Franz Mehring: Geschichts-Wissenschaftliches

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 28, S. 33-37]

f Berlin, 1. April 1896

Professor Karl Lamprecht in Leipzig, der bekannte Historiker, hat kürzlich ein Schriftchen über „Alte und neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft“ (Berlin, Hermann Heyfelder) veröffentlicht, das wir mit lebhaftem Interesse zur Hand nahmen. Der etwas anspruchsvolle Titel ließ uns hoffen, dass Lamprecht seine „wirtschaftshistorische Richtung“ mit Kraft und Nachdruck vertreten werde, nach rechts wie nach links, sowohl gegen die verschiedenen Arten ideologischer Geschichtsschreibung als auch gegen die materialistische Geschichtsauffassung. Die Erwartung, die man nach dem Erscheinen der ersten Bände von Lamprechts „Deutscher Geschichte“ hegen konnte, dass er sich nämlich dem historischen Materialismus nähere, sind mit den späteren Bänden mehr und mehr herab gestimmt worden: nicht zum Vorteil des Werkes, wenn auch gewiss nach der sachlichen Überzeugung des Verfassers. Um so mehr glaubten wir, in einer von ihm veröffentlichten Abhandlung über historische Auffassung und historische Methode einige klare Auseinandersetzungen zu finden, welche die Diskussion historischer Probleme zu fördern geeignet sein würden.

Diese Erwartung hat sich nun aber in keiner Weise erfüllt, und es mag wenige Leser von Lamprechts Schriftchen geben, die es nicht enttäuscht aus der Hand legen werden. Weder nach rechts noch nach links zieht Lamprecht frisch vom Leder: nach rechts sagt er sehr höflich beinahe ein Pater peccavi und nach links sagt er nicht unhöflich ein non liquet. Er operiert sehr viel mit seiner evolutionistischen, kausalen, positivistischen Weltanschauung, mit Begriffen, die schließlich mit demselben Rechte oder demselben Unrechte auf alle möglichen historischen Methoden angewandt werden können, abgesehen von der theologischen Geschichtsauffassung, welche die Geschicke der Menschheit vom Finger Gottes leiten lässt. In der Tat ist es nur Rankes Geflunker von dem „göttlichen Geheimnis der Geschichte, gegen das Lamprecht mit einiger Entschiedenheit ins Feld zieht. Indessen Rankes Standpunkt ist doch viel zu überholt, als dass seine Bekämpfung heute noch eine besonderes Interesse erregen könnte, Ranke sah in den „Ideen“ die wirklichen Triebkräfte der Geschichte, dagegen. in der Welt der sozialen und wirtschaftlichen Bewegung, der Massenbewegung überhaupt nur die Welt des „Scheins“, in dem sich die „Ideen“ auswirken. Gegen diese Ideenlehre und diese Theorie vom Scheine kehrt sich Lamprecht mit ziemlicher Deutlichkeit; er nennt sie ein „metaphysisch-mystisches System der Idealphilosophie“, was eigentlich noch zu schmeichelhaft ist. Denn Ranke war durchaus kein Metaphysiker und Mystiker und Idealphilosoph, sondern ein sehr nüchterner und schwungloser Kopf, der sich im Aktenstaube am wohlsten fühlte und die Weltgeschichte von dem nichts weniger als erhabenen Standpunkt der jeweilig herrschenden Klassen aus betrachtete; seine „objektiven Ideen“, „höheren Potenzen“, „großen Kombinationen“, „angeborenen Kräfte der Elemente“ marschieren regelmäßig wie Falstaffische Rekruten auf, wenn er die Region der gemeinen Motive verdecken will, in denen sich das König- und Papstspielen tatsächlich vollzieht. Eine Polemik gegen Rankes „Spiritualismus“ stößt heute offene Türen ein.

