Franz Mehring: Aus dem literarischen Nachlass von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle

Eine Selbstanzeige von Franz Mehring

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 50, S. 753-756]

Eine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Schriften, die Marx und Engels hinterlassen haben, wäre eine so wünschenswerte Sache, wie sie für absehbare Zeit eine unmögliche Sache ist. Für Jeden, der nur ein wenig mit der Natur solcher Aufgaben vertraut ist, leuchtet von selbst ein, dass noch eine Reihe von Vorarbeiten geleistet werden muss, um das massenhafte Material zu beherrschen und zu gestalten, aus dem eine solche Gesamtausgabe erbaut werden müsste. Sie wird weder das Werk eines Einzelnen sein, noch kann sie von Mehreren binnen kurzer Frist hergestellt werden.

Was aber heute schon möglich ist, und deshalb nicht länger verschoben werden sollte, ist die Herrichtung der Bausteine für den großen Bau. Es gilt namentlich die drei breiten Lücken auszufüllen, die sofort Jeder empfindet, der das Lebenswerk von Marx und Engels zum Gegenstand eines eingehenden Studiums macht: die Sammlung ihrer Schriften aus der ersten Periode ihres Wirkens, also für die Zeit von 1841 bis 1850, dann eine wissenschaftlichen Forderungen entsprechende Bearbeitung der Geschichte und der Literatur der Internationalen, und endlich die Herausgabe des vierten Bandes des Kapitals, Sind diese drei Aufgaben gelöst, so ist das literarische Lebenswerk von Marx und Engels wenigstens im Rohbau aufgeführt und eine Grundlage gegeben, worauf weiter gearbeitet werden kann. Die zeitlich erste jener Aufgaben habe ich in drei Bänden zu lösen gesucht, von denen der erste eben erschienen ist, der zweite Mitte Februar und der dritte Mitte April nächsten Jahres erscheinen sollen. Der erste Band umfasst die Doktordissertation von Marx, einen Aufsatz von ihm aus Ruges Anekdotis und eine Reihe von Aufsätzen aus der Rheinischen Zeitung, endlich was Marx und Engels in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlicht haben. Der zweite Band wird einen Aufsatz von Marx aus dem Pariser Vorwärts, dann die Streitschrift von Marx und Engels gegen Bruno Bauer und Konsorten, endlich aber Dasjenige enthalten, was Beide in den Organen des deutschen Sozialismus publiziert haben, dem Deutschen Bürgerbuche, den Rheinischen Jahrbüchern, dem Westfälischen Dampfboot, der Deutschen Brüsseler Zeitung. Endlich der dritte Band wird die Aufsätze von Marx und Engels aus der Neuen Rheinischen Zeitung und ihrer Revue wieder zugänglich machen. Damit ist dann das urkundliche Material beisammen über die erste Periode der öffentlichen Wirksamkeit, die Marx und Engels entfaltet haben.

Nach dieser kurzen Skizzierung dessen, was die drei Bände enthalten, noch ein Wort über das, was sie nicht enthalten. Aus äußeren und inneren Gründen, die zu sehr auf der Hand liegen, als dass sie besonders entwickelt zu werden brauchten, sind die Schriften beider Männer fortgelassen worden, die sich noch im Buchhandel befinden und zum Teil sehr weit verbreitet sind, wie namentlich das Kommunistische Manifest, die Streitschrift gegen Proudhon, die Schrift über die Lage der englischen Arbeiter. Auch aus ihrem handschriftlichen Nachlass ist nur die Doktordissertation von Marx aufgenommen worden, die ein zu helles Licht auf seine Anfänge wirft, als dass sie übergangen werden durfte; sonst habe ich mich auf die Kundgebungen beschränken zu sollen geglaubt, mit denen Marx und Engels tatsächlich in die historische Entwicklung der vierziger Jahre eingegriffen haben. Ihr handschriftlicher Nachlass aus dieser Zeit ist mir zwar nicht vollständig bekannt, aber was ich davon kenne, bildet doch nur eine Ergänzung und eine nicht eben bedeutsame Ergänzung zu ihren Veröffentlichungen. Was sie damals zu sagen gehabt haben, das haben sie im Wesentlichen öffentlich gesagt; was sie freiwillig oder gezwungen in ihren Schreibtischen zurückbehalten haben, gehört zweifellos in eine Gesamtausgabe ihrer Schriften oder in eine besondere Publikation, aber nicht in die vorliegende Sammlung, und zwar um so weniger, als in ihr auch aus unabweisbarer Notwendigkeit unter den tatsächlich veröffentlichten Arbeiten der beiden Männer eine Auswahl getroffen werden musste.

