Clara Zetkin: Zur Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 7, 10 und 12, 26. März, 7. Mai und 4. Juni 1902, S. 49 f., 73 f. und 92-94]

I.

Der vierte Kongress der deutschen Gewerkschaften, welcher Mitte Juni in Stuttgart zusammentritt, wird sich unter Anderem auch mit der Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen beschäftigen. Wir begrüßen das aufrichtig. Nicht nur äußerst wertvoll, sondern dringend notwendig dünkt uns die eingehende Erörterung dieser hochwichtigen Materie. Auf sachkundiger Beherrschung der zu berücksichtigenden tatsächlichen Verhältnisse begründet, sowie auf klarer Erkenntnis des zu erstrebenden Zieles, muss sie in praktisch fruchtbaren Anregungen und Losungen ausklingen.

Gewiss nicht seit heut und gestern sind die deutschen Gewerkschaften von dem Bewusstsein durchdrungen, wie nötig es ist, die Arbeiterinnen der Organisation zuzuführen. Mit Verständnis und Eifer haben sie sich lange schon angelegen sein lassen, ihren Reihen auch die Berufsgenossinnen einzugliedern. Und die Generalkommission der Gewerkschaften insbesondere hat jederzeit verständnisvoll und tatkräftig die Aufgaben in Angriff genommen und gefördert, welche die Entwicklung des modernen Wirtschaftslebens in dieser Hinsicht der Arbeiterklasse stellt. Natürlich aber ist es, dass in letzter Zeit deutlicher und allgemeiner als je die Notwendigkeit empfunden und erkannt wird, die Arbeiterinnen zu aufgeklärten und organisierten Streiterinnen im wirtschaftlichen Klassenkampf des Proletariats zu machen.

Es ist die Krise, welche das Verständnis dafür weckt, schärft und klärt, dass die Eingliederung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaftsorganisation der Berufsgenossen eine Lebensfrage ist für die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung, für den erfolgreichen Kampf um günstigere Arbeitsbedingungen. Wie sie in den Kreisen der Arbeiter das Bewusstsein von der Notwendigkeit des Kampfes für den gesetzlichen Normalarbeitstag, den Achtstundentag belebt und gekräftigt hat, also auch die Erkenntnis, wie bitter not die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen tut. Die Gewerkschaftsblätter, die Diskussionen auf gewerkschaftlichen Konferenzen und in Versammlungen spiegeln das deutlich wider. Mit der Schärfe des elektrischen Scheinwerfers hat die Krise die Tendenz kapitalistischen Wirtschaftsordnung beleuchtet, die billige und willige Arbeiterin an Stelle des höher zu entlohnenden, widerstandslustigeren und widerstandstüchtigeren Arbeiters zu setzen. Das bestätigen mit unanfechtbaren Tatsachen und Ziffern die Berichte der Fabrikinspektoren aus der Zeit der Geschäftsstockung, wie die Erhebungen und Erfahrungen von Gewerkschaften. Die Krise steigerte naturgemäß auf Seiten des Unternehmertums die Anreize zur vorzugsweisen Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte, auf Seiten des Proletariats aber den Zwang zur Erwerbsarbeit der Frauen und Mädchen.

Der zunehmenden Verwendung weiblicher Arbeitskräfte entspricht selbstverständlich ihr wachsender Einfluss auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und damit die steigende Bedeutung ihrer gewerkschaftlichen Organisierung. Wie manche Kürzung des Verdienstes, wie manche andere Unbill noch musste in den letzten Monaten von den Arbeitern geduldig in den Kauf genommen werden, weil der Hinblick auf die indifferenten, unorganisierten Arbeiterinnen jeden Versuch eines Auflehnens gegen das Unternehmerbelieben als aussichtslos erkennen ließ. Je mehr es den Gewerkschaften gelingt, auch die weiblichen Berufstätigen in ihre Reihen zu ziehen, an ihre Fahne zu fesseln, um so besser können sie die von der Krise gestellte Aufgabe lösen: die Errungenschaften zu halten und zu schirmen, welche in den Jahren der günstigen Konjunktur den Unternehmern abgetrotzt worden sind, und damit künftige neue Erfolge vorzubereiten.

Kurz, die Krise hat nicht bloß den Blick für die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen erhellt, sie hat auch diese Notwendigkeit selbst noch zwingender gestaltet. Die Generalkommission der Gewerkschaften hat in kluger Berücksichtigung dieser Sachlage den Zeitpunkt für die Erörterung der Frage mithin sehr günstig gewählt. Dank der angeführten beiden Umstände ist ihr von vornherein ein größeres Interesse, eine gründlichere und umfassendere Behandlung gesichert, als in manch‘ anderen Tagen.

Die materielle Möglichkeit zu einer solchen Behandlung ist damit gegeben, dass die Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen von derjenigen der Agitation im Allgemeinen ausgeschieden worden ist und einen besonderen Punkt der Tagesordnung bildet. Im Rahmen einer allgemeinen Erörterung wäre eine tiefgreifende Durchberatung der Materie kaum möglich. Der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen stellen sich besondere Schwierigkeiten entgegen, welche voll gewürdigt werden müssen, sollen die vorliegenden Aufgaben verständnisvoll erfasst und erfolgreich durchgeführt werden. Früher schon haben wir diese Schwierigkeiten eingehend erörtert.* In der Hauptsache sind sie unmittelbar oder mittelbar in dem Weibsein der Arbeiterin begründet. Weil die Arbeiterin ein Weib ist, so treten Tendenzen in Erscheinung, welche in der Richtung wirken, organisationsunfähig und organisationsunlustig zu machen. Von der niedrigen Entlohnung der Arbeiterinnen, ihrem zwiefachen Pflichtenkreise in der Fabrik und in der Familie gilt das Erstere. Die Organisationsunlust der erwerbstätigen Frauen und Mädchen aber wird durch zahlreiche andere Umstände bedingt. Durch den Hinblick auf die Familie, ihre Anforderungen und ihre eng erfassten Interessen; die Hoffnung, in ihr den Unterhalt zu finden und in Verbindung mit dieser Erwartung die Wertung der Berufsarbeit als eines zeitweiligen Notbehelfs; die Milderung der Folgen der Arbeitslosigkeit durch die Familie; das Betreiben der Erwerbsarbeit als Zwischen- und Nebenwerk; die unterbürtige Stellung des weiblichen Geschlechts; seine Bedürfnislosigkeit und Fügsamkeit; die Rückständigkeit seiner sozialen Einsicht; das mangelnde Interesse für die Allgemeinheit; das unentwickelte Solidaritätsgefühl etc. etc.

