Clara Zetkin: Zum achten Gewerkschaftskongress

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 21. Jahrgang Nr. 20, 3. Juli 1911, S. 305 f.]

Wenn dieses Blatt in die Hände unserer Leserinnen gelangt, sind Beratungen von großer Tragweite abgeschlossen, die ihren Anfang nehmen, während wir die Feder ansetzen, um sie zu grüßen. Am 26. Juni ist in Dresden der achte Kongress der freien Gewerkschaften Deutschlands zusammengetreten. Er hat ein reiches Arbeitsprogramm zu erledigen, das den großen und wachsenden Umfang und die weitreichende Bedeutung des gewerkschaftlichen Tätigkeitsfeldes klar erkennen lässt. Neben den Beratungsgegenständen, die unmittelbar der Ausgestaltung und Schlagfertigkeit der Organisationen dienen, stehen mancherlei sozialpolitische Materien zur Behandlung: Heimarbeiterschutz und Hausarbeitergesetz, Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung, Arbeitsnachweis und Arbeitslosenunterstützung. Außerdem hat der Kongress sich mit dem Koalitionsrecht und dem Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch zu befassen, mit den Bildungsbestrebungen und dem Bibliothekenwesen in den Gewerkschaften usw. Die Agitation unter den Arbeiterinnen wird im Anschluss an den Bericht des Arbeiterinnensekretariats besondere Berücksichtigung finden. Wie viele werden nicht dabei mit tiefer Wehmut derer gedenken, die eine der ersten, unermüdlichen und selbstlosen Vorkämpferinnen der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen gewesen ist, eine treue Förderin und Mitarbeiterin der Gewerkschaftsbewegung überhaupt: Emma Ihrer. –

Das deutsche Proletariat darf mit Stolz und voller Hoffnung auf die Dresdener Tagung der Gewerkschaften blicken. Es ist ein gewaltiges und ein trefflich geschultes Heer, dessen Vertreter auf einem Boden heißer Klassenkämpfe Rat halten. Die Gewerkschaftsverbände musterten Ende 1910 nicht weniger als 2128021 Mitglieder, zwanzig Jahre zurück, 1891, zählten sie deren erst 277.659. Ihr Vermögen ist in dem gleichen Zeitraum von 425.345 Mk. auf 52.575.505 Mk. angewachsen; ihre Jahreseinnahmen sind von 1.116.580 Mk. im Jahre 1891 auf 64.372.176 Mk. 1910 gestiegen; die Ausgaben in den beiden Vergleichsjahren von 1.606.534 auf 57.926.566 Mk. Und diese Ziffern künden keineswegs alles von der kraftvollen Entwicklung der freien Gewerkschaften. Die Organisationsform der zentralisierten Verbände hat sich siegreich durchgesetzt und ist unablässig ausgedehnt und vervollkommnet worden. Die Gewerkschaften haben die wichtigen Institutionen der Kartelle und Arbeitersekretariate geschaffen mit ihrer weitverzweigten Tätigkeit auf den verschiedensten proletarischen Interessengebieten. Sie sind die Träger von Unterstützungseinrichtungen geworden. die weit davon entfernt, ein hinderliches Gepäck im Kriegsfall zu sein, die Werbearbeit der Organisationen unter den breitesten Massen erhöhen und gleichzeitig deren Waffentüchtigkeit steigern. Seit 1900 wurden von den freien Gewerkschaften zusammen 45.768.715 Mk. an Arbeitslosenunterstützung allein ausbezahlt, dieser Summe fügen sich Hunderte von Millionen an, die für Kranken -, Wöchnerinnen -, Invaliden -, Reise- und Notstandsunterstützung wie Sterbegelder aufgewendet worden sind.

