Franz Mehring: Bebels Denkwürdigkeiten

[Die Neue Zeit, XXX. Jahrgang 1911-1912, 1. Band, Nr. 1, S. 5-12]

I.

Früher als wir zu hoffen wagten, beschert uns Genosse Bebel den zweiten Band seiner Lebenserinnerungen, und noch erfreulicher als diese Schnelligkeit ist ihre Ursache: die wesentliche Besserung seiner Gesundheit, von der auch der Jenaer Parteitag eben so überzeugende Proben gegeben hat.

Der zweite Band ist nahezu noch einmal so umfangreich wie der erste, aber wir möchten sagen, dass er ihn etwa in gleichem Maße auch an fesselndem Interesse des Inhaltes übertrifft. Er umfasst von der Zeit der Kämpfe, die Bebel und Liebknecht mit Schweitzer führten, bis zum Erlass des Sozialistengesetzes, ein ungemein wichtiges Stück Parteigeschichte, über die uns Bebel viel Lehrreiches sagen kann und wirklich sagt.

Um mit dem Anfang zu beginnen, so urteilt Bebel heute noch genau so hart und schroff über Schweitzer wie zur Zeit, wo sie ihre Klingen kreuzten. Gegen den Schluss dieses ersten Kapitels schreibt er: „Dass Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr unterliegen. Dass man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht auf offenem Markte abgemacht, und dass bei einem Manne wie Schweitzer auch nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner Überzeugung wusste nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber Genaueres.“ Und so ist das ganze Bild, das Bebel von Schweitzer entwirft, durchweg grau in grau gefärbt.

Nun ist es sicherlich von hohem Interesse, mit Bebels eindringlichen Worten in voller Frische und Lebendigkeit die Situation wiederhergestellt zu sehen, aus der heraus sein Kampf gegen Schweitzer geführt wurde. Auch bringt er manche Anklagen gegen diesen vor, die unanfechtbar sind; namentlich was er über die letzten Jahre von Schweitzers politischer Tätigkeit – vom Sommer 1869 bis zum Frühjahr 1871 – zu sagen weiß, kann im Wesentlichen nicht angefochten werden. Anders jedoch steht es mit seinem Urteil über die frühere Tätigkeit Schweitzers – vom Herbst 1864 bis zum Sommer 1869 – und namentlich mit seiner Annahme, dass Schweitzer im Solde Bismarcks geständen habe. Bebel polemisiert mit keinem Worte gegen die Darstellung, die ich in meiner Parteigeschichte von Schweitzer gegeben habe, und so möchte es unschicklich erscheinen, wenn ich ihm nicht ebenso ungestört das Wort lasse, wie er es mir gelassen hat. Indessen da seine Darstellung Schweitzers in der Tat wie ein wahres Hagelwetter über die meinige hereinbricht, so wird man es mir nicht verargen, wenn ich durch einige Bemerkungen von, wie ich hoffe, allgemeinem Interesse zu erklären suche, woher es kommt, dass wir, bei aller sonstigen Übereinstimmung, in unserem Urteil über Schweitzer so weit auseinandergehen.

Zu den hervorragendsten Eigenschaften Bebels – und es ist wohl diejenige Eigenschaft, die ihm in erster Reihe das unbeschränkte Vertrauen der Massen gesichert hat – gehört seine unbedingte Pflichttreue im Dienste der Partei. Und wie ihr jeder Atemzug seines Lebens gehört, so verlangt er das gleiche von jedem Parteigenossen, namentlich aber von jedem Parteibeamten. In diesem Punkte versteht er schlechterdings keinen Scherz, nicht einmal den harmlosesten. In einem der prächtigen Genrebilder, die über sein neuestes Buch verstreut sind, zeichnet er sich selbst vortrefflich. Vor vierzig Jahren beklagte er sich in einem Briefe an Bracke über einen Hilfsredakteur des damaligen „Volksstaats“, der die Arbeit ein wenig an sich kommen ließ, aber mit seinem Gehalt – vermutlich 45 Mark monatlich – beständig im Vorschuss war, worauf Bracke in einem reizenden Briefe dem Sinne nach erwiderte: Ach, lieber Bebel, wir sind nun schon die eingeborenen Philister, aber um so mehr sollten wir uns freuen, diesmal auf einen Mann zu stoßen, der keiner ist; wie gerne schlüge ich einmal über die Stränge, aber das geht nun einfach wider meine Natur. Dieser köstliche Humor ist jedoch heute noch für Bebel ungenießbar; er meint, er wisse zwar nicht mehr, was er auf Brackes Brief geantwortet habe, jedoch zugestimmt habe er ihm keinesfalls.