Der Kampf gegen die Organisationsunfähigkeit und Organisationsunlust ist mithin eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Bemühungen, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren. Die Gewerkschaften handeln dieser Erkenntnis gemäß. Die Organisationsunfähigkeit der Arbeiterinnen suchen sie zu beheben, indem sie die gewerkschaftliche Macht jederzeit rückhaltlos einsetzen, um auch den weiblichen Berufstätigen bessere Arbeitsbedingungen zu erringen; indem sie die Forderung nach kräftigem gesetzlichem Schutz der Frauenarbeit erheben. Und dass sie in dieser Richtung fürderhin weiter wirken werden, dafür bürgt das Wesen der Gewerkschaften selbst und die zwingende Logik der Tatsachen, mit denen sie rechnen müssen. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Frage der Heimarbeit auf der Tagesordnung des Kongresses steht. Der Kampf für Hebung der Heimarbeiterschaft ist gerade auch mit Rücksicht auf die gewerkschaftliche Organisierung der weiblichen Arbeitskräfte äußerst wichtig. In der Heimarbeit sind viele Zehntausende von Frauen und Mädchen tätig; in der Heimarbeit zerstören jammervollste Arbeitsbedingungen unerlässliche Vorbedingungen der Organisationsfähigkeit. Nachdrücklich kämpfen die Gewerkschaften auch durch aufklärende Agitation gegen die Organisationsunlust der Arbeiterinnen an. Im Allgemeinen hat diese Agitation stetig an Umfang und Planmäßigkeit gewonnen, sie wird immer regelmäßiger, andauernder und praktischer betrieben. Klarer und allgemeiner als früher erkennen die Gewerkschaften und die Gewerkschafter die Pflichten, welche ihnen in dieser Hinsicht Selbstvorteil, Solidaritätsgefühl und Klasseninteresse auferlegen.

Durch die Veröffentlichung der vortrefflichen Broschüre von Käthe Duncker** hat es die Generalkommission jeder einzelnen Gewerkschaft ungemein erleichtert, einen übersichtlichen und genauen Blick von dem Umfang des Arbeitsfeldes zu gewinnen, das zu bestellen ihr obliegt. Dass die einschlägigen Bestrebungen nicht erfolglos geblieben sind, beweisen Ziffern. Ungeachtet der oben angedeuteten Schwierigkeiten, zu denen sich noch die vereinsgesetzlichen Nücken und Tücken im Bunde mit Unternehmergewalt gesellen, sind in Deutschland in verhältnismäßig kurzer Zeit 22.844 Arbeiterinnen den Zentralverbänden zugeführt worden. Aber freilich: diese nämlichen Zahlen predigen auch eindringlich, wie ungeheuer viel betreffs der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen noch zu tun übrig ist. Wies doch die Gewerbezählung von 1895 den 58 Berufen, für deren Angehörige Zentralisationen bestehen, nicht weniger als 825.796 Arbeiterinnen aus, von denen 1900 erst 2,76 Prozent den Schutz, die Segnungen der Organisation genossen. Die planmäßige Weiterführung, Ausdehnung und Verbesserung des begonnenen Werkes drängt sich mit überzeugender Wucht auf.

Zwei Fragen schieben sich damit unseres Erachtens in den Vordergrund der Erwägung. Was kann seitens der Gewerkschaften getan werden, um breitere Massen der Arbeiterinnen ihren Berufsorganisationen zuzuführen und sie innerhalb derselben zu überzeugten, treuen und rührigen Gewerkschafterinnen zu erziehen? Was kann seitens der Gewerkschaften geschehen, um aus den Reihen der Arbeiterinnen die erforderlichen Kräfte zu gewinnen, welche sich zielklar und ausdauernd vor Allem dem agitatorischen und organisatorischen Wirken unter ihren Schwestern widmen? In der Beantwortung dieser beiden Fragen sollen die folgenden Ausführungen ein Beitrag sein. Nicht etwa, dass dieselben sich anmaßen, Normen aufzustellen. Sie wollen nichts als Anregungen geben, in der Hoffnung, dadurch weitere praktische Anregungen hervorzurufen – zumal auch aus den Kreisen der gewerkschaftlich tätigen Genossinnen und Genossen.

Eine lebendige, eingehende Diskussion der aufgerollten Fragen, wie sie in dieser Zeitschrift und in der Gewerkschaftspresse hoffentlich erfolgen wird, kann ihrer Erörterung auf dem Gewerkschaftskongresse ersprießlich vorarbeiten.

II.

Was kann seitens der Gewerkschaften getan werden, um breitere Massen der Arbeiterinnen ihren Berufsorganisationen zuzuführen und sie innerhalb derselben zu überzeugten, treuen und rührigen Gewerkschafterinnen zu erziehen? Die Antwort auf diese Frage scheint einfach und klar: Agitation zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male. Unermüdliches Hineintragen des aufklärenden Wortes unter die Arbeiterinnen, nie rastende Belehrung über die zwingende Notwendigkeit, den hohen, vielseitigen Nutzen der Gewerkschaftsorganisation. Neben dem überzeugenden Worte aber die beweiskräftige Tat. Berücksichtigung und Verteidigung der Arbeiterinneninteressen und Arbeiterinnenforderungen; Ausbau und Pflege von Einrichtungen, welche geeignet sind, die Gewerkschaft nicht bloß als Kampfesmacht, sondern auch als Bildnerin und Erzieherin, als Hilfe- und Rechtspendende den weiblichen Mitgliedern lieb und Wert zu machen.

