[Die Neue Zeit, XXIV. Jahrgang 1905-1906, 2. Band, Nr. 47, S. 681-684]
f Berlin, 16. August 1906
Das Zusammentreffen des englischen Königs und des deutschen Kaisers irgendwo im Taunus gibt der bürgerlichen Presse willkommenen Anlass zu allerlei erquicklichen Betrachtungen. Anfangs zwar hieß es, die Sache habe nicht die geringste Bedeutung und es sei am schicklichsten, gar nicht davon zu reden, aber da nun der schicksalsschwere Augenblick erschienen ist, wo die englische Majestät wahr und wahrhaftig wieder auf deutschem Boden zu verweilen geruht, bringen es die kapitalistischen Kannegießer nicht übers Herz, an ihren guten Vorsätzen festzuhalten, und orakeln drauf los, dass es nur so eine Art hat.
Interessanter ist es immerhin, was die „Frankfurter Zeitung“ über die „Zusammenkunft der beiden Monarchen zu melden weiß. In einem langen Artikel ihres politischen Teiles erzählt sie, der Kaiser, der früher gewöhnlich in Husarenuniform erschienen sei, habe diesmal die Uniform der Posenschen Jäger zu Pferde angelegt, eine grau-grüne Uniform, die er seit einiger Zeit bevorzugen solle, wie die „Frankfurter Zeitung“ nach Erkundigungen an „autoritativer Stelle“ feststellt, mit einem glänzenden englischen Orden auf der Brust. Dagegen habe der König von England schwarzen Gehrock, weiße Weste, schwarzgestreifte Hose und Zylinder getragen, der später als silbergrauer Filzhut noch genauer in die Annalen der Weltgeschichte eingezeichnet wird.
Das Zivil des Königs hat nun sicherlich etwas Peinliches für jedes loyale Untertanenherz in Deutschland, aber die „Frankfurter Zeitung“ streicht mit sanfter Hand die Falten fort, die sich auf den Stirnen ihrer königstreuen Leser zu bilden beginnen, indem sie erläutert, es sei nichts Auffälliges dabei, da König Eduard stets in Zivil reise. Um aber auch die letzten patriotischen Beklemmungen zu bannen, fügt sie hinzu, eine Prinzessin Friedrich Karl, über deren genealogische Beziehungen wir leider nicht näher unterrichtet sind und von der wir nur bei dieser Gelegenheit. zu unserer Freude erfahren, dass sie als Mutter von sechs, nicht etwa Knaben, sondern „Prinzen“, wie die Frankfurterin ehrfurchtsvoll sagt, eine jugendlich elastische Gestalt besitze, sei wie immer einfach gekleidet erschienen: silbergraue Robe, grauer Hut mit weißen Federn und grünen Blättern. Hierin sieht das demokratische Organ anscheinend die versöhnende Synthese zwischen der grau-grünen Uniform, die der Kaiser, und der weißen Weste nebst silbergrauen Filz, den der König trug.
Jedoch ist diese Schneiderweisheit immer noch interessanter als der politische Kohl, den die bürgerliche Presse über die Zusammenkunft im Taunus serviert. Sie hat gänzlich ausgeschwitzt, was ihr ehemaliger Abgott Bismarck ihr schon vor ziemlich zwanzig Jahren höhnisch hinter die Ohren schrieb, sie sollte doch endlich einmal begreifen, dass solche monarchische Zusammenkünfte politisch nicht den Wert einer Federflocke hätten. Das hinderte den Heros des vorigen Jahrhunderts freilich nicht, auch einmal den Tamtam über derartige Besuche zu schlagen, wenn es ihm just so in seinen Kram passte. Aber er heuchelte doch wenigstens nur für einen praktischen Zweck, während das Gesalbader des kapitalistischen Zeitungsgeschwisters über die Zusammenkunft im Taunus der ganz zwecklose Erguss untertäniger Gefühle ist. Höchstens wagt sich hier und da ein besonders kühnes oder vorwitziges Gemüt mit leisen Nadelstichen in dem Sinne hervor, dass König Eduard mit seiner großen Zurückhaltung eigentlich viel beträchtlichere Erfolge erzielt habe als Kaiser Wilhelm mit seinem impulsiven Hervortreten. Was aber auch weder gehauen noch gestochen ist, vom Standpunkt derer, die so sprechen. Denn es ist die Sache der Völker, die Könige zu erziehen, und nicht umgekehrt.
Die allergehorsamste Beflissenheit, womit sich die bürgerliche Presse als bewundernder Chor zu der Begegnung des Kaisers mit seinem Oheim stellt, steht in eigentümlichem Gegensatz zu der sittlichen Entrüstung, die sie eben erst bekundete, weil sich Wilhelm II. zu einem französischen Besucher nicht allzu schmeichelhaft über die deutschen Zeitungen ausgelassen hatte. Dabei zeigte sich die an sich ja nicht unerfreuliche Erscheinung, dass die bürgerliche Presse, wenn sie auf ihre ureigensten Hühneraugen getreten wird, wirklich noch so etwas wie „Männerstolz vor Königsthronen“ zu markieren vermag; selbst die „Kreuzzeitung“ wurde rebellisch und machte sogar, gegen den Kaiser auftrumpfend, der „antimonarchischen“, will sagen sozialdemokratischen Presse ein sanftes Kompliment. Weniger wäre freilich mehr gewesen; wenn der Kaiser darüber klagte, dass Zeitungsschreiber kein Examen zu bestehen brauchten, so war die Replik der französischen Presse, dass die Zeitungsschreiber dies Verhängnis mit den Monarchen teilten, viel treffender, als die langstieligen Jeremiaden der deutschen Verfehler ihres Berufs über ihre ungerechte Verkennung an allerhöchster Stelle. Aber immerhin – es gab so etwas wie einen Sturm im deutschen Blätterwalde; hätte er angedauert oder hätte die bürgerliche Presse aus ihm die richtigen Konsequenzen gezogen, so hätte man wohl darüber hinwegsehen können, dass sie erst mobil zu machen begann, als ihre häuslichen Interessen unsanft berührt wurden. Jedoch der Sturm hat längst ausgetobt – und die wackeren Gevattern wälzen sich wieder im Sumpfe der Knechtseligkeit, was dem Kaiser schwerlich imponieren wird und, wie wir ohne jedes Bedenken hinzufügen, auch nicht zu imponieren braucht.