Riesenbeträge haben die Verbände verausgabt für die Erweckung und Aufklärung der ausgebeuteten Bevölkerung durch das gesprochene und geschriebene Wort und Bildungseinrichtungen verschiedener Art. In den zehn Jahren von 1900 bis 1910 haben ihre Kämpfe, die um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gingen oder um die Abwehr von Verschlechterungen – Streiks und Aussperrungen – 104.571.531 Mk. gekostet. Das vergangene Jahr, allein mit seinen großen Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit im Baugewerbe und auf den Werften hat für die Kampfeszwecke 19.068.972 Mk. erfordert. Für die richtige Bewertung dieser Summen muss im Auge behalten werden, dass von 100 Mk. Streikunterstützung 1892 nur 34 aus den Kassen der Gewerkschaften gezahlt wurden, 1909 dagegen 99,60 Mk. Die Organisationen waren also in der Zwischenzeit allmählich finanziell genügend erstarkt, um in steigendem Maße aus eigener Kraft zu Schutz und Trutz der Ausgebeuteten auch die ausgedehnten. Kämpfe zu führen, die ganze Industriegebiete erschütterten und materiellen Beistand für vieltausendköpfige Massen erheischten. Die Gewerkschaften können als Gewinn ihres Wirkens für die Arbeiterschaft Millionen von Mark Lohnerhöhungen buchen, Millionen von Stunden der Arbeitszeitverkürzung, anders betrachtet: Stunden des Menschentums, die der Beherrschung und Ausbeutung durch das Kapital entzogen sind, das in blindwütiger Profitgier die Leiber und Geister zermalmt. Eine Fülle anderer Verbesserungen der Arbeitsbedingungen noch haben sie erreicht, es sei in dieser Beziehung nur an ihre bedeutsame Betätigung für die strikte Durchführung des gesetzlichen Arbeiterschutzes erinnert.

Hand in Hand mit den wertvollen materiellen Errungenschaften ging eine unschätzbare ideelle Leistung. Die freien Gewerkschaften haben über ihre eigenen Reihen hinaus Millionen proletarischer Männer und Frauen aus müder, dumpfer Ergebung in ihr Los erweckt. Sie zeigten ihnen die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Arbeit, gaben ihnen damit den Stolz und die Würde ihres Menschentums zurück und entfachten in ihrem Herzen die Sehnsucht nach höherer Kultur. Sie erfüllten sie mit der Erkenntnis von dem möglichen Wandel ihrer Klassenlage als ihr eigenes Werk und ihre heilige Pflicht und riefen damit ihren Willen zur Tat auf. So haben sie Opfer der kapitalistischen Ausbeutung in Kämpfer gegen die kapitalistische Ausbeutung verwandelt und diese Kämpfer selbst immer besser gerüstet, immer höher emporgeführt und damit kampfesfreudiger und kampfestüchtiger gemacht. Mit all dem vollbrachten die Gewerkschaften eine Kulturtat ersten Ranges, neben der zusammenschrumpft, was die bürgerliche Gesellschaft an sozialen Reformen zur Hebung der Arbeiterklasse geleistet hat, wobei obendrein nicht zu vergessen ist, dass ihr auch die dürftigen Gaben der „Reform von oben“ unmittelbar oder mittelbar durch die Speere der gewerkschaftlich und politisch kämpfenden Proletarier entrissen werden mussten.

Im Sturm und Drang kaum unterbrochener heißer Kämpfe um ihre Existenz sind die freien Gewerkschaften Deutschlands groß und leistungstüchtig geworden, eine starke Macht, die dem protzigsten und trotzigsten Ausbeutertum als Schützerin der werktätigen Massen entgegenzutreten vermag. Ihre Entwicklung ist auch nicht vorübergehend erleichtert worden durch die Gunst von politischen Verhältnissen, die im Zeichen der Demokratie gestanden wären, durch die Vorteile einer Herrschaft ihres Landes auf dem Weltmarkte, durch kräftige, einsichtsvolle bürgerliche Reformströmungen. Sie vollzog sich in dem Deutschland, wo sich die Machtfülle und Skrupellosigkeit des reifenden Kapitalismus mit der Brutalität und Beschränktheit des Feudalismus paart, wo die politische Rückständigkeit den Gewerkschaften Ketten schmiedet und Fußangeln legt und das Proletariat auch bei seinen wirtschaftlichen Kämpfen mit einem Hagelschauer bösartiger Geschosse überschüttet. In ihrer Kindheit mussten die Gewerkschaften gegen die Schrecken des Sozialistengesetzes um das nackte Leben kämpfen, und der Mangel eines gesetzlich gesicherten Koalitionsrechts gibt sie noch heute auch ohne Ausnahmegesetz allen Rücken und Tücken unseres Klassenstaats und seiner Justiz preis. Und das inmitten einer gesellschaftlichen Wirtschaft, welche die schwersten Krisen in ihrem Schoß trägt, die unvermeidlich mit der furchtbaren Wucht eines Naturereignisses periodisch hereinbrechen und den Organisationen in jeder Hinsicht die schwersten Aufgaben stellen. So stehen die freien Gewerkschaften mit ihrem Werk vor uns, ein unzweideutiger Ausdruck der urwüchsigen, nicht zu tötenden Kraft der proletarischen Massen, die zum bewussten Träger der gesellschaftlichen Entwicklung über den Kapitalismus hinaus berufen sind.

