Clara Zetkin: Der achte Kongress der deutschen Gewerkschaften

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 21. Jahrgang Nr. 21, 17. Juli 1911, S. 321-323]

Die Dresdener Tagung hat die toten Zahlen der Berichte über die Entwicklung der freien Gewerkschaftsverbände durch ein Stück kraftvolles, blühendes Leben illustriert. Sie ließ die Macht erkennen, welche diese festgefügten Organisationen zu Schutz und Trutz für die Interessen der Ausgebeuteten dem ausbeutenden Unternehmertum entgegensetzen können; sie zeigte aber darüber hinaus auch die Geschlossenheit ihrer Reihen und die überlegene Entschlossenheit, mit der sie dem Feind jeden Fuß Boden seines Herrschaftsgebiets streitig zu machen gesonnen sind. Dem Feinde, über dessen Natur und Wesen keine Täuschung vorhanden ist, und dem die freien Gewerkschaften zielklar des Proletariats eigene Kraft entgegenstellen. Durch alle Verhandlungen und Beschlüsse der 386 Delegierten, die zusammen 2.276.395 Mitglieder vertraten, schimmerte der Boden des Bewusstseins vom Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit hindurch, auf dem die zentralisierten Verbände stehen, und aus dem ihr Handeln Richtung und Stärke empfängt. Trat dementsprechend auf dem Kongress ihr Charakter als proletarische Kampfesorganisationen und damit ihr Gegensatz zu der bürgerlichen Gesellschaft unzweideutig in die Erscheinung, so nicht minder ihr unzerstörbarer Zusammenhang mit den beiden anderen Strömen der modernen Arbeiterbewegung: den Genossenschaften und der Sozialdemokratie. Wie könnte es auch anders sein angesichts der Situation, welche dem kämpfenden Proletariat durch die fortschreitende Entwicklung des Kapitalismus geschaffen wird und die ihr entsprechende Erweiterung und Vertiefung der Klassengegensätze, die in den gewaltigen Streiks und Aussperrungen der letzten Jahre wie in den politischen Dingen ihren Ausdruck gefunden hat. Diese Entwicklung trennt die Gewerkschaften von allen sozialen Mächten, die an der Ausbeutung der schaffenden Bevölkerung teil haben und sie aufrecht erhalten wollen – sei es auch unter gemilderten Formen –, und sie führt auf der anderen Seite alle Verteidiger der proletarischen Klasseninteressen zu einer unwiderstehlichen Phalanx zusammen.

Mit erhebender, mustergültiger Arbeitsfreudigkeit hat sich der Kongress der Doppelaufgabe gewidmet, die Gewerkschaften immer besser zum Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung zu rüsten, gleichzeitig aber auch die breitesten Massen der Ausgebeuteten selbst in steigendem Maße wehrtüchtig für diesen Kampf zu machen Die Dringlichkeit solchen Wirkens hatte Genossen Legiens markige Eröffnungsrede scharf umrissen gezeigt. Feinde ringsum! so lässt sie sich zusammenfassen: ein Unternehmertum, das sich fest und fester zusammenschließt, um in planmäßigem Angriff die Macht der Gewerkschaften zu brechen, eine Regierung, die hört, was die Arbeiter fordern, und tut, was die Kapitalisten wollen. Nur die zusammengefasste eigene Kraft der Proletarier zwingt die Widerstände, die sich ihrem Aufstieg entgegenstemmen.

Nicht über Einzelheiten der gewerkschaftlichen Rüstung wurde in der Hauptsache in Dresden beraten, sondern über die große Frage der finanziellen Unterstützung bei Kämpfen, deren Anforderungen auch die Kraft der gut ausgebauten, leistungsstarken Organisationen übersteigen. Die Zeitläufe der Riesenstreiks und Riesenaussperrungen, die die Existenz von Hunderttausenden erschüttern, haben diese Frage nahegelegt. Zwei Wege zu ihrer Lösung zeigten die vorliegenden Anträge. Nach dem einen soll unter Verwaltung der Generalkommission die Gründung einer allgemeinen Unterstützungskasse erfolgen, nach dem anderen haben bei großen Kämpfen an die Stelle der bisherigen freiwilligen Sammlungen feste Beiträge zu treten, welche von den der Generalkommission angeschlossenen Verbänden entsprechend ihrer Mitgliederzahl erhoben werden. Der Kongress überwies die Anträge nebst den dazu gestellten Abänderungsvorschlägen der nächsten Vorständekonferenz.

