[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 9, 29. April 1896, S. 65 f.]
Im Kranze jung-grüner Blätter und erster Blüten, von Lenzessonnengold umflutet und neuen Menschheitshoffnungen getragen naht die Maifeier, das Fest des Proletariats, Losgelöst von alten, trügerischen Hoffnungen, welche die Elenden zwar nicht zu Schanden werden ließen, sie aber auch nicht zu befreien vermochten, hat die Arbeiterklasse das Maifest sich gesetzt zum Zeichen ihrer sittlichen Wiedergeburt, zum Zeichen ihres Willens, ihrer Kraft, den alten, morschen Kapitalistenstaat jung zu hämmern in die sozialistische Gesellschaft. Die als Gegenwartssklaven kummerbelastet und darbend fronden, wollen zu freudig schaffenden, edel und glücklich genießenden Zukunftsfreien werden. Die, deren Menschentum Ausbeutung und Not tagtäglich ans Kreuz schlagen, sind entschlossen, für Alles, was Menschenantlitz trägt, ein Dasein zu erkämpfen im belebenden, herrliche Blüten entfaltenden Sonnenschein einer höheren, allgemeinen Kultur.
Soweit des Kapitals Herrscherarm reicht, „warmes Menschenlehen verschleißt“, fühlender Menschen Würde erbarmungslos den Staub stampft, allüberall, wo emsige Arbeit seufzend entbehrt und müheloser Reichtum prachernd schwelgt, manifestiert das Proletariat am 1. Mai für seine Gegenwartsforderungen und seine letzten Ziele. Nicht Sprache oder bunt getünchte Grenzpfähle, nicht Gebirge oder Meere und noch weniger Beruf oder Geschlecht vermögen Die zu trennen, die dank der geschichtlichen Entwicklung in der Not der Klasse zusammengeschweißt sind als Leidende und Kämpfende des Heute, als Sieger des Morgen. Eine klare Erkenntnis, einen festen, eisernen Willen stellt das Proletariat aller Länder der alten Welt kühn entgegen.
Es will den gesetzlichen Achtstundentag und einen durchgreifenden Arbeiterschutz für Alle, die dem Kapital zins- und tributpflichtig roboten. Es fordert damit nichts als eine bescheidene Abschlagszahlung auf die Schuld des Ausbeutertums, und die ist wahrlich groß genug. Sie türmt sich empor in Gestalt von Scharen abgerackerter, ausgemergelter, versorgter Männer; welker, abgehärmter Frauen; blut- und kraftleerer, kränklicher Kinder von oft greisenhaftem Aussehen. Von ihr erzählt die hohe Krankheits- und Mortalitätsziffer in einzelnen Berufen; der erschreckende Umfang der Kindersterblichkeit im Proletariat; das nicht minder furchtbare Anschwellen der Zahl der verwahrlosten Kleinen, die in Zwangserziehung genommen werden müssen, der jugendlichen Verbrecher in den großen Städten. Ganze Generationen der Arbeiterklasse wurden schon dem kapitalistischen Profit geopfert, weitesten Kreisen droht Verkommen, und zwar nicht bloß in körperlicher, auch in geistiger und sittlicher Hinsicht. Das schrankenlos ausbeutende Kapital legt Beschlag auf jede Minute Zeit, jedes Atom Muskel- und Nervenkraft des Proletariers. Es degradiert den Menschen zur „Hand“, die mechanisch, stumpfsinnig, in ewigem Einerlei gewisse Griffe ausführt; es verwandelt den lebendigen Menschen in Anhängsel der toten Maschine. Jugend raubt es ihm und Bildung, Natur- und Kunstgenuss; sein Familienleben zerreißt es, schmiedet die Frau an die Maschine und zwingt das Kind, fröhliches Spiel mit trauriger Erwerbsarbeit zu tauschen. Dem Leben des Proletariers als Bürger, als Klassenkämpfer legt es dreifache Ketten an.
Mit dem Achtstundentag und einem durchgreifenden Arbeiterschutz verlangt der Proletarier ein dürftiges Stück Menschentum und Menschenfreiheit zurück. Acht Stunden sind genug der Fron! erklärt er dem Kapital. Ich will mit meiner Gesundheit und Lebenskraft sparen. Ich will meinen Blick erweitern und schärfen, meine Kenntnisse bereichern, meine Pflichten erkennen und tun lernen. Ich will mich an meiner Familie freuen und ihr Freude geben. Ich will mit meinen Klassengenossen raten und kämpfen. Denn ich weiß, dass mir eine hohe geschichtliche Aufgabe zugefallen ist. Ich bin berufen, mein eigener Heiland zu sein, das Joch zu zertrümmern, das die Arbeit unter das Joch des Kapitals Herrschaft beugt, eine neue Gesellschaftsordnung zusammenzufügen. Ich bedarf der Kraft, der körperlichen und geistig-sittlichen, der Frische und der unbeugsamen Willensstärke, der hoffnungsfreudigen, opfermutigen Begeisterung wie der klaren, kühlen Erkenntnis, um Befreiung zu erkämpfen. Und nicht als Sklave, welcher die Kette bricht, darf mich der weltgeschichtliche Augenblick finden, wo mein die Macht ist, zu zerschmettern und zu bauen. In stolzer Menschlichkeit ich ihm entgegengehen.
