Franz Mehring: Eine beiläufige Episode

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, I. Band, Nr. 22, S. 761-764]

f Berlin, 25. Februar 1911.

Das Königreich Italien feiert in diesem Jahre sein fünfzigstes Geburtsjahr. Es wird mit viel offiziellem Gepränge und Geprunke geschehen, und deshalb werden arge Geschmacklosigkeiten nicht ausbleiben. So wird ein Hauptstück der Feier die Enthüllung. des Riesendenkmals sein, das dem ersten König von Italien mitten im alten Rom errichtet worden ist, dessen Trümmer durch den hässlich-ungeheuerlichen Bau ganz erdrückt werden: einem Manne, der, moralisch ein ausschweifender Wüstling, intellektuell aber ein durchschnittlicher Korporal, zur italienischen Königskrone kam wie die Jungfer zum Kinde.

Dennoch hat die italienische Nation ein größeres Recht, auf ihre staatliche Einigung mit nationalem Stolze zurückzublicken, als es die deutsche Nation haben wird, wenn sie in zehn Jahren das fünfzigste Geburtsjahr ihrer staatlichen Einigung feiert. Geschaffen wurde die italienische Einheit am letzten Ende doch nur durch die revolutionäre Heldenkraft, womit Garibaldi und seine Tausend von Marsala den Thron von Neapel zertrümmerten. Auch die italienische Bourgeoisie hat ihre nationale Pflicht in ganz anderem Maße zu erfüllen gewusst als die deutsche; eine wie klägliche Rolle spielte der Deutsche Nationalverein neben seinem italienischen Vorbild, eine wie klägliche Rolle, um nur ein Beispiel anzuziehen, Herr v. Bennigsen im Königreich Hannover neben dem Baron Ricasoli im Großherzogtum Toskana. Als Bismarck am 15. Juni 1866 Herrn. v. Bennigsen die provisorische Regierung von Hannover anbieten ließ, lehnte der Präsident des Deutschen Nationalvereins sie vorsichtiglich ab; er wollte keinen „Verrat“ an seinem angestammten Welfenhause begehen, was dennoch nicht hinderte, dass er niemals preußischer Minister werden konnte, weil ihn der preußische König immer im Verdacht eines solchen Verrats behielt; noch in seinen alten Tagen hat Bennigsen, als er endlich mit Ach und Krach zum Oberpräsidenten von Hannover avanciert war, ein Welfenblatt gerichtlich belangt, das ihn eines „Verrats“ beschuldigt hatte, der, wenn er ihn begangen hätte; die einzige historische Tat seines Lebens gewesen wäre. Wie anders Ricasoli, der sich entschlossen an die Spitze der Volksbewegung stellte, die den Großherzog von Toskana vertrieb, einen Fürsten, der längst nicht so viel gesündigt hatte wie der Welfenkönig, und der sich selbst mit leidlicher Würde in seine Vertreibung zu fügen wusste. Dafür wurde Ricasoli nach Cavours Tode der erste Ministerpräsident des neuen Königreichs Italien. Der Vergleich zwischen den deutschen und den italienischen Liberalen entriss im Jahre 1866 selbst dem liberalen Historiker Treitschke den Schmerzensschrei: „Während in Italien die Staatsgewalt getragen und getrieben wurde von den hochgehenden Leidenschaften des Volkes, bieten unsere Kleinstaaten heute das niederschlagende, in der Geschichte fast einzig dastehende Schauspiel einer Nation, welche sich die Entscheidung ihres Schicksals schier willenlos über den Kopf hinweg nehmen lässt.“

