[Die Neue Zeit, IX. Jahrgang 1890-91, II. Band, Nr. 51, S. 777-779]
f Berlin, den 7. September.
Der Katholikentag in Danzig ist das Ereignis der Woche. Vorausgesetzt, dass er ein Ereignis ist. Man mag billig daran zweifeln, wenn man die Beschlüsse, die er gefasst hat, oder gar die Reden, die ihm gehalten worden sind, auf ihren konkreten Wert prüft; das ist Alles abgelagerte, längst verstockte Ware. Aber dafür hatte er allerdings ein gewisses symptomatisches Interesse. Die Sehnsucht des Zentrums, sich in Reih‘ und Glied der „reaktionären Masse“ anzugliedern, schwitzte ihm sozusagen aus allen Poren. Der „reaktionären Masse“ in dem Sinne dieses geflügelten Wortes, der nun einmal, mag er ursprünglich nicht ganz logisch gedacht sein, eine unheimliche Schlag- und Treffkraft gewonnen hat. An und für sich ist das Zentrum ja immer reaktionär gewesen, und Herr Bamberger hat ihm sogar einmal im Reichstage bestätigt, es säße nur deshalb in der Mitte, weil es hinter der äußersten Rechten keinen Platz mehr habe finden können. Aber „reaktionäre Masse“ war es bei alledem doch nicht. Es kämpfte seinen politischen Kampf mit einer Konsequenz und Rücksichtslosigkeit, die nur von der Sozialdemokratie überboten, von keiner anderen Partei auch nur entfernt erreicht worden ist, am allerwenigsten von den nationalliberal-freisinnigen Quecksilbermännchen. Ein solcher guter Kampf prägt aber denen, die ihn kämpfen, und sei es auch um reaktionäre Prinzipien, in gewissen Grenzen immer einen demokratischen Charakter auf und auch sozusagen einen sozialen Charakter. Es hat einmal eine Fata Morgana des „katholischen Sozialismus“ gegeben; nicht zwar Herr Windhorst, der in abgeschmackten Trivialitäten über die Arbeiterfrage durchaus erfolgreich mit dem Fürsten Bismarck und Herrn Eugen Richter zu konkurriere pflegte, wohl aber die Ketteler, die Moufang, die Jörg hatten was davon erkannt und waren auch töricht genug, ihr volles Herz nicht zu wahren. Als der „Kulturkampf“ nur erst in der Luft lag, kündigte Herr Jörg in seiner „Geschichte der sozialpolitischen Parteien in Deutschland“ „Krisen von Mark und Bein erschütternder Gewalt“ an und offenbarte als seiner Weisheit letzten Schluss „Bis dahin wird man von unten rüsten, von oben hängen lassen, was hängt. Das heißt der Liberalismus überhaupt heutzutage regieren““ so Herr Jörg, und fügt man diesem seinen Schlusswort noch die vier Worte zu: „und der Ultramontanismus auch“, so hat man in kürzester Abkürzung die Abwandlung dieser Partei von damals bis „heutzutage“ geschildert, was Herr Jörg selbst am Ende auch wohl nicht bestreiten wird.
