[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-11, I. Band, Nr. 16, S. 537-541]
f Berlin, 14. Januar 1911
Am 28. dieses Monats darf das internationale Proletariat abermals den Ehrentag eines seiner ältesten, eifrigsten und verdientesten Vorkämpfer feiern, den siebzigsten Geburtstag Eduard Vaillants, von dem man ähnlich wie von unserem Bebel sagen darf, dass die Geschichte seines Lebens schreiben zugleich die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in seinem Heimatland schreiben heißt.
Er ist vielen deutschen Genossen nicht nur dem Namen und dem Wirken nach, sondern auch von Angesicht zu Angesicht bekannt, von den internationalen Kongressen her, namentlich dem Kongress in Stuttgart, wo sie ihn in der ganzen Frische seines Geistes bewundern konnten. Und wie viel mehr noch würden sie diese Frische bewundert haben, wenn sie gewusst hätten, dass 43 Jahre früher schon der kaum flügge gewordene Jüngling von eben diesem Stuttgart aus einem deutschen Denker, den seine eigene Nation vergessen hatte, trotz der großen Befreiertat, die sie ihm verdankte, als begeisterter Schüler genaht war.
Aus Stuttgart schrieb Eduard Vaillant am 6. Mai 1864 an Ludwig Feuerbach: „Vor vierzehn Tagen, am Tage nach meiner Ankunft in München, reise ich nach Bruckberg ab, wo Sie wohnen sollten; nach meiner Ankunft frage ich alle Welt, aber niemand in diesem kleinen Bauerndorf kennt Sie. Endlich rät man mir, das Ende des Gottessdienstes abzuwarten (es war an einem Sonntag) und die wichtigste Person des Ortes aufzusuchen: den Geistlichen. Da ich annahm, dass Sie vielleicht in der Umgegend wohnten und er mir einige Fingerzeige geben könnte, so entschloss ich mich, ihn zu fragen, nicht ohne einiges Zögern, denn ich kenne aus Erfahrung die Landgeistlichen. Aber ich hatte zu sehr. auf seine Dummheit und nicht genug auf seine Unwissenheit gerechnet; er kannte nicht einmal Ihren Namen.“ Ein deutsches Genrebild, das dem jungen Franzosen gleich die deutsche Misere vergegenwärtigen konnte, denn in seinem Vaterland wird der nationale Ruhm auch an den Gegnern geachtet: wie bekannt, hatte Feuerbach wirklich vierundzwanzig Jahrein Bruckberg gewohnt, aber kaum hatte er den Rücken gekehrt, als die fromme Regierung in demselben Gebäude, worin er gehaust hatte, eine Anstalt für jugendliche Taugenichtse und Verbrecher einrichtete, unter Leitung eines pietistischen Geistlichen, und nun wusste niemand mehr von Josef.
Nach einiger Mühe kam Vaillant dahinter, dass Feuerbach in Nürnberg wohne, und hierher sandte er ihm nun die Grüße eines „ergebenen Schülers“. „Es würde mir peinlich sein, Deutschland zu verlassen, ohne den, dessen Ideen einen so großen Einfluss auf die meinigen gehabt haben, meiner Bewunderung und meiner Dankbarkeit zu versichern.“ Es lässt sich nicht leicht ein ehrenvolleres Zeugnis für den Wissensdurst dieses jungen Kopfes denken, der nicht einmal durch eine gelehrte Erziehung auf philosophische Studien geleitet war, Geboren zu Vierzon im Departement Cher, hatte Eduard Vaillant. seine Vorbildung im Kollege St. Barbe erhalten und war dann in die Zentralschule für Kunst und Gewerbe eingetreten, die er 1862 mit dem Diplom als Ingenieur verließ. Aber mit dieser programmmäßigen Vorbereitung auf einen Lehrerberuf war ihm nicht genug getan; er hörte Vorlesungen über Medizin an der Sorbonne in Paris und ging dann nach Deutschland, um Philosophie zu studieren, wo er alsbald den Weg zu dem vergessenen Feuerbach fand, während das gelehrte Deutschland sich schon von der abgeschmackt-reaktionären „Philosophie des Unbewussten“ einseifen ließ.