Für den Herausgeber ist diese Ausscheidung natürlich der dornigste Teil seiner Tätigkeit, und hätte es irgend eine Möglichkeit gegeben, sich ihr zu entziehen, so hätte ich sie sicherlich mit tausend Freuden benutzt, Aber es gab keine solche Möglichkeit, wenn der Zweck der ganzen Sammlung nicht gefährdet werden sollte, wenn ihre drei schon recht umfangreichen Bände nicht zu deren fünf oder sechs anschwellen sollten, in denen sich der wertvollste Stoff mit immerhin auch minder wertvollem gemischt hätte. Marx und Engels haben in den vierziger Jahren ununterbrochen einen publizistischen Krieg geführt, und es ist die leidigste, aber auch unvermeidlichste Pflicht des Publizisten, sich zu wiederholen. Sie haben um ihrer großen Ziele willen mit sehr kleinen Leuten um sehr kleine Fragen streiten müssen, ohne dass diese kleinen Leute und diese kleinen Fragen vom heutigen Leser vergegenständlicht werden könnten, es sei denn mit einem unbilligen Aufwand an Raum und Zeit. Sie sind als Mitarbeiter und Redakteure an zwei großen Tageszeitungen tätig gewesen, so dass manchmal schwer zu entscheiden ist, was sie verfasst haben und was nicht, und manchmal noch schwerer, was sie selbst gedacht ober nur für den Druck überarbeitet, verbessert, zurecht gestutzt haben. Bei dem Urteil über das, was aufzunehmen oder wegzulassen war, wird eine gewisse Subjektivität nicht auszuscheiden sein, und so habe im in jedem einzelnen Falle meine Entscheidung zu begründen gesucht, um der Kritik die nötige Kontrolle zu ermöglichen. Ich sehe ihrer Prüfung mit einiger Ruhe entgegen und hoffe . auch, bei Gegnern die Anerkennung zu finden, dass ich ohne jede Tendenz aufgenommen und ausgelassen habe: versteht sich, bei Gegnern, denen es um die Sache zu tun ist, denn Außerordentliche, wie Georg Adler oder Werner Sombart und dergleichen kleine Kläffer mehr, hat Unsereins ja immer auf den Fersen.

Meine positive Tätigkeit als Herausgeber habe ich nicht in irgend welcher kleinlichen Wort- oder Sachkrämerei suchen zu sollen geglaubt; der „philologische Apparat“, womit die bürgerlichen Klassiker von ihren Herausgebern misshandelt werden, ist immer das sicherste Anzeichen dafür, dass die also misshandelten Autoren aus dem geistigen Leben ihrer Zeit ausgeschieden sind, oder vielmehr umgekehrt, dass sich das geistige Leben der Zeit von den also misshandelten Autoren verirrt hat, die es eben durch diese Misshandlung für seine eigenen Sünden büßen lässt. Je schnöder die bürgerliche Klasse die Ideale eines Goethe, Schiller, Lessing verraten hat und verrät, um so „textkritischer“ bastelt sie mit dem Rotstift an dem Wortlaut ihrer Werke herum, während die Arbeiterklasse Goethes Faust oder Schillers Tell oder Lessings Nathan noch aus dem ersten besten, unkritisch überlieferten Drucke zu genießen weiß. Ich habe mich nun zwar bemüht, einen genauen und sicheren Text herzustellen, aber wie auf das eine, so auch auf das andere Extrem verzichtet; die frühesten Schriften von Marx und Engels sind noch heute lebendig genug, um ihre Sache selbst mit zwingender Beredsamkeit zu führen.

Wessen der heutige Leser allein bedarf, um diese glänzenden Offenbarungen menschlichen Geistes zu verstehen, das ist die Kenntnis der Zeit und der Zeitumstände, worin sie entstanden sind. Ihm diese Kenntnis zu vermitteln, habe ich für meine hauptsächliche Tätigkeit als Herausgeber gehalten, und hierbei habe ich selbst nicht geglaubt, vor einiger Ausführlichkeit zurückschrecken zu sollen. Gerade die geistigen Strömungen der vierziger Jahre, aus denen die damaligen Schriften von Marx und Engels hervorgegangen sind, werden von der heutigen

bürgerlichen Geschichtsschreibung in der schnödesten Weise vernachlässigt, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Tendenz, und vielleicht wirklich mehr aus der geistigen Unfähigkeit des patriotischen Klüngels, die Geistesarbeit von Männern, wie Hegel, Ruge, Bruno Bauer, Ludwig Feuerbach, zu verstehen, als aus der böswilligen Absicht, die Quellen des modernen wissenschaftlichen Kommunismus zu verschütten. Ich musste deshalb überall, noch eindringlicher und gründlicher, als ich schon für meine Parteigeschichte getan hatte, auf das historische Leben der vierziger Jahre zurückgehen und es in allen seinen geistigen Verästelungen studieren, um es dem heutigen Leser wieder lebendig zu machen. Die Arbeit war hinreichend mühevoll, und es wäre viel leichter gewesen, den „philologischen“ und „textkritischen Apparat“ spielen zu lassen, aber um so viel mühevoller sie war, um so mehr glaub‘ ich, mir mit ihr den Dank des Lesers verdient zu haben.

