Franz Mehring: Das päpstliche Motu proprio

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 42, S. 537-540]

f Berlin, 15. Juli 1911

Unter den reisigen Kämpfern für die „protestantische Geistesfreiheit“, die der Pfarrer Jatho glorreich vertritt, stand und steht das „Berliner Tageblatt“ in erster Reihe. Herr Theodor Wolff, Neffe des Hauses Mosse und oberster Leiter des Weltblatts, spielt sich als zweiter Luther auf, um das Werk zu vollenden, das die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts begonnen hat, Herablassend und vernichtend zugleich erklärte er – als im „Vorwärts“ und an dieser Stelle der Jatho-Lärm ein wenig näher beleuchtet wurde –, radikalen Sozialdemokraten seien die tiefen Geheimnisse der evangelischen Religion nun einmal verschlossen.

Das ist sicherlich sehr schmerzlich für diese Sozialdemokraten, zumal für diejenigen von ihnen, die ihr evangelisches Glaubensbekenntnis längst abgelegt hatten, ehe noch das Messer geschliffen war, das Herr Theodor Wolff in die Gemeinschaft seiner „Konfession“ einführte. Indessen das Alter kann ja von der Jugend lernen, und wir lauschten begierig Herrn Theodor Wolffs ferneren Offenbarungen über „evangelische Gewissensfreiheit“ und ähnliche köstliche Dinge, als wir in der gestrigen Nummer des „Berliner Tageblatts“ den teuren Mann plötzlich das Banner Pius X. schwenken sahen. Allerdings gibt er zu, dass der gegenwärtige Papst sich bisher noch nicht um den Beifall der Jerusalemer Straße beworben habe, was sicherlich schwer zu tadeln ist, aber, so meint Herr Theodor Wolff, Pius X. ist ein Mann der Praxis; selbst aus engen Verhältnissen hervorgegangen, kennt er die wirtschaftlichen Schmerzen und Bedürfnisse der breiten Masse des Volkes vielleicht besser als sein sehr aristokratischer und sehr diplomatischer Vorgänger Leo XI, und aus der Rücksicht auf das Gedeihen der Massen hat er sich zu einer Vereinfachung des christlichen Kalenders entschlossen. Nach der Rechnung des „Berliner Tageblatts“, die wir dieser hohen Autorität für alle Angelegenheiten der christlichen Kirchen aufs Wort glauben, hat der Papst von den etwa zwölf katholischen Wochenfeiertagen, die noch bestehen, etwa die Hälfte gestrichen, indem er ihre Feier auf die nächstfolgenden Sonntage verlegt hat.

Nun ist das Motu proprio des Papstes vom 2. Juli, wodurch das Kirchengesetz über die religiösen Feste abgeändert wird, unzweifelhaft ein merkwürdiges Dokument, das unter mehr als einem Gesichtspunkt interessiert. Der Vatikan hat in dem Kampfe um die katholischen Feiertage seit den vier Jahrhunderten, die dieser Kampf währt, eine solche Zähigkeit bewiesen, dass man auf den ersten Blick einigermaßen verwundert ist, wenn er die letzten Schanzen nun nahezu räumt. Denn wenn er noch einige kirchliche Wochenfeiertage übrig behält, so darf man nicht übersehen, dass die protestantische Kirche deren auch einige für sich hat, wie den Karfreitag und den Bußtag, und Herr Theodor Wolff plädiert denn auch dafür, dass beide christlichen Kirchen sich über ihre Feiertage einigen sollen. Wie glücklich, sagt er mit bewegten Worten, ist die Nation, die sich in der Feier eines Tages zusammenfindet, statt dass die einzelnen Konfessionen für sich Feste begehen, an denen der übrige Teil des Volkes keinen Anteil hat! In seinem schönen christlichen Eifer vergisst er ganz die Existenz einer „Konfession“, die er sonst sogar zur Blüte der Nation zu rechnen pflegt; wir erfahren. mit keinem Worte, ob diese „Konfession“ ihre besonderen Feste ebenfalls auf vom Altar des Vaterlandes zu opfern bereit ist.

