[Die Neue Zeit, IX. Jahrgang 1890-91, II. Band, Nr. 43, S. 521-524]
f Berlin, den 13. Juli.
In der eben verflossenen Woche hatte die sozialdemokratische Partei die Kosten der politischen Erörterung zu tragen; die „Spaltungen der Sozialdemokratie“ füllten die Spalten der bürgerlichen Presse bis an den Rand. Es ist, genau gezählt, das sechzehnte Mal, dass diese Fata Morgana in der Hitze der Hundstage den bürgerlichen Augen erscheint und die bürgerlichen Gehirne aufregt; seit dem Vereinigungskongresse von Gotha im Jahre 1875 ist sie jedes Jahr erschienen, so regelmäßig wie die Hoffnung am Lager der Schwindsucht. In seinem wunderbaren Gedichte „Mirage“ nennt Freiligrath die Wüstenspiegelung der Sahara „bösart’ger Geister Zeitvertreib;“ sollen wir jene sozialpolitische Wüstenspiegelung ebenso nennen? Es ist kaum erlaubt. Denn das Urteil wäre zu hart und – doch auch wieder zu schmeichelhaft.
Zu hart – denn „bösartig“ sind alle jene Bieder- und Ehrenmänner gewiss nicht. Zu schmeichelhaft – denn sind sie wirklich „Geister, diese plumpen Fäuste, welche mit Steinen aus ihren Glashäusern werfen? Die Ultramontanen, deren bäuerliche und junkerliche Elemente eben in einem erbitterten Kampfe um das Wildschadengesetz gerungen haben; die Konservativen, in deren Mitte die Gruppe Hammerstein kürzlich ein großes Loch in die publizistische Trommel der Gruppe Helldorff geschlagen hat; die Nationalliberalen, die noch immer nicht wissen, ob sie mit dem „alten“ oder dem „neuen Kurse“ segeln, und nun gar die Freisinnigen, die um der persönlichen Rivalitäten der Herren Barth und Richter willen, welche als echte Manchesterleute sich politisch ähneln wie die „Irrlehren der Sozialdemokratie“ der „sozialdemokratischen Gedankenwelt,“ vor kaum Jahresfrist den heitersten aller Froschmäusekriege aufgeführt haben – das sind, die Gracchen, welche über den Aufruhr in der Arbeiterwelt klagen.
Eigentlich hätte die sozialdemokratische Partei mit ihren „Spaltungen“ gerechten Anspruch nicht auf die Schadenfreude und den Spott, sondern auf die Anerkennung ihrer Gegner. Denn wenn sich in ihr Unterschiede des Takts und des Temperaments geltend machen, ohne dass sie deshalb aufhört, eine und dieselbe zu sein – widerlegt sie damit nicht selbst schlagend die bange Sorge, dass die sozialdemokratische Weltanschauung alles individuelle Leben ersticke? Hat doch eben erst ein so geistvoller Denker wie Herr Eugen Richter einen Schmerzensschrei erhoben über die kritische Ausgabe von Lassalles Reden und Schriften! Da sehe man, so meinte er, wie es in dem Zukunftsstaate gehen werde; Alles, was den augenblicklichen Machthabern nicht in den Kram passe, werde beschnitten, verstümmelt, wohl gar unterdrückt werden. Gebildete Bourgeoisschriftsteller, wie der Däne Brandes in seiner Schrift über Lassalle, haben es der sozialdemokratischen Partei eher zum Vorwurfe gemacht, dass sie nicht längst schon an eine solche kritische Ausgabe gegangen sei, aber Herr Eugen Richter wacht mit ängstlicher Sorgfalt über den unverfälschten Lassalle. Welch‘ possierliches Bild! Und wie stolz er darauf sein mag, das die Schriften von Lassalles Gegnern, das beispielsweise die „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus“ von Schulze-Delitzsch gar keiner kritischen Ausgabe bedürfen! Man findet das einstige Arbeiterprogramm der deutschen Bourgeoisie noch reichlich in Antiquarläden, in welche sich schwerlich schon jemals eine Schrift von Lassalle verirrt hat; frisch und rein, wie am ersten Tag, sprudelt diese Quelle sozialpolitischer Erkenntnis. An diesem Programm ist allerdings nichts zu verbessern, aber nur, weil auch nichts daran zu verschlechtern ist; es steht über aller Kritik, einfach, weil es unter aller Kritik steht. Unsere Manchesterleute haben nichts gelernt und nichts vergessen. Und insofern rühmen sie sich mit Recht ihrer Konsequenz und Prinzipientreue, als in Richters „Irrlehren“ oder in Barths „Gedankenwelt“ nichts anderes zu lesen ist wie in Schulzes „Arbeiterkatechismus“ schon vor einem Menschenalter zu lesen war; höchstens mit dem einen Unterschiede, in welchem aber nur ein eigener Geschmack einen Fortschritt erkennen könnte, dass Schulze wirklich naiv genug war, den Weltmarkt mit der Kreisstadt Delitzsch zu verwechseln, während die Barth und Richter als gute Freunde und Kenner der Börse trotz alledem wissen, das es auf dem Weltmarkte ein wenig anders hergeht, wie in der Kreisstadt Delitzsch.
