Clara Zetkin: Emma Ihrer †

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 21. Jahrgang Nr. 8, 16. Januar 1911, S. 113 f.]

Kurz ehe dass diese Nummer in Druck geht, trifft uns eine tief schmerzliche Kunde: Genossin Emma Ihrer ist am 9. Januar aus unseren Reihen gerissen worden. Wohl wussten wir, dass seit langen Wochen ein tückisches, gefahrdrohendes Leiden an ihrer Kraft zehrte, aber trotzdem hatten wir nach der vor wenigen Tagen erhaltenen Nachricht gehofft, dass der starke, arbeitsfrohe Lebenswille dieser Unermüdlichen wie so manches Mal schon den Feind zwingen werde. Wir hofften es, weil wir es wünschten aus dem Bewusstsein heraus, wie nötig und wertvoll Genossin Ihrers Wirken für die proletarische Frauenbewegung in ihrer Gesamtheit sei, welch reiche Förderung diese noch von der erprobten Vorkämpferin zu erwarten habe. Nun ist alles Wünschen und Hoffen zu Ende, der Tod hält seine Beute, Emma Ihrer ist nicht mehr.

Mit der schmerzlichsten Bewegung schreiben wir diese Worte nieder, die ebenso der langjährigen Freundin gilt wie der rastlosen Kampfgenossin, der glänzenden Agitatorin und Organisatorin, der anregenden Beraterin unserer Frauenbewegung und einer ihrer verdienstvollsten Begründerinnen.

In der Tat würde man Genossin Ihrers Bedeutung bei weitem nicht gerecht werden, wollte man sie lediglich nach dem beurteilen – so viel es auch ist –, was von ihrem Wirken in den Jahren nach außen getreten ist, wo die proletarische Frauenbewegung immer straffer zusammengefasst, immer einheitlicher der gesamten politischen und gewerkschaftlichen Organisation des Proletariats eingegliedert von Fortschritt zu Fortschritt eilt. Den richtigen Maßstab dafür gibt nur die genaue Kenntnis der Geschichte unserer Bewegung, die in ihrem Werden und Wachsen aufs Innigste mit Genossin Ihrers Tätigkeit verbunden ist. Wegweisend, aufbauend begegnen wir ihr schon an der Schwelle der Versuche, die proletarischen Frauen zum Bewusstsein der sie belastenden sozialen Doppelsklaverei zu erwecken und als Mitstreiterinnen im Befreiungskampf ihrer Klasse zu sammeln und zu erziehen. An der Schwelle der Versuche, das besagt unter allen den Schwierigkeiten, mit denen die Anfänge sozialer Strömungen fast allgemein zu kämpfen haben, unter Schwierigkeiten, die in diesem Falle noch durch die Härten des Sozialistengesetzes verzehnfacht und verhundertfacht wurden, das altersgraue Vorurteil gegen den Lebensinhalt, die Betätigung des weiblichen Geschlechts nicht zu vergessen. Während Genossin Ihrer mit unvergleichlicher Tatkraft und Opferwilligkeit bemüht war, die Proletarierinnen zu erwecken und zum Kampfe gegen die kapitalistische Ordnung zu führen, fiel ihr nur zu oft noch dieses Vorurteil hindernd in den Arm. Obgleich sich die sozialistische Arbeiterbewegung von ihrem Ursprung an in der Theorie zu voller Gleichberechtigung der Geschlechter bekannte, so setzte sich doch – erklärlich genug – nicht bloß innerhalb der proletarischen Massen, sondern auch in ihrer kämpfenden Vorhut die Praxis des Grundsatzes nur allmählich und nicht ohne Reibungen durch.

