[Nr. 1118, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 17, 25. April 1890, S. 7 f.]
Berlin, 22. April. Bismarck frondiert. Der abgedankte Reichskanzler sitzt wie ein grollender Löwe in seiner Höhle in Friedrichsruhe und sinnt auf Rache über die ihm widerfahrene Entlassung. Wie behauptet wird, lässt er sich über seine Dienstentlassung in Ausdrücken aus, die öffentlich nicht wiederzugeben sind. Nachdem kürzlich in einem heftigen Artikel der „Hamburg. Nachrichten“, den man auf ihn als Verfasser zurückführt, seinem Nachfolger in wenig schmeichelhafter Weise der Text gelesen wurde, heißt es jetzt, dass er nächstens im preußischen Herrenhause erscheinen werde, um öffentlich gegen die Regierung Front zu machen. Bei dieser Nachricht überläuft unsere loyalen Spießbürger ein gelindes Gruseln.
Bismarck in der Opposition gäbe ein noch nie dagewesenes Schauspiel.
Als vor Jahren einmal er im Reichstag auf Schwierigkeiten stieß, drohte er, wenn die Dinge so weiter gingen, sein Amt niederlegen zu wollen, alsdann werde er aber sich in den Reichstag wählen lassen und seinen Platz auf den Bänken der äußersten Linken einnehmen. Jetzt heißt es nun, und zwar sind es wiederum die „Hamb. Nachr.“, die sein offiziöses Leiborgan sind, dass der Gedanke, sich in den Reichstag wählen zu lassen, beim gewesenen Reichskanzler vorhanden sei; schwerlich dürfte er aber dann auf den Bänken der äußersten Linken, d.h. bei den Sozialdemokraten Unterkommen finden. Sein Platz wird vielmehr bei den National-Liberalen sein, die noch bis heute nicht sich über seinen Verlust zu trösten vermochten und kopf- und führerlos sind.
Und wie ihnen ergeht es unserer gesamten Bourgeoisie, für deren Interessen, die auch die seinen waren, er stets so eifrig sorgte. Der neue Kanzler, Soldat vom Scheitel bis zur Zehe, der nur den Willen seines Herrn kennt und nichts anderes als dessen ausführendes Organ ist, steht ihr fremd gegenüber. Als Soldat ist ihm sogar die Raubpolitik unserer Bourgeoisie in der Seele zuwider. Nun führt freilich dieser Widerwille oder das Nichtverständnis für die großbürgerlichen Interessen nicht dahin, der Bourgeoisie feindlich entgegenzutreten, aber eben so wenig stellt er sich freundlich ihr gegenüber oder legt besonderes Gewicht auf das, was sie wünscht und verlangt. Das genügt aber, um unsere Bourgeoisie in Unruhe zu versetzen. Wozu existiert der Staat, wenn nicht für sie.
Dazu kommt die Haltung des Kaisers in den Fragen der Arbeiterschutz-Gesetzgebung, die, so unklar sie auch an sich ist, genügt, um ihr Unbehagen zu steigern. Ihre anerkannten Organe wie „Kölnische Zeit.“, „Magdeb. Zeit.“, „Berliner Nat.-Zeitung“ halten auch nicht mit ihrer Meinung zurück, dass die Situation eine ganz und gar verfahrene sei und die armen Unternehmer nicht mehr wüssten, wohin sie halten sollten. Gerade von dort, wo sie am meisten Schutz und Hilfe gegen die „immer anmaßender auftretenden Forderungen der Arbeiter“ erwarteten, ließe man sie im Stich und helfe noch durch leicht misszuverstehende Äußerungen, „die Begehrlichkeit der unteren Klassen steigern.“
Kein Zweifel, dass in jenem Lager die äußerste Missstimmung besteht, die noch erheblich wachsen dürfte, falls nicht unwesentliche Änderungen an den Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung über den Arbeiterschutz in Aussicht stehen sollten, wie ein Teil der Presse behauptet. Nach der Opposition zu schließen, welche das offiziöse Organ der sächsischen Regierung gegen das Verbot der Kinderarbeit macht, sieht es fast so aus, als sei ein solches durch einen Gesetzentwurf in Aussicht genommen.