Durch seinen Freund Le Roy vermittelte Vaillant eine Übersetzung von Feuerbachs „Wesen des Christentums“ ins Französische, die er selbst zu Proudhon brachte Am 17. Februar 1865 meldete er aus Paris an Feuerbach den Dank und. die Grüße Proudhons, der das Buch noch kurz vor seinem Tode mit Entzücken gelesen und nun erst erkannt habe, wer Feuerbach sei. Was denn auch ein kleiner Beitrag zu der Frage ist, weshalb sich Marx und Proudhon zwanzig: Jahre früher in ihren nächtigen Debatten nicht hatten verständigen können. Denn Marx ging damals von Feuerbach aus, den Proudhon erst durch die Bemühungen Vaillants so viel später kennen lernte.
Glücklicher als der Meister, fand der Schüler den Weg vom philosophischen aufs politische und. soziale Gebiet; dem jungen Vaillant wurde zur Tat, was dem alternden Feuerbach auf dem Gebiete der Wünsche blieb. Im Herbste 1867 kehrte Vaillant nach Deutschland zurück, um in Tübingen seine Studien fortzusetzen; er wäre fast in Paris geblieben, schrieb er an Feuerbach, da es den Anschein gehabt. habe, als ob dessen Wort von den Züchtigungen, die materiell und politisch werden müssten, sich erfüllen wolle. Zwei Jahre später, wo er noch immer in Tübingen weilt, weiß er aber schon, dass es sich um größere Dinge handelt, als um den Sturz des falschen Bonaparte, Am Weihnachtstage 1869 bekannte er an Feuerbach: „Heute befindet sich die Arbeiterkasse in derselben Lage gegenüber der Bourgeoisie, worin diese sich 1789 gegenüber dem Adel und der Geistlichkeit befand. Das handelnde Proletariat wird die Republik für immer gründen, Sie haben ihm das Vorbild gegeben, sie haben die guten Götter der Christen und der Theisten niedergeworfen; es folgt Ihnen und zerbricht die letzte Inkarnation des Übels: den Gott Kapital. Ich hoffe, dass diese Revolution, politisch und sozial gleich radikal, bei den benachbarten Nationen auf keine Feindschaft, sondern auf einen revolutionären Wetteifer stoßen wird, dessen Mangel bisher die französische Bewegung isolierte und scheitern ließ.“ Ein kurzes Jahr, und der Schreiber dieser Zeilen schwamm mitten in den Wogen der politischen und sozialen Revolution. Am Tage vor Sedan war Vaillant nach Paris zurückgekehrt und betätigte sich nun eifrig an der revolutionären Bewegung, die sich in der belagerten Stadt entfaltete, gegen die Halbheiten, Schwächlichkeiten und selbst Verrätereien der Favre und Genossen, die sich durch einen Handstreich der Gewalt bemächtigt hatten. Das entschlossenste und kühnste Haupt dieser Bewegung war der alte Blanqui, und an ihn schloss sich Vaillant an, trotz der mehr oder minder nahen Beziehungen, in denen er früher zu Proudhon gestanden hatte. Was ihn bei dieser Wahl entschied, war die revolutionäre Energie, die die oberste Pflicht des Augenblicks und bei den Blanquisten in ganz anderem Maße vorhanden war als bei den Proudhonisten. Sicherlich stützte sich das revolutionäre Temperament der Blanquisten auf keine ökonomische Theorie, aber die ökonomische Theorie der Proudhonisten war so verworren, dass sie keine revolutionäre Leidenschaft erzeugen und nähren konnte. Der Blanquismus ist oft in allzu oberflächlicher Weise aufgefasst und dargestellt worden, mitunter selbst von Marx und Engels, die denn auch dafür gestraft worden sind, indem der Revisionismus, als er sich vor zehn Jahren in Deutschland zu entfalten begann, sie selbst blanquistischer Neigungen bezichtigte und den angeblich von ihnen freventlich misshandelten Proudhon auf den Schild erhob.