In der Tat bewegt sich die ultramontane Partei in einem wunderlichen Kreise. Die Erinnerung an ihre großen Kampfestage ist das Erbe, von dem sie zehrt, allein noch zehrt, und nichts erstrebt sie eifriger, als in der Milch der frommen Denkungsart – ein umgekehrter Siegfried – die feste Hornhaut abzuspülen, welche ihr im Drachenblute einer grundsätzlichen Opposition gewachsen ist. Ihre Redner in Danzig bliesen gar lieblich die Friedensschalmei, und der Oberbürgermeister der alten Stadt begrüßte den Katholikentag mit biderbem Handschlag als eine Versammlung des Friedens. Nationalliberale Blätter zetern darüber nicht schlecht; sie meinen, Herr Baumbach, der nicht nur Oberbürgermeister von Danzig, sondern auch eine Leuchte der freisinnigen Partei ist, habe ein bisschen Wählerfang getrieben und als Gemeindebeamter einen Wechsel gezogen, den er bei den nächsten Wahlen als Agitator einzukassieren gedenke. Aber das heißt die Größe eines historischen Moments verkennen. Herr Baumbach, der als Landrat von Sonneberg niemals das ihn auf Schritt und Tritt umgebende Proletarierelend zu sehen vermochte, das Emanuel Sax in seinem Buche über die thüringische Hausindustrie so ergreifend geschildert hat, Herr Baumbach, der vor versammeltem Reichstage das Verbot der Kinderarbeit mit dem erschütternden Argumente bekämpfte, dass die Hohenzollern-Kinder auch ein Handwerk lernen müssten; Herr Baumbach war ganz der Mann dazu, die ultramontane Partei von heute auf Herz und Nieren zu prüfen. Was Wunder, dass er einen Schrei des Jubels ausstieß, als er eine wahlverwandte Seele entdeckte, und was Wunder, dass der Katholikentag sich dankbar erwies, indem er in seiner Jeremiade über die „Unsittlichkeit“ der Sachsengängerei eine Baumbachiade vom echtesten Kaliber in die Welt setzte! Diese schönen Seelen mussten sich finden und sie fanden sich. Die Seele des Liberalismus aber stammt aus Manchester, wie Herr Jörg ihr schon vor einem Vierteljahrhundert bescheinigte, und „hängen lassen, was hängt,“ ist das Schibboleth des ruheseligen Ultramontanismus von heute.
Es ist eine Sache unschätzbaren Trostes, zu sehen, wie gegenüber der „Rüstung von unten“ ganz von selbst das gesamte Brimborium von Ideologie zerschleift. und zerschleißt, mit. welchem die „Kultur von Jahrtausenden“ gegen den Andrang der „modernen Barbaren“ verteidigt werden soll. Wie recht hat doch Herr Miquel – und der Kaiser nach ihm –, dass unsere alten Parteien nur „alter Trödel“ sind! Solche tragikomische Missverständnisse, wie der „Kulturkampf“ eines war, sind für immer eine Unmöglichkeit, Dank der grausam-wohltätigen Klarheit, welche die Arbeiterbewegung über das moderne Leben ausstrahlt. Und vor kaum zwanzig Jahren vermochten sie bis zu einem gewissen Grade noch das Auge eines sonst so hell und scharf blickenden Mannes zu täuschen, wie F. A. Lange war. Er schrieb am 17. Oktober 1873 an seinen Freund Kambli über den damals gerade hell auflodernden kirchenpolitischen Konflikt: „Die ganze Sache beginnt ein weltgeschichtliches Gesicht anzunehmen,“ wenngleich er sofort hinzufügte: „Der Ausgang liegt völlig im Düsteren Hoffentlich wird die Aufklärung einigen bleibenden Vorteil davon ziehen.“ Die resignierte Stimmung der letzten Sätze kommt dem Sachverhalte beträchtlich näher, als das „weltgeschichtliche Gesicht,“ welches sich als eine gar putzige Maske entlarvt hat, aber es kennzeichnet die damals noch herrschende Macht ideologischer Anschauungen, dass ein Mann, wie Lange, der alle sozialpolitischen Kurpfuschereien so unbarmherzig zu geißeln verstand, gleichwohl über den Ausgang eines mit Gendarmen und Staatsanwälten betriebenen „Kulturkampfes“ überhaupt „völlig im Düsteren“ sein und die „Aufklärung“ in offenbar anderem Sinne erwarten konnte, als in welchem sie tatsächlich, aber dafür allerdings um so „bleibender“ erfolgt ist.*)