Agitation vor Allem, und abermals Agitation, gewiss! Hinter der einfach und klar dünkenden Forderung tauchen jedoch die Fragen auf: Unter welchen Voraussetzungen wird die Agitation unter den Arbeiterinnen ihre volle werbende Kraft erweisen? Und ist die Agitation in öffentlichen Versammlungen allein genügend, die Arbeiterinnen zur Erkenntnis des Organisationsgedankens zu erwecken und sie an die Gewerkschaft zu fesseln? Sehen wir, wie die Dinge liegen.

In der Hauptsache ist die Agitation unter den Arbeiterinnen bisher in öffentlichen Versammlungen betrieben worden, zu der gelegentlich ergänzend die Agitation durch Verbreitung von Flugblättern, Broschüren etc. trat. Vielfach ist es auch jetzt noch diese Art der Agitation allein, welche die Arbeiterin in ihrer Vereinzelung sucht und der Gemeinsamkeit, der Organisation zuführt. Es hieße den Einfluss der Scharfmacher in die deutsche Regierung tragen, wollten wir uns darüber verbreiten, wie unentbehrlich die Agitation durch öffentliche Versammlungen ist, und was sie bereits erreicht hat. Kein Zweifel jedoch, dass ihre Wirkung gesteigert werden kann durch kluge Berücksichtigung der äußeren Umstände und der inneren Disposition der Arbeiterinnen.

Die Agitation durch öffentliche Versammlungen ist auf die Massenwirkung, den Massenerfolg gestimmt. Wenn ihr Wort auch jeder einzelnen Arbeiterin gilt, jede Einzelne zum klassenbewussten Leben in der Gewerkschaft ruft, so wendet sie sich doch über die Einzelne hinweg an die Gesamtheit. Sie wird deshalb die Arbeiterin am sichersten in Zeiten erfassen, wo ganz bestimmte Verhältnisse dieser aus ihrer persönlichen Lage heraus die Zusammengehörigkeit mit ihren Berufsgenossen besonders deutlich zum Bewusstsein bringen; wo sie sich weniger als Einzelpersönlichkeit denn als Glied einer Vielheit fühlt; wo die Verbesserungsbedürftigkeit und Verbesserungsmöglichkeit ihrer Lage mit zwingender Logik auf den gewerkschaftlichen Zusammenschluss hinweist. Die Wochen und Monate der Gärung, welche Lohnbewegungen, Kämpfen vorausgehen, müssen deshalb ganz besonders zur rührigsten Versammlungsagitation unter den Arbeiterinnen der in Frage kommenden Berufe und Gegenden ausgenutzt werden. Auch in den Arbeiterinnenmassen, die für gewöhnlich passiv abseits von der Gewerkschaftsbewegung stehen, dämmert dann eine Ahnung empor, dass die individuell empfundenen Übel Klassenleiden sind und ein geschlossenes, einheitliches Auftreten der Ausgebeuteten herausfordern. Die äußeren Verhältnisse steigern die innere Empfänglichkeit und Aufnahmefähigkeit der Arbeiterinnen für den Organisationsgedanken, der Druck der proletarischen Klassenlage hilft manche Hindernisse überwinden, welche aus dem weiblichen Empfinden, der weiblichen Rückständigkeit für die Organisierung erwachsen. In Zeiten des Kampfes tragen die umstrittenen Ziele, tragen die freigewordenen Stunden ein Übriges dazu bei, um die Arbeiterinnen der gewerkschaftlichen Agitation zugänglich zu machen. Gewiss, was die Agitation durch öffentliche Versammlungen in den Wochen nahender und durchgekämpfter Bewegungen für die Organisierung der Arbeiterinnen leisten kann, darf nicht unterschätzt werden. Erfahrungsgemäß strömen die Arbeiterinnen in solchen Zeiten ebenso rasch und zahlreich der Gewerkschaft zu, als sie ihr dann wieder in Massen schnell fahnenflüchtig den Rücken kehren. Allein trotz alledem ist nicht zu unterschätzen, um wie viel die Agitation in solchen Perioden erleichtert und wirksamer gestaltet wird. In ihnen kann das erste Glied der Kette geschmiedet werden, welche breite Arbeiterinnenmassen an die Berufsorganisation fesselt.

