeiter sind nun gar nach der liebevollen Schilderung des Herrin Richter bodenlose Faulenzer, grüngelbe Neidhammel und Idioten, wie sie nicht einmal unter den Wilden Australiens zu finden sein dürften; sie schlagen selbst noch den achtstündigen Arbeitstag tot, vertrinken die Zeit, verwüsten Gerätschaften und Material, kurzum verschulden jenen „Rückgang der Produktion,“ der zum Bankrott und zur Wehrlosigkeit des Zukunftsstaates führt. Fast auf jeder Seite bekundet Herr Richter seine liebenswürdige Überzeugung, dass die deutschen Arbeiter nur dann nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind, wenn sie durch die Peitsche des Kapitals zu gesetzlich unbeschränktem Scharwerken angetrieben werden. Das sollten die Arbeiter nun aber auch in feinem Gedächtnis haben, wenn bei den nächsten Reichstagsstichwahlen Herr Richter und seinesgleichen ihnen um den Bart gehen, auf dass die freisinnige Partei in einer größeren Zahl von Mitgliedern, als eine Droschke bequem fassen kann, in den Reichstag zurück hinke, Krach über Krach, und einen literarisch-politischen Krache, wie ihn die „sozialdemokratischen Zukunftsbilder“ darstellen, sollte der parlamentarische Krach auf dem Fuße folgen.


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