Ein so strenger Rigorismus ist nun aber, so große Erfolge er dem Politiker eingetragen hat, für den Historiker eine gefährliche Mitgift. Er macht ein gerecht abwägendes Urteil über Naturen wie Schweitzer, der sicherlich kein Heiliger war und mehr und minder viel von den Lebensgewohnheiten des deklassierten Bourgeois haben mochte, sehr schwer, wenn nicht unmöglich. Nachdem Genosse Bebel auf der ersten Seite seines Bandes die Fähigkeiten Schweitzers hervorgehoben hat, geht er sofort dazu über, seine moralischen unter die Lupe zu nehmen, um schon auf der zweiten Seite zu erklären, Schweitzer sei ein skrupelloser Politiker gewesen, dessen Zwecke Befriedigung keines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen lebemännischen Bedürfnisse gewesen seien. Dazu hätten ihm die auskömmlichen materiellen Mittel gefehlt, und es sei eine alte geschichtliche Erfahrung, dass führende Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten hätten, aber wegen Mangel an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermöchten, leicht an sie herantretenden Versuchungen unterlägen. Auf den gleichen Grundton ist dann die ganze folgende Darstellung gestimmt, und diese historische Methode halte ich für unrichtig.

Schon deshalb, weil sie auf durchaus schwankender Grundlage beruht. Persönliche Freunde Schweitzers, wie Paul Lindau, haben durchaus bestritten, dass er einen liederlichen Lebenswandel geführt habe. Nun meint Bebel zwar, Herr Lindau sei auch ein Lebemann und also kein unbefangener Zeuge. Jedoch sind die Ankläger Schweitzers in diesem Punkte noch viel befangener. Wenn heute noch Herr Herkner in seiner gelahrten „Arteiterfrage“ politische Ansichten von Engels darauf zurückführt, dass Engels wie Lassalle „ein Junggeselle mit den Gewohnheiten eines vornehmen Lebemanns“ gewesen sei, so war diese angenehme Art des Sozialistenmordes vor vierzig Jahren noch ganz anders im Schwange. Da bekam jeder Sozialdemokrat bürgerlicher Abstammung unfehlbar den „Lebemann“, der mit den Arbeitern nur ein frivoles Spiel treibe, an den Kopf geworfen; ja selbst dem Genossen Bebel zeterte ein so feiner Mann wie Ludwig Bamberger gleichwohl nach, man brauche ihn nur anzusehen, um zu wissen, dass er auch ein „Bourgeois“ sei und seiner Behäbigkeit unbeschadet nur darum Feuer und Schwert predige, weil er nicht an den Erfolg seiner Predigten glaube. Aus so lauterer Quelle flossen ursprünglich auch die Gerüchte über den „Lebemann“ Schweitzer. Dass sie später, in der Gluthitze des Fraktionsstreits nicht nur von bürgerlicher Seite kolportiert worden sind, macht sie an und für sich nicht glaubhafter, denn was damals hüben wie drüben an Beschuldigungen geleistet wurde, wird niemand als bare Münze nehmen, es sei denn, dass es sonst bewiesen werden kann.