Erweckung der Arbeiterinnen zum Solidaritätsbewusstsein, zum Organisationsgedanken, Sammlung der Arbeiterinnen in den Gewerkschaften: das sind die Aufgaben, welche der öffentlichen Agitationsversammlung vor Allem in bewegten Zeiten zufallen. Klärung und Schulung des Solidaritätsbewusstseins, Festhalten der Arbeiterinnen in den Organisationen: diese Aufgaben fallen ihr neben den genannten in den ruhigen Tagen zu. Die Agitationsversammlung muss dafür sorgen, dass der entfachte Funke des Zusammengehörigkeitsgefühls nicht wieder erlischt, dass er vielmehr zur hellleuchtenden Flamme des Klassenbewusstseins wird. Sie hat abzuwehren, dass teilnahmslos auseinander läuft, was sich verteidigend und fordernd im Kampfe gefunden. Ihr liegt es ob, darauf hinzuwirken, dass sich bei den Arbeiterinnen die Erkenntnis von der Notwendigkeit und den Aufgaben der Gewerkschaft befestigt und entwickelt. Der Inhalt der Agitation muss nun bei allem Anknüpfen an aktuelle Fragen reicher, tiefer, belehrender sein als in Zeiten einer Bewegung, wo er sich meist in wenigen bestimmten Punkten erschöpft. Ein genaues, liebevolles Eingehen auf die Arbeits- und Existenzverhältnisse der Arbeiterin ist besonders nötig. Wenn diese weniger stark und zwingend ihre Zusammengehörigkeit mit den Berufsgenossen, mit der gesamten Arbeiterklasse empfindet, so muss ihr dieselbe durch die Agitation um so nachdrücklicher zum Bewusstsein gebracht werden. Es gilt zu diesem Zwecke, die hundert feinen, verschlungenen, unzerreißbaren Fäden aufzudecken, die das Schicksal der einzelnen Lohnsklavin mit dem ihrer Schwestern und Brüder verknüpfen. Die Agitation kann sich deshalb nicht an Allgemeinheiten genügen lassen, nicht an Stichproben über Arbeitsbedingungen etc. aus Gelehrtenwerken und Fabrikinspektorenberichten. So wertvoll das einschlägige Material ist und so gewiss es ausgiebig verwendet werden soll, muss es doch vervollständigt werden durch die Schilderung von den Arbeitsbedingungen und der Lebenslage der Arbeiterinnen jener Berufe und Orte, an welche sich die Agitation richtet. Geschieht das, so fühlt sich die einzelne Arbeiterin gleichsam persönlich gepackt und steht unter dem Eindruck, dass das Gesagte sich ganz speziell an sie wendet, für sie angeführt wird. Nur auf Grund gewissenhafter Vertiefung in die betreffenden Verhältnisse und sachkundiger Beherrschung eines zuverlässigen Tatsachenmaterials können die agitatorisch tätigen Kräfte diesen Anforderungen entsprechen. Was in Vorstehendem mit Bezug auf die mündliche Agitation ausgeführt wurde, gilt auch für die schriftliche durch Flugblätter, Artikel etc. Der Einen wie der Anderen in dieser Hinsicht gutes Rüstzeug zu liefern ist eine sehr wichtige Aufgabe, welche der Gewerkschaftsbewegung der einzelnen Berufe und Industriezentren zufällt.

Ebenso auch eine andere Pflicht, die um so bedeutsamer für den Erfolg der öffentlichen Agitation ist, je weniger äußere Umstände ungewöhnlich dringend auf die Arbeiterin einwirken, aus ihrer Vereinzelung herauszutreten und sich der Gewerkschaft anzuschließen. Es ist die gute Vorbereitung und Organisation der Agitation. Den jeweiligen Umständen und Zwecken entsprechend kann die Agitation sich nur an die Arbeiterinnen eines bestimmten Berufs wenden oder aber auch den Arbeiterinnen aller Art in einem Orte gelten. Aber in jedem Falle müssen die Betreffenden durch eine umfassende, sorgsame Voragitation in Werkstätten und Betrieben, durch Laufzettel, Plakate etc. aufmerksam gemacht und zum Besuch der Versammlung angehalten werden. Wirksamer als jede andere Art des Hinweises ist in dieser Beziehung immer der persönliche Einfluss. Er vor Allem muss bei allen vorkommenden Gelegenheiten von den bereits gewerkschaftlich Organisierten – Arbeitern wie Arbeiterinnen – aufgeboten werden, um die gleichgültigen, unorganisierten Arbeiterinnen in den Bannkreis der Agitation zu bringen. Wie gut besucht, wie überfüllt müssten nicht die Agitationsversammlungen sein, wenn jedes Gewerkschaftsmitglied sich zur Pflicht machte, ihnen jedes Mal mindestens zwei unorganisierte Arbeiterinnen zuzuführen.

Über das Wann der Agitation haben die lokalen und beruflichen Verhältnisse der Arbeiterinnen ein entscheidendes Wort zu sprechen, welche für die Gewerkschaft gewonnen werden sollen. Ob die Arbeiterinnen in der Stadt leben oder auf dem Lande – wo sie nach Feierabend oft noch mit Garten- und Feldarbeit beschäftigt sind – ob in einer Groß- oder Kleinstadt; ob sie das ganze Jahr hindurch gleichmäßig verteilte Arbeit haben oder bald Hochsaison, bald Flaue; ob sie sich zeitweilig zu Überstunden bequemen müssen; ob ihre Wohnung nahe oder weit von der Arbeitsstatt und dem Versammlungslokal liegt; an welchen Tagen sie relativ am freiesten von Berufsfron und Hausarbeit sind: das Alles und vieles Andere noch muss im Hinblick auf den Erfolg der Agitation berücksichtigt werden. Gar manche Einzelheit, die unbedeutend, klein erscheint, entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg einer Agitation. Trotzdem wird gerade durch Außerachtlassen kleiner praktischer Momente viel gesündigt. Mehr als eine Versammlung wird im Vertrauen auf gut Glück zu einem ganz ungeeigneten Zeitpunkt angesetzt, weil eine bekannte agitatorische Kraft in der Nähe ist etc. Das Resultat steht dann meist in schreiendem Gegensatz zu den aufgewendeten Mitteln und Bemühungen. Und schlimmer noch: der gänzliche oder teilweise Misserfolg schreckt nur zu oft für längere Zeit von weiteren Versuchen zur Organisierung der Arbeiterinnen ab. Er lähmt den Eifer Derer, welche die gewerkschaftliche Agitation in die Wege leiten und betreiben sollen. Er lässt die Begeisterung der Arbeiterinnen erkalten, die seit Kurzem der Gewerkschaft angehören und noch nicht geschult und fest genug sind, um aus einem verunglückten Versuch den Ansporn zu regerem Wirken unter den Kameradinnen zu gewinnen.