Es ist nun aber einmal die Tücke der deutschen Arbeiter, dass sie es ihren väterlichen Freunden und Vormündern niemals recht machen. Sind sie „gespalten,“ so sind sie die wahren Herostrate, welche selbst nicht wissen, was sie wollen, und gleichwohl eine „vieltausendjährige Kultur“ auf den Kopf stellen möchten: sind sie aber einig, so sind sie eine dumpfe, urteilslose Masse, welche gedankenlos nach plärrt, was ihre Vorbeter ihr vorsingen. Und ist es der armen Bourgeoisie gar so sehr zu verdenken, dass sie diese Irrwische schlechterdings nicht vor die Klinge ihres „geistigen Kampfes“ bekommen kann, nach dem ihre Seele doch schreit, wie der Hirsch nach frischem Wasser? Selbst Herr Barth gesteht bekümmert in der neuesten Nummer der „Nation,“ das es mit den „geistigen Waffen,“ durch welche die Sozialdemokratie vernichtet werden sollte, gar kümmerlich bestellt sei, und von dieser Kritik, deren Ehrlichkeit schon daraus hervorgeht, das sie auch eine Selbstkritik ist, wird sich füglich nichts abdingen lassen. Aber nun sollte man meinen, dass die Sozialdemokratie, je heimtückischer sie immer nur das tut, was sie nach Ansicht ihrer Gegner nicht tun soll, um so schneller und fester angenagelt werden müsste, wenn sie sich einmal auf einem ehrlichen, offenen Worte ertappen lässt, so beispielsweise jetzt auf dem Entwurfe zu einem neuen Parteiprogramm, welcher der öffentlichen Kritik so frank und frei unterbreitet worden ist, wie das Programm der freisinnigen Partei vor sieben Jahren bei Nacht und Nebel zusammengebraut wurde.
Merkwürdigerweise beschäftigt der „geistige Kampf“ gegen dieses Programm die bürgerliche Presse aber weit weniger, als die „Spaltungen“ der Sozialdemokratie. Einem Gegner, der sich zum ehrlichen Kampfe stellt, zählt man dies oder jenes Federchen am Rocke nach, aber man vergisst darüber, Schwert an Schwert zu messen oder sei es auch nur den eigenen Flederwisch an der gegnerischen Klinge. Nirgends auch nur ein Versuch, den Programm-Entwurf in seinem Kern- und Schwerpunkte zu erfassen, geschweige denn zu widerlegen; höchstens ein Herumklauben an dieser oder jener Einzelheit oder gar nur Äußerlichkeit, wie denn ein Druckfehler mehrfach benützt worden ist, das Aufgehen der sozialen in die bürgerliche Demokratie nachzuweisen. Im Allgemeinen muss die Versicherung genügen, dass aus dem neuen Programme „der alte Kohl dampft, “ um einen geschmackvollen Ausdruck des gelesensten Bourgeoisblattes anzuziehen. Das muss genügen und – es genügt auch. Würde die Presse der Bourgeoisie den „geistigen Kampf,“ von dem so viel gefabelt wird, mit der Sozialdemokratie wirklich aufnehmen, so würde sie von ihrer eigenen Klasse verlassen werden; das haben noch regelmäßig die Ideologen erfahren, die bald aus dieser, bald aus jener Partei eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung versuchten, eine Auseinandersetzung, die regelmäßig zur Forderung von Opfern führen muss, welche die bürgerlichen Klassen freiwillig nach ihren geschichtlichen Lebensbedingungen vielleicht nicht bringen können und jedenfalls nicht bringen wollen.