Indessen selbst wenn Schweitzer ganz der „Lebemann“ und „Sybarit“ gewesen wäre, den Bebel in ihm sieht, so wäre die Methode, das öffentliche Lebenswerk des Mannes aus den Fehlern und Schwächen seiner privaten Lebensführung zu erklären, deshalb nicht weniger anfechtbar. Genosse Bebel spricht von der alten geschichtlichen Erfahrung, dass führende Geister mit sybaritischen Neigungen, ohne die Mittel zu deren Befriedigung, leicht Versuchungen unterlägen, und er wird dabei wohl an Leute wie Gentz und Mirabeau gedacht haben, aber es gibt ebenso viele oder vielleicht noch mehr Beispiele, dass führende Geister mit solchen Dispositionen sich in ihrer Lust an den leeren Dingen dieser Welt wohl einmal die Finger befleckt haben, aber in der Hauptsache doch ihren höheren Zielen treu geblieben sind. Ich erinnere nur an Leute wie Hutten, Voltaire, Heinrich Heine. Wo kämen wir mit ihnen hin, wenn wir von dem allzu Menschlichen in ihrem Lebenswandel ausgingen, um ihr öffentliches Wirken zu erklären. Mit der kahlen Alternative: reine Tugend oder gänzliche Verworfenheit, wird man der unendlichen Bedingtheit des historischen Lebens nimmermehr gerecht; es gibt dazwischen viele Stufen, und auf irgendeiner dieser Stufen standen die meisten führenden Geister. Ich weiß wohl und habe es schon hervorgehoben, dass die historische Methode, die Genosse Bebel gegenüber Schweitzer handhabt, nur die Kehrseite einer ebenso bewundernswerten wie seltenen Eigenschaft ist, aber es muss ihn doch stutzig machen, in wie gefährliche Nachbarschaft er mit ihr gerät. Was haben nach derselben Methode katholische Historiker nicht etwa nur aus Hutten, Voltaire, Heinrich Heine, sondern selbst aus Lessing, Goethe und Schiller, was die Taine und Genossen aus den Vorkämpfern der großen französischen Revolution gemacht!

Will man das historische Werk eines historischen Charakters gerecht beurteilen, so muss man es aus den historischen Zuständen seiner Zeit ableiten und erklären, eingedenk des Wortes, das Marx einmal gerade an Schweitzer gerichtet hat, dass jeder von uns mehr von den Umständen als von seinem Wollen abhängt. Der Gedanke ist trivial gescholten worden und mag es unsertwegen auch sein, aber deshalb kann er doch nicht oft genug wiederholt werden, da er in der Geschichtsschreibung, auch bei den Parteihistorikern, noch lange nicht zu seinem Rechte gekommen ist. Es ist unzweifelhaft richtig, wenn Bebel sagt, ein Arbeiterführer wie Schweitzer sei heute unmöglich, aber es ist nicht minder richtig, dass eine Politik, wie sie heute die Arbeiterpartei treibt, vor vierzig Jahren ebenso unmöglich war.

Die historische Aufgabe, vor deren Lösung sich Schweitzer gestellt sah, war ungemein schwierig und verwickelt. Es galt, ein winziges Häuflein von Arbeitern, das noch nicht einmal einen gesetzlich gesicherten. Boden der Agitation und Organisation unter den Füßen hatte, zu einer Massenbewegung zu entwickeln, während zwei übermächtige Gegner nur darauf lauerten, der jungen Bewegung den Todesstoß zu versetzen. Schweitzer hatte gar keine Möglichkeit des Vorwärtskommens, als diese Gegner dadurch lahmzulegen, dass er sie gegeneinander ausspielte, was er mit großem Erfolg getan hat. Er machte dabei aber stets den Vorbehalt, dass durch diese taktischen Schachzüge die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der eigenen Partei niemals auch nur im Geringsten gefährdet werden dürfe. Diesen entscheidenden Gesichtspunkt hat er niemals aus den Augen verloren: Verfolgt man seine öffentliche Tätigkeit im Zusammenhang mit der allgemeinen politischen Entwicklung, mit der sie eben in untrennbarem Zusammenhang stand, so wird man gewiss auf manche „gewagten Experimente“, ja selbst „manche Fehler“ stoßen, wie Schweitzer selbst in einem Briefe an Marx zugab, aber im wesentlichen auf eine kluge und konsequente Politik, die durchaus nur auf die Interessen der Arbeiterklasse abzielte und unmöglich von Bismarck oder sonst einem preußischen Reaktionär diktiert sein konnte.

