Clara Zetkin: Rückblick auf den Gewerkschaftskongress zu Stuttgart

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 14, 2. Juli 1902, S. 105 f.]

Mit vollauf berechtigter Genugtuung kann Deutschlands Arbeiterklasse auf den 4. Kongress der zentralisierten Gewerkschaften zurückblicken. Er hat gehalten, was er versprochen. In einer arbeitsreichen Woche haben die aus Ost und West, aus Nord und Süd herbei geströmten 155 Delegierten das Arbeitsprogramm erledigt, das ebenso umfassend als verantwortungsschwer war. Sie konnten auseinandergehen, ohne dass zur Verhandlung vorgesehene Punkte zurückgestellt werden mussten. Diese erfreuliche Tatsache ist neben der trefflichen Vorbereitung und Leitung des Kongresses nicht zum Wenigsten der bewunderungswürdigen Arbeitsfreudigkeit der Gewerkschaftsvertreter zu danken, die auch bei den sprödesten und trockensten Materien nicht versagte und sich in zwei Abendsitzungen bewährte.

Es ist jedoch nicht bloß mit Arbeitsfreudigkeit, es ist auch mit Ernst, Sachkenntnis und Klugheit verhandelt und beschlossen worden, mit einem echt brüderlichen Gemeinschaftssinn, der über allen scharfen Auseinandersetzungen und Meinungsunterschieden nicht die feste innere Zusammengehörigkeit vergaß. An Konfliktstoff fehlte es wahrlich nicht. Die Angelegenheit des Leipziger Gewerkschaftskartells mit ihrem Drum und Dran, die Haltung des „Correspondent“ gegenüber der sozialdemokratischen Partei, die Grenzstreitigkeiten zwischen einzelnen Organisationen und manche Vorgänge noch hatten Situationen geschaffen, an denen der Kongress nicht stillschweigend vorübergehen durfte. In nicht misszudeutender Weise, aber nicht persönlich verfemend, hat er sich insbesondere mit Denen auseinandergesetzt, welche die organische Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung oder aber die innere Zusammengehörigkeit des gewerkschaftlichen und politischen proletarischen Klassenkampfes antasteten. Das Leipziger Kartell wie der Redakteur des „Correspondent“ werden nach den eingehenden Debatten wissen, was die Gewerkschaften in ihrer Gesamtheit von ihnen erwarten. Dass der Kongress es vermied, durch neue Beschlüsse in die Grenzstreitigkeiten zwischen den Organisationen einzugreifen, dünkt uns begreiflich und weise. Die wirtschaftlichen Verhältnisse, aus denen die einschlägigen Konflikte hervorwachsen, sind noch im Flusse der Entwicklung, die sich durch Mehrheitsgebote weder beschleunigen, noch hemmen lässt.

Mit der Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen hat der Kongress sich eingehender und praktisch nutzreicher beschäftigt als irgend einer seiner Vorgänger. Die Darlegungen des trefflichen Referats der Genossin Tietz – das wir in den folgenden Nummern ausführlich wiedergeben werden – wurden in wirksamer Weise durch die Debatten unterstützt, vervollständigt und weitergesponnen, zu denen die Genossinnen Thiede, Zietz, Kähler, Ihrer, Genosse Legien und andere Redner schätzenswerte Ausführungen beitrugen. Unsere Leserinnen sind sicher aus der Tagespresse über die betreffenden Verhandlungen des Kongresses unterrichtet. Bei der Kürze der verfügbaren Zeit war es selbstverständlich ausgeschlossen, dass Referat und Debatten die bedeutsame Materie in ihrem ganzen Umfang und ihrer großen Vielgestaltigkeit erschöpften. Es wurden jedoch sehr wesentliche praktische Gesichtspunkte klargestellt und Mittel und Wege aufgezeigt, welche die Agitations- und Organisationsarbeit unter den Arbeiterinnen in hohem Maße zu fördern geeignet sind. Der Kongress forderte vor Allem Planmäßigkeit und Stetigkeit des Wirkens. Er wies der Werkstubenagitation, der Hausagitation, dem belehrenden Wort in der Familie neben der öffentlichen Agitation den ihnen gebührenden Platz an. Er verpflichtete die Verbände zu systematischer Inangriffnahme der Aufgaben, die ihnen durch die Rücksicht auf die Sonderinteressen jeder einzelnen Arbeiterinnenkategorie zufallen. Er rief die Generalkommission zur Unterstützung der Agitation dort auf, wo die Organisationen noch zu schwach sind, um sie allein betreiben zu können. Er anerkannte, von welch großem Nutzen, ja wie unentbehrlich die Mitarbeit der Frau zur Organisierung der Arbeiterinnen ist. Nebenbei sei bemerkt, dass nicht bloß die Verhandlungen über die Agitation unter den Arbeiterinnen die tüchtige gewerkschaftliche Schulung der weiblichen Delegierten erwiesen, sondern dass dieselbe auch bei andern Beratungsgegenständen in Erscheinung trat. So begründete z.B. Genossin Zietz in einer musterhaften Rede den Antrag des Fabrikarbeiterverbandes, der für die Landarbeiter die volle Koalitionsfreiheit forderte. Dass die Mehrheit der Kongressteilnehmer sich trotz des treuen, fieberhaft fleißigen und verständigen Wirkens einzelner Genossinnen auf gewerkschaftlichem Gebiet, trotz ihrer erprobten Leistungsfähigkeit sich nicht entschließen konnte, dem Vorschlag der Berliner Delegierten entsprechend, ein weibliches Mitglied in die Generalkommission zu entsenden, bedauern wir lebhaft. Nicht als ob wir aus frauenrechtlichen Erwägungen heraus der Ansicht wären, dass die organisierten Arbeiterinnen einer besonderen Vertretung bedürften. Wohl aber meinen wir vom Standpunkt des Gewerkschafters aus, dass die Mitarbeit einer Frau in der Generalkommission dringend wünschenswert ist mit Rücksicht auf die Agitationsarbeit unter den Hunderttausenden von Lohnsklavinnen, denen das Wort Organisation leider noch tot, unverständlich ist.

