[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 13, 24. Juni 1896, S. 97]
Heftiger und allgemeiner als in den vorausgegangenen Jahren tobt seit diesem Frühling der wirtschaftliche Krieg zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern. Kaum eine Industrie dürfte unberührt geblieben sein von den mehr oder minder kräftigen Vorstößen des hier fronenden Proletariats. An den hoch bedeutsamen Streik der Konfektionsarbeiterschaft reihten sich die großen Kämpfe der Textilarbeiter in Cottbus und Mülhausen i. E., die zahlreichen Ausstände in der Holzindustrie, im Bauhandwerk, in der Metallindustrie etc. Hier zu dem Zwecke eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erzwingen; dort um eine Aufbesserung des kargen Lohnes durchzusetzen; da um die kapitalistischerseits angetastete Koalitionsfreiheit zu wahren; anderswo um besonders drückende Arbeitsbedingungen zu beseitigen; an vielen Orten um mehrere Verbesserungen gleichzeitig dem protzenden Unternehmertum zu entreißen.
Waren vielleicht die Arbeitsbedingungen der „Hände“ in den vorausgegangenen Jahren so rosige, das die heuer aufsässig gewordenen Lohnsklaven damals dem zins- und tributpressenden Kapital gegenüber die Arme kreuzen und die nach Eugen Richter alleinseligmachende Kraft des „freien Arbeitsvertrags“ vertrauensvoll walten lassen konnten? Mitnichten. Noch ist kaum der vieltausendstimmige Schrei der Arbeitslosen verhallt, welche durch Notstandsarbeiten Beschäftigung und Brot forderten; Bild auf Bild des trostlosesten, herzzerreißendsten Jammers tauchte in den letzten Jahren in krauser Fülle aus dem Tartarus des Massenelends empor, die kulturhöhnende Existenz bald der, bald jener Arbeiterkategorie illustrierend. Und trotzdem im Allgemeinen kein Aufbäumen der Getretenen, kein Kampfesgeist auf der ganzen Linie, ein Knirschen in die Ketten des Kapitals, aber nur vereinzelte und meist fehlgeschlagene Versuche, dieselben durch planmäßiges, gemeinsames Rütteln zu lockern. Heuer dagegen Wagemut und Rebellentrotz in allen Berufen, wo die Arbeit säet und das Kapital erntet. Und im Großen und Ganzen für die Kämpfenden Siege und Erfolge, denen die hier und da zu verzeichnenden Niederlagen nicht die Wage zu halten vermögen. Die Kämpfe und ihr Verlauf eine abermalige, lichtvolle Bestätigung der Binsenwahrheit, dass die wirtschaftliche Aktion der Arbeiterklasse, das das Eingreifen der Gewerkschaften in die Bedingungen zwischen Kapital und Arbeit eine Voraussetzung für den Erfolg hat: die günstige wirtschaftliche Konjunktur.
Das Proletariat hat allen Grund, die erzielten Erfolge und die sich abrollenden Kämpfe mit Freuden zu begrüßen. Mögen noch so gering die Konzessionen erscheinen, welche bezüglich kürzerer Arbeitszeit, höheren Lohnes, würdigerer Arbeitsbedingungen dem Kapital abgetrotzt werden: sie bringen immerhin Tausenden und Tausenden eine kleine Erleichterung der mühseligen und beladenen Existenz. Und über diesen Nutzen für die einzelnen Arbeiter und Arbeiterinnen hinaus reicht die Bedeutung der besseren Arbeitsbedingungen für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Jedes Mehr an Zeit, Kraft, Brot, Familienglück, Lebensgenuss des fronenden und leidenden Proletariats setzt sich um in ein Mehr mehr an Aufklärung, Verständnis, Energie, Opfermut und Begeisterung des organisierten und kämpfenden Proletariats. Das Ringen selbst aber um die winzigen Tröpfchen von Erleichterungen schwerer Plage stärkt und organisiert das Heer der zielbewussten, zukunftsfrohen proletarischen Klassenkämpfer.
Wie so gellend übertönt nicht das Getöse der wirtschaftlichen Kriege das Eiapopeia von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und Arbeit. Es stockt Handel und Wandel, und durchdrungen von dem Bewusstsein dieser Harmonie ist der Unternehmer die Folgen der Lage, die Bedrängnis des Kapitals brüderlich mit dem Arbeiter zu „teilen“. Kräftig pulsiert das wirtschaftliche Leben, und keine Harmonie der Interessen hindert Fabrikbarone und Kaufherren, den reichlich strömenden Profit brüderlich, harmonisch allein einzusäckeln. Durch den Kampf erst müssen in der Regel die rackernden Untertanen des Kapitals sich bescheidenen Anteil vom strotzenden Gewinnst erringen. Diese Erfahrung, das Auf und Ab des Kampfes, die Agitation, welche er in Kreise trägt, die durch ihre unmittelbarsten, materiellen Interessen an seinem Ausgang beteiligt sind: tragen die Wahrheit von dem unversöhnbaren Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit in bisher stumpfsinnige, hoffnungslose Massen. Und aus dem Bewusstsein dieses Gegensatzes, seines Warum und seiner Folgen sprießt das proletarische Solidaritätsgefühl mächtig empor, die Erkenntnis von dem notwendigen, geschichtlichen Kampf von Klasse zu Klasse. Es füllen sich die Reihen der Gewerkschaften, energischer vermögen sie die wirtschaftlichen Interessen der verschiedenen Arbeiterkategorien zu verteidigen, in immer weitere Kreise des Proletariats tragen sie Aufklärung, gewaltige Massen fassen sie zusammen, erziehen und disziplinieren sie. Nicht bloß auf wirtschaftlichem Gebiete tritt die Macht des gewerkschaftlich organisieren Proletariats als gewichtiger Faktor in Erscheinung. Auch im politischen Leben muss die Kapitalistenklasse seinem Einfluss zählen. Der politische Klassenkampf des Proletariats wird durch die gewerkschaftliche Aktion ergänzt, vervollständigt, gefördert. Für Reformen in der Gegenwart – insbesondere für einen durchgreifenden Arbeiterschutz – löst die Gewerkschaftsbewegung das Interesse und das zielklare, ernste Streben aus von bisher trägen, dem sozialdemokratischen Einfluss unzugänglichen Massen. Zur Unterstützung der Forderungen der Sozialdemokratie und deren parlamentarische Aktion ergänzend lässt sie die organisierten Arbeiterbataillone festen, dröhnenden Schrittes marschieren, der Einsicht von oben durch den Druck von unten nachhelfend. Mit dem Kampf für die bessere Gegenwart gewinnt die gewerkschaftliche Aktion breite Schichten des werktätigen Volks zum Kampf für die freie Zukunft, wirbt, organisiert und schult sie Sklaven des Heute zu Freien des Morgen. So kommt das Ringen der Gewerkschaften in den wirtschaftlichen Einzelkriegen dem politischen Klassenkampf zu Gute, kräftigt und erweitert die politische Macht des Proletariats. So bestätigt sich Marx‘ Wort, das jeder Kampf der Arbeiterklasse mit Notwendigkeit zu einem Klassenkampf wird und in letzter Linie ein politischer Kampf sein muss, dessen Endziel ist, die Ketten des Proletariats zu sprengen und ihm eine Welt zu gewinnen.
Schreibe einen Kommentar