Um so entschiedener lehnt Lamprecht den Vorwurf des „Materialismus“ ab, von sich und überhaupt von den „Leuten der stark positivistischen Weltanschauung, die zugleich die Evolutionisten“ sind. Es ist wahr, diese Leute beschäftigen sich viel mit sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen, aber man höre nur, wie Lamprecht auf mildernde Umstände plädiert! Er schreibt: „Es ist eine in der Geschichte tausendfach wiederholte und an sich in jedem Betracht natürliche Erfahrung, dass intensivere Betrachtungsweisen, die neu auftreten und innerhalb deren sich bekanntlich jeder geistige Fortschritt überhaupt vollzieht, zuerst für ihre Anwendung die leichtesten Objekte aussuchen. Sie scheinen also bei ihrem ersten Auftreten, auf den ersten Blick gesehen, die vorhandenen Probleme zu verflachen, ja in den Staub zu ziehen. Man gestatte ein Beispiel aus der neuesten Kunstgeschichte. Die Malerei in freiem Lichte, die ästhetische Auffassung der Außenwelt als einer lichtumflossenen, ist zweifelsohne ein wesentlicher Fortschritt in der ästhetischen Beherrschung der Welt. Aber woran wurde die neue Methode zuerst erprobt? Etwa an den inhaltlich höchsten Problemen der Malerei? Man gedenke der Kohlrüben- und Salatblättermalerei, der Darstellung farbloser Innenräume mit holländischen Fenstern! Jetzt freilich sind wir längst der Anfänge einer methodisch impressionistischen, inhaltlich idealistischen Kunst versichert. Aber wie ist inzwischen über den materialistischen Verfall der Kunst gezetert worden! Bedarf es der Anwendung dieser Erfahrungen auf die Geschichtswissenschaft? Die kausale Methode kann nirgends leichter gehandhabt werden, als auf dem Gebiete der sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen. Man lasse ihr diesen Spielraum! Die Zeit wird kommen, wo ihre Vertreter weiter greifen, wo sie ihre Grenzen kennen lernen, wo sie ihrer selbst völlig sicher sein werden und wo sie im Vollgefühl der ihnen verliehenen Schlüsselgewalt auch gewisse Rätsel des, wenn man so will, höherer geistigen Lebens in ihrer Weise zu lösen bestrebt sein werden.“ Soweit Lamprecht.

Wir glauben, dass die Impressionisten mit diesem Vergleiche sehr wenig zufrieden sein werden. Ihnen war und ist es um ein revolutionäres Kunstprinzip zu tun, und auch der Eifer, mit dem sie sich der Vorstellung niedriger und schmutziger Gegenstände zuwandten, war bewusst oder unbewusst ein revolutionärer Protest gegen die bunte und hohle Lüge der Haupt- und Staatsaktionen, der protzenhaften Salons, der sentimental-verlogenen Genrebilder. Wir sprechen natürlich nicht von den Modenarren, die mit dem Impressionismus gespielt haben mögen, sondern von den wirklichen Künstlern dieser Richtung, die Lamprecht ja auch wohl ausschließlich im Auge hat. Aber von denen hat gewiss keiner die Lumpen des Bettlers. zu malen begonnen, um später mit erprobter Technik einem Königshermelin „gewisse Rätsel des höheren geistigen Lebens“ ablauschen zu können. Diese ganze Auffassungsweise ist aller echten Kunst vollkommen fremd, und Heine hat sie schon vor sechzig Jahren mit den Worten verspottet: „Wir wissen ganz genau, dass die späteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender sind als die früheren, ebenso wenig wie ein Weib, je öfter sie gebiert, desto vollkommenere Kinder zur Welt bringt; nein, das erste Kind ist schon ebenso gut wie das zweite – nur das Gebären wird leichter. Die Löwin wirft nicht erst ein Kaninchen, dann ein Häschen, dann ein Hündchen und endlich einen Löwen. Madame Goethe warf gleich ihren jungen Leu, und dieser gab uns beim ersten Wurf seinen Löwen von Berlichingen, Ebenso warf auch Schiller gleich seine Räuber, an deren Tatze man schon die Löwenart erkannte,“ Die Auffassung Lamprechts widerstreitet allem künstlerischen Empfinden, und die Impressionisten werden sich, wie wir glauben, für diese Erläuterung ihres Daseins schön bedanken. Von dem Gezeter über den „materialistischen Verfall der Kunst“ haben sie sich auch schwerlich imponieren lassen. Will man einmal das Wort Materialismus in dem verfälschten Nebensinne nehmen, den die Bourgeoisie aus guten oder vielmehr schlechten Gründen hineinlegt, so wollte die Freilicht-Malweise eben gegen den „materialistischen Verfall“ protestieren, dem die Kunst in einer mammonistischen Gesellschaft unterliegt.