Nach einem vorzüglichen Referat Kämings über die Hausindustrie, das tatsachenreich und übersichtlich die wichtigsten Seiten des schwierigen Problems in die richtige Beleuchtung rückte, beschloss der Kongress einstimmig und debattelos einen energischen Kampf für den wirksamen Schutz der Heimarbeitenden. Dieser Kampf soll eröffnet werden durch einen besonderen Kongress, der binnen Kurzem nach Berlin einberufen wird und sich ausschließlich mit den Aufgaben der Gesetzgebung und der gewerkschaftlichen Aktion auf dem Gebiet der Hausindustrie beschäftigen soll.

Die Verhandlungen über Arbeitslosenstatistik und Arbeitslosenversicherung wurden durch ein logisch aufgebautes, klares und zielsicheres Referat des Genossen von Elm eingeleitet. Sie zeigten klärlich, wie ungemein schwierig und kompliziert die hier vorliegenden Aufgaben sind, und wie weit die Meinungen über die besten Mittel zu ihrer Lösung auseinandergehen. Der Kongress beschloss, was er unter den Umständen beschließen konnte. Er erklärte die gewerkschaftliche Arbeitslosenunterstützung als die Grundlage der gesetzlichen Regelung der Materie; er forderte Zuschüsse von Staat und Unternehmertum; er betonte die Notwendigkeit freier Selbstverwaltung der zu schaffenden Einrichtungen durch die Arbeiter. So legte er grundsätzlich die Richtung fest, in welcher die Arbeiter die Gesetzgebung vorwärts treiben müssen. Da die gesetzgebenden Gewalten den Forderungen des Proletariats gegenüber nicht so feinhörig und arbeitseifrig sind, wie gegen das Schreien zollwucherfroher Junker und zuchthausbegeisterter Scharfmacher, dürfte das nächste praktische und aufrichtig zu begrüßende Ergebnis der Kongressarbeiten wohl der weitere Ausbau der Arbeitslosenunterstützung in den Gewerkschaften sein.

Es ist leider ein Ding der Unmöglichkeit, im Rahmen dieses Artikels all die wichtigen und interessanten Verhandlungen und zahlreichen Beschlüsse zu würdigen, durch welche der Kongress an der Ausdehnung und Vertiefung des gewerkschaftlichen Tätigkeitsgebiets, an dem Ausbau und der Kräftigung der Organisationen arbeitete, durch welche er der Gewerkschaftsbewegung neue Ziele wies oder die alten Ziele höher steckte. So die Verhandlungen und Beschlüsse, betreffend das Zentral-Arbeitersekretariat, die Arbeitersekretariate, die Streikklausel und das Submissionswesen, die Verlegung der Generalkommission nach Berlin, die Gründung einer Unterstützungskasse für Gewerkschaftsbeamte etc. etc. Wir müssen uns damit begnügen, die Züge hervorzuheben, welche für die geleistete beträchtliche und wertvolle Gesamtarbeit charakteristisch sind. Sie fügen sich mit den bereits Eingangs erwähnten betätigten Eigenschaften zusammen zu einem wahrhaft erhebenden Bilde von der kerngesunden, lebensstrotzenden, inneren Entwicklung der deutschen Gewerkschaftsbewegung, von dem hohen Niveau, das sie unter Stürmen und Hindernissen erklommen hat, von dem erzieherischen, bildenden Einfluss, den sie auf ihre Vorkämpfer und Träger ausübt. Die aufgerollten Fragen wurden von den „halb gebildeten“ Agitatoren, von den ehemaligen Volks- und Armenschülern im Allgemeinen mit einer gediegenen Sachkenntnis und einer formalen Schulung behandelt, die manchem Geheimrat wohl anstehen würde, der stotternd ein miserabel begründetes gesetzgeberisches Pfuschwerk von Amts wegen verfechten muss. Fast durchweg ward kurz, sachlich, präzis, ohne leere Phrasen verhandelt. Eine kühle, nüchterne Berücksichtigung der nächstliegenden tatsächlichen Verhältnisse war mit einem klaren Blicke für die tiefen gesellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhänge gepaart, die richtige Wertung auch des unscheinbaren kleinen praktischen Zweckes für das Heute mit dem Bewusstsein seiner inneren Verknüpfung mit dem großen Ziele des Morgen.

