[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 26, 15. September 1916, S. 189 f.]
In dem lesenswerten Büchlein über die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen Republik bringt der Verfasser, Leo Bloch, „das antike Staatsideal – nicht das der Philosophie, wohl aber das der praktischen Politiker –“ auf die knappe Formel: „dass das Ausland die Bürger ernähren müsse“. Da er die Methode des historischen Materialismus nur teilweise und unvollkommen anwendet, so macht er fälschlich die „Demokratie“, wie wir sie im klassischen Athen zur Zeit des Perikles, und im alten Rom nach Abschluss der ständischen Kämpfe zwischen Plebejern und Patriziern vorfinden, für die ausbeutungssüchtige Eroberungspolitik dieser Staaten verantwortlich. Denn um Anteil zu nehmen an der Verwaltung und Regierung ihrer Vaterstadt seien die Bürger bestrebt gewesen, sich von der lästigen Erwerbsarbeit frei zu machen, sie auf die Schultern der im Kriege erbeuteten Sklaven und unterworfenen Provinzen abzuwälzen.
Bei schärferem Zusehen freilich erweist sich die geringe Stichhaltigkeit dieser Behauptung. Nicht die politische Demokratie führte zur Eroberungspolitik, sondern die Eroberungspolitik der besitzenden Schichten machte die politische Demokratie zu ihrer Sklavin. Nicht das Streben, sich geistig und politisch zu betätigen, gab den Bürgern Roms oder Athens den Wunsch ein, auf Kosten Tribut zahlender „Bundesgenossen“ und kriegsgefangener Sklaven ein höheres Kulturleben zu führen. Die politische Demokratie ist in diesen Staaten von Anfang an, wie später beim aufstrebenden Handels- und Industriekapital des siebzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts, das Aushängeschild und die Lockpfeife kleiner, rühriger Interessengruppen gewesen, in deren Händen die wirtschaftliche Macht bereits lag und die nun auch der politischen Macht bedurften, um sich voll auswirken zu können.
Daran ändert nichts, dass damals tatsächlich ein höheres Kulturleben nur auf der Basis der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen möglich war. Das Entscheidende liegt darin, dass die politisch führenden Schichten die Technik und Wirtschaft nicht durch eigene Arbeit zu verbessern, immer produktiver zu gestalten strebten, sondern durch Unterwerfung und verschärfte Ausbeutung fremder Kräfte die Kulturgüter der ganzen Welt für sich zu monopolisieren suchten.
Die Volksmasse als selbsttätiger, politisch bestimmender Faktor kam weder im Altertum noch in der bisherigen bürgerlichen Gesellschaft ernsthaft in Betracht. Wer die wahre, die wirtschaftliche Macht im Staate besaß, konnte einige Zugeständnisse in der inneren Politik wohl verschmerzen, wenn er nur die äußere Politik fest in der Hand behielt. Demokratische Reformen erwiesen sich sogar zu jeder Zeit als gute Zugmittel, um die Volksmassen für auswärtige kriegerische Unternehmungen willfährig zu machen, wie denn auch das „demokratische“ Rom das „aristokratische“ Karthago schließlich niederrang.
Dass mit demokratischen Staatseinrichtungen allein den Volksmassen noch lange nicht die wirkliche politische Macht in die Hand gegeben ist, beweist die bisherige Geschichte der antiken wie der modernen bürgerlichen Demokratien. Das römische Volk war souverän und war doch nur ein elender Spielball der großen Grundbesitzer, Bankiers und Handelsherren, die je nach Bedürfnis es fütterten oder hungern ließen, es umschmeichelten oder verhöhnten, immer aber es in Schmutz, Armut und Rohheit verkommen ließen und es von Herzen verachteten.
Die römische Wirtschaft seit Ende des dritten Jahrhunderts vor Christus beruhte auf der rücksichtslosen Ausbeutung des bäuerlichen und Gewerbefleißes in den unterworfenen Ländern vermittelst ungeheurer Tributerpressung, Sklavenraubs, Bauernlegens und eines raffinierten Wuchersystems. Daran waren in irgendeiner Form alle besitzenden Gruppen gleicherweise beteiligt: die Großhändler, Reeder, Bankiers, Bergwerksbesitzer unmittelbar und offen, der Grund- und Beamtenadel mittelbar durch vorgeschobene Strohmänner. Ob sich die einzelnen Gruppen nun Aristokraten oder Demokraten nannten, sie alle waren an einer unentwegten, skrupellosen und energischen Eroberungspolitik gleichermaßen interessiert. Darum hat es auch auf die Kriegführung draußen, an den Grenzen keine sonderliche Wirkung geübt, ob in der Heimat die oder jene Partei augenblicklich am Ruder war, gleichwie in dem heutigen gigantischen Ringen der europäischen Staaten es an den Kriegszielen und der Kriegführung herzlich wenig ändert, ob liberale Bourgeoisie oder konservatives Junkertum das Heft in der Hand hält. Die Herrschenden sind alle für siegreiches Durchhalten. Sie unterscheiden sich höchstens in der Tonart, schließlich auch in der Hervorhebung dieses oder jenes Gegners als den Feind. Für Annexionen, Ausdehnung des staatlichen Machtbereichs, militärische Grenzregulierung, reale Garantien usw. sind sie alle. Einfach aus dem Grunde, weil der „innere Markt“ für die kapitalistischen Interessen längst zu klein ist, weil wie im alten Rom, nur auf höherer Stufe, das große Finanzkapital mit seinen ausländischen Anlagen alle Kapitalistengruppen um seine Fahne schart und auch die große Masse der Kleinbürger, Bauern und Proletarier mitzureißen versteht. Heute wie damals spielt es keine wesentliche Rolle, ob in einem der um die Weltherrschaft ringenden Staaten politische Demokratie besteht oder eine Herrschaft privilegierter Klassen. Es ist das abhängig von den jeweiligen geschichtlichen Verhältnissen, nicht aber ein Gradmesser für die Selbständigkeit und bestimmenden Macht der Volksmassen in dem betreffenden Lande.
Das Kriegsziel der römischen Junker und Kapitalisten – nicht das Kriegsziel eines einzelnen Feldzugs, sondern ihrer gesamten kriegerischen Politik – war die pax Romana. der römische Friede. Eine Provinz „befrieden“ war der stehende Ausdruck für die Unterwerfung neuer Länderstrecken unter die römische Ausbeutung dank einer für die damalige Zeit unerhörten militärischen Organisation. Und tatsächlich wurde hier schließlich das Ziel erreicht, dass ganz Rom, das Proletariat sowohl wie die Besitzenden, von der Ausbeutung des so „befriedeten“ Auslands lebten. Freilich mit dem Unterschied, dass die Besitzenden das Schaf mitsamt der Wolle behielten, das Proletariat nur den leeren Schein seiner Souveränität erhielt, der glänzenden Spiele und Speisungen, einzelner ungenügender Fürsorgeeinrichtungen usw., um damit die stinkende Blöße seines Bettlerdaseins zu bedecken. Das vom Machtdünkel geschwellte, sich als Weltherren fühlende römische Volk war trotz aller politischen Demokratie eine armselige, käufliche, dem Schimmer des Augenblicks nachlaufende Herde, bereit zu jeder Gewalttat, die seinen Wahn kitzelte, immer aber mit dem Antlitz im Staube das goldene Kalb anbetend, das seine wahren Beherrscher ihm vor den Augen funkeln ließen.
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