Dass Frauen als Agitatorinnen besonders erfolgreich unter den Arbeiterinnen wirken, ist bekannt genug und erklärlich. In der weiblichen Eigenart der Referentin ist die Voraussetzung gegeben, die Arbeiterinnen in ihrer weiblichen Eigenart leichter zu verstehen, besser zu verstehen, als im Allgemeinen der Mann das vermag. Empfindungen, Auffassungen, Wünsche und Forderungen, welche in dem Weibsein der Arbeiterin wurzeln, werden der Frau verständlich. Sie verfügt über den Ton, welcher den Weg zum Herzen findet und der auf die noch ungeschulte Arbeiterin oft überzeugender wirkt, als die beweiskräftigste Argumentation. Sie kleidet ihre Gedankengänge in Formen und Ausdrücke, welche der Arbeiterin das Verständnis erleichtern. Ganz besonders wirksam wird aber die gewerkschaftliche Agitation gefördert, wenn sie von einer Arbeiterin oder ehemaligen Arbeiterin, einer Berufsgenossin betrieben wird. Keine noch so gründliche, durch gewissenhaftes Studium erworbene Sachkenntnis; keine noch so glänzende Beredsamkeit kann unseres Erachtens die agitatorische Kraft von Ausführungen ersetzen, welche eine geschulte, aufgeklärte Arbeiterin an ihre Schwestern richtet. Wie wächst die Aufmerksamkeit, das Interesse, wie eindringlicher wirkt eine Rede, wenn die Zuhörerinnen sich bei jedem Satze sagen: die da spricht ist Bein von unserem Bein und Fleisch von unserem Fleisch, sie hat gearbeitet wie wir und gelitten wie wir. Sie kennt die Härte unserer Plage, die Einzelheiten, welche sie verschärfen oder mildern. Ihr ist jeder Handgriff vertraut, der im Laufe der langen Tagesarbeit unsere Muskeln ermüdet, an unseren Nerven zerrt und sie abstumpft. Sie hat die Bitternis von Schikanen und Grobheiten erfahren, sie weiß, welche Entbehrungen und Sorgen Hungerlöhne mit sich bringen; sie spricht von uns und in unserer Sprache. Dass die Gewerkschaftsbewegung sich Agitatorinnen aus den Reihen der Arbeiterinnen, der proletarischen Frauen heranzieht, ist deshalb von größter Wichtigkeit für die Fortschritte der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen.

So Unersetzliches aber auch für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen eine wohlvorbereitete öffentliche Agitation leistet, die zur rechten Zeit und von den richtigen, gut ausgerüsteten Kräften betrieben wird: neben ihr kommt einer anderen Form der gewerkschaftlichen Agitation die höchste Bedeutung zu. Es ist die Werkstubenagitation. Mit ihr werden wir uns in dem folgenden Artikel eingehend beschäftigen.

III.

Die Werkstubenagitation, die Werkstubenversammlung müsste unseres Erachtens in den Mittelpunkt der Bemühungen gerückt werden, die Arbeiterinnen der Gewerkschaft zuzuführen und sie zu überzeugten Gewerkschafterinnen zu erziehen. Nicht etwa, als ob durch sie die Agitation größeren Stils und die Gewerkschaftsversammlung überflüssig gemacht werden sollen. Es gilt vielmehr, mit ihrer Hilfe die Eine und die Andere vorzubereiten, zu ergänzen, fortzuführen, kurz der gewerkschaftlichen Organisation voll nutzbar zu machen. Die Werkstubenzusammenkunft kann in mannigfacher Hinsicht der weiblichen Eigenart, der Sonderstellung der Arbeiterin als Frau Rechnung tragen. In der Folge ist sie trefflich geeignet, die Verbindung zwischen der einzelnen Lohnsklavin und ihrer gewerkschaftlichen Berufsorganisation herzustellen und lebendig zu erhalten.

Sie schafft der Arbeiterin – die durch häusliche Verpflichtungen und Lebensgewohnheiten weniger frei ist als ihr Kamerad – die Gelegenheit, sich mit Ihresgleichen zusammenzufinden zum Gedankenaustausch über Arbeitsbedingungen und Interessen, jene Gelegenheit, die sich dem Mann so reichlich in Vereinen aller Art, ja beim Wirtschaftsgespräch darbietet. Sie löst in Folge ihres intimeren Charakters den Bann der scheuen Zurückhaltung, der die Arbeiterin in großen Versammlungen so oft am Sprechen, an der Vertretung ihrer Interessen und Rechte hindert, und ermöglicht ihnen dadurch, lernend zu lehren. Sie bildet den natürlichen, vorzüglichen, geistigen Mittler zwischen der einzelnen Arbeiterin, die in weiblicher Rückständigkeit stark individualistisch, ja egoistisch empfindet und denkt, und der Gewerkschaft, welche vom Geist der Solidarität beseelt und geleitet ist. Sie lehrt der ungeschulten Arbeiterin gleichsam das Abc der wirtschaftlichen Erkenntnis, des Gemeinsamkeitssinnes, des Klassenbewusstseins und wiederholt und befestigt die Lektionen, welche die Gewerkschaftsversammlung, der Gewerkschaftskampf erteilt.

Ihr Ziel erreicht die Werkstubenagitation um so vollkommener, je persönlicher sie jede einzelne Arbeiterin eines Betriebes erfasst; je eingehender sie die Arbeits- und Existenzbedingungen der betreffenden Arbeiterinnengruppe von Tag zu Tag verfolgt; je gewissenhafter und schlagfertiger sie jedem Missstand, jedem Vorkommnis gegenüber den Ausgebeuteten mit aufklärendem Wort und helfender Tat zur Seite steht; je mehr sie einem verständigen, liebevollen Familienrat gleicht, in der jedes Glied gleichberechtigt Sitz und Stimme hat.