Blanquist in dem oberflächlichen Sinne des Wortes, wonach ein zu glücklicher Stunde unternommener Handstreich eines kleinen Häufleins genügen soll, das Schicksal der Nationen zu entscheiden, ist Vaillant nie gewesen, aber Blanquist in dem Sinne, dass in revolutionären Tagen revolutionär gehandelt werden muss. Man kann die Sache trefflich an einem Beispiel illustrieren. In den bürgerlichen Büchern über die Pariser Kommune pflegen einige Sätze aus einem Artikel Vaillants zu paradieren, worin er grundsätzlich zum Fürstenmord aufgefordert haben soll, gleich nach dem Aufstand des 18. März 1871, und eben hieraus wird gefolgert, dass die Kommune mit Brand und Mord begonnen habe. Tatsächlich hat Vaillant nicht zum Fürstenmord aufgefordert, sondern auf die Nachricht hin, dass der Herzog von Aumale in Versailles erschienen sei, um der kopflosen Krautjunkerversammlung einen Kopf zu geben, im „Journal officiel“ vom 25. März 1871 einen Artikel veröffentlicht, worin er, falls sich die Nachricht bestätige, diesen Kopf abzuschlagen anriet.
„Sentimentale. Tröpfe“, meinte er, „pflegen zu erklären, dass diese armen Teufel von. Prinzen nicht für die Verbrechen ihrer Väter und ihrer Familie verantwortlich wären, nicht mehr als der Sohn des Mörders Tropmann, Sie vergessen, dass der Sohn des Galeerensträflings nicht durch die öffentliche Meinung verurteilt wird, wenn er nicht selbst ein Galeerensträfling ist, aber das Misstrauen heftet sich gerechterweise an den, dessen Jugend so schlechte Vorbilder gehabt, dessen erste Erziehung eine solche Leitung gehabt hat. In gleicher Weise erregt ein Prinz, der Sohn eines Prinzen, der fortfährt, sich Prinz zu nennen, und der, wie der fragliche Aumale, in dem republikanischen Frankreich die monarchische Frage und die Kandidatur seiner Familie zu stellen wagt, unseren Zorn. und reizt unser Gefühl für Gerechtigkeit. Und wären selbst diese Prinzen, die davon träumen, uns wieder zu unterdrücken, durch das Genie der Revolution erleuchtet, so sollten sie alsbald verstehen, dass sie nicht Ursachen der Zwietracht und des Bürgerkriegs werden dürfen, und sie sollten sich selbst verurteilen, in einem entlegenen Winkel das Unglück und die Schande ihrer Geburt zu verbergen. Denn es genügt nicht, dass sie allen Ehrgeiz für sich abstreiten – wir erinnern nur an die Schwüre und die Proteste Bonapartes; wären sie selbst ehrlich, so würde ihr Name und ihre Gegenwart von denen ausgebeutet werden, die der Ehrgeiz, das Interesse, die Intrige an ihr Schicksal heftet, und wie immer der Wille des Prinzen sein möchte, sein Einfluss würde gleich unheilvoll sein.“ Diese höchst verständigen Ausführungen bekunden so wenig die Brand- und Mordgelüste des Pariser Aufstandes, als vielmehr dessen allzu große Nachgiebigkeit und Schwäche dadurch bezeugt wird, dass der Artikel Vaillants ein paar Tage darauf vom „Journal officiel“ halb und halb verleugnet wurde.
Durch seine eifrige und wirksame Propaganda hatte sich Vaillant bereits im Belagerungswinter ein großes Ansehen innerhalb der Pariser Volksmassen erworben; am 26. März wurde er dann durch den Bezirk des Champs Élysées in den Rat der Kommune gewählt und von diesem alsbald in das fünfköpfige Exekutivkomitee, dem er bis Ende April angehörte. Er gehörte darauf zu der Mehrheit, die für die Einsetzung eines Wohlfahrtsausschusses stimmten, jedoch so unzweifelhaft diese Tatsache ist, so ist sie missbraucht worden, ein ganz falsches Licht auf die damalige Tätigkeit Vaillants zu werfen. Sicherlich ging der Antrag auf Einsetzung eines Wohlfahrtsausschusses von den jakobinischen Mitgliedern der Kommune aus, die der großen französischen Revolution nur absehen konnten, wie sie sich geräuspert und gespuckt hatte, und wurde dadurch unannehmbar namentlich für die Mitglieder der Internationale, die in der Kommune saßen, aber Vaillant war, wie die Protokolle des Rates ergeben. der erste, der dem Antrag widersprach und jede Nachäfferei von 1789 rückhaltlos verwarf. Was er befürwortete, und was ihm als Mitglied des bisherigen Exekutivkomitees durchaus zur Ehre gereichte, war kein revolutionärer Abklatsch, sondern ein neues Exekutivkomitee mit ausreichenden Befugnissen gegenüber der täglich wachsenden Gefahr, dass der vielköpfige Rat der Kommune zu einem geschwätzigen kleinen Parlament entarte, das nach Laune und Willkür und je nach der Zahl der anwesenden Mitglieder heute zerbrach, was. es gestern geschaffen hatte. Als die Mehrheit von dem revolutionär-spielerischen Namen nicht abzubringen war, nahm ihn Vaillant nur mit in den Kauf, um nach Möglichkeit wenigstens die Sache zu retten, und man darf heute ruhig sagen, dass er, so wie die Dinge einmal lagen, klüger und richtiger handelte als die Minderheit, in der proudhonistischer Geist vorherrschte, Sie verwarf um des Namens willen auch die Sache, und indem sie verweigerte, sich an der Wahl des Wohlfahrtsausschusses zu beteiligen, nahm sie der neuen Behörde von vornherein alle Autorität und deckte im gefährlichsten Augenblick vor aller Welt einen unheilbaren Zwiespalt im Schoße der Kommune auf.