Wir behalten uns eine eingehende Darstellung des inhaltsreichen Lebenswerks unserer Genossin in jenen ersten Entwicklungsstadien der proletarischen Frauenbewegung und später noch vor. In dieser Stunde und im Rahmen dieser Zeilen lässt es sich auch nicht einmal unvollständig andeuten. Denn wir wüssten keine Art des Frauenelends, für das Emma Ihrer nicht mit scharfem Blick und mitfühlendem Herzen Linderung durch soziale Reformen geheischt hätte, kein dem weiblichen Geschlecht zugefügtes soziales Unrecht, dem sie nicht im Namen der Gerechtigkeit kämpfend entgegengetreten wäre. So gibt es auch kein Gebiet innerhalb der einen großen klassenbewussten Arbeiterbewegung, dem sie nicht in freudiger und kluger Arbeit ihre Kraft gewidmet hätte.

Genossin Ihrer zählte zu den allerersten, welche die Tragweite der gemeinsamen gewerkschaftlichen Organisierung und Schulung der Arbeiterschaft aller Berufe ohne Unterschied des Geschlechts erkannte. Wenn die deutschen Gewerkschaften rasch und konsequent darangegangen sind, die Arbeiterinnen als gleichberechtigte und gleich verpflichtete Mitglieder aufzunehmen, so ist das nicht zum Geringsten dem ganz persönlichen Verdienst der unablässigen Aufklärungsarbeit unserer Genossin unter den Arbeiterinnen wie in den Organisationen zu danken. Zahllose fruchtbare Anregungen sind von ihr ausgegangen, die Werbekraft der Gewerkschaften auf das weibliche Proletariat zu steigern, die Mitarbeit der weiblichen Mitglieder zu erleichtern und zu verliefen, die neugewonnenen Anhängerinnen aus zahlenden zu verstehenden, tätigen Gewerkschafterinnen zu erziehen. Die Gründung des Arbeiterinnensekretariats der Gewerkschaften, die Einrichtung gewerkschaftlicher Unterrichtskurse für Frauen und vieles andere noch darf in großem Umfange als ihr Werk angesprochen werden.

Gleicherweise hat sie von Ansang an beratend, agitierend, sammelnd das Ihrige zur Entwicklung der politischen Organisationen der Proletarierinnen beigetragen. Von den Frauenvereinen unter dem Sozialistengesetz abgesehen, die sie, von den Behörden gehetzt und bestraft, heute zusammenbrechen sah, um sie morgen mit zäher Energie und frischem Mute von neuem aufzubauen, half sie zuerst das System der Vertrauenspersonen schaffen und durchführen, dann unter gewandelten Verhältnissen die Genossinnen organisatorisch der Partei eingliedern, aber auch jederzeit ihre Rechte als gleich Verpflichtete wahren. Mit dem Frauenbüro entstand eine von ihr wieder und wieder dringlich gewünschte Institution. Schon auf dem Parteitag zu Halle vertrat sie eifrig und mit Erfolg die Auffassung, dass ein eigenes Organ für die Aufklärung und Schulung der proletarischen Frauen gegründet werden müsse. Sie war die Begründerin und Herausgeberin der ersten sozialdemokratischen Frauenzeitung in Deutschland: „Die Arbeiterin“ – „Die Staatsbürgerin“ von Frau Guillaume-Schack konnte sich unter dem Ausnahmegesetz nicht offen als solche geben –, und hat dieses treffliche Agitationsblatt unter großen persönlichen Opfern geleitet, bis es durch die „Gleichheit“ abgelöst wurde.

Die Entwicklung der Frauenbildungsvereine, die Vorläufer unserer heutigen Lese- und Diskussionsabende, ist in tatkräftigster Weise von Genossin Ihrers Wirken beeinflusst worden; nicht wenige dieser Organisationen wurden dank ihrer Initiative gegründet und waren stets der Aufmunterung und des Rats von ihrer Seite sicher. Der genossenschaftlichen Bewegung hat sie von Anfang an verständnisvolle Sympathie und Förderung zugewendet. Sie hat eifrigen Anteil genommen an den Bestrebungen, die sozialistischen Frauen der verschiedenen Länder in enge und regelmäßige Verbindung miteinander zu bringen, die internationalen Frauenkonferenzen immer mehr diesem Ziele und damit dem proletarischen Befreiungskampf dienstbar zu machen.