In der Tat: einem Petrus gleich, der Seelen fischt, sollten die Trägerinnen und Träger der Werkstubenagitation jeder einzelnen Arbeiterin nachgehen, jede einzelne bei ihren persönlichen Bedürfnissen, Interessen, Wünschen packen. Zu diesem Behufe müssen sie die lange Werkeltagsqual der Arbeiterinnen kennen, wie ihre karge Feiertagsfreude. Ihr Ohr und Herz muss dem Schrei der Klage offen stehen, wie dem schüchternen, kaum vernehmbaren Lallen der Sehnsucht nach Bildung und Freiheit. Mit den sozialen Untugenden der weiblichen Lohnsklaven müssen sie rechnen, aber auch mit ihren Vorzügen. Sie haben zu berücksichtigen, dass jeder anscheinende Alltagsvorgang in der Berufstätigkeit, der Existenz der Arbeiterin für diese zu einer Katastrophe werden kann, welche das dürftige Stückchen Lebensglück verschlingt, das ihr die kapitalistische Ausbeutung gelassen hat. Die Träger und Trägerinnen der Werkstubenagitation müssen vor Allem gründlich Bescheid in den Berufs- und Betriebsverhältnissen der Arbeiterinnengruppe wissen, der sie die Segnungen der Organisation erschließen wollen. Was in Fabrik und Werkstatt vorgeht, was sich hier zum Bessern oder Schlechteren wandelt, haben sie von Tag zu Tag, von Woche zu Woche aufmerksamst zu verfolgen. Ob sie mit den Arbeiterinnen zusammenfronden oder nicht, mit ihrem Wissen, Verstehen und Fühlen müssen sie in innerer Gemeinschaft mit ihnen leben.

Folgende Vorbedingungen sind es aber besonders, die unserer Ansicht nach all dies ermöglichen. Die Werkstubenagitation muss von Leuten – in erster Linie von Frauen – getragen werden, welche täglich, stündlich in inniger Fühlung mit den Arbeiterinnen stehen, die organisiert, gewerkschaftlich geschult werden sollen; von Leuten. welche als gewerkschaftlich Geschulte in stetem, engem Zusammenhang mit dem Gewerkschaftsleben des Berufes, des Ortes stehen; von Leuten, welche in der Folge aus jedem Vorkommnis im Betrieb oder Berufszweig die aufklärende Konsequenz ziehen, jede geeignete Gelegenheit sofort für die Organisation ausnützen können. Die Werkstubenagitation kann nicht ruckweise von auswärts betrieben, sie muss dauernd am Orte, im Industriezentrum unterhalten werden. Sie bedarf deshalb ihres eigenen, ständigen Stabes agitatorischer Kräfte, die ihr gleichsam jede Minute gerüstet, arbeitsbereit zur Verfügung stehen.

Die Werkstubenagitation muss ferner in der Hand von Leuten ruhen, die mit klarem Kopfe und warmem Herzen bei ihrer Aufgabe sind, sich ihr mit ganzer Seele widmen. Klarer Kopf und warmes Herz für die Interessen der Arbeiterinnen, klarer Kopf und warmes Herz aber auch für das Wesen, die Ziele der Gewerkschaft! So wenig die Werkstubenagitation der großen rednerischen Talente, der hervorragenden sozialpolitischen Gelehrsamkeit bedarf, so wenig kann sie die wohlmeinende Konfusionsmeierei oder die kühle Geschäfts- und Pflichtmäßigkeit ertragen. Wir glauben deshalb, dass die Frauen zu einer erfolgreichen Werkstubenagitation besonders berufen sind, vorausgesetzt das Selbstverständliche, dass sie geschulte und begeisterte Gewerkschafterinnen sind. Ihr feineres Taktgefühl, die Herzenswärme, die teilnehmende, hilfsbereite Mütterlichkeit ihrer Natur werden wesentlich dazu beitragen, der Werkstubenagitation jenen Charakter einer Familienzusammenkunft aufzuprägen, der die Arbeiterinnen gewinnt und zum gewerkschaftlichen Gemeinsamkeitsleben emporhebt. Ihre „Weiblichkeit“ befähigt sie, das Zusammensein und den Gedankenaustausch auf jenen Ton zu stimmen, welcher der Lohnsklavin zuruft: Du bist unter den Deinen! Hier kannst du ohne Furcht und Zittern, ohne Erröten deine Leiden enthüllen, dein Recht heischen, und wäre es auch nur in stammelnden Lauten.

So gewöhnt die Werkstubenagitation nach und nach die Arbeiterin, in den Berufsgenossen ihre Schicksals- und Kampfesgenossen zu erblicken, in der Gewerkschaft eine ratende, stützende Gemeinschaft, eine neue, größere, kraftvollere Familie. So gewöhnt sie die Arbeiterin nach und nach, ihre Beschwerden und Forderungen in Worte zu fassen, nach Einsicht in das Warum ihres Loses zu streben, nach Mitteln und Wegen zu seiner Verbesserung zu suchen. So gewöhnt sie die Arbeiterin, von ihrem gestärkten Mut und ihren frohen Hoffnungen Anderen mitzuteilen, mit dem erworbenen Wissen die Freundinnen zu belehren. Die Werkstubenversammlung erzieht die Arbeiterin aus einer Hörenden zu einer Redenden, aus einer von der Agitation Umworbenen zu einer Agitatorin, die zunächst und wenigstens im Kreise ihrer Betriebsgenossinnen tätig ist, mit der Zeit vielleicht auch in der großen Öffentlichkeit.

Ob die Werkstubenagitation am ersprießlichsten durch besondere Frauenkommissionen betrieben wird, welchen Vertreterinnen der verschiedenen Gewerkschaftsorganisationen eines Ortes, eines Bezirks angehören, ob von Seiten jeder Gewerkschaft durch besonders tüchtige weibliche und männliche Mitglieder, das lässt sich nicht nach einer Schablone festsetzen. Die tatsächlichen Verhältnisse in Ort und Beruf entscheiden darüber, je nach den vorhandenen Bedürfnissen, den verfügbaren agitatorischen Kräften, der Stärke der Organisationen, dem Entwicklungsgrad der Arbeiterinnen, den Eigentümlichkeiten der Gewerbe: etc. Wesentlich ist dagegen, dass die Arbeit eine planmäßige, ausdauernde und geschickte ist, dass sie in enger Fühlung und Übereinstimmung mit der Gewerkschaftsorganisation erfolgt, dass sie in Fabrik und Werkstatt, bei der Arbeit und im freundschaftlichen Verkehr durch die Agitation von Person zu Person vorbereitet und unterstützt wird.

