Clara Zetkin: Redebeitrag zum Geschäftsbericht des Frauenbüros

[1. Verhandlungstag der Frauenkonferenz, 8. September 1911, „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 10. bis 16. September 1911 sowie Bericht über die 6. Frauenkonferenz am 8. und 9. September 19011 in Jena”, Berlin 1911, S. 421 f.]

Genossin Zetkin: Von den vielen Resultaten des Frauentages, die hier besprochen worden sind, ist noch eins von besonderer Bedeutung hinzuzufügen. Der Frauentag hat durch seine Konsequenzen erwiesen, wie außerordentlich wichtig es im Interesse der proletarischen Frauenbewegung und der gesamten Sozialdemokratie ist, dass man den Genossinnen ein gewisses Recht der Initiative und eine gewisse Bewegungsfreiheit lässt, selbstverständlich im Rahmen der Organisation. Als es sich darum handelte, den Antrag auf Abhaltung des Frauentages in Kopenhagen einzubringen, standen so viele Genossen und Genossinnen diesem Antrag ablehnend gegenüber, dass er nicht namens der ganzen deutschen Delegation eingebracht werden konnte, sondern als von Einzelpersonen eingebracht gelten musste. Die Befürchtungen, dass diese Aktion nicht zum Nutzen der allgemeinen sozialdemokratischen Bewegung durchgeführt werden könnte, sind glänzend widerlegt worden. Unser Auftreten hat nicht den schwächsten frauenrechtlerischen, eigenbrötlerischen Beigeschmack gehabt. Unsere Aktion war eine solche des aufgeklärten und organisierten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts. Der sozialdemokratische Frauentag ist ohne Zweifel die ernsteste und gewaltigste Kundgebung, die in den letzten Jahren für das Frauenwahlrecht überhaupt stattgefunden hat. (Sehr richtig!) Die mit so viel Tamtam und Reklame veranstalteten Kundgebungen der Suffragettes in London machen nach außen hin gewaltigen Eindruck, aber sie haben niemals die innere Kraft und die politische Wirkung wie unser Frauentag, der gezeigt hat, dass der Kampf für das Frauenwahlrecht in Deutschland nicht nur und nicht in der Hauptsache von der Elite der bürgerlichen Frauenbewegung getragen wird, sondern dass er eine Massenerscheinung ist, die in der breiten Schicht der erwerbstätigen proletarischen Frauen ihre Kraft und Stärke besitzt. Je schwächer sich die bürgerliche Frauenbewegung erweist, eben als Reflexbewegung des schwächlichen bürgerlichen Liberalismus, die Forderung des gleichen Wahlrechts zum Siege tragen zu können, um so wichtiger ist es, dass wir dem ganzen weiblichen Geschlecht vor Augen führen, dass es in Deutschland nur eine Partei gibt und sogar eine das allgemeine Leben beherrschende Partei, die Sozialdemokratie, die konsequent und mit der höchsten Treue wieder und wieder für die Forderung eintritt, die eigentlich nur die Konsequenz des zu Ende durchgedachten Liberalismus ist. Wir lenken die Blicke aller mit zwingender Gewalt darauf, dass heute auch im Kampfe für die volle Gleichberechtigung der Geschlechter die Sozialdemokratie allein die Testamentsvollstreckerin des Liberalismus und Idealismus ist, der in der voraufgegangenen Periode vom Bürgertum vertreten wurde, und diese Lehre wird an der Öffentlichkeit nicht spurlos vorübergehen. Weite Kreise des weiblichen Proletariats werden dadurch veranlasst, sich um das Banner der Sozialdemokratie zu scharen. So segensreich aber auch die Wiederholung des Frauentages wirken wird, so möchte ich doch nicht, dass man sich von vornherein an ein bestimmtes Datum binden sollte. (Sehr richtig!)

Wir wissen nicht, wie die politische Situation bei den Reichstagswahlen sich gestalten wird und wann und unter welchen Formen eine Erneuerung des preußischen Wahlrechtskampfes eintreten kann, die auch alle Bundesstaaten, wo das allgemeine Wahlrecht noch nicht eingeführt ist, in Mitleidenschaft ziehen muss. Überlassen wir darum die Festsetzung des Tages jener Instanz, die bisher mit väterlicher Weisheit und väterlichem Wohlwollen unsere Bewegung unterstützt hat, nämlich dem Parteivorstand. (Große Heiterkeit und Beifall.)


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