[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 24, 18. August 1916, S. 177]
Der Parteiausschuss ist im letzten Augenblick vor einem Vorhaben zurückgeschreckt, das in den weitesten Parteikreisen tiefe Aufregung und Erbitterung hervorzurufen geeignet war. Die Abhaltung eines Parteitags unter den heutigen Verhältnissen ist in der Tat eine so bare Unmöglichkeit, dass kein Rütteln und Deuteln etwas daran zu ändern vermag. Dabei denken wir nicht einmal an jenen zweischneidigen Einwand, der gegen die Abhaltung eines Parteitags von manchen Seiten erhoben worden ist, und der auf die gewaltige Anzahl Genossen hinweist, die im Felde stehen. Ohne diese – heißt es – dürfe man von Rechts wegen nichts Entscheidendes unternehmen. Es fragt sich jedoch unseres Erachtens sehr, ob nicht umgekehrt von den aus dem Kriege zurückkehrenden Genossen dieser bittere Vorwurf zu gewärtigen sei: „Wie, ihr habt uns hinaus in Graus und Tod geschickt, ohne zu wissen, wie viele von uns überhaupt zurückkehren, und ihr habt unterdessen nicht einmal das höchste Gut zu hüten verstanden, das wir in der Heimat zurückgelassen haben, unser Werk und unseren Stolz: die Partei. Ihr habt sie Stück um Stück verfallen lassen, und nun habt ihr noch ihre Reinigung auf uns abwälzen wollen!“ Wir glauben, dieser Vorwurf würde kein unverdienter sein, und es gibt außer dem angeführten Einwand wahrlich andere Gründe genug, die gegen das Experiment eines Kriegsparteitags sprechen.
Jede gewöhnliche Beratung und Entscheidung einer demokratischen Massenpartei wie die Sozialdemokratie schöpft ihre politische Legitimation und ihr moralisches Gewicht nur aus der öffentlichen Kontrolle sowie aus der Mitwirkung und Unterstützung breiter Kreise des klassenbewussten Proletariats. Wie viel mehr bedürfte dieser Kontrolle und dieser Unterstützung eine Beratung, die wie der nächste Parteitag über wichtigste Verschiebungen und Entscheidungen im Schoße der Arbeiterbewegung seit fünfzig Jahren zu Gericht zu sitzen und für weitere Jahrzehnte gewissermaßen den Weg festzulegen hätte! Beschlüsse von dieser Tragweite dürfen offenbar nur in vollstem Sonnenlicht gefasst werden, nach allgemeiner, unbeschränkter Diskussion durch die Parteimitgliedschaften über die Gesamtheit der in Betracht kommenden Probleme, nach reiflichster Sichtung und Prüfung des zu Bergen angewachsenen Materials über die „Durchhaltepolitik“.
Was die Partei war, was sie ist, und was sie werden soll, darüber liegt die Entscheidung nicht bei einigen Dutzenden oder selbst Hunderten Funktionären, Parlamentariern und Redakteuren, sondern bei den Massen der organisierten Proletarier und Proletarierinnen, die das Mark der Partei bilden, deren Herzblut den Pulsschlag der Partei regelt. Ehe nicht diese Hunderttausende in der Lage sind, in großen öffentlichen Versammlungen, eine aus den Banden der Zensur befreite Presse zur Seite, in freiem Wort und freier Schrift ihre Meinung zu bilden und ihr Urteil zu fällen: kann nimmermehr über die Geschicke der Partei irgendeine maßgebende Entscheidung gefällt, können nimmermehr ihrem Tun und Lassen irgendwelche bindende Richtlinien vorgezeichnet werden.
Damit ist auch schon im Voraus das Nötige über die Bedeutung jener Parteikonferenz gesagt, die nach dem Beschluss der jüngsten Sitzung des Parteiausschusses an die Stelle des geplanten Parteitags treten soll. Die Gründe, die geboten, von der Abhaltung eines Parteitags unter den obwaltenden Verhältnissen Abstand zu nehmen, sprechen erst recht dagegen, dass eine unverbindliche Konferenz irgendwelcher Instanzen – denn nur eine solche kommt offenbar bei der gegebenen Sachlage in Betracht – sichtend und wegweisend in den Streit der Geister innerhalb der Gesamtpartei eingreifen würde. So tief wühlende, elementare Gegensätze, wie sie heute in der Arbeiterbewegung aller Länder zutage treten, lassen sich unter dem Belagerungszustand nun einmal nicht austragen, aber auch ebenso wenig durch irgendeinen Machtspruch der Instanzen bannen und zum Schweigen bringen. Dies mag für gar manche Genossen bitter sein, die hüben wie drüben aus der drückenden Luft ungelöster Konflikte zur befreienden Klarheit der Scheidung und Entscheidung sehnlich streben. Allein es gibt Dinge, die man nicht künstlich aus der Welt schaffen kann, auch wenn man sich über sie mit verzweifeltem Mute hinwegzusetzen versucht. Zu diesen Dingen gehört der demokratische Charakter der Sozialdemokratie, die als Bewegung der Massen nur in der freien Luft eines regen politischen Lebens der Massen normal gedeihen kann.
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