Soll die Werkstubenagitation durch kurze, sehr leicht fassliche Referate betrieben werden, oder aber durch Frage und Antwort, durch zwanglosen Gedankenaustausch: etc.? Auch die Antwort auf diese Frage wird durch Zweckmäßigkeitsgründe diktiert. Alle Formen der Agitation sind auszunutzen, welche sich durch die Erfahrung als werbekräftig erweisen. Nach dem Sprichwort „Der Wechsel ergötzt“ ist vielleicht oft die Anwendung verschiedener Formen neben- und nacheinander zu empfehlen. Hauptsache ist, dass der Inhalt der Agitation einen Ausgangspunkt hat: die individuellen Verhältnisse einer Arbeiterin oder einer Arbeiterinnengruppe; dass er ein Ziel weist: den Zusammenschluss in der Gewerkschaft, das Wirken für die Gewerkschaft.

Es versteht sich am Rande, dass auch bei der Werkstubenagitation betreffs Vorbereitung, Bekanntgabe, Ort, Zeit etc. die vielerlei äußeren und inneren Umstände Berücksichtigung finden müssen, welche von Einfluss darauf sind, dass die Arbeiterin in ihren Bannkreis gezogen wird. Wir greifen nur einen dieser Umstände heraus, der hier und da für den Besuch einer Werkstubenversammlung ausschlaggebend ist: die Beschaffung eines Lokals, das nach Feierabend oder während der Mittagspause bequem zu erreichen ist, und in dem kein Trinkzwang herrscht. Wie viele Arbeiterinnen bleiben nicht einer Zusammenkunft fern, wenn sie mit Ausgaben für Tram, Bier etc. verknüpft ist!

Pflicht und Interesse weisen die Gewerkschaften darauf hin, der Werkstubenagitation die nötige Förderung zuzuwenden, durch Vermittlung von Beziehungen zu den Arbeiterinnen, durch Verabfolgung von Material, durch Beschaffung von Lokalitäten, durch Übernahme der unvermeidlichen materiellen Opfer. Was der einzelnen Gewerkschaftsorganisation am Orte nicht möglich ist, das vermag die Gewerkschaftskommission, das Gewerkschaftskartell, der Verband. Und wenn auch hier die Kraft oder der Wille versagt, so wird sicherlich die Generalkommission helfend eingreifen. Die aufgewendeten Opfer machen sich wohl belohnt.

IV.

Was kann seitens der Gewerkschaften geschehen, um aus den Reihen der Arbeiterinnen die erforderlichen Kräfte zu gewinnen, welche sich zielklar und ausdauernd vor Allein dem agitatorischen und organisatorischen Wirken unter ihren Schwestern widmen?

Wir erachten zunächst die richtige Pflege und Wertung der gewerkschaftlichen Klein- und Alltagsarbeit als ein treffliches Mittel zum Zwecke. Die richtige Pflege und Ausgestaltung dieser Kleinarbeit, denn sie gewöhnt die Arbeiterin, die proletarische Frau durch Reden und Wirken in einem kleinen Kreise, der aber doch schon über die Familie hinausgeht, an das Reden und Wirken in der Öffentlichkeit. Sie gestattet ihr, das organisatorische Geschick, das Verwaltungstalent, das sie im Haushalt betätigt, auf ein weiteres Gebiet anzuwenden und größeren Zielen dienstbar zu machen. Sie ruft geistige und sittliche Kräfte zum bewussten Leben, die bis dahin in ihrem Innern schlummerten. Sie rüstet die Arbeiterin mit Kenntnissen und Erfahrungen aus und macht sie mit der Technik der agitatorischen und organisatorischen Tätigkeit vertraut.

Die richtige Wertung der gewerkschaftlichen Kleinarbeit, denn sie weckt und stärkt das Persönlichkeitsbewusstsein, den Mut. die moralische Kraft der Arbeiterin, die sich ihr widmet. Sie gibt Dieser das beseligende Gefühl, dass sie für Viele, für eine Allgemeinheit Nützliches, Bedeutsames leistet. Sie spornt ihren Eifer, immer mehr, immer Besseres zu wirken, die Ziele ihrer Tätigkeit weiter, höher zu stecken. Sie stählt ihren Willen, so dass sie mit Energie und Opferfreudigkeit an der Bildung ihres Geistes und Charakters arbeitet; so dass sie alles, was sie ist und was sie kann, dafür einsetzt, ihre Schwestern durch gewerkschaftlichen Zusammenschluss zu heben.

In der gleichen Richtung wie die Pflege und Würdigung der gewerkschaftlichen Kleinarbeit wirkt ein anderes Mittel: die Heranziehung gewerkschaftlich geschulter Frauen zur Verwaltungsarbeit, zu Kommissionen, zu bestimmten Aufgaben, zu Ämtern und Posten jeder Art. „Es wächst der Mensch mit seinen höh’ren Zwecken.“ Mit dem größeren, bedeutungsreicheren Pflichtkreis steigt das Verantwortlichkeitsgefühl, das Selbstbewusstsein, entfalten sich Gaben des Geistes und Charakters. Je schärfer die Arbeiterin ihre politische Rechtlosigkeit, ihre soziale Unterbürtigkeit empfindet, vielleicht gar eine untergeordnete Stellung in der Familie, um so stärker wird es sie an die Gewerkschaft fesseln, ihre Leistungsfähigkeit befeuern, wenn sie als Gleichgewertete und Gleichberechtigte auf verantwortungsvollem Posten steht. Dazu ein anderer Vorteil. Das Beispiel ihrer Stellung, ihrer Tätigkeit reizt andere Arbeiterinnen, Gewerkschafterinnen zur Nacheiferung an. Aber freilich und leider: wie manche durchgebildete, pflichtfrohe, rührige Gewerkschafterin wird nie zu einer Aufgabe berufen, für welche Begabung und Neigung sie vorzüglich befähigen, weil sie eine Frau ist! Wie manches hervorragende agitatorische und organisatorische Talent verkümmert ungenützt, weil es in einer Frau wohnt! Unbewusst festgehaltenes Vorurteil und Gewohnheit sind auch im klassenbewussten Proletariat hier und da stärker, als geschichtliche Einsicht und prinzipielles Bekenntnis. Fort mit diesem Vorurteil! Bahn frei!

