[1. Verhandlungstag, 11. September, 1911, „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 10. bis 16. September 1911 sowie Bericht über die 6. Frauenkonferenz am 8. und 9. September 19011 in Jena”, Berlin 1911, S. 219-221]
Klara Zetkin: Wahrscheinlich stoße ich bei der Majorität auf Widerspruch, wenn ich das Folgende erkläre: Mein Eindruck von dem Vorgehen des Parteivorstandes und Bebels Rede ist der: die Parteigenossen haben das Recht, Kritik an den Aktionen des Parteivorstandes zu üben, wer aber dieses Recht gebraucht, läuft sehr leicht Gefahr, abgekanzelt und bestraft zu werden. (Widerspruch. – Zustimmung bei einem Teil der Delegierten. Frohme: Da hört doch alles auf!) Ich kann mich den Behauptungen Bebels und den Auslassungen des Parteivorstandes nicht anschließen, so bestechend sie auch scheinen mögen, dass Genossin Luxemburg irrezuführen gesucht und die Meinung Molkenbuhrs als die des Parteivorstandes schlechtweg hinzustellen gesucht hat. Genossin Luxemburg hat ausdrücklich erklärt, dass der Brief die private Meinungsäußerung des Genossen Molkenbuhr sei. Wenn sie im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen aus dem Brief Schlüsse auf die Haltung des Parteivorstandes gezogen hat, so hat sie nicht bloß ihre persönliche Vermutung ausgedrückt, sondern sie hat sich auf einen bestimmten Tatbestand gestützt. Dieser Tatbestand aber heißt die Untätigkeit des Parteivorstandes ungefähr während eines ganzen Monats. (Sehr richtig!) Vergessen wir nicht, dass der Briefwechsel, auf den sich Bebel beruft, aus der ersten Hälfte des Juli stammt, während der Aufruf des Parteivorstandes zu Protestversammlungen erst am 9. August erfolgt ist. (Sehr wahr!) In der ganzen Zeit ist von Seiten des Parteivorstandes auch nicht die kleinste Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit erfolgt, wie er sich zu der aus dem historischen Moment herausgewachsenen Aufgabe der Sozialdemokratie gegenüber dem deutschen Proletariat und der sozialistischen Internationale stellt. Bebel meint freilich, eine solche Stellungnahme sei nicht notwendig gewesen, über sie könne man nicht im Zweifel gewesen sein. Er beruft sich darauf, dass in seinem Brief ja ausdrücklich stand, dass nur zunächst von der Verständigung über die nötigen Schritte Abstand genommen sei. Ja das „zunächst“ ist eben der springende Punkt für uns. (Sehr richtig!) Es handelte sich nicht darum, am Sankt Nimmerleinstag zu handeln, oder wenn die Hauptwelle der Bewegung verrauscht war, sondern sofort aktiv einzugreifen. (Sehr richtig!) Das ist der Punkt, auf den es uns ankommt, und alles Drehen und Deuten ändert nichts daran, dass der Parteivorstand in der Angelegenheit nicht von Anfang an die nötige Entschiedenheit gezeigt hat. Dafür einen Beweis, selbst auf die Gefahr hin, dass man auch mir den Vorwurf der Indiskretion macht. Ich würde das Folgende nicht anführen, wenn Genosse Müller sich heute morgen nicht so breit und positiv über die Entschlossenheit des Parteivorstandes, in der Sache vorzugeben, geäußert hätte. Nachdem die beanstandeten Artikel in der „Leipziger Volkszeitung“ erschienen waren, hatte die Kontrollkommission, die zufällig gerade zu der Zeit in Berlin war, eine gemeinsame Sitzung mit dem Parteivorstand. In ihr wurde auch die Frage dieser Artikel bzw. der Stellungnahme zum Marokkohandel angeschnitten. Wir hatten noch nicht alle betreffenden Artikel gelesen und konnten uns mithin nicht zu ihnen äußern. Die Mehrzahl der Mitglieder der Kontrollkommission war jedoch der Überzeugung, dass der Parteivorstand in der Sache selbst lässig gewesen sei, dass er hätte rascher zugreifen und entschiedener handeln müssen. (Ebert: Das ist nicht wahr, Sie haben selbst gesagt, es ist nichts versäumt!) Ich habe gesagt, es ist noch nicht zu spät, aber es ist reichlich spät. (Hört! hört!) Ich stelle fest, dass ein Teil der Mitglieder des Parteivorstandes derselben Meinung war (erneutes Hört! hört!); dass ein anderer Teil die Ansicht vertrat, es wäre klüger gewesen, bis jetzt abzuwarten, weil die Situation sich unaufhörlich ändere; dass andere Mitglieder der Überzeugung Ausdruck gaben, eine Protestaktion sei gewiss gut, wenn sie zustande käme, aber man wäre ja nicht ganz sicher, ob sie Erfolg hätte. Eine Einstimmigkeit in der Sache war nicht vorhanden. Es wurde uns erklärt, der Parteivorstand werde die Anregung der Kontrollkommission in Erwägung ziehen, eine Massenaktion durch Versammlungen und Flugblätter zu entfalten. Als Genosse Müller heute mitteilte, dass der Parteivorstand energisch und einheitlich in die Aktion eingetreten sei, hat mich das gefreut. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass zuerst, dass zu einem früheren Zeitpunkt diese Einmütigkeit und diese Entschiedenheit noch nicht vorhanden gewesen sind. Ich fühle mich verpflichtet, angesichts der Situation das hier festzustellen. (Sehr gut!) Meiner Ansicht nach ist es eine unabweisbare Pflicht für die Partei, dafür zu sorgen, dass ihre Beauftragten die Initiative gerade in einem solchen Moment ergreifen, der die deutsche Arbeiterklasse den schwersten Gefahren entgegenführen kann, und der daher die Sozialdemokratie vor die verantwortungsreichsten Aufgaben stellt. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist für die Partei bedeutend wichtiger als die Streitfrage um den sogenannten Fall Luxemburg, den man mit Unrecht in den Vordergrund geschoben hat. (Sehr richtig!) Die Situation war derart, dass wir sagen mussten, entweder kommt es zum Weltkrieg, oder es erfolgt eine Steigerung des Rüstungswahnsinnes, und es tritt damit die Gefahr des Ausblutens der Nationen ein. Auf alle Fälle lag deshalb die Notwendigkeit vor, in schnellster Weise tatkräftig die Massen zur Aktion aufzurufen. (Sehr richtig!) Das hat der Parteivorstand meiner Meinung nach etwas sehr nachträglich getan. Das müssen wir gerade auf diesem Parteitag offen aussprechen, der sich mit Fragen der inneren Organisation zu beschäftigen hat, die sich darum drehen, unseren Parteivorstand politisch aktionsfähiger zu machen. Unsere leitende Instanz muss so organisiert werden, dass der Parteivorstand in jedem Augenblick an der Spitze der Aktionen steht. Wenn wir aber diese Aktionsfähigkeit, wenn wir insbesondere den festen inneren Zusammenhang zwischen der Leitung der Partei und den Massen aufrecht erhalten wollen, so müssen wir als das kostbarste, als das unantastbarste Gut das Recht der freien Kritik auch an den Handlungen des Parteivorstandes aufrechterhalten, (Sehr richtig!) Denn aus der Kritik heraus wächst die lebendige Kraft, welche die Leitung in jedem Augenblick, in jeder verantwortungsreichen Situation in die Lage versetzt, führend an der Spitze voranzugehen (Lebhafter Beifall)
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