[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-01, I. Band, Nr. 20, S. 609-612]
f Berlin, 13. Februar 1901
Vorgestern feierte der Bund der Landwirte sein Siegesfest im Zirkus Busch, heute erhält er die Antwort durch dreißig große Versammlungen der hiesigen Arbeiter. Die Frage der Getreidezölle ist damit auf ihren kürzesten und schlagendsten Ausdruck gebracht: hie Junkertum, hie Proletariat; was dazwischen liegt, ist der Rede nicht wert.
Es könnte wohl der Rede wert sein, wenn es nur wollte, aber da es nicht will, so muss es sich genug sein lassen an seines Nichts durchbohrendem Gefühl. Die Bourgeoisie will die Macht des Junkertums nicht brechen, die sie sehr wohl brechen könnte; sie hat die Kraft, aber nicht die Courage dazu, und verpicht, wie sie ist, auf ihren politischen Selbstmord, lässt sie sich in keinen Kampf treiben, worin sie siegen muss, wenn sie nur siegen will. Dagegen ist nun einmal nichts zu machen, auch nicht mit dem lustigen Spaße der anderthalb bürgerlichen Blätter, die über den „schlafenden Brutus“ der Arbeiterklasse zetern, weil ihre eigene Klasse zu faul und kurzsichtig ist, um dem Junkertum die Zähne zu zeigen.
Diese Guten und allzeit Getreuen setzen jetzt ihre Hoffnung auf den Kaiser, der in zwölfter Stunde noch den übermütigen Junkern ein Quos ego! zu donnern soll. Wären es nicht so erprobte Patrioten, man könnte sie fast im Verdacht indirekter Majestätsbeleidigung haben. In welchem Lichte müsste der Kaiser erscheinen, wenn er dem preußischen Ministerpräsidenten gestattete, ein agrarisches Programm feierlich zu verkünden, und dann ein paar Wochen darauf denselben Ministerpräsidenten feierlich verleugnete, Da sind wir Wilden doch bessere Menschen, wenn wir an solches Herumwerfen der kaiserlichen Entschließungen nicht glauben.
Es ist ganz selbstverständlich, dass Graf Bülow sein agrarisches Herz nicht ohne Wissen oder gar wider Willen des Kaisers entdeckt hat, und die königstreuen Männer, die so argumentieren, verfallen neben dem absonderlichen Lichte, das sie auf die edelsten Gefühle ihres Busens werfen, obendrein dem peinlichen Verdacht, als sei es ihnen auch nur darum zu tun, den Kampf gegen die Getreidezölle zu versumpfen,
Wohl gebärden sich die Junker im Gefühl ihres Triumphes sehr übermütig; sie schlagen einen Ton an, der nicht ganz übereinstimmt mit den royalistischen Gesinnungen, die sie sonst so anspruchsvoll herauszuhängen lieben. Im Zirkus Busch ist manches Wort gefallen, das an der Stelle zu verletzen geeignet war, die man „maßgebend“ zu nennen pflegt, und im Abgeordnetenhaus zeigen sich die Junker noch keineswegs geneigt, die Kanalvorlage zu bewilligen, von der sie sehr wohl wissen, wie viel dem Kaiser daran gelegen ist. Es ist zwar noch nicht aller Tage Abend, und am letzten Ende wird wohl das Geschäft: Kanal gegen Getreidezölle fertig werden, aber vorläufig erweisen sich die Junker als sehr zähe Handelsleute, und man kann nicht sagen, das die verantwortlichen Vertreter der Regierung bei den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über die Kanalvorlage besonders glorreich abgeschnitten haben. sie ließen sich von den Junkern in einer Weise behandeln, die dem Ansehen einer „starken Regierung“ gewiss nicht förderlich gewesen ist. Indessen die ostelbischen Junker wissen im Allgemeinen sehr genau, wie weit sie gehen können, und verrechnen sich so leicht nicht; wenn sie aber das Eisen schmieden, solange es sich unter ihren Hammerschlägen streckt, so kann man ihnen daraus keinen besonderen Vorwurf machen, wie es die Blätter der Bourgeoisie zu tun pflegen, Diese Blätter täten viel klüger daran, ihrer eigenen Klasse zuzurufen: Gehe hin und tue desgleichen!