Auf solche Weise wird die vorliegende Sammlung denn auch für die vierziger Jahre zur sichersten urkundlichen Grundlage sowohl für die Entstehung des modernen wissenschaftlichen Kommunismus in diesem Jahrzehnt, als auch für die Biographien seiner klassischen Vorkämpfer, In beider Beziehung schließen sich ihr für die fünfziger Jahre die Briefe Ferdinand Lassalles an Marx und Engels an, die Mitte November erscheinen werden und sonst mit ihr natürlich in keinem inneren Zusammenhang stehen. Alle die braven Bürgersleute, die in Lassalle den interessanten Romanhelden sehen, werden von diesen Briefen vermutlich etwas enttäuscht sein, dagegen werden sich die Erwartungen derer übertroffen finden, denen es um eine erschöpfende Erkenntnis des Menschen und des Politikers Lassalle zu tun ist. Für den Menschen wie für den Politiker sind diese Briefe eine glänzende Ehrenrettung, selbst wenn sie alle bürgerlichen Bewunderer Lassalles in alle vier Winde zerstreuen sollten, und gerade weil sie dieses tun werden. Sie schlagen das törichte Universitätsgeschwätz von dem „guten“ und „nationalen“ Lassalle, im Gegensatz zu dem „bösen“ und „internationalen“ Marx, einfach mit Keulen tot, und wer nicht endgültig auf den roten Adler vierter Güte oder auf eine ordentliche oder außerordentliche Professur verzichten will, wird alles patriotische Krebsen mit dem großen Namen Lassalles einstellen müssen.

Doch dies wäre das Wenigste. Wichtiger ist, dass die Briefe Lassalles an Marx und Engels endlich das entscheidende und letzte Wort sprechen, über das historisch-psychologische Verhältnis, worin Lassalle zu seinem Lehrer Marx gestanden hat. Ohne jeden Zweifel ist Marx von Beiden der größere und objektivere Geist gewesen, aber gleichwohl hat Lassalle seinen unsterblichen Namen dadurch gewonnen, dass er in einem entscheidenden Augenblick die gegebene Lage der Dinge richtiger und tiefer aufzufassen verstanden hat als Marx. Es ist von höchsten Interesse, in den Briefen Lassalles, die vom Februar 1849 bis in den Sommer 1862 reichen, die Meinungsverschiedenheiten zu verfolgen, die sich zwischen Beiden entwickeln, Meinungsverschiedenheiten, die, wenn sie zwischen diesen starken Charakteren auch wohl zu starken Worten führen, doch eben in dem großen Zusammenhang der historischen Entwicklung selbst wurzeln, Das historische Bild beider Männer gewinnt durch diese Briefe, das Bild Lassalles unmittelbar, indem er sich hier ganz in seiner ehrlichen, geraden, offenen, durch und durch liebenswürdigen Weise gibt, ohne das Brimborium und den Tamtam, womit er wohl seine bürgerlichen Korrespondenten und Korrespondentinnen zu necken liebte, das Bild von Marx mittelbar, indem diese Briefe zeigen, einen wie aufrichtigen und tiefen Respekt Marx einem sonst so selbstbewussten Manne, wie Lassalle war, einzuflößen wusste, ohne es seinerseits irgend darauf abzusehen. Es ist überflüssig, ausdrücklich hervorzuheben, wie sehr die Briefe Lassalles an Marx gewinnen würden, wenn sie durch die Briefe von Marx an Lassalle ergänzt werden könnten, doch fürchte ich, dass jede Hoffnung hierauf aufgegeben werden muss. Bekanntlich hat Lassalle testamentarisch seine Briefschaften der Gräfin Hatzfeldt vermacht, deren Erbe wiederum ihr Sohn Graf Hatzfeldt ist, der ehemalige Zögling Lassalles und gegenwärtige Botschafter des Deutschen Reiches in London. Eine Anfrage, die Eleanor Marx wegen der Briefe ihres Vaters, die sich in dem Nachlass Lassalles befunden haben mögen, an diesen hochgestellten Würdenträger gerichtet hat, ist unbeantwortet geblieben, und ich brauche nicht erst zu sagen, dass ich diesen Weg nicht zum zweiten Male betreten habe. So gerechtfertigt ein solcher Versuch das erste Mal ist, so überflüssig wird er das zweite Mal.

Um so dankbarer erkenne ich an, mit wie reichhaltigem dokumentarischem Material Frau Laura Lafargue die Herausgabe dieser vier Bände unterstützt hat; wenn ich meiner Aufgabe halbwegs genügt haben sollte, so verdanke ich es in erster Reihe ihrem mich ehrenden Vertrauen. Nicht minder spreche ich auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank dafür aus, dass Bebel und Bernstein, als die literarischen Erben von Engels, dessen Schriften aus den vierziger Jahren in diese Sammlung aufzunehmen gestattet haben. Ich schließe mit der Hoffnung, dass die vier Bände Einiges dazu beitragen werden, das Leben der großen Denker und Kämpfer, von denen sie handeln, in ein klareres Licht zu stellen und einen Teil von jener Schuld der Dankbarkeit abzutragen, die ganz erst von späteren Geschlechtern eingelöst werden kann, aber auch eingelöst werden wird.


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