Es mag noch gestaltlos sein, an einem Beispiel zu zeigen, wie nicht nur verschiedene, sondern geradezu entgegengesetzte Resultate herauskommen, je nachdem man diese oder jene Methode anwendet. Bei den ersten Wahlen, die im Frühjahr 1867 auf Grund des allgemeinen Stimmrechts stattfanden, kandidierte in Elberfeld-Barmen für die Konservativen Bismarck, für die Liberalen Forckenbeck und für die Sozialdemokraten Schweitzer. Dieser fiel in der Hauptwahl aus, immerhin mit einer Stimmenzahl, die nicht allzu weit hinter den Stimmen der gegnerischen Kandidaten zurückblieb. Er gab nun für die Stichwahl die Parole der Wahlenthaltung aus, deutete aber seinen Wählern ziemlich unverblümt an, wenn ihr Herz sie dränge, für Bismarck zu stimmen, so brauchten sie sich nicht zu genieren. Dieser Tatbestand, den Genosse Bebel vollkommen richtig darstellt, genügt ihm als neuer Beweis für Schweitzers Abhängigkeit von der Regierung; die moralische Schlechtigkeit Schweitzers erklärt ihm alles.

Nach der anderen Methode, die ich für die richtige halte, muss man zunächst einmal die objektiv-reale Lage der Dinge ins Auge fassen, um danach Schweitzers Verhalten zu beurteilen. Da ergibt sich nun zunächst, dass Bismarck von einem altmärkischen Wahlkreis bereits in der Hauptwahl gewählt worden war und dies Mandat sofort angenommen hatte. Er hatte also nicht das geringste Interesse daran, in Elberfeld–Barmen nochmals gewählt zu werben, vielmehr musste ihm daran gelegen sein, dass Forckenbeck siegte, der Einflussreichste unter denjenigen Führern der Fortschrittspartei, die ins Lager der Regierung überzulaufen bereit waren. Indem Schweitzer seine Wähler antrieb, in der Stichwahl für Bismarck zu stimmen, handelte er direkt gegen die Interessen Bismarcks.

Wohl aber handelte er dabei im Interesse der Partei. Ihr war aus begreiflichen Gründen außerordentlich viel daran gelegen, im norddeutschen Reichstag wenigstens durch eine oder ein paar Stimmen vertreten zu sein. Hierfür war aber nach dem Ausfall der Hauptwahlen keine Möglichkeit vorhanden, es sei denn, dass in Elberfeld-Barmen eine Nachwahl stattfand. Für eine solche Nachwahl waren die sozialdemokratischen Aussichten nicht ungünstig, namentlich da die Konservativen einen so zugkräftigen Kandidaten wie Bismarck nicht wieder zu präsentieren hatten. Um diese Nachwahl zu erzwingen, hatten die Wähler Schweitzers kein anderes Mittel, als Bismarcks Sieg in der Stichwahl zu sichern, und nur deshalb haben sie für ihn gestimmt. Ihre Rechnung erwies sich auch als ganz richtig; in der Nachwahl sanken die konservativen Stimmen beträchtlich und zersplitterten sich obendrein, so dass Schweitzer wenigstens in die Stichwahl kam, wenn er das Mandat selbst auch erst im Herbst desselben Jahres eroberte.

Der ganze Fall beweist also nicht nur nicht die Abhängigkeit Schweitzers von der Regierung, sondern geradezu seine Unabhängigkeit von ihr. Man fragt vielleicht, weshalb. denn Schweitzer nicht offen und ehrlich den wirklichen Grund der Abstimmung für Bismarck angegeben habe, und vermutlich hätte er klüger daran getan, aber für den, der den „Sozialdemokraten“ aufmerksam las, war die Sache keineswegs ein Geheimnis, und im literarischen Nachlass von Moses Heß, den das Parteiarchiv aufbewahrt, finden sich noch die Briefe Tölckes, Jakob Audorfs und Reals, worin sie an Heß, der sich in Paris ebenfalls über die Sache beunruhigt hatte, etwa in dem Sinne schreiben: Wir verstehen wohl, dass die Fortschrittler uns wegen der Abstimmung für Bismarck verdächtigen, aber wie ein Sozialdemokrat diese ganz einfache und notwendige Wahltaktik missverstehen kann, ist uns nicht so klar.

