[Die Neue Zeit, X. Jahrgang 1890-91, I. Band, Nr. 13, S. 385-388]
f Berlin, 16. Dezember 1891.
Die Verhandlungen des Reichstags über die Handelsverträge waren so etwas, wie die Aufführung des Hamlet ohne den Dänenprinzen. Der Abgeordnete von Otterndorf wollte zu ihnen erscheinen, und wenn er sich in den Reichstag tragen lassen müsste, Aber er kam nicht, so sehr ihn seine Genossen von Brotverteuerern anflehten, so sehr selbst die „Kreuzzeitung“ alten Groll vergaß und ihn als letzten Helfer in der Not herbeisehnte, Auch – was einen tapferen Mann mehr noch lockt als die Bitten der Freunde – auch die Herausforderungen der Gegner vermochten nicht, ihn dem Bell- und Schmollwinkel Friedrichsruh abtrünnig zu machen.
Da Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist, und zwar nicht nur bei Falstaff, so war Bismarcks Ausbleiben von dem Schlachtfelde, auf welchem er sich so oft zu stellen versprochen hatte, am Ende nicht so sehr verwunderlich. Aber ein Anderes, was seine wenigen Freunde vielleicht nicht befürchtet und seine zahlreichen Feinde vielleicht nicht gehofft hatten, wurde Ereignis. Bismarck hielt die Rede, die er im Reichstage hätte halten sollen, nachdem sein Nachfolger ihn auf einen Gang mit blanken Waffen herausgefordert hatte, wieder aus den Büschen des Sachsenwaldes. Und gleich doppelt: erst einem freisinnigen Redakteur aus Lübeck und dann einer Deputation aus Siegen.
Und weshalb er nicht gekommen ist? Je nun, aus zarter Schonung für seinen Ruhm und mehr noch für die gegenwärtige Regierung. Welche gemütvolle, weiche Seele! Wenn er im Reichstage den Mund auftäte, so müsste er der herrschenden Politik schärfer entgegentreten, als er es bisher seiner Stellung und seiner Vergangenheit angemessen gefunden habe, Er müsse so reden, wie er denke. Wenn er das aber tue, so habe es eine Tragweite nach oben, nach unten, nach außen und nach innen, an die er sich noch nicht gewöhnen könne. Einstweilen möchte er nur sagen, es sei noch nicht Mittag. Öffentlich so aufzutreten, wie er möchte, wenn er im Reichstage redete, widerstrebe seinem Gefühle, und es müssten noch stärkere Gründe vorliegen als heute, wenn er diesen Widerwillen überwinden solle. Die Nötigung dazu laufe ihm vielleicht nicht weg, aber er wolle es noch abwarten. Und so noch ein paarmal im Kreise herum,wie es in den „Hamburger Nachrichten“ in sorgfältiger Redaktion vorliegt, spaltenlang, obgleich doch gerade vier Zeilen genügt hätten, nämlich die vier Zeilen des Lessingschen Epigrammes:
Ich flieh‘, um öfter noch zu streiten!
Rief Fix, der Kern von tapfer’n Leuten.
Das hieß (so übersetz‘ ich ihn):
Ich flieh‘, um öfter noch zu flieh’n
Mangel an moralischem Mute, verbunden mit maßloser Prahlerei, ist das eigentümliche Kennzeichen der sogenannten „Großen Männer,“ welche so lange „Geschichte gemacht“ haben, bis die wirkliche Geschichte sie unsanft auf den Sand gesetzt hat. Die fixe Idee ihres angeblichen „Genies“ beherrscht sie noch immer, während das dumpfe Gefühl, das dieses „Genie“ ihnen doch wie Kinderspielzeug zerbrochen vor die Füße geworfen ist, sie abhält, noch einmal eine Probe auf das Exempel zu machen. Sie möchten wohl, aber sie können nicht, und in diesem Dilemma tun sie so, als ob sie könnten und nur nicht möchten. Und reden machen müssen sie einmal immer von sich, genau wie alte Komödianten, die, wenn sie längst das Licht der Lampen nicht mehr vertragen, doch noch hier ein Anekdötchen und dort ein Reklämchen über sich in dienstwillige Blätter zu schmuggeln verstehen. Die Literatur von Friedrichsruh hat bald den Umfang, wie die Literatur von St. Helena.