Die Vertröstung auf ein kaiserliches Machtwort der zwölften Stunde ist um so hinfälliger, als dieselben Blätter, die damit krebsen, gleichzeitig in die jämmerlichsten Klagen darüber ausbrechen, wie sehr sie sich in ihren vor Jahr und Tag auf die kaiserliche Weltpolitik gesetzten Hoffnungen getäuscht haben. Die Reise des Kaisers nach England und sein Auftreten in diesem Lande, namentlich aber die Verleihung des schwarzen Adlerordens an den englischen Oberbefehlshaber in den Burenkriege, sind außerordentlich geeignet, die politische Prophetie der Leute in strahlendes Licht zu setzen, die sich vor Jahr und Tag in schäumender Begeisterung für die uferlose Flotte als ein notwendiges Bollwerk gegen die englische Weltherrschaft überschlugen. Es hat sein Ergötzliches, jetzt im Briefkasten der „Kreuzzeitung“ die angebliche Nachricht dementiert zu sehen, das auch der Präsident Krüger den schwarzen Adlerorden erhalten habe, doch die Spitze dieses Scherzes trifft in erster Reihe die Parteien, die sich für die Flottenvorlage ins Zeug gelegt und die deutsche Politik in ein unübersehbares Chaos hinein gerudert haben, unfähig, wie sie sind, die historische Entwicklung der Dinge auch nur auf ein Jahr hinaus zu berechnen.
Was in anderen Blättern angeführt wird, um die so offenkundig hervortretende Freundschaft des Kaisers für England zu erklären, liest sich wie eine bittere Satire auf die Flottenverhandlungen des vorigen Jahres. Darnach hätte der Verlauf der Ereignisse in China den Kaiser tief verstimmt; er mache kein Hehl daraus, das ihn die Haltung Russlands, Frankreichs und Amerikas gegenüber der Kommandogewalt des Grafen Waldersee entrüste. Diese Mächte hätten das deutsche Oberkommando tatsächlich illusorisch gemacht, wofür man im Auswärtigen Amte noch viel mehr Beweise habe, als in die Öffentlichkeit gedrungen seien. Rückhaltlos habe sich nur das englische Kontingent dem Befehl des Grafen Waldersee gefügt, und zwar auf Anweisung Salisburys, der dadurch Deutschland vor völliger Isolierung und Waldersee vor einer schlimmen Demütigung bewahrt habe. Aus Dankbarkeit dafür habe der Kaiser bei seinem Aufenthalt in England jene Kundgebungen erlassen, die „man in Deutschland nur als unbegreiflichen
Überschwang der Englandfreundlichkeit beurteile“. Hat diese „gut unterrichtete“ Seite recht, und wenigstens die Tatsachen sind richtig, aus denen sie ihre Schlüsse zieht, so muss die deutsche Weltpolitik, die vor einem Jahre tausend Masten gegen die englische Weltpolitik rüstete, heute eben der englischen Weltpolitik dankbar sein, weil diese den deutschen Weltmarschall vor einer Weltblamage bewahrt hat. In der Tat ein höchst erbauliches Resultat des ersten Jahres deutscher Weltpolitik!
Aber allerdings kein überraschendes Resultat für die prinzipiellen Gegner der Flottenvorlage, die alles das vorausgesagt haben, was sich jetzt schon zu erfüllen begonnen hat. Graf Bülow hat gezeigt, das er als genialer Diplomat sich mit den Staatsmännern des zweiten Kaiserreichs reichlich messen kann; Blut und Gut des Volkes in überseeischen Expeditionen zu verschwenden, die gar keinen räsonnablen Grund und Zweck haben, sondern nur einer unruhigen Großmannssucht entspringen, das versteht er so gut, wie es ehedem die Rouher und Konsorten verstanden haben. Die Pachtung Kiautschous erzeugte den Boxeraufstand, der Boxeraufstand erzeugte die Ermordung des deutschen Gesandten, die Ermordung des deutschen Gesandten erzeugte die chinesische Expedition, die chinesische Expedition erzeugte die Weltmarschallschaft des Grafen Waldersee, und dieser ragende Gipfelpunkt der deutschen Weltpolitik entpuppt sich nunmehr als ein großmütiger Schutz, den das „perfide Albion“ dem von Russland, Amerika und
Frankreich gerupften Reichsadler gewährt. Über solche Dinge soll man bitter schreiben, denn es gibt ein Maß von Unfähigkeit, das nicht die geringste Schonung verdient, sieht man selbst von allem Anderen ab, so war die Weltmarschallschaft Waldersees von vornherein ein Theatercoup, der mit einer sehr reellen Blamage enden musste. Darüber konnte kein Mensch im Zweifel sein, der auch nur einen blassen Schimmer von historischer Bildung besitzt, und wenn
sich Graf Bülow gleichwohl um einer leeren Prahlerei willen auf ein solches Abenteuer einließ, das die deutsche Reichspolitik ganz wehrlos den empfindlichsten Nadelstichen und Nasenstübern aussetzte, so wäre er als Agitator für den Bund der deutschen Landwirte wirklich besser am Platze, denn als deutscher Reichskanzler.