Was den italienischen Patrioten zu noch höherer Ehre gereicht, ist die keine Empfindung, die sie stets für die hässliche Seite der italienischen Einheitsbewegung gehabt. Bei einer anderen Gelegenheit haben wir vor einigen Jahren an dieser Stelle die zornglühende Ode zitiert, worin Carducci sein geliebtes Italien sagen ließ: „Ich trug den Zuaven den Tornister und applaudierte gestern den Turkos; heute aber tragen meine Knäblein gravitätisch die Uniform der Ulanen. Ob vor dem Käppi oder dem Helm, immer lieg‘ ich auf den Knien, aber schnell und klüglich schüttle ich den Staub der einen Anbetung ab, ehe ich die andere beginne. So küsse ich, die Tochter Roms, einen Fuß nach dem anderen; das Haupt mit der Mauerkrone senke ich in den Kot, um aufzuheben, was das Unglück oder die Nachlässigkeit anderer mir zukommen lässt. So kam ich schließlich zu meinem ganzen Erbteil, hier ein Krüstlein und da ein Krüstlein, zwischen dem einen Fußtritt und dem anderen.“ Und als das Denkmal Cavours, des italienischen Bismarck, in Turin enthüllt werden sollte, schrieb Camillo Boito: „Cavour steht da, vom Kopfe bis zum Fuße in einen Mantel gehüllt, der von den Gliedern des Mannes nichts durchblicken lässt, und hält in einer Hand einen Bogen Papier, Italien kniet vor ihm, ein plumpes sich krümmendes Weib, mit nackten Schultern und nacktem Oberleib. Mit einer Hand umfasst es seinen Minister, und mit bettelnder, weinerlicher Miene bietet es ihm mit der anderen einen Kranz, auf den er nicht einmal einen Blick wirft. Schlagt der unverschämten widerlichen Dirne die Mauerkrone vom Haupte – sie ist keine Königin. Eine Mutter ist das Weib nicht, das sich entkleidet dem Sohne vor die Füße wirft. Armes Italien, ohne Scheu und ohne Würde! Wenn die Nation den Kranz reicht, muss sie ihn, ernsten gemessenen Gebarens, von oben herab erteilen, wie eine Göttin, nicht von unten herauf, wie eine Sklavin, die sich Lächeln und Liebkosung zum Lohne ausbittet. Dieser neue Turiner Cavour ist nicht ein Bürger, sondern ein Sultan. Was auch immer er für Italien getan hat, höher als sein Vaterland stellt es ihn nicht in der Würde. Setzt ihn, wenn ihr wollt, auf die Pyramide des Cheops, bildet alle großen Männer seiner Zeit als vor ihm kniend ab, umgebt ihn. mit den Allegorien aller Künste und Wissenschaften, aber unser Italien soll vor keinem Sterblichen auf den Knien liegen.“ Boito meinte, Cavour selbst würde diese Entwürdigung seines Vaterlandes verabscheuen, und darin mochte er recht haben, denn Cavour war bei alledem ein anderer Mann als Bismarck. Aber wenn Boito hinzufügte, die Deutschen würden sich eine ähnliche Verherrlichung Bismarcks nicht bieten lassen, so kannte er freilich unsere Prozentpatrioten schlecht.

Das empfindliche und reizbare Nationalgefühl der italienischen Patrioten, das in seiner Art alle Achtung beanspruchen darf, ist aber nirgends empfindlicher und reizbarer, als wo die Beziehungen des italienischen Staates zum Papsttum ins Spiel kommen. Rom ist tatsächlich noch immer die Stadt des Papstes, nicht aber des Königs, der in seinem Quirinal doch nur haust wie ein weltlicher Statthalter neben dem geistlichen Souverän im Vatikan. Die Komödie, die der Papst als angeblicher „Gefangener“ spielt, ändert daran nicht das Geringste. Und so begreift sich, dass die Frage, ob der Deutsche Kaiser sich aus Rücksicht auf den Papst abhalten lässt, zur Jubelfeier des Königreichs in Rom zu erscheinen – mag sie von den liberalen Blättern auch über Gebühr aufgebauscht werden –, doch mehr als ein nur höfisches Interesse hat; es ist nicht ohne politische Bedeutung, ob von dem bescheidenen Maße von Sympathie, deren sich das Deutsche Reich in der zivilisierten Welt erfreut, wieder ein beträchtliches Stück zum Teufel geht oder nicht.