Das schärfste Schwert taugt nichts ohne den starken Arm, der es führt, ohne den zielsicheren Willen, der es lenkt. So wenig irgendwie die Bedeutung der materiellen Leistungstüchtigkeit unserer Gewerkschaften übersehen oder auch nur unterschätzt werden darf, so notwendig ist es, ebenfalls ihr geistiges Bereitsein nach seiner weittragenden Wichtigkeit zu werten. Die Dresdener Beratungen sollten auch in dieser Beziehung die Wehr und Waffen der Organisationen vervollkommnen und schärfen. Dies war der Sinn der Anträge über die gewerkschaftlichen Unterrichtskurse, wie der Verhandlungen über Bildungsbestrebungen und Bibliothekswesen in denGewerkschaften. Wie die Dinge liegen, musste leider die erstere Frage unvermeidlich mit einer Personenfrage verquickt sein: Sind die Herren Bernhard und Calwer geeignete Lehrkräfte für die Gewerkschaftsschule? Wir sagen leider, weil in der Folge das äußere Um und Auf den Blick für die sachliche Bedeutung des ganzen Problems trübte oder richtiger von ihr ablenkte. Denn im letzten Grunde entpuppt sich auch die vorliegende Personenfrage als eine Sachfrage. In der Tat: nicht dass die genannten Herren außerhalb der Sozialdemokratie stehen, ist der springende Punkt, aus dem Widerspruch gegen ihre Mitwirkung an den gewerkschaftlichen Unterrichtskursen erwachsen ist, sondern warum dies nicht mehr der Fall ist. Und sehen wir bei der Beantwortung dieser Frage von allen rein persönlichen unerquicklichen Umständen ab, so bleibt als ausschlaggebend eine Unvereinbarkeit der von Calwer und Bernhard vertretenen Meinungen mit den Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus, eine Unvereinbarkeit, die sich nicht auf eine verschiedene Wertung politischer Faktoren beschränkt, sondern auch Fragen des gesellschaftlichen Wirtschaftslebens betrifft, die gerade für die Gewerkschaften und ihre Betätigung bedeutsam sind. Nur dadurch wird es ja erklärlich, dass Gewerkschaftsblätter und Gewerkschaftsorganisationen es waren, die besonders in letzter Zeit sich wieder und wieder polemisch mit den Meinungen Calwers und Bernhards auseinandersetzten.

Von den mannigfachen Gründen, welche den Kongress es ablehnen ließen, sich mit der Angelegenheit zu befassen, ist unseres Erachtens der wichtigste die nicht volle Einschätzung der Tragweite, welche der Theorie des proletarischen Klassenkampfes für eben dessen Praxis zukommt Er fand offensichtlicher noch seinen Ausdruck in den Gedankengängen, welche zu der gleichen Stellungnahme betreffs der Gestaltung der gewerkschaftlichen Unterrichtskurse führten. Hierzu war eine Ausdehnung des Unterrichts auf längere Zeit, sein Ausbau in theoretischer Richtung und eine Beschränkung der Teilnehmerzahl gefordert worden. Wie dem Veto wider die Calwer-Bernhardsche Betätigung, so setzte der Vertreter der Generalkommission auch diesem Verlangen die Auffassung entgegen, dass die Unterrichtskurse nur die nötige spezielle, fachtechnische Ausbildung für Gewerkschafter fordern sollen, und dass daher die längere und tiefere Beschäftigung mit der Theorie zu missen sei. Die übergroße Mehrheit der Delegierten trat dieser Auffassung bedauerlicherweise bei, allein dass die ausgerollte Frage selbst dadurch nicht für immer beiseite geschoben ist, dafür sprach der bald nach der gefallenen Einscheidung eingebrachte Antrag Winnig, eine Kommission einzusetzen, beziehungsweise Generalkommission und Vorständelonferenz zu beauftragen, einer Ausgestaltung der Gewerkschaftsschule näherzutreten.