Selbstverständlich sind diese „Großen Männer“ an ihrem Sturze immer ganz unschuldig, sie sind die tragischen Opfer irgend welcher heimlicher Intrigen, auf welche ihre arglosen, edlen, reinen Seelen nicht gefasst gewesen waren. Hätte Grouchy die Befehle Napoleons befolgt, so wäre die Schlacht von Waterloo nicht verloren worden, und hätte Herr von Bötticher nicht dies oder jenes getan – denn was er eigentlich getan haben soll, weiß bei alledem noch kein Mensch – so säße Bismarck noch als allmächtiger Kanzler in der Wilhelmstraße. Am erheiterndsten wird dies Gaukelspiel, wenn die „Großen Männer“ die Last ihrer Sünden auf die willenlosen Werkzeuge ihres einstmals schrankenlosen Willens abladen möchten. So wenn Napoleon auf den französischen Senat schalt, weil ihn diese, von ihm selbst zu einer Versammlung von Lakaien herabgewürdigte Körperschaft weder retten konnte, noch retten wollte, so. wenn Bismarck, wie eben jetzt wieder in Friedrichsruh, von dem „Ansehen“ und der „Würde“ des Reichstags fabelt, nachdem er, so weit das irgend in seiner Macht stand, dies Ansehen und diese Würde zu vernichten gesucht hat. Aber die „Großen Männer“ haben immer das Volk und namentlich die Volksvertretungen geliebt, und nur weil das stille Sehnen ihrer Herzen keine Gegenliebe fand, sind sie an der Undankbarkeit der Menschheit gescheitert.
Wie weich und zart überhaupt die Herzen der „Großen Männer“ werden, wenn sie nicht mehr können, wie sie möchten! So lange sie noch konnten, wie sie mochten, da freilich war es anders. Da war der grausamste Menschenhass an der Tagesordnung und die Parole hieß: schlagen, töten, vernichten! Zunächst die Menschen, aber viel, viel lieber noch die Ideen! Nichts bezeichnender, als der gleich rasende Hass, mit welchem Napoleon wie Bismarck im Kriege nicht die gefährlichsten Feinde, nicht die disziplinierten Heere verfolgten, sondern die Freischaren, welche die Liebe zum Vaterland in den Kampf trieb, Man weiß, – wie Napoleon die gefangenen Offiziere von Schill als brigands füsilieren, wie er die Lützower nach Abschluss des Waffenstillstandes von 1813 verräterisch überfallen ließ. Und man sollte wissen, dass Bismarck 1870 und 71 nach den getreuen Berichten seines Biografen Busch „des Abends spät, des Morgens früh“ fluchte und wetterte, wenn die deutschen Offiziere und Soldaten, welche am Ende die Sache doch zunächst anging, im ehrlichen Kampfe gefangene Franktireurs auch als ehrliche Feinde behandelten und nicht an den nächsten Baum aufknüpften. Glücklicherweise reichte sein Einfluss nicht so weit, die menschlichen Grundsätze der deutschen Heerführung zu erschüttern, und so musste er sich mit Heldentaten begnügen, wie er deren eine seinem Buschchen berichtete: „Ich sagte ihnen (d.h. einem Wagen voll gefangener Franktireurs, dem er auf der Landstraße begegnet war): Ihr werdet alle gehangen werden; Ihr seid keine Soldaten, sondern Mörder. Der eine fing dann laut zu flennen an,“ Aber das war im Kriege. Wer im Frieden seine Landsleute um ihrer Überzeugungen willen in gehässiger, kleinlicher und namentlich überflüssiger Grausamkeit mehr gequält, verfolgt und vernichtet hat, ob Napoleon oder Bismarck, das ist eine Frage, die einer sehr genauen Untersuchung bedarf, ehe sie zu Bismarcks Gunsten entschieden werden könnte
Es versteht sich, das die Parallele zwischen diesen „Großen Männern“ hier nur gezogen wird, soweit es auf ihr Verhalten nach ihrem Sturze ankommt. Denn sonst wäre sie ein großes Unrecht gegen den Franzosen. Rodbertus hat es zwar fertig bekommen, die „zwei Riesen des Jahrhunderts“ auf gleiche Höhe zu stellen und Bismarck eher noch eine Stufe höher, indessen da ist der Patriot mit dem Denker durchgegangen. Sieht man, wie billig, ganz von Napoleons Feldherrntätigkeit ab, so hat er als Organisator ebenso Bedeutendes geleistet, wie Bismarck etwa als – Desorganisator. Dort der Erbe einer großen Revolution, der die bürgerliche aus der feudalen Gesellschaft mit leidlichem Verständnisse entbinden half; hier der Erbe des ostelbischen Junkertums, der von der bürgerlichen Welt nicht viel mehr versteht als die Aufbesserung seines Grundbesitzes durch Papierfabriken und Schnapsbrennereien Dort ein in seiner Art antiker Charakter, hier ein „Tiefenbacher,“ der eines Herbstabends im Jahre 1877 nach der Erzählung von Busch, Kienäpfel in den Kamin werfend, zu klagen begann, das er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und Befriedigung gehabt habe, Niemand liebe ihn deshalb. Er habe Niemanden damit glücklich gemacht, sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht. „Wohl aber Viele unglücklich, Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Mann nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indessen mit Gott abzumachen. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine gehabt von Allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruss, Sorge und Mühe,“ Und nicht einmal ein Haus in Berlin, wie heute die Elegie weiter lauten würde. Aber welch heitere Geschichtsauffassung! Ohne mich, wahrhaftig! Wäre das Junkerlein Otto von Bismarck nicht am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren, so lebten wir heute noch im deutschen Bunde, „Ein Tiefenbacher, dumm und sentimental,“ so urteilte Bismarck nämlich nach dem glaubwürdigen Zeugnisse von Busch über den dritten Napoleon.