Analog steht es aber auch auf dem wissenschaftlichen Gebiete. Wer eine neue wissenschaftliche Methode gefunden zu haben glaubt, erprobt sie nicht an den „leichtesten“, sondern an den schwersten „Objekten“. Ganz abgesehen davon, dass die Rubrizierung der sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen als „besonders leichter“ Objekte für die „kausale“ oder sonst eine Methode an einem modernen Historiker ganz unbegreiflich ist. Wir müssten uns sehr irren, wenn nicht selbst ein preußischer Hofhistoriker darüber spottete, dass der alte Fritz in seinen sogenannten Geschichtswerken, nachdem er die diplomatischen Gaunereien. und soldatischen Metzeleien seiner Kriege haarklein erzählt hat, über die „sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen“ der Friedensjahre mit dem Bemerken hinweggleitet, diese Dinge zu erzählen entspräche nicht der Würde der Historie, Jedenfalls hat jeder Fortschritt der Geschichtsschreibung seit mehr als hundert Jahren, seit Montesquieu und Voltaire, Herder und Winkelmann den vernünftigen Sinn gehabt, dass er sich „gewissen Rätseln des höheren geistigen Lebens“ mehr ab- und den „sozialen und wirtschaftlichen Erscheinungen“ mehr zugewandt hat. Wie nun gar Lamprecht, der doch treffliche Leistungen auf dem Gebiete der „wirtschaftshistorischen Richtung“ aufzuweisen vermag, dazu kommt, die „älteren historischen Richtungen“ im Supplikantentone um Toleranz gegen „jung empor dringende Richtungen“ anzugehen, das verstehen wir nicht.

Läuft seine Verbeugung nach rechts also fast auf ein Pater peccavi hinaus, so erklärt er nach links: Non liquet. Er schreibt: „Für die deutsche Geschichte glaube ich auf Grund induktiv geführter, mich seit zwei Jahrzehnten beschäftigenden Studien behaupten zu können, dass die Perioden geistiger Entwicklung mit denen der materiellen Entwicklung zusammenfallen und auch dann, wenn die Chronologie nicht völlig übereinstimmt, doch innerlich zusammenhängen. Inwiefern, das habe ich in meiner „Deutschen Geschichte“ ausgeführt. Ob freilich damit ein kausales Verhältnis im Sinne etwa der Folge geistiger Bewegungen aus materiellen oder sonstwie gegeben ist, diese Frage ist noch vielfach offen, kann jedenfalls keineswegs von vornherein generell beantwortet werden, sondern bedarf vor allem der energischsten Nachprüfung in einzelne und der Zerlegung in tiefere noch in ihr enthaltene Fragen.“ Nun verheißt Lamprecht selbst, in seiner „Deutschen Geschichte“ den ernstlichen Versuch zu machen, die gegenseitige Befruchtung materieller und geistiger Entwicklungsmächte innerhalb der deutschen Geschichte klarzulegen, sowie für die Gesamtentfaltung der materiellen wie geistigen Kultur einheitliche Grundlagen und Fortschrittsstufen nachzuweisen. Wie die „kausale Methode“ das fertig bringen soll, ohne sich in jedem Falle über das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis der geistigen und materiellen Entwicklungsmächte klar zu sein, ist uns ein Rätsel. Lamprecht verwahrt sich dagegen, die Existenz und Wirksamkeit von Ideen in der Geschichte überhaupt zu leugnen; die leugnet aber auch der historische Materialismus nicht, obgleich es ihm lächerlicher Weise oft genug nachgeredet worden ist. Die Frage ist nur, ob die Ideen sich in den Dingen verkörpern oder die Dinge sich in den Ideen widerspiegeln, und um die „generelle Beantwortung“ dieser Frage kommt man allerdings nicht herum, wenn man auf dem Gebiete der historischen Wissenschaften vorwärts kommen will.