Die innere Einheit der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung war das Leitmotiv des Kongresses, das wieder und wieder in vollen, reinen Akkorden ertönte. Wie inbrünstig hatten nicht die bürgerlichen Gönner des „berechtigten Kernes der Arbeiterbewegung“ gehofft, dass die unentbehrliche, hoch bedeutsame praktische Gegenwartsarbeit der Gewerkschaften den „verbohrten Doktrinarismus“ der sozialistischen Überzeugung überwinden werde. Wie einschmeichelnd hatten sie nicht „die vernünftigen Männer der Praxis“ angefleht, sich von „Buchstabengläubigen der grauen Theorie“ zu trennen, statt den Klassenkampf zu kämpfen, auf das gute Herz und die Einsicht Derer um Naumann und Sonnemann, um Berlepsch und Sombart zu bauen. Und wie schändlich hat nicht der 4. Gewerkschaftskongress ihre Hoffnungen enttäuscht, ihr Flehen abgewiesen. Der Vertreter der „gemäßigten“ dänischen Gewerkschaftsbewegung schließt seine Begrüßungsrede mit dem Hinweis auf das sozialistische Zukunftsideal. Die Delegierten der General Federation of Labour respektieren den Ruf der englischen Gewerkschaftsbewegung als einer bürgerlich geeichten Musterbewegung so wenig, dass sie erklären: immer größere Kreise der englischen Trade Unions erkennen die Notwendigkeit des politischen Kampfes, erkennen, dass in diesem Kampfe die Arbeiter sich um das sozialistische Programm scharen müssen. Legien setzt sich erfrischend scharf und bestimmt mit der Berlepscherei auseinander, und der „neutralitätsduselige“ Hué schleudert das Wort hinaus: Der Führer, welcher den Bergarbeitern das Zusammengehen mit dem Minister a. D. empfehlen wollte, erhielte morgen den Laufpass. Als wichtigstes Ergebnis der „Buchdruckerdebatte“ stellt Bömelburg fest, dass Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie sich einander ergänzend in innerer Zusammengehörigkeit zusammenfügen. So reiht sich Äußerung an Äußerung, Tatsache an Tatsache, welche kündet, dass die deutschen Gewerkschaften Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der modernen klassenbewussten Arbeiterbewegung sind, dass in ihnen der nämliche „umstürzlerische“ Geist pulsiert, der in der Sozialdemokratie lebendig ist. Und so hat der 4. Gewerkschaftskongress der schwächlichen, quacksalbernden bürgerlichen Sozialreform die proletarische Sozialreform gegenübergestellt, deren Ziele nicht kapitalsfürchtige Arbeiterfreundlichkeit-Heuchelei und ohnmächtige Rührseligkeit steckt, sondern das gegenwärtige und zukünftige Klasseninteresse des Proletariats, jene proletarische Sozialreform, die nicht das Gnadengeschenk der Ausbeutenden und Herrschenden sein wird, vielmehr die Frucht der steigenden Erkenntnis und Macht der Ausgebeuteten, die ihre Befreiung wollen. Es war diese Bedeutung des Kongresses, die der Vorsitzende Bömelburg mit lichtvoller Bestimmtheit in seinem Schlusswort hervorhob, das bei aller Schlichtheit des Ausdrucks von jenem zündenden hinreißenden Pathos getragen war, welches allein aus einer großen, echten Überzeugung geboren wird. Wer mit dem Proletariat fühlt, denkt und kämpft, den wehte aus diesen markigen Ausführungen der „Menschheit Odem“ an, „die rastlos nach Befreiung lechzt„, dem waren sie mehr als das soziale Glaubensbekenntnis unseres sturmerprobten Freundes: ein soziales Glaubensbekenntnis der modernen Gewerkschaften, ein soziales Glaubensbekenntnis des klassenbewussten Proletariats. Unbeirrt durch die Schmeicheleien falscher Freunde und das Toben offener Feinde geht es auch auf gewerkschaftlichem Gebiet seine Bahn, jede nötige, jede ersprießliche Gegenwartsarbeit mit größter Treue leistend. Allerdings: die treue Gegenwartsarbeit nicht bloß um des Gegenwartsgewinnes wegen, sondern auch vor Allem im Dienste seiner Zukunftsbefreiung. Der Gewerkschaftskongress zu Stuttgart hat keinen Zweifel darüber gelassen.


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