[1. Verhandlungstag der Frauenkonferenz, 8. September 1911, „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 10. bis 16. September 1911 sowie Bericht über die 6. Frauenkonferenz am 8. und 9. September 19011 in Jena”, Berlin 1911, S. 425 f.]
Genossin Zetkin: Wäre die Frauenwahlrechtszeitung zur Agitation unter den Indifferenten bestimmt gewesen, dann würde Genossin Seelinger den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Diesem Zweck sollten aber die einzelnen Flugblätter dienen. Die Frauenwahlrechtszeitung aber war für die Genossinnen und Genossen bestimmt, die auch der grundsätzlichen Aufklärung vielfach dringend bedürfen. Sie sollte außerdem ein historisches Dokument der Reife der führenden Genossinnen unserer Bewegung sein und damit der Elite des weiblichen Proletariats. Denn mit verschwindenden Ausnahmen waren alle Beiträge von Proletarierinnen geschrieben. Nun zu dem Lied gegen die „Gleichheit“. Die „Gleichheit“ ist mit ihren Beilagen organisch verbunden und sie können von ihr nicht losgelöst werden. Die Kinderbeilage ist nicht nur für die Kinder bestimmt, sondern soll auch für die noch Indifferenten zur Erweckung und zur Freude dienen. Auch die „Gleichheit“ soll der Erweckung dienen, in der Hauptsache aber der Klärung der grundsätzlichen Auffassung und der Vertiefung der Kenntnisse bereits geschulter Genossinnen Wollten wir uns nach den Einwendungen von eben erst gewonnenen Genossinnen betreffs der „Schwerverständlichkeit“ des Blattes richten, so müssten wir immer von vorn anfangen. (Sehr richtig!) Die Schulung der eben erst in unsere Bewegung Hineingezogenen ist Sache der lokalen Organisation und der lokalen Presse Gestalten Sie die Lese- und Diskutierabende zu einem Organ der Schulung und Vertiefung aus! Warum schreibt Genossin Grünberg nicht die von ihr vermissten populären Artikel? (Heiterkeit.) Ich würde sie von ihr wie von jeder anderen Genossin mit Kusshand entgegennehmen, Kaum in einem anderem Blatt der Partei treten die Berufsschriftsteller neben den gelegentlich schreibenden Proletarierinnen und Proletariern so zurück, wie in der „Gleichheit“. Aber auch die schreibenden Genossinnen schreiten in ihrer Entwicklung fort und schreiben dann nicht mehr so „populär“ wie früher. Soll ich sie da von der Mitarbeit ausschließen? (Heiterkeit.) Ich habe nicht ein Amt, sondern eine Meinung, und danach gestalte ich die „Gleichheit“. Passt es Ihnen nicht, – ich klebe nicht am Amt. (Bewegung.) Zur Frage der Parteisekretariate befürworte auch ich, dass immer lauter der Ruf erhoben wird, durch Anstellung von Genossinnen die Parteisekretariate zu verbessern. Gegenwärtig wird ein Raubbau mit der Arbeitskraft der Parteisekretäre getrieben, dem die einzelnen sich aus Idealismus hingeben, den aber die Partei nicht dulden sollte Die bessere Ausgestaltung der Sekretariate durch Anstellung von Genossinnen dürfen wir nicht unter dem Gesichtspunkt der Frage betrachten, was kostet es, sondern was bringt es ein. Deshalb, Genossinnen, sage auch ich: schreien wir, nicht um unserer Interessen willen, sondern im Interesse der Sozialdemokratie. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen)
Schreibe einen Kommentar