Clara Zetkin: Warum fordern wir den Achtstundentag?

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 9, 23. April 1902, S. 68]

Wir fordern den Achtstundentag, weil er die Zeit kürzt, in welcher die Arbeiterin ihre Kräfte anspannen, ja überspannen muss bei einer Tätigkeit, welche recht oft nur durch harte Notwendigkeit aufgezwungene Brotfron ist, nicht eine aus Begabung und Neigung freigewählte, freudig getane Arbeit; bei einer Tätigkeit, welche sich meist in der eintönigen Wiederholung ein und derselben Handgriffe erschöpft, welche einseitig ein und die nämlichen Muskel- und Nervengruppen anstrengt, die Sinne stumpf, den Geist matt und schwunglos macht.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er für die Arbeiterin in Fabrik und Werkstatt, in Laden und Büro oder bei der Heimarbeit die lange Spanne mindert, in der sie Einflüssen ausgesetzt ist, welche der Gesundheit verhängnisvoll werden, das Leben selbst bedrohen.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er die Arbeiterin vor Überanstrengung daheim schützt. Er gibt ihr Zeit und Kraft, als Gattin und Mutter ihre Pflichten zu erfüllen, als junges Mädchen sich auf die hohen und vielseitigen Aufgaben des Weibes in Familie und Gesellschaft vorzubereiten, ohne dass sie die Nacht zum Tag, den Sonntag zum Werktag verwandeln, ohne dass sie mit übermenschlicher Willensanstrengung das letzte Fünkchen Kraft aus sich Herauspressen muss.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er somit für die Arbeiterin in noch höherem Maße als für den Mann eine Ersparnis an dem einzigen Kapital bedeutet, über das sie verfügt: an ihrer Gesundheit, ihrer Lebenskraft. Tatsache ist, dass der Körper der Frau im Allgemeinen gesundheitsschädlichen Einflüssen gegenüber weniger widerstandsfähig ist, als der männliche Organismus. Tatsache ist ferner, dass die Frau in der Familie Pflichten zu erfüllen hat, von denen der Mann befreit ist.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er mit der Arbeiterin, die Mutter ist oder Mutter wird, das Kind schützt. Indem er ihre Gesundheit schirmt, vermindert er die Einflüsse, welche das ungeborene Kind mit Schwäche und Siechtum bedrohen, steigert und erhält er die Fähigkeit der Mutter, einem kräftigen Nachwuchs das Leben zu schenken.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er die Arbeiterin in den Stand setzt, ihre Mutterpflichten in größerem Umfange und in besserer Weise erfüllen zu können. Er verleiht ihr etliche Tagesstunden, in denen sie der Pflege, Beaufsichtigung und Erziehung ihrer Kinder zu leben vermag, in denen sie dieselben vor Unfällen, Krankheit oder Verwahrlosung schützt, in denen sie die Kräfte des Leibes und Geistes der Kleinen gedeihlich zu entfalten bemüht ist. Er mehrt die körperliche Kraft, damit die geistige Frische und sittliche Stärke, welche die Frau für die Erfüllung ihres Mutterberufs einsetzen kann.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er der Arbeiterin Zeit und Kraft schenkt, dem Manne mehr als eine zuverlässige, geschickte Hausbesorgerin zu sein. Er schafft ihr die Möglichkeit, am inneren Leben des Gatten teilzunehmen, sein Streben und Sehnen kennen zu lernen, seine Ideale zu verstehen, mit ihm zu empfinden, zu denken, zu wollen und zu kämpfen.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er der Arbeiterin nicht nur die Pflichterfüllung im Familienleben zurückgibt, sondern auch dessen Freuden. Er mehrt die Minuten, in denen sie sich an dem Geplauder und Spiel des kleinen Kindes ergötzen kann, in denen sie sich an dem aufblühenden seelischen Leben des größeren Knaben, des heranwachsenden Mädchens erfreut, in denen sie sich mit den Ihren zusammen am Schönen zu erquicken, am Wahren zu stärken, am Guten und Großen zu erheben vermag.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er materielle Vorbedingungen dafür zeitigt, dass die Arbeiterin Sinne, Geist, Gemüt bildet, die Gaben entfaltet, welche die Natur in ihre Brust gelegt, die brennende Sehnsucht nach einem Empor des Seins und Lebens stillt, die in ihrer Seele lodert. Der Achtstundentag führt die Arbeiterin in die Natur und schenkt ihr Vogelgezwitscher und Blumenduft, Sonnenschein und Waldesrauschen. Er tritt in ihr Stübchen und bringt ihr die herrlichsten Gedichte, dass es ihr Hirn kühn durchblitzt, ihr Herz in heißer Glut durchströmt, dass ihre Brust sich in stolzer Hoffnung hebt. Er führt sie in die Museen und lehrt sie verstehen, was Formen und Farben, was schimmernde Marmorleiber sagen. Er erschließt ihr in der Musik eine Welt von Empfindungen, Träumereien und Gedanken. Er führt sie zu den lebendigen Springquellen der Wissenschaft und lässt hier die bildungsdurstige Seele sich laben.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er der Arbeiterin größere Regelmäßigkeit und Stetigkeit des Erwerbs bringt, denn er vermag den Gegensatz zwischen Flaue und Überzeitarbeit zu mildern. Je weniger schrankenlos der Unternehmer über seine Arbeitskräfte verfügen kann, je kürzer die Zeit ist, in welcher sie ihm täglich fronden müssen, um so weniger ist es ihm möglich, die Produktion zwischen Hochsaison und toter Zeit hin- und herpendeln zu lassen, in kurzer Spanne bei ausgedehntester Arbeitszeit herzustellen, was er auf den Markt bringen will, um dann lange Monate die Arbeitenden ganz oder teilweise brotlos auf die Straße zu setzen.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er zu einer Erhöhung des Lohnes der Arbeiterin beiträgt. Die Wissenschaft lehrt und die Erfahrung bestätigt, dass lange Arbeitszeit und niedriger Lohn Hand in Hand gehen, dass kurze Arbeitszeit von guter Bezahlung begleitet ist.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er unerlässliche Voraussetzungen dafür schafft, dass die großen Arbeiterinnenmassen sich den Gewerkschaften anschließen und zu pflichttreuen, erkenntnisklaren Gewerkschaftlerinnen erzogen werden. Der Achtstundentag gibt der Arbeiterin jenes Mehr an Muße, an körperlicher und geistiger Spannkraft, an Willensenergie, das ihr zu Gebote stehen muss, wenn sie sich in Gemeinschaft mit ihren Arbeitsbrüdern aufklären, wenn ihrem Geist das Verständnis für den Organisationsgedanken und seine Segnungen erschlossen werden, wenn sie für ihn wirken soll.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er durch Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften den wirtschaftlichen Klassenkampf des Proletariats gegen das ausbeutende Kapital fördert und damit auch der Arbeiterin selbst zu höherem Lohn und günstigeren Arbeitsbedingungen verhilft.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er der Arbeiterin ermöglicht, sich über ihre eigenen persönlichen und Klasseninteressen aufzuklären, sich über das Wesen der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und die treibenden Kräfte der geschichtlichen Entwicklung zu belehren, die Ursachen des proletarischen Elends und die Bedingungen der Befreiung des Proletariats kennen zu lernen. Der Achtstundentag lässt die Arbeiterin zum Bewusstsein ihrer Rechtlosigkeit als Frau, ihrer Ausbeutung und Verknechtung als Proletarierin erwachen und treibt sie in den Kampf für ihre soziale Gleichberechtigung, ihre Befreiung in der einen und anderen Beziehung.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er in der Folge den politischen Klassenkampf des Proletariats die proletarischen Frauenmassen als zielbewusste Streiterinnen zuführt. Er stärkt die einzige gesellschaftliche Macht, welche der kapitalistischen Gesellschaft die erforderlichen Reformen zu Nutz und Frommen der Ausgebeuteten abtrotzt, welche die kapitalistische Gesellschaft stürzt und die sozialistische Ordnung aufrichtet, die alle Ketten bricht.