Man darf diesen Gesichtspunkt nicht aus den Augen verlieren, wenn man über den „geistigen Kampf“ der Bourgeoispresse weder zu milde noch zu scharf urteilen will. Die Beschränktheit und Böswilligkeit der einzelnen Individuen spielt dabei nur eine bedingte Rolle; sie schreiben alle unter dem Fallbeil. Die Bourgeoispresse dient längst nicht mehr der Aufklärung und der Bildung des Volkes; sie ist einfach eine Waffe im Klassenkampfe. Aber beileibe keine Waffe des geistigen Kampfes, in welchem um die Erkenntnis der Wahrheit gerungen wird, sondern eine Waffe der Gewalt, die da bricht, was sich nicht biegen lässt, die da fabelt und fälscht, täuscht und trügt, wo sie nicht erörtern und beweisen kann. Ein gewisses Kokettieren mit dem Sozialismus ist ihr erlaubt, ja es gehört unter Umständen zum guten Tone, aber es gibt da eine sehr bestimmte Grenze, und wehe Dem, der sie verletzt! Diese Erfahrung wird auch Herr Göhre machen, der in seinem ehrlichen Kampfe mit der Sozialdemokratie schon viel zu viel von den eleusinischen Geheimnissen des Kapitalismus entdeckt und verraten hat. Es sind keineswegs die schlechteren, sondern nur die offeneren Bourgeois-Blätter, die ihm jetzt schon derbe auf die Finger klopfen; an jenen falschen Brüdern, die ihn vorläufig mit sauer-süßer Miene streicheln, wird er noch seine absonderlichen Erfahrungen in demselben Maße machen, in welchem seine Erkenntnisse mehr und seine Illusionen weniger werden. Auch ihm wird jener Tag von Damaskus dämmern, an dem er, will er anders sein besseres Teil erretten, aus einem Paulus ein Saulus werden muss.
Über die Zeit der unbewussten Selbsttäuschungen sind unsere bürgerlichen Klassen längst hinaus. sie haben nicht mehr den Glauben an sich und ihren endgültigen Sieg; sie getrösten sich ihrer Zukunft im besten Falle mit der melancholischen Hoffnung, das es die Lebenden am Ende noch aushält. Sie wollen Ruhe, Ruhe um jeden Preis, und so hassen sie den Kampf, der, wäre er auch so aussichtsvoll, wie er aussichtslos ist, doch nur Unruhe bringt und unendlich viel mehr aufrührt, als das Licht des Tages verträgt. Dieweil jeder Topf seinen Deckel haben muss, so ist ihnen das Schlagwort vom „geistigen Kampfe“ ganz willkommen als Feigenblatt ihrer Ruheseligkeit, aber es darf beileibe nur ein Schlagwort bleiben. Diese Seife ist nur zum Schaumschlagen bestimmt und keineswegs zum Reinigen des kapitalistisch verseuchten Körpers. Die krüppelhafte Entwicklung des „geistigen Kampfes“ erklärt zugleich das maßlose Jubeln der Bourgeoisie über die „Spaltungen“ der sozialdemokratischen Partei. Sollte der Feind, den man aus eigener Kraft zu bezwingen verzweifelt; sich nicht vielleicht selbst vernichten? Es ist keine ehrliche Hoffnung, nicht einmal eine bewusste Selbsttäuschung: es ist die Wüstenspiegelung, welche das überreizte Gehirn des verlorenen Wanderers in seinen letzten Augenblicken ergreift.
Aber der Todeskampf untergehender Klassen zählt nach Jahrzehnten, und wie wir jenes seltsame Phänomen zum sechzehnten Mal beobachten, so werden wir es noch manches Jahr beobachten können, bis denn die Zeit erfüllet ist.
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