Käme Bismarck in den Reichstag und würfe er sich auf diesem Gebiet zum Führer der Bourgeoisie jetzt auf, er hätte nie in seinem Leben von Herzen kommendere Triumphe gefeiert als ihm dann von jener Seite zuteil würden. Wie groß immer der Ingrimm dort ist, zu offener rückhaltloser Opposition hat man nicht den Mut.–
Mittlerweile rüstet sich ein erheblicher Teil der Bourgeoisie, um die Demonstration der Arbeiter am ersten Mai durch Niederlegen der Arbeit zu verhindern. Die Maschinenfabrikanten Leipzigs und der größeren Städte der Provinz Sachsen haben eine Koalition geschlossen, worin sie über eine Reihe von Maßregeln sich verständigten, die gegen die feiernden Arbeiter ins Werk gesetzt werden sollen. Das Gleiche hat ein Teil der Dresdner Unternehmer getan. Ähnliche Koalitionen wie die Leipziger Unternehmer etc. haben die Industriellen in Görlitz und Umgegend, in Gera-Greiz, dem sächsischen Voigtland usw. gebildet.
Ganz besonders eifrig scheint der Senat der „Republik“ Hamburg gegen die Maifeierer vorgehen zu wollen, soweit diese im städtischen, bzw. im staatlichen Dienste sich befinden. Von verschiedenen Staatsbahnverwaltungen wird Gleiches öffentlich laut.
Diese Koalitionen waren vorauszusehen und haben die Haltung der Fraktion in dieser Frage wesentlich bestimmt.
Ist man zur Maifeier im Sinne des Niederlegens der Arbeit fest entschlossen, so muss man auch alle Konsequenzen tragen und diese können nach dem Einfluss, den heute die Partei auf die Arbeitermassen ausübt, gar keine anderen sein, als dass es alsdann zu gewaltigen Konflikten zwischen der Arbeiterklasse und ihren Gegnern käme, die mit einem gewaltsamen Kampfe endeten. Über das Ende eines solchen Kampfes kann aber, wie gegenwärtig noch die Dinge liegen, bei keinem Vernünftigen der geringste Zweifel bestehen und so wäre es ein Verbrechen gewesen, hätte die Fraktion in dieser Frage eine andere Stellung eingenommen als sie eingenommen hat.
Anlässlich der kleinen Differenzen, die in Folge der Erörterungen über die Art der Maifeier in einem Teil der sozialistischen Presse hervortreten und auch im Fraktionskreise ihren Ausdruck fanden, glaubt die gegnerische Presse auf tiefe Meinungsverschiedenheiten schließen zu dürfen und faselt auch allerlei von bevorstehenden Spaltungen. Nun, wer das glaubt, der irrt gewaltig. Sollte es wirklich Leute in der Partei geben, die glaubten, eine Spaltung herbeiführen zu können, so dürften diese die unliebsame Entdeckung machen, dass die ungeheure Mehrheit der Partei sich wie ein Mann gegen sie erhebt und sie von ihrem Platze fegt, was immer dieser Platz sein mag. Die Zeiten, wo die sozialistischen Arbeiter zum Gaudium ihrer Gegner sich bekämpften, sind für immer vorbei.
Glaubt Jemand in der Partei Ursache zum Tadel zu haben, weil dies oder jenes, was geschieht oder nicht geschieht, ihm nicht gefällt, so hat er, das versteht sich bei einer demokratischen Partei wie die Sozialdemokratie ist, ganz von selbst, das volle Recht, seine abweichende Meinung zum Ausdruck zu bringen. Verlangt wird nur, dass dies ohne Gehässigkeit und ohne Hintergedanken geschieht. Eine Partei wie die unsere, die den unausgesetzten Fortschritt auf ihren Fahnen stehen hat, darf die Kritik in ihren eigenen Reihen nicht unterdrücken, sie machte sich damit des Selbstmordes schuldig. Die Kritik gegen sich selbst ist sogar notwendig, um nicht in Stagnation zu verfallen. Kein Vernünftiger wird also der Kritik an sich widersprechen. Widersprochen wird ihr und bekämpft bis zum Äußersten wird sie, wo kein Zweifel besteht, dass sie unlauteren Absichten und Zwecken dienen soll. Das letztere wird allerdings alsdann bewiesen werden müssen und das wird dann Sache derjenigen sein, welche sich gegen den Angreifer wenden.