Gewiss, auch der Antrag fiel, aber er bleibt nichtsdestoweniger ein begrüßenswertes Anzeichen, dass die gewerkschaftliche Praxis selbst das bewusste Bedürfnis nach einer festen theoretischen Fundierung schafft. Wenn diese Tatsache in Dresden nicht zwingender und erfolgreicher in die Erscheinung trat, so hat dies seine besondere Ursache darin, dass die Sozialdemokratie mit ihren verschiedenen Einrichtungen in weitem Umfang diesem Bedürfnis entgegenkommt und es befriedigt. Wie die Praxis des wirtschaftlichen und des politischen Klassenkampfes des Proletariats aus der gleichen Wurzel empor sprießt, also kann es für diese Praxis auch nur eine einheitliche Theorie geben: die sozialistische, die ans verschiedene Wirkungsgebiete angewendet wird. Wir sind daher überzeugt, dass unter dem Drucke der kapitalistischen Wirklichkeit die theoretische Schulung der Gewerkschafter in der Richtung vor sich geht, auf die Legien und andere hinwiesen: die Parteischule wird die Gewerkschaftsbewegung mehr als seither in den Kreis ihrer Unterrichtsfächer einbeziehen, und die Gewerkschaften werden künftig mehr Schüler als jetzt in die Parteischule entsenden. Es muss dies das natürliche Ergebnis des erstarkenden einheitlichen Zusammenarbeiten von Partei und Gewerkschaften auf dem Gebiet des lokalen Bildungswesens sein, wie es von Genossen Sassenbach in seinem anregenden Referat über die Notwendigkeit einer systematischen Gestaltung des Vortrags- und Bibliothekswesens in Übereinstimmung mit Genossen Schulz als dem Vertreter des Zentralbildungsausschusses der Sozialdemokratie befürwortet ward. Die planmäßige Schulung und Erziehung der politisch und gewerkschaftlich Organisierten im Geiste der sozialistischen Lehren schafft im Bewusstsein der breitesten Massen selbst den unzerstörbaren Grund, der das Gebäude höheren theoretischen Unterrichts trägt. Den freien Gewerkschaften ist die sozialistische Erkenntnis seit je Lebensluft gewesen, von ihr haben sie ihren idealen Inhalt, die unverrückbare Kristallisationsachse ihrer praktischen Betätigung empfangen. Bei der inneren Verbindung, die – wie wir in letzter Nummer darlegten – zwischen ihnen und dem Sozialismus besteht, würden sie die stärkste Wurzel ihrer Kraft ablöten, wollten sie auf die Pflege jenes theoretischen Sinnes im Proletariat verzichten, den Engels als kostbarstes Erbteil der aufsteigenden deutschen Arbeiterklasse dem theorie- und ideallosen praktischen Fortwursteln der deutschen Bourgeoisie gegenübergestellt hat. Und zu diesem Selbstmord sind die freien Gewerkschaften wirklich viel zu gute Praktiker.

Von gleicher Bedeutung für die Vervollkommnung der gewerkschaftlichen Rüstung wie für die Wehrhaftmachung der Massen ist die Stellungnahme des Kongresses zum Koalitionsrechtund dem Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch. Genosse Heinemann leitete sie durch ein großzügiges Referat ein, das überzeugend die befruchtende Kraft der Theorie für die Praxis dartat. Ohne die sozialistische Gesellschaftstheorie wäre auch dem scharfsinnigen Juristen die ebenso glänzende als tiefe Zergliederung des engbrüstigen Klassenrechtes und der brutalen Klassenjustiz, die lichtvolle Erhellung der Zusammenhänge unmöglich gewesen, die die Besitzenden zu dem Versuch drängen, im Strafgesetzbuch ein die Koalitionsfreiheit meuchelndes Ausnahmerecht gegen das kämpfende Proletariat zu schaffen. Eindringlichst ruft dieses Referat den proletarischen Massen zu, dass die beste Verteidigung der Hieb ist, dass der Abwehrkampf gegen das drohende Attentat zum Angriff für ihr gutes Recht. das gesetzlich gesicherte volle Koalitionsrecht, werden muss. Und dieses Ringen mit den Todfeinden des Proletariats, Brust an Brust, wird, wie alle sozialpolitischen Kampagnen, Gewerkschaften und Sozialdemokratie brüderlich Schulter an Schulter finden, ein unteilbares Heer.