An diesem einen Beispiel muss und will ich mir genügen lassen, um die methodologische Differenz klarzustellen, die zwischen dem Genossen Bebel und mir besteht. Wollte ich noch weitere Beispiele anziehen, so würde ich in den Verdacht geraten, als wolle ich seiner beredten und leidenschaftlichen Anklage von vornherein die Wirkung auf die Leser in der Partei sperren. Das liegt mir durchaus fern, nicht nur, weil Genosse Bebel solche kümmerlichen Mittel verschmäht hat, sondern auch, weil ich ihrer ebenso wenig bedarf wie er. Hervorheben. will ich jedoch noch, dass alles, was ich über die meines Erachtens unrichtige Methode des Genossen Bebel ausgeführt habe, sich nur auf diesen ganz besonderen Fall bezieht, wo sein Urteil durch persönliche Eindrücke und Erinnerungen der wuchtigsten Art beeinflusst worden ist; ihm sonst historischen Blick und Sinn abzusprechen oder auch nur in geringerem Maße zuzusprechen, als ich sie zu besitzen glaube, fällt mir natürlich nicht ein.

Zum Schlusse möchte ich den Lesern aber doch noch einen unmittelbaren Einblick in das Wesen Schweizers gewähren. Es sind nur wenige Briefe von ihm erhalten, und veröffentlicht ist von ihnen meines Wissens noch keiner, wenigstens vollständig nicht. Der eingehendste aber und derjenige, worin sich Schweitzer über seine öffentliche Tätigkeit am rückhaltlosesten äußert, ist ein Brief an Marx vom 2. Dezember 1868, und ihn teile ich in folgendem wortgetreu mit, ohrie jeden kritischen Kommentar, um keinem Leser das eigene Urteil zu trüben. Nur zum Verständnis des Inhaltes ein paar tatsächliche Notizen. Im Sommer 1868 hatte die Hamburger Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den Anschluss an die Internationale beschlossen und sich darein gefügt, dass Schweitzer und Fritzsche als Reichstagsabgeordnete mit der Gründung von Gewerkschaften vorgingen. Zu derselben Generalversammlung war Marx als Ehrengast eingeladen worden und hatte in sehr entgegenkommender und freundlicher Weise für die Einladung gedankt. Zu gleicher Zeit richtete jedoch das „Demokratische Wochenblatt“ in Leipzig scharfe persönliche Angriffe gegen Schweitzer, auf die er zunächst völlig schwieg. Aber am 8. Oktober 1868 schrieb er an Marx, dieser möge als Sekretär der Internationale für Deutschland dafür sorgen, dass die Leipziger Angriffe aufhörten; nachdem sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein der Internationale angeschlossen habe, dürfe er wohl beanspruchen, dass „andere Teile der Internationale ihm nicht gehässig gegenüberträten“. Zugleich unterbreitete Schweitzer seine Gewerkschaftsstatuten der Kritik von Marx. Darauf antwortete Marx in dem bekannten Briefe vom 13. Oktober, der vor einer Reihe von Jahren zuerst in der „Neuen Zeit“ veröffentlicht wurde. Er versprach zu vermitteln, wie der Unparteiische beim Duell, aber er tadelte scharf die Gewerkschaftsstatuten Schweitzers, und indem er „die Intelligenz und Energie“ anerkannte, womit Schweitzer in der Arbeiterbewegung wirke, machte er doch seinen starken Vorbehalt gegen den sektenmäßigen Charakter der Lassalleschen Agitation geltend. Seine Vermittlungsversuche hatten in Leipzig nur einen ganz vorübergehenden Erfolg; ein paar Monate darauf war der Krieg wieder entbrannt, und nun beantwortete Schweitzer den Brief von Marx am 2. Dezember 1868 wie folgt:

„Sehr geehrter Herr!