In der letzten Woche ist es in mehreren Orten und Bezirken wieder zu größeren Ausständen gekommen. In Berlin haben 5000 Schuhmacher die Arbeit eingestellt; sie verlangen 10stündige Arbeitszeit und 18 Mark wöchentlich Minimallohn. Ein anderer bis jetzt 16.000 Arbeiter und Arbeiterinnen umfassender Ausstand ist in Elsass, im Arbeiter-Eldorado Mülhausen und Umgegend ausgebrochen.
Wem durch die Veröffentlichungen der Untersuchungen Herkners über die Lage der Baumwollarbeiter im Elsass nicht schon die Augen darüber geöffnet wurden, dass Alles, was seit Jahrzehnten über die idyllischen Zustände in Mülhausen und Umgegend gesagt und gedruckt wurde, eitel Lug und Trug war, dem hat vielleicht der Ausfall der letzten Reichstagswahl, der einem Sozialdemokraten zum Siege verhalf, die Augen geöffnet.
Wem beides noch nicht genügend überzeugend erschien, wird endlich durch den Massenausstand der Arbeiter zur Einsicht gekommen sein. Streikende Arbeiter, die mit elfstündiger Arbeitszeit sich zufrieden geben wollen, sind wahrlich Muster von Bescheidenheit und eine solche Forderung zeigt, wie in Wahrheit die Zustände beschaffen sind. Bis zu diesem Augenblick haben einige größere Fabriken die Forderungen der Arbeiter bewilligt. Vielleicht gelingt es den Sieg auf der ganzen Linie zu erzwingen.
Ein ganz neuer Streik, den Deutschland in diesem Umfang noch nicht gesehen, ist der Streik der holsteinischen Landarbeiter. Dieselben verlangen vom 1. Mai ab die 12stündige Arbeitszeit, von Morgens 6 bis Abends 7 Uhr und 35 Pfg. für die Stunde Arbeit am Sonntag. Weigern sich die Unternehmer die Forderungen zu erfüllen, so wollen die Arbeiter am 1. Mai den Dienst verlassen. Bei dem Mangel an Arbeitern auf dem Lande haben sie Aussicht ihre Forderungen erfüllt zu sehen. Dass man 13 Stunden, in welcher allerdings die Zeit für das Essen fällt, als eine wesentliche Verbesserung des bisherigen Zustandes ansehen muss, lehrt, wie traurig dort noch die Zustände sind; sie sind freilich in einer Reihe von Industriezweigen, z. B. in der Bäckerei, noch schlechter.
Unter den rheinisch-westfälischen Bergarbeitern ist es endlich zum Bruch gekommen. Gegen die aus Sozialdemokraten bestehende Leitung des Bergarbeiterverbandes, der ungefähr 32.000 Mitglieder zählt, tritt jetzt öffentlich ein kleiner Teil der ultramontan-gesinnten Arbeiter auf und agitiert für die Gründung eines anderen Verbandes. Kommt derselbe überhaupt zustande, so wird er nur wenig Mitglieder zählen, denn nunmehr wird auch dem beschränktesten ultramontanen Arbeiter klar werden, dass es sich hier nur um ein Pfaffenmanöver handelt, darauf berechnet, die Arbeiter dauernd zu spalten und für kirchliche Zwecke auszubeuten. Unter den dort herrschenden Verhältnissen muss die politische Schulung der Arbeiter rasche Fortschritte machen. Die ultramontanen Führer dürften aber in nicht ferner Zeit merken, dass sie die Geprellten sind.
Schreibe einen Kommentar