Kurz, welch Blatt auch immer aus der Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung wir aufschlagen: es meldet in unverwischbaren Zügen von Emma Ihrers hingebungsvoller Tätigkeit. Ihre glänzende praktische Begabung befähigte unsere Genossin, die Lösung der verschiedensten Aufgaben zu fördern, mit klarem Blick das praktisch Zweckmäßige zu erfassen, mit geduldiger Hartnäckigkeit an seiner Durchführung zu arbeiten. Idealer Sinn aber im Bunde mit der sozialistischen Erkenntnis ließ diese Vorzüge im Dienste dieser höchsten Menschheitsziele wirksam werden. Unter den hervorragend tätigen Genossinnen in der Partei, vor allem aber in den Gewerkschaften, sind nicht wenige, die wir als ihre Schülerinnen betrachten dürfen, und unter den Führenden unserer Frauenbewegung ist keine einzige, die ihr nicht über das Grab hinaus für Anregung und freundlichen Rat verpflichtet wäre. Wer zählt die Proletarierinnen und Proletarier, die Genossin Ihrer als nimmer rastende Evangelistin des Sozialismus zu einem höheren Leben erweckt, die sie in der Nacht und Not ihrer proletarischen Existenz mit Trost, glühender Zukunftsfreude und leidenschaftlicher Kampfbegier erfüllt hat? Ihre echte, ungekünstelte Beredsamkeit, die nicht nachahmte, nicht blenden, vielmehr überzeugen wollte, erwärmte die Herzen und erleuchtete die Köpfe. So war sie in ihrer Wirkung unwiderstehlich.

Die unversöhnliche Hasserin jedes Vorurteils, die rücksichtslose Verfechterin der vollen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, die unerschrockene Kämpferin gegen alle knechtenden und büttelnden Gewalten war ein grundgütiges Weib, eine durch und durch mütterliche Natur. Das Leben hat Emma Ihrer seine Bitternisse wahrlich nicht erspart, sie haben den Reichtum ihres Empfindens nicht verdorren machen. Mit offenem Herz und offener Hand ging sie unbeirrt durch Enttäuschungen ihre Straße, sie vernahm die kaum gemurmelten Seufzer seelischer Ängste und sah die heimlich geweinten Tränen der stillen leiblichen Not. Und sie half, half, wo immer ein Leid ihre Wege kreuzte, und oft weit über ihre Kräfte hinaus. Aus der Tiefe ihres mitfühlenden Herzens war ihr als junger Frau die starke Kraft gekommen, den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Knechtschaft in jeder Gestalt aufzunehmen und dabei keine Gefahr zu fürchten, kein Opfer zu scheuen. Eifriges Studium hat dann die gefühlsmäßig erfasste sozialistische Erkenntnis vertieft und befestigt, heilige Herzenssache ist ihr jedoch der Dienst ihres Ideals jederzeit geblieben.

So steht sie in unserer Erinnerung, ein schönes Beispiel, dass die Frau in aufopfernder Weise die höchsten Bürgertugenden betätigen und in dem sozialen Schlachtgetümmel dieser eisengepanzerten Zeit ganz Kämpferin sein kann, ohne aufzuhören Weib zu sein. So hält unverlöschliche Dankbarkeit sie uns lebendig im Gedenken alles dessen, was sie uns gewesen ist, was sie der Frauenbewegung, der um Brot und Freiheit ringenden Arbeiterklasse gegeben hat: eine Führerin, die mehr als Gefolgschaft, die Nachahmung verdient. Das kämpfende Proletariat hat denen, die in der Zeiten Sturmgebraus seine siegreichen Fahnen voraus tragen, seine Ehren und seine Liebe zu schenken. Es schuldet Emma Ihrer beides über den Augenblick hinaus, wo im ewigen Wechselspiel des natürlichen Seins die Welle sie verschlingt, die sie einst hob. Der stolze gesellschaftliche Bau, in dem eine befreite Menschheit wohnen wird, ist ein Denkmal, dauernder als Erz, das auch Emma Ihrers Wirken kündet.


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