Lamprecht ist aber ein viel zu einsichtiger und unterrichteter Forscher, als dass er die richtige Erkenntnis, die er in friedlicher Weise zur Vordertür hinauskomplimentiert, nicht doch wieder zur Hintertür hineinkomplimentieren sollte. Ex polemisiert gegen einen „Jung-Rankianer“, einen Kieler Professor der Geschichte, der vor einigen Monaten in den „Preußischen Jahrbüchern“ eine sehr drollige Geschichtsphilosophie entwickelte, u. A. die „Idee der Zentralisation“, der Himmel weiß woher, anmarschieren ließ, um die fürchterlichsten Umwälzungen in der Geschichte anzurichten. Lamprecht sagt nun ganz richtig, dieser tiefe Denker verwechsle Ursache und Wirkung. Wenn eine bestimmte menschliche Energie innerhalb der objektiv gegebenen Möglichkeiten sich geltend mache, so beginne sie an irgend einem Zipfel. „Aber indem sie nun von dem Ergriffenen intuitiv-deduktiv weiter auf das Ganze schließt, wird sie sich der Ausdehnung dieses Ganzen erst bewusst und begrüßt dann dessen Erkenntnis leicht als eigene Schöpfung, objektiviert als „Idee“. Diese Selbsttäuschung tritt um so leichter ein, als die bestehenden und sich stets verändernden Möglichkeiten für die Auswirkung der Energie in vielen Fällen durch menschliches Handeln geschaffen sind, also auch durch menschliches Handeln veränderlich, mithin elastisch sind. Ihre volle Erkenntnis kann mithin in vielen Fällen zu dem wirksamen Entschlusse, sie zu ändern, führen: es können mithin „Ideen“, einmal aus den Dingen entwickelt, sehr wohl zur Veränderung der Handlungsmöglichkeiten führen. Aber diese Wechselwirkung darf den Forscher doch nie und nimmer das ursprüngliche, allem Weiteren zu Grunde liegende Verhältnis verkennen lassen, dass die Idee erst durch Applikation des menschlichen Denkens und Handelns auf die bestehenden Möglichkeiten des Handelns erwächst, dass sie in den großen Zusammen hängen geschichtlicher Entwicklung gegenüber den objektiven Möglichkeiten der Auswirkung der Energie das Posterius ist, nicht das Prius. Tritt gleichwohl diese Verwechslung ein, so entsteht eben die „Idee“ etwas Mystisches, Supranaturales und Irrationelles. Es ist ein Fehler, der allen Ideen denknotwendig anhaftet; die Kritik, welche soeben gegen die eine Idee der Zentralisation geltend gemacht worden ist, trifft mithin alle.“ Lamprecht entwickelt hier in aller Seelenruhe den Kern des historischen Materialismus als seine historische Methode; genau so, wie er darlegt, fasst die materialistische Geschichtsauffassung die Wechselwirkung zwischen der geistigen und der materiellen Entwicklung auf, denn wie gesagt, sie hat diese Wechselwirkung nie geleugnet. Sie sagt nur, man dürfe dabei „nie und nimmer das ursprüngliche, allem Weiteren zu Grunde liegende Verhältnis verkennen“, nämlich, dass sich die „Ideen aus den Dingen entwickeln“. Was Lamprecht wenige Seiten später für unmöglich erklärt, das hat er in seiner Polemik gegen den Kieler Geschichtsprofessor spielend vollbracht: er hat „generell“ die Frage beantwortet, wie „alle Ideen“ in der Geschichte entstehen und wirken.

Für eklektische Spielereien ist der historische Materialismus nicht zu haben, und dem, der ihm nur den kleinen Finger reichen will, zerquetscht er gleich die ganze Hand.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert