Franz Mehring: Sächsisches

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 23, S. 705-708]

f Berlin, 26. Februar 1896

Einer aus König Stumms Garde soll gesagt haben, hunderttausend Köpfe müssten springen, ehe wieder Ruhe und Frieden im Deutschen Reiche sein werde, und das gleiche Programm hat der brave Bismarck in seinem Hamburger Leibblatte verfochten. Mit etwas weitläufigeren Worten allerdings, aber dem Sinne nach ebenso, indem er es als ruhmwürdige und weise Politik verteidigte, die arbeitende Klasse durch brutale Gewaltmaßregeln so herauszufordern, dass sie sich zu verzweifelter Gegenwehr setzt und massenhaft niedergemetzelt werden könnte. Das Programm ist ganz des Genialen würdig: dumm und niederträchtig zugleich, und Auer hat im Reichstage mit Recht gesagt, dass es von „abgrundtiefer Gemeinheit der Gesinnung“ zeuge. Die Entrüstung, welche die byzantinischen Parteien der Volksvertretung über dies treffende Wort bekundeten, hätten sie sich sparen können: man muss die Dinge nehmen, wie sie sind, die Katze eine Katze nennen und Rolin einen Schuft; dass die liebenswürdigen Gönner, die dem klassenbewussten Proletariat lieber heute als morgen einen Nagel ins Hirn treiben wollen, auch noch beanspruchen, ihrerseits von den Arbeitern mit Glacéhandschuhen angefasst zu werden, das ist ein wenig unbescheiden.

Ein praktischer Anfang zu der von dem Biedermann des Sachsenwaldes angeratenen Politik wird seit Wochen in dem Königreich Sachsen gemacht. Die gesetzlichen Formen, in denen sich die von der parlamentarische Mehrheit des sächsischen Landtags geplante Entrechtung der Massen vollzieht, dürfen nicht darüber täuschen, dass sie ein Gewaltstreich ist und nichts Anderes. Die Rechnung ist nur insofern ohne den Wirt gemacht, als die bedrohten Massen durchaus nicht an eine Gegenwehr denken, an der militärischer Heldenmut wohlfeile Lorbeeren erwerben könnte. Sie haben bessere und wirksamere Waffen und werden ihren Todfeinden nicht den Gefallen tun, sich wie Schafe schlachten zu lassen. Am Vorabend von Jena schnarrten die preußischen Offiziere: „Lasst den Monsieur Bonaparte man ran uff die Plaine kommen! Mit diesem Sansculotten wollen wir schon fertig werden.“ Dagegen sagte der Monsieur Bonaparte, als ihm diese Fanfaronade hinterbracht wurde, mit mitleidigem Achselzucken: „Die Preußen sind noch dümmer als die Österreicher“, kam aber nicht „uff die Plaine“, sondern schlug mit seiner modernen Taktik und Strategie die ganze Junkerei, dass sie wie ein fauler Bovist auseinander stob.

In der Tat leidet die Gewaltpolitik Bismarcks und seiner Bewunderer vor allem an dem kleinen Fehler, dass sie mindestens ebenso weit hinter der Weltgeschichte einher zottelt, wie im Jahre 1806 das altpreußische Heer mit seinem Zopf. In der Jugend Bismarcks ist das Mittelchen oft praktiziert worden, eine gewaltsam unterdrückte Partei durch brutale Mittel zum bewaffneten Aufstande zu reizen und sie dann mit überlegener Gewalt niederzuschlagen, worauf sich die in Bürgerblut gebadeten Mörder pfauenhaft spreizten als die Retter von Thron und Altar, als die gottbegnadeten Stützen von Gesellschaft und Staat. In Frankreich ist es von Casimir Perier bis Louis Napoleon einige Jahrzehnte hindurch sehr in der Mode gewesen, aber auch in Deutschland, der frommen Kinderstube, ist es oft genug angewandt worden; wir erinnern nur an den Frankfurter Wachensturm von 1833 und den Frankfurter September-Aufstand von 1848. Wie Bismarck überhaupt ein fossiler, vielleicht der fossilste Politiker unter den Lebenden ist, wie er die Quintessenz der Sozialreform im Millionärezüchten erblickt, wie er in der Sonntagsruhe ein „Danaergeschenk“ für die arbeitenden Klassen verflucht, wie er jede Arbeiterschutzgesetzgebung für Frauen und Kinder verabscheut, weil sie in das innere Heiligtum der Familie eingriffe – Anschauungen, die der verrottetste Manchestermann sich schämen würde, auszusprechen –, so lebt er mit seinen Heilmitteln gegen revolutionäre Bewegungen noch ganz in den vorsintflutlichen Anschauungen des seligen Bundestags und des seligen Reichsverwesers oder, wie Robert Blum ihn zu nennen pflegte, Reichsvermoderers Johann von Österreich.

Wenn seine Gewaltrezepte dennoch in der deutschen Bourgeoisie einen gewissen Nachhall finden, so bestätigt das die altbekannte und immer von Neuem erhärtete Tatsache, dass die deutsche Bourgeoisie unter ihresgleichen die – um es höflich auszudrücken – nach Begabung und Charakter unzulänglichste ist. Und in der deutschen Bourgeoisie nimmt wieder die sächsische dieselbe nach unten hervorragende Stellung ein, wie die deutsche in der europäischen Bourgeoisie. Das eine wie das andere beruht auf historischen Ursachen, die hier nicht näher auseinandergesetzt werden können. Immerhin ist es aber ein erfreuliches Zeichen fortschreitender Erkenntnis, dass wenigstens eine Minderheit der sächsischen Bourgeoisie einsieht, wie blitzdumm die von ihrer Majorität getriebene Politik ist. Von Tage zu Tage mehren sich die bürgerlichen Stimmen in Sachsen, die sich gegen die geplante Entrechtung der Massen kehren, und sie werden auch von Tage zu Tage schärfer. Trotzdem steht dahin, ob diese Warnungsrufe aus ihrer eigenen Mitte den Gewaltstreich verhindern werden, auf den sich die Mehrheit des sächsischen Landtags versessen hat. Bisher hat es noch den Anschein, als ob sie darauf bestände, sich den Kopf an der Wand zu zerschellen, vielleicht aus aufrichtiger und an sich ja auch durchaus berechtigter Überzeugung von der Hohlheit und Wertlosigkeit dieses schwer gefährdeten Objekts.

Die vernünftigeren Elemente der sächsischen Bourgeoisie setzen ihre letzte Hoffnung auf die sächsische Krone. Sie wollen in einer Massenpetition den König bitten, der politischen Entrechtung der besitzlosen Volksklassen, wenn sie von dem sächsischen Landtage beschlossen werden sollte, die Genehmigung zu versagen. Da das gegenwärtige sächsische Ministerium bereits gemeine Sache mit der Landtagsmehrheit gemacht hat, so müsste sich die Petition unmittelbar an die Person des Königs wenden, was angeblich gegen das konstitutionelle Prinzip verstoßen soll. Da uns der konstitutionelle Firlefanz nicht weiter schert, so lassen wir diese wichtige Frage auf sich beruhen und nehmen den König von Sachsen als das, was er ohne Zweifel neben seinen konstitutionellen Würden auch ist: nämlich als einen Mann, der, wenn sein Ministerium um seine Krone spielt, nicht erst konstitutionelle Flöhe fängt, sondern sich selbständig seine Gedanken darüber macht. Bei unserer gänzlichen Unbekanntschaft mit dieser, wie anderen fürstlichen Persönlichkeiten können wir aber nicht selbst sagen, in welcher Richtung diese Gedanken gehen, und wenden uns deshalb um Auskunft an einen geborenen Sachsen, den Sohn eines sächsischen Generals, zugleich den ehemaligen Herold der sächsischen Bourgeoisie und nunmehrigen preußischen Hofgeschichtsschreiber, also an einen wohl nach allen Beziehungen qualifizierten Mann. Dieser schrieb über dein gegenwärtigen König und den gegenwärtigen Thronfolger von Sachsen zu einer Zeit, als schon einmal um die sächsische Krone gespielt wurde: „Der Kronprinz ist ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit, aber roh und jeder politischen Einsicht bar, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch weniger zu erwarten. Zu vergessen verstehen die Albertiner so wenig wie der Stuhl von Rom; die Sicherheit des neuen deutschen Bundes fordert, dass sie die Schuld der Väter und die eigene Schuld durch den Verlust des Thrones büßen.“ So Herr v. Treitschke in seinem Aufsatze über die Zukunft der deutschen Mittelstaaten, der im Juli 1866 veröffentlicht worden ist.

Man wird uns hoffentlich nicht im Verdachte haben, unter vom Deckmantel eines offiziellen Schriftstellers einige Liebenswürdigkeiten an die Adresse eines Königs richten zu wollen. Dazu wäre uns Herr v. Treitschke, der mit seinem Lästern über die Fürsten der deutschen Mittel- und Kleinstaaten das ärgste Byzantinertum vor den Hohenzollern zu verbinden weiß, längst nicht gut genug. Ohnehin steht bei ihm, was die „politische Einsicht“ anbetrifft, die deutsche Sozialdemokratie in der gleichen Verdammnis wie der König von Sachsen. Treitschke selbst findet alle „politische Einsicht“ in der ödesten Bismärckerei konzentriert, und von ihm der „politischen Einsicht bar“ gescholten zu werden, ist tatsächlich in den Augen aufrechter Leute eine Schmeichelei, wie sehr anders Treitschke es auch meinen mag. Uns interessiert in seinen obigen Sätzen nicht das Urteil, das er über den König und den Thronfolger von Sachsen fällt, sondern die Angabe einer tatsächlichen Eigenschaft, die er den Albertinern beilegt und die er jedenfalls aus guter Quelle erfahren haben kann, die Behauptung nämlich, dass die Albertiner so wenig vergessen können, wie der Stuhl von Rom. Da der Stuhl von Rom mit seinem hartnäckigen Gedächtnis eine ganz leidliche Rolle in der Weltgeschichte spielt, so würde Treitschke diese Angabe, wenn sie nicht ganz unbestreitbar wäre, gewiss nicht einem Aufsatze einverleibt haben, der die Albertiner als eine für den Untergang überreife Dynastie herunterreißt.

Messen wir nun an diesem Maßstabe die Aussichten, die der Versuch haben kann, die sächsische Krone von der Genehmigung des auf das sächsische Wahlrecht geplanten Attentats abzuhalten, so hat der König bei einigem Gedächtnis unmöglich vergessen, dass dieselben Massen, die jetzt politisch entrechtet werden sollen, im Jahre 1866 seine Dynastie gerettet haben, welche damals die frivole Politik des Ministers v. Beust und der Landesverrat der sächsischen Bourgeoisie an den Rand des Abgrundes gebracht hatten. Die tapfere Haltung, die das sächsische, von dem damaligen Kronprinzen und gegenwärtigen König geführte Armeekorps bei Königgrätz bewährte, machte es für Österreich zur unerlässlichen Ehrenpflicht, die Albertiner vor dem Schicksale zu bewahren, das die Welfen und andere deutsche Dynastengeschlechter traf. In dem sächsischen Heere kämpften aber arme Bauern und Arbeiter; die Geheimräte der Bürokratie und die Kommerzienräte der Bourgeoisie waren nicht darin. Auch verdankte die sächsische Krone ihre Rettung nicht etwa der Großmut des Siegers, des Königs Wilhelm von Preußen, der vielmehr noch lange nachdem ihm der fette Bissen entgangen war, einer Deputation aus Leipzig mit wehmütigem Stoßseufzer erklärte: „Wenigstens Leipzig hätte ich gerne behalten“. Die sächsische Bourgeoisie rettete 1866 nicht die Krone vor den preußischen Bajonetten, sondern mit diesen Bajonetten suchte es sie zu stürzen; sie blutete nicht auf dem Schlachtfelde von Sadowa, sondern entfaltete nur den gemäßigten Heldenmut, unter dem Schutze der preußischen Kanonen Hoch- und Landesverrat zu treiben, „die Paragrafen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu missachten“, wie der brave Treitschke ihr riet. Und diese Bourgeoisie scheint uns allerdings in recht eigentümlicher Weise auf das Gedächtnis des Königs von Sachsen zu spekulieren, wenn sie ihm zumutet, dass er dieselben Massen, die ihm mit ihrem Blut und Knochen einmal wirklichen Dank vom Hause Österreich erworben haben, jetzt mit dem sprichwörtlichen „Dank vom Hause Österreich“ abspeisen soll. Als Herr v. Beust vor dreißig Jahren sein verwegenes Spiel mit der sächsischen Krone trieb, sprach er, wie sich der König von Sachsen gewiss auch noch erinnern wird, das ominöse Wort von den Felsenspalten der sächsischen Schweiz, worin man die darein geworfene Krone des Hauses Wettin suchen müsse; eine Felsenspalte der sächsischen Schweiz ist aber noch ein sehr reputierlicher Ort, verglichen mit dem Element, in das der gegenwärtige Nachfolger des Herrn v. Beust und die sächsische Bourgeoisie die sächsische Krone werfen möchten, ohne jede Aussicht, dass sie jemals wieder herausgeholt werden wird. …

Soviel über die tatsächlichen Voraussetzungen des Versuchs, den König von Sachsen gegen die politische Entrechtung der sächsischen Bevölkerung in ihrer Masse aufzubieten. Für uns hat diese Seite des Kampfes natürlich nur ein historisches und psychologisches Interesse. Das sächsische Proletariat bedarf keines Königs, um auf einen Schelmen anderthalbe zu setzen, Durch seine prächtige und ganz unvergleichliche Gegenwehr hat es jetzt schon mehr für die große Sache der arbeitenden Klasse erreicht, als eine sozialdemokratische Minderheit im Landtage binnen zehn Jahren hätte erreichen können. Mit seiner modernen Strategie und Taktik schlägt es die verrotteten Gewaltmittel, mit denen Metternich und Manteuffel vor einem halben Jahrhundert schon schmählichen Bankrott gemacht haben und mit denen sich die sächsische Bourgeoisie einbildet, heute noch Siege erfechten zu können. Den brutal-grotesken Herausforderungen, „uff die Plaine“ vor die Kleinkalibrigen zu kommen, antworten die sächsischen Arbeiter mit mitleidigem Achselzucken: die sächsische Bourgeoisie ist noch dümmer als Metternich und Manteuffel.


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