Wie das Motu proprio des Papstes selbst, so muss auch die Offenheit einigermaßen verwundern, womit es begründet wird. Der Krieg um die kirchlichen Feiertage wurde sonst offiziell unter religiösen Formen geführt, obgleich er wie alle, und greifbarer als die meisten religiösen Kämpfe, einen rein ökonomischen: Ursprung. hatte. Das „Berliner Tageblatt“ weiß uns zwar zu erzählen, die „normalen Menschen“ hätten sich gegen die übermäßige Zahl der katholischen Kirchenfeste im Ausgang des Mittelalters erhoben, weil ihnen das ewige Festefeiern auf die Nerven gefallen sei; allein die „normalen Menschen“ waren – was für Herrn Theodor Wolff ja dasselbe sein mag – die Träger der beginnenden kapitalistischen Produktionsweise. Im Mittelalter war man noch des naiven Glaubens, dass der Mensch arbeitet, um zu leben, und der mittelalterliche Mensch hatte überhaupt keine Nerven, auf die ihm die Lust am Leben fallen konnte. Erst als die kapitalistische Produktionsweise den preiswürdigen Grundsatz aufbrachte, dass der Mensch lebe, um zu arbeiten, kam jene echt protestantische und echt sauertöpfische Heuchelei empor, dass der „normale Mensch“ vom frühen Morgen bis in die späte Nacht scharwerken müsse, wenn er sich einen rechten Gotteslohn verdienen wolle. Es ist charakteristisch, dass je bürgerlich entwickelter die Elemente waren, die hinter den verschiedenen Reformationen standen, um so gründlicher mit den kirchlichen Feiertagen aufgeräumt wurde; die Calvinisten wurden mit ihnen weit früher fertig. als die Lutheraner.

Tatsächlich wurde jedoch der Kampf um die Kirchenfeste in religiösen Formen geführt, es sei denn dass die protestantischen Demagogen dem Proletariat vorspiegelten, es solle durch die vermehrte Arbeitslast auf einen grünen Zweig gebracht werden, oder katholische Demagogen ihm nicht ganz uneben sagten, es sei auf seine ärgere Ausschröpfung abgesehen, wenn ihm die Muße der Kirchenfeste geraubt würde. Pius R, wirft nun aber die religiöse Hülle fort; er stimmt in den Chorus der protestantischen Demagogen von ehedem ein und tut das, was die katholischen Demagogen von ehedem nicht genug brandmarken konnten. Er sagt in seinem Motu proprio, dass die veränderten Bedingungen der menschlichen Gesellschaft es ratsam erscheinen ließen, die Kirchenfeste zu vermindern, weil. der vermehrte Handel und der beschleunigte Gang der Geschäfte durch die Häufigkeit der Feste geschädigt würden; zudem zwinge die Verteuerung des Lebens die Arbeiter, ihre Arbeit nicht zu häufig zu unterbrechen.

Was die römische Kurie zu dieser bisher ungewohnten Offenheit veranlasst hat, muss einstweilen dahingestellt bleiben. Die neueste Nachricht, dass sich im italienischen Klerus eine lebhafte Opposition gegen das päpstliche Motu proprio zu regen beginne, scheint dafür zu sprechen, dass es selbst kirchliche Kreise überrascht hat. Indessen was sich darüber immer noch herausstellen mag, die eine Tatsache steht heute schon fest, dass die Verkürzung der kirchlichen Feiertage ein Geschenk des Vatikans an das Kapital ist, und die zweite Tatsache lässt sich ebenso wenig aus der Welt schaffen, dass die Jatho-Presse, die angeblich auf Tod und Leben mit der kirchlichen Unduldsamkeit kämpft, den Sabul senkt, sobald der Vatikan, der Herd aller kirchlichen Unduldsamkeit, sich geneigt zeigt, durch kleine Geschenke die Freundschaft des Kapitals zu erhalten oder zu gewinnen. Ja, diese Gesellschaft wird, sobald nur das kleinste Profitchen winkt, sofort päpstlicher als der Papst. Während das päpstliche Motu proprio in erster Reihe die Bedürfnisse der kapitalistischen Produktionsweise im Allgemeinen als Motiv für die Verkürzung der Kirchenfeste geltend macht, und im Besonderen nur so nebenbei und gewissermaßen schamhaft – denn vermutlich war seinen Verfassern dieser Schwindel schon gar zu abgehaust – das Interesse der Arbeiterklasse ins Spiel bringt, hält sich das „Berliner Tageblatt“ in erster Reihe oder sogar allein an die angebliche soziale Wohltat, die der Papst, ein Kind armer Leute, mit seinem Motu proprio den armen Leuten erweisen wolle. Es wäre rührend bis zum Weinen, wenn es nur nicht etwas ganz anders wäre!