Wir fordern den Achtstundentag für alle erwachsenen Arbeiter, weil auch der Mann in seiner Gesundheit und Lebenskraft gegen den Wehrwolfsheißhunger des Kapitals nach Profit geschützt werden muss; weil auch der Mann in all‘ seinen Lebensbeziehungen durch die ungezügelte kapitalistische Ausbeutung auf das Schwerste geschädigt, durch die Segnungen verkürzter Arbeitszeit aber gefördert wird.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er den Aufstieg des Proletariats zu höherer Kultur und größerer Freiheit begünstigt, und weil nur ein wirtschaftlich gehobenes, körperlich, geistig und sittlich kraftvolles Proletariat die kapitalistische Herrschaft zu brechen, die Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu zimmern imstande ist.

Wir fordern den Achtstundentag, weil er die Anerkennung der Tatsache ist, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter lebendige Menschen sind und nicht bloße Rädchen des Wirtschaftsbetriebes; dass die Ware Arbeitskraft, die sie dem Kapitalisten verkaufen müssen, mehr ist, als der übrige „Warenpöbel“, den dieser sonst erschachert und verschachert. Der Achtstundentag ist die Anerkennung der Tatsache, dass Menschenrecht über Goldesmacht gehen muss.

Wir fordern den Achtstundentag, weil wir wissen, dass das „gute Herz“ und die „geläuterte Vernunft“ der Besitzenden und Herrschenden ihn nicht gewähren werden. Wir fordern ihn nachdrücklichst, weil wir überzeugt sind, dass ihn nicht die Güte und Unwiderleglichkeit der Gründe beschert, welche unsere Vertreter in den Parlamenten entwickeln. Der Achtstundentag wird uns zuteil werden als Frucht der steigenden Erkenntnis, der energischen Willensäußerung, der wachsenden Macht der proletarischen Massen außerhalb der Parlamente. Erst wenn die bürgerliche Gesellschaft vor dieser Macht zittert, wird sie die Gründe würdigen, welche die Forderung diktieren:

Her mit dem Achtstundentag!


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