Das Zerschleifen und Zerschleißen der ideologischen Gegensätze an dem proletarischen Klassenkampfe zeigt sich natürlich überall in der bürgerlichen Welt; wie gänzlich ist beispielsweise im Königreich Sachsen der giftige Hass zwischen Nationalliberalen und Partikularisten in einen warmbrüderlichen Ordnungsbrei verschlungen worden! Und wenn Engels 1869 schrieb, dass die Nationalliberalen und die Volkspartei sich nur deshalb so heftig befehdeten, weil sie die entgegengesetzten Pole einer und derselben Borniertheit seien, so gingen gerade nur anderthalb Jahrzehnte ins Land, und Herr Bamberger, der Nationalliberale von 1869, wie Herr Karl Mayer, der Volksparteiler von 1869, stürzten sich in holdester Eintracht und mit gleich wütender Gebärde auf den in Berlin gemachten Versuch, eine bürgerlich-demokratische Partei im Sinne von 1848 zu gründen, solche Beispiele ließen sich häufen, aber nirgends zeigt sich die betreffende Entwicklung klarer und krasser, als an dem Ultramontanismus. Er ist am Ende der härteste Bissen in der bürgerlichen Ordnung des „modernen Kultur- und Rechtsstaats,“ und es ist ein Wunder, zu sehen, wie schnell er verdaut wird und sich – verdauen lässt. Der alte Windthorst, wenn er noch lebte, hätte an der Sache auch nichts ändern können, aber ein kleines Mäntelchen hätte er ihr wohl noch umzuhängen versucht: Herr von Schorlemer-Alst, der in Danzig das große Wort führte, liebt – und wer wollte es ihm verdenken? – ein möglichst kurzes und summarisches Verfahren. Wie ein Ährenfeld unter dem Sturmwinde knickte vor nicht gar langer Zeit die freisinnige Partei im preußischen Abgeordnetenhause zusammen, als ihr Schreckenskind, der jüngere Windthorst, Herrn von Schorlemer harangierte als einen „Söldner,“ der 1849 in Baden die „Kämpfer der Freiheit“ blutig niedergeworfen habe, und als Herr von Schorlemer erwiderte, er sei stolz darauf, unter dem Befehle seiner jetzt regierenden Majestät Frieden und Ordnung in dem rebellischen Baden wiederhergestellt zu haben. Jetzt hat der ultramontane Häuptling Schimpf und Triumph von damals vergessen; „er härtet seine Hand durch die Begrüßung von einem neu geheckten Bruder,“ gemeinsam mit Herrn Baumbach will er Frieden und Ordnung stiften.
Frieden und Ordnung in der Tat! Und noch dazu einen wie zerschliffenen Frieden, und eine wie zerschlissene Ordnung!
*) Die oben angeführten Sätze sind einer kürzlich erschienenen Biografie Langes entnommen (Friedrich Albert Lange, Eine Lebensbeschreibung von O. A. Ellissen. Leipzig 1891), in welcher dem edlen und verdienten Manne ein würdiges Denkmal gesetzt wird. Frische und Wahrhaftigkeit der Darstellung zeichnen das Werk ebenso aus, wie Reichhaltigkeit des Inhalts. Auffallend ist nur, dass der Verfasser Langes Teilnahme an dem Genfer Friedenskongresse von 1867 und die sehr begreifliche Enttäuschung, welche Lange auf demselben erfuhr, ausführlicher schildert, aber Langes Teilnahme an dem gleichzeitig in Lausanne tagenden Kongresse der Internationalen Arbeiterassoziation ebenso verschweigt, wie das Schreiben, welches Lange bereits ein Jahr zuvor von Duisburg aus an den Genfer Kongress der Internationalen gerichtet hatte. Die Lücke macht einen etwas tendenziösen Eindruck, doch ist sie wohl ohne absichtliche Schuld des Verfassers entstanden, der den biografischen Stoff sich nicht. bloß von der Familie Langes hat liefern lassen, sondern darüber hinaus um möglichst ergiebige Auskunft bemüht gewesen ist, wie denn die Auskunft, die er beispielsweise von Bebel und Reinhold Rüegg erbeten und erhalten hat, zu den Zierden seiner Biografie gehört.
Schreibe einen Kommentar