Die armen Leute haben von der Streichung einiger Kirchenfeste keinen anderen Vorteil als den höchst absonderlichen, dass ihnen einige Tage im Jahre verloren gehen, an dem sie sich ein wenig von dem ewigen Schuften im kapitalistischen Joche erholen konnten. Für sie bedeutet das päpstliche Motu proprio nichts anderes, als dass eine der wenigen Schranken niedergerissen wird, die sie noch ein wenig vor der kapitalistischen Ausbeutung schützen. Die Behauptung, dass die Arbeiterklasse um so besser gedeihe, je reichlichere Gelegenheit ihr zum „Verdienen“ gegeben werde, gehört zwar zu den ältesten Ladenhütern kapitalistischer Demagogie, wird eben deshalb aber mit jeder Wiederholung nur noch schäbiger, und es ist, wie wir schon andeuteten, immerhin anerkennenswert, dass die römische Kurie sie nicht an die Spitze ihrer Weisheit stellt. Freilich, wenn man nach der einen Seite gerecht ist, muss man. auch nach der anderen Seite billig sein: in seiner Art ist es auch anerkennenswert, dass sich das „Berliner Tageblatt“ an den ehrwürdigsten Traditionen des Freisinns nicht versündigen mag.

Genau so wie heute der Papst die Arbeit an einigen kirchlichen Feiertagen frei gibt, wollte Bismarck in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Sonntagsarbeit überhaupt frei gelassen wissen, als deren Einschränkung durch parlamentarische Anträge, auch der Zentrumspartei, verlangt wurde. Er sagte: es wäre ruchlos, die Arbeiter zu hindern, wenn sie durch Arbeit am Sonntag mehr „verdienen“ und also ihre Lage verbessern wollen. In gleicher Weise bekämpfte Bismarck die Einschränkung der Kinderarbeit. Vor dieser Weisheit entsetzten sich selbst die bürgerlichen Parteien, mit der einzigen Ausnahme des wackeren Freisinns, der bis dahin „unentwegt“ gegen Bismarck gekämpft hatte, nun aber durch seinen Führer Eugen Richter erklären ließ: Ja, wenn Durchlaucht so meinen, dann sind wir ja ein Herz und eine Seele, während der Freisinnige Baumbach, ein besonderer Intimus des „Berliner Tageblatt“, hinzufügte, die Kinder der armen Leute sollten sich nur ein Beispiel an den Hohenzollern nehmen, die alle, ohne zu murren, ein Handwerk erlernen müssten.

Man mag nun sagen, dass unter dem Gesichtspunkt der Arbeiterinteressen das päpstliche Motu proprio keine allzu große Bedeutung habe; die paar Kirchenfeste, die gestrichen seien, hätten doch nur noch eine schwache Schranke gegen die kapitalistische Ausbeutung und auch nur für einen Teil der deutschen Arbeiterklasse gebildet. Darüber wollen wir nicht lange streiten; auf jeden Fall aber lohnt es sich sehr, der Arbeiterklasse das anmutige Bild zu zeigen: hier der Heilige Vater, der mitten in der hitzigsten Verfolgung der Modernisten dem frivolen Kapital ein paar uralte Kirchenfeste zuwirft, um Freundschaft mit ihm zu halten auf Kosten des Proletariats, dort jene erlesenste Schar des Kapitalismus, die den Herrn Jatho auf ihren Schilden rettend flüchtet, aber auf den päpstlichen Ruf alsbald umkehrt mit dem ehrerbietigen Gruß: Heil dem Heiland der armen Leute.


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