Aber auch in dem Verhalten nach ihrem Sturze kann man Napoleon und Bismarck nicht so ohne Weiteres auf die gleiche Stufe stellen. Die schlagende Ähnlichkeit liegt in den schon hervorgehobenen Umständen: in dem Mangel an persönlicher Würde, in der Sucht, die eigene Schuld auf andere Schultern abzuwälzen und sich in fabelnder Umdichtung der Zeitgeschichte reinzuwaschen, in der kläglichen Verleugnung dessen, was man, wenn denn einmal die Legende von den „Großen Männern“ gelten soll, die Tragik ihres Schicksals nennen könnte und was der preußische Hofgeschichtsschreiber v. Treitschke in seiner pomphaften Weise an Napoleon „das gaunerhafte Ende einer grandiosen Heldenlaufbahn“ nennt, eine Kennzeichnung, die wir uns glücklicherweise für Bismarck,. dessen „grandiose Heldenlaufbahn“ wir nie zu entdecken vermocht haben, nicht anzueignen brauchen. Aber sonst freilich war Napoleon auch nach seinem Sturze immerhin noch ein Anderer als Bismarck. Ganz Europa hielt ihn auf seiner Felseninsel gefangen, und wäre er freigekommen, so hätte er wohl noch ein drittes Spiel in dem Wurfe von Leipzig und Waterloo gewagt, wie der italienische Dichter bei seinem Tode sang: „Im Wetterleuchten der Waffen zu Fuß, in den Wogen reitender Männer.“ Sich bei völlig freier Bewegung in einen Winkel zurückzuziehen, den ehrlich angebotenen Kampf verschmähend und mit vergifteten Pfeilen aus dem Hinterhalte schießend, das war bei alledem die Weise des Korsen. nicht. Und dies begründet den letzten und tiefsten Unterschied zwischen Napoleon und Bismarck. Jener hinterließ trotz alledem eine Legende, dieser aber wird keine Legende hinterlassen.
Darin liegt das einzige Interesse, welches heute noch rechtfertigen kann, aber welches freilich auch vollauf rechtfertigt, wenn von dem ohnmächtigen Manne in Friedrichsruh, den man sonst sich ruhig in seinem ohnmächtigen Grolle verzehren lassen könnte, noch gesprochen werden muss. So lange es „Große Männer“ gegeben hat, hat keiner sich in solcher Weise, wie Bismarck, moralisch selbst umgebracht, hat keiner mit einer Gründlichkeit, die der grimmigste Feind nicht diabolischer hätte ersinnen können, den eigenen Namen so völlig zerstört, wie Bismarck. Und so ist es nicht nur gekommen, sondern so musste es auch kommen. Den Grund davon hat Bismarck selbst in seiner Rede an die Deputation aus Siegen mit unbewusster Wahrhaftigkeit angegeben. Wenn er in den Reichstag käme, meinte er, so würde ihm doch von allen Seiten der Ruf entgegenschallen, er käme als „Interessent,“ Sicherlich würde das geschehen, aber auch mit vollem Rechte. Als „Interessent“ kann man aber nicht mehr den „Großen Mann“ spielen. Die Legende der „Großen Männer“ kann sich mit Vielem vertragen, aber nicht mit der „baren Zahlung“ der Grundrente und des Kapitalprofits; sie kann die verschiedensten und selbst die wunderlichsten Formen. annehmen, aber nicht die Gestalt Bleichröders oder ähnlicher „Interessenten.“ Denn sie ist auch nur eines jener „buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seine natürlichen Vorgesetzten knüpften“ und sie wird „unbarmherzig zerrissen“ – wir zitieren nach dem Kommunistischen Manifeste – durch die kapitalistische Entwicklung, durch die Auflösung der „persönlichen Würde“ in den „Tauschwert.“
Kümmerlicher und unaufhaltsamer gehen die letzten Mohikaner nicht durch ihr „Interesse“ für den Schnaps unter, als die „Großen Männer“ durch ihr „Interesse“ für die Schnapsbrennerei.
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