Dem Schutze der Enterbten wider die skrupellose Ausbeutung durch das Kapital, wider Begleiterscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft galten die Verhandlungen über verschiedene sozialpolitische Fragen. Sie brachten Referate und Diskussionsreden, die mit trefflicher Sachbeherrschung klare Erkenntnis des gesellschaftlichen Untergrundes der bekämpften Übel und zielsichere Forderungen zu ihrer Milderung verbanden. An erster Stelle muss in dieser Verbindung des weit ausgreifenden, vorzüglichen Referats des Genossen Robert Schmidt über Arbeiterschutzund Arbeiterversicherung gedacht werden. Unter besonderer Berücksichtigung des Pfusches der Reichsversicherungsordnung und gestützt auf ein überaus reichhaltiges Tatsachenmaterial hielt er eine vernichtende Abrechnung mit der Sozialpolitik des deutschen Reiches, die an Stelle der Verstärkung des Schutzes und der Fürsorge für die Lohnarbeitenden in Stadt und Land unzulängliche Reförmchen verbunden mit Hemmungen für die Arbeiterbewegung bringt. Es versteht sich am Rande, dass dabei nicht bloß das Sündenregister der Regierung verlesen wurde, sondern auch das der bürgerlichen Parteien und der Gewerkschaften, die an deren Gängelband einher trotten. Erschütternde Anklagen, Forderungen, die so selbstverständlich dünken, dass ihre Nichterfüllung als ein Gemisch von Verbrechen und Wahnsinn scheint, klangen aus dem Vortrag des Genossen Deichmann über die Heimarbeit und das Hausarbeitsgesetz. Seine Ausführungen wurden wirksam durch die Schilderungen des Heimarbeiterelends in verschiedenen Gegenden und Industrien ergänzt. Beim Punkte Arbeitsnachweis und Arbeitslosenversicherung zeichnete Genosse Umbreit eine der furchtbarsten und unvermeidlichsten Folgen der kapitalistischen Produktion: die Krise mit ihren Schrecken für die Arbeiterklasse. Sein Referat gipfelte in der Forderung eines Reichszuschusses zu der Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaften, die die berufenen Träger der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung sein müssen; einzelstaatlicher und kommunaler Zuschüsse für die Übergangszeit; gänzlichen Verbots der gewerblichen Stellenvermittlung, Errichtung öffentlicher, gemeinnütziger und kostenloser Arbeitsnachweise unter paritätischer Leitung. Was Genosse Lange als Referent über die Stellung der Privatangestellten imWirtschaftsleben ausführte, erbrachte den schlüssigen Beweis, dass das Emporblühen eines „neuen Mittelstandes“ eine fromme Sage ist, und dass die „Proletarier im Stehkragen“ mit den übrigen Lohnarbeitern in eine Kampfesfront gehören. Die Rücksicht auf den Raum zwingt uns zu diesen dürftigen Andeutungen über die sozialpolitischen Arbeiten des Gewerkschaftskongresses. Wir empfehlen nicht zuletzt im Hinblick ans sie unseren Genossinnen, das Protokoll der Dresdener Tagung eifrig zu studieren. Es wird ihnen für ihre Aufklärungs- und Organisationsarbeit eine Fülle von Material und Anregungen vermitteln.

Das gleiche gilt von den Beratungsgegenständen, welche die wachsende Fühlung zwischen Gewerkschaften und Genossenschaften bekunden und die mancherlei festen Berührungspunkte zwischen den beiden in helles Licht rücken, Berührungspunkte, die zum Teil auch wieder auf sozialpolitisches Gebiet übergreifen und sich der Beachtung der Sozialdemokratie aufdrängen. Es sei an die sechs Resolutionen erinnert, die das Ergebnis der Vereinbarungen zwischen Generalkommission und demZentralverband der Konsumvereine sind. Sie legen nicht nur die gegenseitigen Verpflichtungen der beiden Organisationen zueinander fest, die Stellungnahme zu Boykotts und Neugründung von Produktivgenossenschaften, sondern befassen sich auch mit der Stellungnahme zur Heimarbeit und den Strafanstaltserzeugnissen. Den stärksten Ausdruck fand das Streben nach Zusammenwirken von Gewerkschaften und Genossenschaften in dem einstimmigen Beschluss, einegewerkschaftlich-genossenschaftliche Unterstützungskasse zu gründen, für deren Errichtung sich eine Woche früher der Genossenschaftstag erklärt hatte. Die Institution soll durch die genossenschaftliche Organisation die für Millionen wertvolle Selbsthilfe der Versicherung der privaten Ausbeutung entziehen; ihre Verwaltung wird Aufgabe der Genossenschaften sein, die Werbearbeit für sie soll den Gewerkschaften zufallen. Genosse Bauer, der sich gründlich mit der Materie vertraut gemacht hatte, entwickelte die großen Richtlinien der neuen Schöpfung.

Verzeichnet sei noch, dass die Genossinnen Baar, Hanna und Thiede zu dem Kongressergebnis treffliche Ausführungen beigesteuert haben über die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen und Hausangestellten, über die Heranziehung der Frauen zu der Agitations- und Verwaltungsarbeit, wie über die Notwendigkeit voller sozialpolitischer Rechte für die Arbeiterinnen.

Die Dresdener Tagung war alles in allem eine Verkörperung ruhiger selbstbewusster Kraft. Sie wird den geschlossenen Aufmarsch der Habenichtse zum Kampf fördern und beschleunigen; sie wird sie daran mahnen, jederzeit das Schwert geschliffen zu halten, um der Hydra der kapitalistischen Ordnung die rasch nachwachsenden Köpfe ihrer Übel immer wieder aufs Neue abzuschlagen und ihr schließlich den scharfen Stahl tödlich ins Herz zu senken.


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