Auch die Gelegenheit zur Beteiligung an der Diskussion in den Versammlungen, zur Mitarbeiterschaft an der Gewerkschaftspresse erhöht die persönliche Tüchtigkeit der Organisierten zur agitatorischen und organisatorischen Arbeit. Diese Art der Betätigung steht sicherlich jedem weiblichen Mitglied der Gewerkschaft frei. Aber das genügt nicht. Wenn nicht äußere Hindernisse, so ist es recht oft die weibliche Eigenart, die den Mund geschlossen hält, die Feder aus der Hand reißt. Das Eingreifen der Frauen in die Versammlungsdebatten, ihre Mitarbeiterschaft an dem Gewerkschaftsorgan muss daher provoziert, gesucht, gefördert und zumal in den Erstlingsversuchen schonend und aufmunternd behandelt werden.

Will die Gewerkschaftsbewegung über einen zahlreichen Stab geschulter Agitatorinnen und Organisatorinnen verfügen, so darf sie sich aber nicht daran genügen lassen, die allseitige persönliche Leistungsfähigkeit der Gewerkschafterinnen zu wecken und zu steigern. Sie muss mehr tun, indem sie begabten und charaktervollen Gewerkschafterinnen die materielle Möglichkeit sichert. Zeit und Kraft der Agitations- und Organisationsarbeit widmen zu können. Was in dieser Beziehung dem Manne recht ist, das muss der Frau billig sein, die durch ihre häuslichen Aufgaben und ihren niedrigen Verdienst gebundener ist als er. Wer kennt nicht die und jene ungewöhnlich kluge und tüchtige Arbeiterin, die von Herzen gern mit glühendem Eifer unter ihren Kameradinnen agitieren möchte, die aber ihr Wollen zu zügeln gezwungen ist, weil sie vor den Ausgaben zurückschrecken muss – und wären es Groschen, Pfennige –. welche die ersehnte Betätigung mit sich bringt? Gibt es nicht zahlreiche Arbeiterinnen, Arbeiterfrauen, deren große agitatorische und organisatorische Befähigung brach liegen muss, weil sie nicht um die Notwendigkeit herumkommen, nach Feierabend und Sonntags am Waschfass zu stehen, die Wohnung zu scheuern, Wäsche und Kleider in Stand zu halten! Läge es nicht im Interesse der Gewerkschaftsorganisation, sich solche Kräfte nutzbar zu machen, die hier durch die Rücksicht auf die Fristung der Existenz, dort durch hauswirtschaftliche Arbeiten gefesselt sind, welche ebenso gut und ohne Schaden für die Einzelne wie die Familie von Dritten verrichtet werden könnten?

Die Frage aufwerfen, heißt unseres Erachtens sie beantworten. Materielle Sicherstellung und Bewegungsfreiheit talentvoller, charakterfester Gewerkschafterinnen ist eine unerlässliche Bedingung dafür, dass aus den Reihen der Arbeiterinnen, der Proletarierinnen tüchtige Agitatorinnen und Organisatorinnen hervorgehen.

Geeignete weibliche Gewerkschaftsmitglieder müssten deshalb mehr, als es bis jetzt der Fall ist, mit besoldeten Beamtenstellen in der Organisation, an den Arbeitersekretariaten etc. betraut werden – als Hilfskräfte, bis sie erprobt sind, aber auch als Hauptbeamte, wenn sie sich bewährt haben. Sie sollten unter Umständen einen festen, regelmäßigen Zuschuss erhalten, der ihnen erlaubt, die Aufwendungen zu bestreiten, welche die organisatorische und agitatorische Arbeit mit sich bringt. Sie wären für Orte und Industrien, wo die Frauenarbeit eine hervorragende Rolle spielt, als besoldete Organisatorinnen und Agitatorinnen anzustellen, welche nicht im „Nebenbei und Zwischendrin“ der Erwerbs- und Hausarbeit für die Aufklärung und den gewerkschaftlichen Zusammenschluss der Arbeiterinnen wirken, vielmehr beruflich und mit all der Konzentration und Selbstbeschränkung auf ein bestimmtes Arbeitsgebiet, welche die Berufstätigkeit verlangt.

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Wir sind überzeugt, dass alle praktischen Maßregeln, welche in der Richtung der vorstehenden Gedankengänge und Forderungen liegen, zum Erfolg der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen beitragen. Die Entwicklung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens mit ihrem Um und Auf drängt das Proletariat mehr als je zur gewerkschaftlichen Organisierung und Schulung der Arbeiterinnenmassen. Diese den Gewerkschaften einzugliedern, sie in der Organisation und durch sie zu besseren Existenzbedingungen und höherem Sein emporzuheben, dem proletarischen Klassenkampf zuzuführen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der modernen Arbeiterbewegung, ist eine unerlässliche Vorbedingung für siegreiche Schlachten des Proletariats und seine Befreiung.

* Nr. 18, 19, 22, 24 der „Gleichheit“ von 1898

** „Über die Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der Erwerbstätigkeit“, Hamburg 1899.


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