Ebenso wenig wie der preußische Landwirtschaftsminister sich dadurch imponieren lässt, dass er nun schon seit Wochen wahre Spießruten durch die bürgerliche Presse laufen muss. Er soll genaue Auskunft über seine Beziehungen zur Firma Tippelskirch geben, die bekanntlich in die übel duftenden Kolonialskandale verwickelt ist. Dabei wird vorausgesetzt, dass Herr v. Podbielski an diesen Skandalen völlig unschuldig sei; den Stein des Anstoßes bildet vielmehr die Beteiligung eines preußischen Staatsministers an geschäftlichen Unternehmungen, die mit Reich oder Staat in geschäftlichen Beziehungen stehen. Herr v. Podbielski lässt sich aber in völliger Seelenruhe vor den Bauch stoßen, um in seinem eigenen Jargon zu reden; er antwortet gar nicht, in wie beredten Tönen er immer beschworen wird, um des Vaterlandes willen zu sprechen, und nur durch einen Ausfrager hat er offiziös verlauten lassen, an der Stelle, die für ihn allein zuständig sei, habe er sein Verhalten gerechtfertigt und im Übrigen könne ihm die Presse gewogen bleiben. Darüber lodert nun wieder die papierene Entrüstung auf; Herr v. Podbielski wolle sich hinter dem Schilde des Kaisers verstecken; er gefährde das Ansehen der Krone und was sonst noch an schrecklichen Gefahren dem empörten Philister zum angenehmen Gruseln vorgeführt wird.
Nun wissen wir uns von jeder Sympathie für Herrn v. Podbielski und seinen Geschäften frei, stimmen auch mit der bürgerlichen Presse vollkommen darin überein, dass ein Verhältnis, wie es zwischen dem preußischen Landwirtschaftsminister und der Firma Tippelskirch besteht, ein grober Unfug und eine Quelle der Korruption ist, verstehen aber gleichwohl sehr gut, weshalb Herr v. Podbielski zu dem ganzen Spektakel einfach die Achseln zuckt und seinem Ausgang mit aller Gemütsruhe entgegensteht. Nicht etwa deshalb oder nicht etwa deshalb allein, weil Angriffe der Presse auf einen Minister dessen Stellung vielmehr kräftigen als erschüttern, sondern namentlich deshalb, weil Herr v. Podbielski über seine Geschäftsbeziehungen zur Firma Tippelskirch gar nicht stolpern kann, ohne ein ganzes System mit in den Abgrund zu reißen, das vorläufig noch sehr lebendig ist und keineswegs ans Sterben denkt.
Was nämlich die bürgerliche Presse als Regel, als geheiligte Tradition des preußischen Staates hinstellt, ist mindestens seit dem Anbruch der großkapitalistischen Ära längst Ausnahme geworden. Die Gefahr, die plötzlich durch Herrn v. Podbielskis Schuld drohend aufgetaucht sein soll, wurde schon vor zwanzig Jahren von Engels mit den Worten signalisiert: „Die geschäftliche Gevatterschaft, die jetzt zwischen dem agrarischen und militärischen Adel – bis in die kaiserliche Adjutantur hinein – und den Börsenjobbern besteht, kann der Verpflegung der Armee im Felde leicht verhängnisvoll werden.“ Freilich macht man von dieser „geschäftlichen Gevatterschaft“ öffentlich kein großes Aufheben, und wenn „Roturiers“, wie die Herren Friedenthal und Möller, ausnahmsweise einmal dazu gelangen, preußische Minister zu werden, so müssen sie ihre geschäftlichen Beziehungen aufgeben, um des besseren Augenverblendens wegen. Aber was so das rechte Vollblut für preußische Ministerposten ist, das legt sich auch keine besondere Gêne in dieser „geschäftlichen Gevatterschaft“ auf, und selbst der große Bismarck ließ durch seinen kleinen Busch aller Welt verkünden, dass er durch seine Papiermühle in Varzin das Papier für die Depeschenformulare der Telegrafenverwaltung liefere, wobei ein jüdischer Geschäftsmann in Köslin als Zwischeninstanz eingeschoben wurde, wie ja auch in den Geschäftsbeziehungen zwischen Herren v. Podbielski und der Firma Tippelskirch eine solche Zwischeninstanz besteht, wenn sie auch kein Jude und nicht einmal ein Mann ist.
Danach ist es begreiflich, dass Herr v. Podbielski sich vollkommen sicher fühlt. Vielleicht wäre es manchem Manne nicht unlieb, wenn er sich freiwillig opferte, nachdem die geschäftlichen Praktiken der Firma Tippelskirch die ganze Spießbürgerschaft in gelinde Aufregung gebracht haben. Aber es sieht nicht danach aus, als ob er an überflüssiger Großmut litte, und die Angriffe der bürgerlichen Presse werden ihn nicht stürzen, schon deshalb nicht, weil diese Angriffe der zwingenden Kraft entbehren, solange sie sich nicht auf das ganze System „geschäftlicher Gevatterschaft“ erstrecken. Und in dies Wespennest zu greifen, hüten sich die kapitalistischen Blätter; sie wissen auch sehr gut, warum.
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