Die Entscheidung, die der Reichskanzler getroffen hat, ist bereits bekannt: nicht der Kaiser wird nach Rom gehen, um den König von Italien zu beglückwünschen, aber an seiner Statt und in seiner Vertretung soll es der Kronprinz tun, wenn dieser auf seiner Rückkehr von seiner verunglückten Weltreise Italien berührt, Das ist eine echt Bethmannsche Halbheit, die nicht verschleiert, sondern erst recht offenbar macht, dass die Rücksicht auf den Willen des Papstes den Kaiser selbst von Rom fernhalten soll. Ein so festesfroher und reisefertiger Mann wie der Kaiser hätte sich sonst sicherlich bei der nationalen Feier eines befreundeten Staates eingefunden, und es ist nicht abzusehen, was ihn sonst von der Erfüllung einer Aufgabe hätte abhalten sollen, deren Lösung ebenso sehr seinen eigenen, oft bekundeten Neigungen wie den Interessen der auswärtigen Reichspolitik entspricht. Hat er doch gleich nah seiner Thronbesteigung eine Reise nach Rom angetreten, damals freilich mit der Erlaubnis des Papstes, im Vatikan vorzusprechen, was – wie eben jetzt die Veröffentlichung eines Beteiligten in der italienischen Presse dargetan hat – unter erschwerenden Bedingungen und wenig erfreulichen Umständen geschehen ist. Aber da der Papst sich für das Jubeljahr der italienischen Einheit überhaupt alle fürstlichen Besuche verbeten hat, so war der Kaiser vor der Wiederkehr ähnlicher Erfahrungen hinlänglich geschützt, und so hält ihn nur die Sorge um den Unwillen des Papstes von der italienischen Jubelfeier fern.

Der Kaiser denkt darin christlicher und milder als der Papst, der ebenso wenig wie seine Vorgänger auf dem Stuhle Petri zu irgendwelchen Zeiten Rücksicht auf die preußische Krone genommen hat. Die römische Kurie verflucht seit fünfzig Jahren die italienische Krone, jedoch die preußische Krone ist mehr als hundert Jahre vor ihr verflucht worden; aus demselben Grunde, weil in die preußische Krone ebenso viel oder noch mehr geraubtes Kirchengut angeschmolzen worden ist, als in die italienische Krone. Ja, die preußische Krone trägt die Erinnerung daran schon in ihrem Namen, denn Preußen war ein geistliches Ordensland, als die Hohenzollern es in ihren Säckel steckten, ohne eine Spur von Recht und auch ohne die historische Weihe einer nationalen Bewegung, wie sie den ehemaligen Kirchenstaat unter die Herrschaft der italienischen Krone gebracht hat. Auf diesen Backenstreich antwortete das Papsttum aber keineswegs nach der evangelischen Vorschrift, indem es auch die andere Wange zum Schlage darbot, sondern verfluchte die preußische Krone und verhöhnte den preußischen König als Markgrafen von Brandenburg.

Unter diesen Markgrafen hatte es ehedem manche gegeben, die auch gar sehr am Papsttum hingen und ihm eine Reverenz erwiesen, die dem Lande nicht eben musste. Einem solchen Markgrafen, Joachim T., gegenüber taten sich im Jahre 1535 viel „Edle und Veste Junker aus dem Teltow“ zusammen und überreichten ihm einen – noch heute schriftlich erhaltenen – Revers, worin es hieß, da nun jedermann wisse, dass das ganze Land Brandenburg mit Rittern, Bürgern, Schutzverwandten, Bauern und Inliegern von ganzem Herzen dem römischen Papsttum abgeneigt wäre und der durchlauchtige Herr Markgraf und Kurfürst davon keine Kenntnis habe und als, wie verlaute, keiner von seinen Räten sich getraue, es ihm zu sagen, und das eine Schande sei. und ein Unglück für ein Land, so der Fürst nicht wisse, wie es im Lande aussehe, als könnten sie’s nicht übers Herz bringen, die Schande länger zu dulden, und dass die Lüge fortwähre.

Mit einem solchen Revers reiten heute „Edle und Veste Junker“ freilich nicht mehr zu Hofe, weder aus dem Teltow noch sonst woher Im Gegenteil sind sie es, die die Romreise des Kaisers gehindert und damit dieser immerhin beiläufigen Episode eine gewisse politische Bedeutung gegeben haben, nicht nur für die äußere, sondern auch für die innere Politik. Der „römische Baalsdienst“ hin und her, wenn nur jedem echten Junkerherzen der aufrichtige Dankesseufzer entsteigen darf: der Schnaps, der Schnaps ist gerettet.

Es ist die Rücksicht auf die blauschwarze Koalition, die die Entschlüsse des genialen Reichskanzlers in dieser Sache bestimmt hat, und so ist ein Antrieb mehr gegeben, um mit Camillo Boito zu sprechen, der „unverschämten widerlichen Dirne“ den Laufpass zu erteilen.


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