Ich schreibe Ihnen unmittelbar, bevor ich auf längere Zeit das Gefängnis betrete. Die Verurteilung lautet auf drei Monate, ich gedenke indessen nach fünf bis sechs Wochen aus Gesundheitsrücksichten Urlaub nehmen zu können.

Ihr letzter Brief hat mich insofern sehr gefreut, als ich die Ausführlichkeit, mit der Sie mir Auskunft erteilt haben, nur dankend anerkennen kann. Ich gestehe indessen, dass ich viele der wesentlichsten Äußerungen mit dem besten Willen nicht verstehen konnte. Vielleicht haben Sie unser Statut doch nur in der Eile gelesen. Es muss Ihnen entgangen sein, dass das – übrigens aus drei Personen bestehende – Präsidium in den wichtigsten Fragen (Streiks usw.) gar nicht mitzusprechen, sondern einfach nach den Beschlüssen des großen, aus lauter Arbeitern bestehenden Ausschusses zu verfahren hat. Es kann also nur der immer berechtigte moralische Einfluss hier geltend gemacht werden. Auch bietet zum Beispiel unser Statut für das Kassenwesen weit mehr Garantien, als das von Liebknecht ausgearbeitete Statut. Sie werden gewiss in manchen Punkten Ihre Ansicht modifizieren, wenn Sie das freilich etwas umfangreiche Statut genauer prüfen. Ich bescheide mich indessen, unter allen Umständen Ihre bessere Sachkenntnis anzuerkennen. Auch finde ich Trost in zweien Ihrer Äußerungen: dass jeder an bestimmte Verhältnisse gebunden ist, und dass man durch gute Praxis manche Fehler der Theorie korrigieren kann. Ich kann Ihnen die feste Versicherung geben, dass die Praxis so undiktatorisch wie nur irgend möglich gehandhabt wird.

Sie hatten in Ihrem Briefe die Freundlichkeit. Ihre Vermittlung. zwischen uns und Liebknecht usw. anzubieten. Allein in dieser Beziehung ist Hopfen und Malz verloren. Ich weiß aus hundertfachen Berichten, dass Liebknecht usw. fortwährend gegen die Partei des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wühlen; sogar mit offenbaren, frechen Lügen, wie: dass ich bei der Militärvorlage für die Regierung gestimmt hätte. Der Krieg zwischen uns und diesen Herren ist unvermeidlich geworden, und er ist in der Tat ausgebrochen. Besser offener Krieg, als dieses verdeckte Wesen mit heimlich schleichenden Intrigen. Es ist offenbar persönlicher Hass gegen mich vorhanden, und dieser Hass überträgt sich auf den ganzen Verein. Mit den Herren Liebknecht und Genossen wird also allerdings jetzt Krieg geführt werden. Allein ich habe den strengsten Auftrag erteilt, dass die Internationale nicht in den Streit hineingezogen werden, dass vielmehr in dieser Beziehung Frieden und Eintracht aufrechterhalten werden sollen, wenn nicht etwa die offiziellen Organe der Internationale sich gegnerisch einmischen. Selbst für diesen Fall habe ich es für wünschenswert erklärt, dass tiefer gehende Differenzen vermieden werden, bis ich wieder am Platze bin.