Aber freilich – wer als Reichskanzler eine solche Weltpolitik treibt, der muss zum Agitator für den Bund der Landwirte werden. Die ostelbischen Junker sind keine so blöden Angsthasen, wie die deutschen Bourgeois, und sie werden gegen die blamable Weltpolitik des Reichskanzlers noch ganz anders ins Zeug gehen, als jetzt schon in den Briefkastennotizen der „Kreuzzeitung“, wenn Graf Bülow nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Deshalb ist es auch eine so überaus windige
Hoffnung, auf den Einspruch des Kaisers gegen die Getreidezollpolitik zu rechnen, so lange Graf Bülow der leitende Staatsmann ist oder sein Nachfolger bei der Weltpolitik im Stile deutscher Weltmarschallschaft beharrt. Es ist ein erfreuliches Zeugnis für den Fortschritt politischer Bildung im Deutschen Reiche, das die guten Leute und schlechten Musikanten, die alle Torheiten der Weltpolitik mitgemacht haben, und sich jetzt als getreue Eckharts gegen die Auspowerung der
Massen durch die Junker aufspielen möchten, so gar nichts hinter sich bringen können. Entweder macht man den ganzen reaktionären Kram mit, oder man bekämpft ihn von A bis Z; halb und halb zu mischen, geht nicht an oder ruft höchstens einen mit Heiterkeit versetzten Widerwillen der Volksmassen hervor.
Die Führung dieser Massen gebührt der Sozialdemokratie, die ihr ehrlich erworbenes Mandat auch ehrlich und wirksam verwalten wird. Sie kann sich nicht dazu herbeilassen, mit dem Meinen und Wähnen dieser oder jener noch so „maßgebenden“ Persönlichkeit zu rechnen: das Maß ihrer Politik ist allein die objektive Lage der Dinge, Von diesem ihrem altbewährten Prinzip abzuweichen,
hat sie um so geringeren Anlass, je klarer sich an dem Schicksal der deutschen Weltmarschallschaft zeigt, wie hart und wie unerbittlich und namentlich wie schnell sich die objektive Lage der Dinge zu rächen pflegt, wenn sie von oben herab missachtet wird. Hätte die deutsche Sozialdemokratie vor einem Jahre auf das Sirenenlied der Flottenschwärmer gehört, hätte sie die Flottenvorlage unterstützt, um die Regierung scharf zu machen wider die Junker, so würde sie heute auch zu den blamierten Europäern gehören, und die junkerlichen Ansprüche stiegen überhaupt auf keine geschlossene Phalanx des Widerstandes mehr.
Ob sich der junkerliche Ansturm an dieser Phalanx schon brechen wird, das ist vorläufig unentschieden. An Eifer und Feuer wird es die Sozialdemokratie nicht fehlen lassen; in diesem Punkte ist sie seit vierzig Jahren von keiner bürgerlichen Partei übertroffen worden, und es sieht bisher nicht darnach aus, als ob ihr dies unerfreuliche Schicksal von den bürgerlichen Gegnern der Getreidezölle beschieden werden würde. Aber möglicherweise ist die Sozialdemokratie noch nicht stark genug, den Sieg des Junkertums zu hindern, solange dieser rückständigen Klasse von der bürgerlichen Verblendung fort und fort alle politischen Trümpfe in die Hand gespielt werden, Dann wird das Junkertum noch einmal siegen, aber nur unter Bedingungen, die auch den noch rückständigen Massen der Nation die unwiderstehliche Erkenntnis aufdrängen werden, das die prinzipielle Politik der Sozialdemokratie ihr einziges Heil und ihre einzige Rettung ist.
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