Im Wohlfahrtsausschuss hat Vaillant nicht mehr gesessen; in den letzten Wochen der Kommune war er besonders als Delegierter für die Unterrichtsverwaltung tätig. Es liegt auf der Hand, dass sich auf diesem Gebiet nichts Großes schaffen ließ inmitten der fieberhaften Atmosphäre einer belagerten Stadt, der jeder neue Tag eine neue Hiobspost brachte; das schroffe und selbst gehässige Urteil, das Lissagaray in seiner Geschichte der Kommune über die Geringfügigkeit der Resultate fällt, die Vaillant auf dem Gebiet der Unterrichtsverwaltung erzielt habe, bricht deshalb in sich selbst zusammen. Vaillant hatte in der Tat auch Besseres zu tun als Kämpfer der Kommune, der bis zu ihrem letzten Ausatmen seine Pflicht getan hat. Erst als die letzte Möglichkeit des Widerstandes geschwunden war, suchte und fand er eine Zuflucht, die ihn vor den Nachstellungen der Versailler Banditen schützte, bis er einen Monat später über die spanische Grenze gehen konnte.
Er nahm nun seinen Aufenthalt in London, wo er ein Diplom als englischer Arzt erwarb und zehn Jahre lebte, Seine politische Tätigkeit blieb nach wie vor auf die Einigung aller sozialistischen Fraktionen gerichtet, um die einheitliche Aktion der revolutionären Arbeiterbewegung zu sichern. Im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation saß er mit Marx und Engels zusammen, die er gegen alle Versuche, den großen Bund zu zerrütten, kräftig unterstützte; auf dem Haager Kongress stellte er den Antrag, der den Sieg über Bakunin entschied und mit den Worten schloss: „In dem Kriegszustand der arbeitenden Klasse ist die ökonomische Bewegung und die politische Aktion untrennbar vereint.“ Im Jahre 1874 wusste er dann die hervorragendsten Blanquisten auf ein Programm zu vereinigen, das sich wesentlich dem Kommunistischen Manifest näherte.
Nach der Amnestie von 1880 kehrte Vaillant in sein Vaterland zurück. Bereits im Jahre 1884 wurde er in den Pariser Gemeinderat gewählt, wo er durch eine Tätigkeit im Interesse der arbeitenden Klassen zeigen konnte, dass ihn nur die Ungunst der Umstände gehindert hatte, in den unvergesslichen Frühlingstagen von 1871 auf dem Gebiet der kommunalen Verwaltung das zu leisten, was er zu leisten glänzend befähigt war. Doch ist es unmöglich, in engem Rahmen zu schildern, was er seit dreißig Jahren auf dem Gebiet der nationalen und der internationalen Arbeiterbewegung gearbeitet und geschaffen hat. Es bleibt uns nur übrig, diesem glücklichen und reichen Leben, das zu den Füßen Feuerbachs und Blanquis begann, das im Vordertreffen der glorreichen Kommunekämpfe stand, das durch die Freundschaft von Marx und Engels geschmückt wurde und das immer nur aufwärts stieg bis auf die gewaltige Höhe, die heute der proletarische Emanzipationskampf erreicht hat, unsere aufrichtigsten Glückwünsche und Grüße auszusprechen.
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