Was unser Verhältnis Liebknecht usw. gegenüber betrifft, so kann ich meine Meinung sehr kurz zusammenfassen: Dieses Verhältnis ist so verbittert, dass in dauerhafter Weise Ruhe und Frieden nur durch Ihre persönliche Intervention an Ort und Stelle, oder auch am dritten Ort, aber persönlich, herzustellen wären. Auf beiden Seiten ist Ihre geistige Eminenz anerkannt, und ich glaube, gerade von unserer Seite ist dies mit einer Wärme und einem Nachdruck geschehen (und wird auch weiter geschehen), die aber auch nur uns möglich waren, weil der Verdacht persönlicher Vorliebe nach bekannten Vorgängen gänzlich ausgeschlossen war. Sie könnten also wohl vermitteln bei günstiger Gelegenheit. Aber es bedürfte dazu persönlichen Eingreifens. Es wäre sicher von höchstem Vorteil für die Entwicklung der Dinge gewesen, wenn Sie hätten in Hamburg oder ich in Brüssel erscheinen können. Leider ist es nicht hierzu gekommen. Der Krawall, der jetzt entstehen wird, hat keine übermäßige Bedeutung Auch dies vergisst sich nach einiger Zeit, vorausgesetzt freilich, dass nicht alle Schranken überschritten werden. Ich will hoffen, dass diese Voraussetzung bei der gegenseitigen Bekämpfung eintrete. So viel aber wird nach Lage der Sache unvermeidlich sein, dass es in den nächsten Monaten zum Austrag kommen muss, ob die Mehrheit der deutschen Arbeiter und insbesondere die tatkräftigen Elemente auf Seiten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins oder auf Seiten der sogenannten „Volkspartei“ stehen. Wenn Sie von Sekte sprechen, so haben Sie, glaube ich, nicht genug gewürdigt, dass unter meiner Leitung der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein beständig mit der europäischen Arbeiterbewegung gleichen Schritt zu halten bestrebt war. Welche richtige Erkenntnis hätten wir von uns gewiesen? So habe ich zum Beispiel in letzter Zeit fortwährend im Blatt wie in ausführlichen Vorträgen die Bedeutung des Normalarbeitstags klargestellt. Die Auffassung der Partei hat sich so fortentwickelt, wie es sicherlich auch unter Lassalles Leitung geschehen wäre. Er hat sicherlich manche gewagte Experimente gemacht, er hätte sich aber ganz gewiss auch -– ich wenigstens bin es überzeugt – richtig wieder herausgewunden Er wäre auf Fortentwicklung der Auffassung bedacht gewesen. Auch ich habe manches gewagte Experiment gemacht, mehr noch, ich habe sogar manche Fehler gemacht und werde sie vielleicht auch noch in Zukunft machen; allein im Großen und Ganzen bin ich mir bewusst, den richtigen Weg gegangen zu sein, und werde ihn hoffentlich auch weiter finden. Ich bin nicht bescheiden; ich weiß meine Befähigung richtig zu schätzen – nach oben wie nach unten. Ich sage mit Bestimmtheit, dass ich besser zur Führung geeignet bin wie Herr Liebknecht, und dass ich die Sache besser verstehe. Ich setze hinzu, dass hinwiederum Sie sie besser verstehen wie Ich. Ich bin unter solchen Umständen derjenigen Partei, die nun einmal meine Leitung will, es schuldig, mit aller Kraft auf meinem Posten auszuharren, bis ich mit aufrichtigem Sinn der Partei einen Führer empfehlen kann, von dem ich die Überzeugung habe, dass er die Sache besser versteht als ich. Zwei Führerschaften aber find vom Übel.

Es hat mich gedrängt, Ihnen dies alles noch kurz vor Torschluss mitzuteilen. Sobald ich wieder in Freiheit bin, werde ich Sie benachrichtigen. Hoffentlich hat dieser Brief Sie überzeugt, dass es sich bei mir nicht um kleinliche Rivalitäten handelt, sondern dass ich nach so vielen feierlichen Versprechungen mich der Partei gegenüber für verpflichtet halten muss, alle Versuche, welche sich gegen die von uns angestrebte Einheit der Partei durch ganz Deutschland richten, soviel an mir liegt niederzuschlagen. Auch bin ich auf die Länge über den Erfolg nicht in Sorgen. Indem ich Sie bestens grüße und die Hoffnung ausspreche, dass Ihre Gesundheit sich dauernd bessern möge, zeichne ich

Berlin, 2. Dezember 1868.

Mit vorzüglicher Hochachtung

J. B. Schweitzer.“

Es ist der letzte Brief Schweitzers an Marx gewesen, zu dessen persönlicher Vermittlung es nicht mehr gekommen ist. Sie hätte nach der ganzen Lage der Dinge auch nichts mehr retten können.


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