Wir vergessen gewiss nicht, dass ohne die glänzende Entfaltung der kapitalistischen Produktion in dem geeinten Deutschland die stolze Entwicklung der Gewerkschaften unmöglich gewesen wäre. Aber ebenso unbestreitbar ist die andere Tatsache, dass die Vorhut des Proletariats mit klarem Auge, starker Hand und opferfreudiger Hingabe die richtigen Konsequenzen des wirtschaftlichen Lebensprozesses gezogen hat. Dass sie das zu tun vermochte, verdankt sie der sozialistischen Erkenntnis, die seit je in den freien Gewerkschaften lebendig war. Die sozialistische Theorie hat diese von vornherein auf den Boden des Klassenkampfes gestellt, den einzigen festen Grund, auf dem eine gesunde Gewerkschaftsbewegung erblühen und reifen kann. Sie hat die freien Organisationen auf jene hohe Warte gehoben, von der aus allein die gesellschaftliche Wirtschaft unserer Tage mit ihrem Auf und Ab begriffen werden kann: die materialistische Geschichtsauffassung. Sie ließ sie in das Herz des kapitalistischen Regimes blicken und sein widerspruchsvolles, von Gegensätzen beherrschtes Wesen erfassen, die tausenderlei Fäden entwirren, die es national und international über den Erdball spinnt. Sie befähigte die Gewerkschaften damit, über dem Einzelnen und Besonderen nicht das Ganze und Allgemeine aus den Augen zu verlieren und die treue und geschickte Interessenvertretung der verschiedenen Arbeitergruppen im Zusammenhang mit den Forderungen und dem hehren Ziele des gesamten Proletariats zu halten. Die sozialistische Erkenntnis hat von Anfang an die Internationalität zu einem Charakterzug der freien Geschäften gemacht, eine Internationalität, die den Arbeitern aller Länder brüderlich und ohne Überhebung gab und von ihnen willig lernte. Sie bewahrte vor dem engen zünftlerischen Geist und der flachen, kurzsichtigen Nichts-als-Augenblickspolitik der englischen und amerikanischen Trade-Unions wie vor dem sozialrevolutionären Irrlichterieren der proletarischen Organisationen in den romanischen Ländern.

Kurz, der Sozialismus ist es, der die deutschen Gewerkschaften im Verlauf einer kleinen Spanne Zeit an die Spitze der wirtschaftlichen Kampfesvereinigungen des Weltproletariats getragen hat und sie mit ihren Einrichtungen vorbildlich werden ließ. Indem er durch das Wissen von dem unlöslichen Zusammenhang zwischen den Gegenwartsaufgaben und dem Endziel des proletarischen Klassenkampfes auch die kleine, stille Werktagsarbeit adelte, verlieh er ihrem Wirken Größe und Tragweite, weckte er in den Massen auch im wirtschaftlichen Kampfe für scheinbar geringe Dinge jene heldenhafte Energie, die aus dem Bewusstsein ihre Kraft schöpft, dass es im letzten Grunde doch um das Ganze geht. Abgesehen von allem anderen, was in Deutschland die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie miteinander verbindet und verbinden muss, ist es dieses Wissen und dieses Bewusstsein der proletarischen Massen, das die beiden zu der einen revolutionären Arbeiterbewegung zusammenschweißt. Wie für die Sozialdemokratie, so liegt auch für die Gewerkschaften in ihm die Gewähr sicheren Sieges.


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