Ich will den Frieden! Rings starrt die Welt in Wehr und Waffen. Scharfsinn und Geschicklichkeit, Mittel und Kräfte werden vergeudet der Ausklügelung und Herstellung vervollkommneter Mordwerkzeuge, dem Bau von Kasernen, der Errichtung von Schieß- und Manöverplätzen. Hunderttausende junger Leute verzetteln ihre Kraft dem Paradedrill, warten den Befehl, über andere Leute anderen Uniformen herzufallen oder – „auf Vater und Mutter zu schießen“, dafern es dem Kriegsherrn beliebt. Zermalmend lastet die Gut- und Blutsteuer auf dem werktätigen Volk, und dringliche Kulturaufgaben bleiben ungelöst. In Feindseligkeit stehen sich die verschiedenstaatlichen Kapitalistenklassen und ihre Regierungen gegenüber, suchen einander auf dem Markte die fetteste Beute streitig zu machen, streben sich wechselseitig um Macht und Gewinn zu prellen. Wo List nicht hilft, da soll Gewalt helfen. Zäsarenwahnsinn und Unternehmerraffgier vermögen über Nacht die Kriegsfurie zu entfesseln und in rasendem Taumel über die Lande zu hetzen.
Das Volk der Arbeit aber fühlt sich brüderlich verbunden durch ein Leiden, eine Hoffnung, einen Kampf, ein Ziel, wo immer es auf dem Erdball als die Nation der Armen der Nation der Reichen der Gesellschaft gegenübersteht. Es will den Weltfrieden und deshalb stürmt es rebellenkühn die Welt der Nochmächtigen an. Es hasst, denn es dürstet zu lieben, es kämpft, weil es friedensbedürftig und friedenssehnsüchtig ist. Die große Lehrmeisterin Geschichte aber deutet beredt den Kampf von Klasse zu Klasse als den einzigen Weg, der der Befreiung des Proletariats zum Weltfrieden führt. So ist die Solidarität der Arbeiter aller Länder die beste Bürgschaft für den zeitweiligen Frieden zwischen den Völkern der Gegenwart, so ist ihr Befreiungskampf die Vorfrucht der Menschheitsverbrüderung.
Aber über die Gegenwartsforderungen hinweg und von diesen selbst gelenkt richtet sich der Blick des am Mai manifestierenden Proletariats fest auf sein hehres Endziel. Es will seine Ketten nicht bloß lockern, es will sie sprengen und abschleudern; es will der Kultur nicht bloß Wege bahnen, es will sich der Kultur und sie genießen. Nicht Milderung der Sklavenherrschaft ist es ja, was das Proletariat anstrebt, vielmehr endgültige Beseitigung derselben. Am 1. Mai zählen sich die Scharen Derer, denen das proletarische Klassenelend den stumpfen Trübsinn trotzigen Kampfesmut wandelte, die siegesfroh die Hand nach der Zukunft ausstrecken Sie zählen sich, und mag es noch so ruhig und friedlich geschehen: die Tagesgewaltigen zittern. Millionenköpfig, vielsprachig erklären die Männer und Frauen der Arbeit ihren unerschütterlichen Willen, dem klar erkannten Ziel auf sicher vorgezeichneten Wegen zuzustreben; und die bürgerliche Gesellschaft lässt ihren ganzen Hass gegen die „Frevelmütigen“ überschäumen, sie bietet ihre Machtmittel auf, um den Verwegenen zu wehren. Die Ausbeuter und ihr Staat, sie fürchten die Maifeier und darum ihr Hass sie.
Denn die Maifeier ist nicht ein Fest wie irgend anderes. Sie ist und bleibt ihrem ganzen innersten Wesen nach eine revolutionäre Kundgebung gegen den Willen der bürgerlichen Welt und deren Bestand, sie ist ein wuchtiger Kampfesschlag, dem das flammende Zeichen des proletarischen Befreiungsringens voran leuchtet, und den die Fanfaren des Klassenstreits aus dem Lager der Arbeit und dem Lager des Kapitals umschmettert. Den deutschen Proletariermassen, so weit sie noch nicht wissend sind, führen die Gegner im heurigen Jahre die revolutionäre Bedeutung der Maifeier besonders sinnenfällig zum Bewusstsein. In einer Zeit, wo die waghalsigste Rabulistenlogik durch spitzfindige Ausdeutelung des gemeinen Rechts ein Ausnahmegesetz gegen die „begehrliche“ Masse ersetzt; wo das Wort das Rechtsleben beherrscht: „Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe“ ; wo die Reaktion voll frechen Frevelmuts wie in Sachsen verbrieftes Recht „umstürzt“ und die politische Entmündigung der Massen durch eine Revolution von oben allenthalben predigt; in Tagen des wirtschaftlichen Aufschwungs, wo sich Arbeiter und Arbeiterinnen im gewerkschaftlichen Kampf gegen schmachvolle Ausbeutung bäumen: stürmen die kapitalistischen Gewalten von den Stumm und Kühnemann geführt unter besonders wüstem Hussah und Hurrah zur Hass gegen die Maifeier. Das deutsche Proletariat lässt sich dadurch nicht schrecken, es lässt sich dadurch nicht provozieren. Es tut am 1. Mai seine Pflicht.
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