[Die Neue Zeit, IX. Jahrgang 1890-91, II. Band, Nr. 42, S. 489-492]
f Berlin, den 6. Juli.
In seiner Streitschrift gegen Dühring schreibt Engels: Der Militarismus geht unter an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung, und die eben vergangene Woche lieferte einen neuen Beweis für diesen Satz. Durch die Ironie der Geschichte fiel der fünfundzwanzigste Jahrestag von Königgrätz zusammen mit der Erneuerung des Dreibundes oder doch mit dem Bekanntwerden dieser Erneuerung, und so ging der 3. Juli klang- und sanglos vorüber. Die Pauken ruhten müßig in der Halle, und Herrn v. Wildenbruchs Harfe krachte nicht einmal im Traume. Was aber ist ein Militarismus, der seine Feste nicht mehr feiern darf, wie sie fallen? Grundsätzlich kaum mehr als ein wüster Traum von vorgestern, wenn er tatsächlich auch noch eine furchtbare Macht sein mag!
Die bürgerliche Presse bewegt sich mit krampfhaftem Unbehagen in dieser Zwickmühle des Patriotismus. Die Feier von Königgrätz verurteilt den Dreibund, und die Feier des Dreibundes verurteilt Königgrätz. Es hilft auch nicht viel, wenn jene Presse in allerlei „staatsmännischen“ Anspielungen darauf hinaus will, das alte rückständige Österreich habe durch eine Kur von Blut und Eisen geläutert werden müssen, um dann von dem neuen Deutschen Reiche als würdiger Bundesgenosse in die Arme geschlossen zu werden. So war die Sache vor fünfundzwanzig Jahren am Ende doch nicht gemeint, was der berühmte Schulmeister, der nach einem geschmack- und sinnlosen Schlagworte bei Königgrätz gesiegt haben. Soll, auch wohl noch aus seinen eigenen Heften ersehen. kann. Siehe die „Stoß-ins-Herz“- Depesche von Usedom und wie vieles andere noch!
In der Tat hat Fürst Bismarck trotz seines sogenannten „Genies“ nie verstanden, was Karl Marx und die deutschen Arbeiter ihm schon im Herbste von 1870 in einfachen und klaren Worten auseinandersetzten: dass nämlich wie Sedan auf Königgrätz folgen musste, so auf Sedan die russische Hegemonie folgen werde. Erst durch die bittersten, ihm vom zarischen Despotismus zugefügten Demütigungen wurde er gegen seinen Willen zur Politik des Dreibundes gedrängt, und selbst dann hat er an dem „Wettkriechen“ vor Russland noch immer begeisterten Teil genommen; es genügt, an seine Politik gegenüber dem Battenberger und an den preußisch-russischen Auslieferungsvertrag zu. Erinnern. Das Erröten der Scham, welches andere preußische Diplomaten wohl über die Abhängigkeit von Russland empfanden, hat nie auf seinen Wangen gebrannt; die peinlichen Empfindungen, mit denen Friedrich II, das zarische Joch auf seine Schultern nahm, sind ihm immer fremd geblieben.
Seit hundert und mehr Jahren lehrt die preußische Geschichte schon den anspruchslosesten Beobachter – und wie viel mehr müsse sie es einen „genialen“ Staatsmann lehren! – das der österreichisch-preußische Dualismus stets der wirksamste Hebel der russischen Weltherrschaft war. Der Versuch Russlands, im siebenjährigen Kriege Preußen zu vernichten, entsprang einzig einer törichten Weiberlaune der veralkoholisierten Zarin Elisabeth; ihre sonst sehr stumpfsinnigen Diplomaten und Generale erkannten gleichwohl den Widersinn und führten den Krieg so, dass der preußische Staat der Vernichtung entging. Die nächsten schritte zur russischen Weltherrschaft, die Eroberung Konstantinopels und die Zerreibung Polens, konnten durch die Vernichtung Preußens nicht gefördert, sondern nur vereitelt werden; je mehr Österreich durch die Nebenbuhlerschaft Preußens behindert wurde, um so weniger konnte es sich der Aufrollung des polnischen und des türkischen Reichs widersetzen. Das russische Interesse gegenüber Preußen bestand somit darin, den aus tausend Wunden blutenden Staat, der nach dem siebenjährigen Kriege nicht auf eigenen Füßen stehen konnte, aber durch eben diesen Krieg mit Frankreich, England und Österreich tief verfeindet war, als „freund-nachbarlichen“ Satrapen an sich zu fesseln, ihn zugleich als Bindeglied mit der westeuropäischen Kultur und als Bollwerk gegen dieselbe zu missbrauchen und ihn zunächst die Kastanien aus dem polnischen Feuer holen zu lassen, so wurde der Vertrag vom 14. April 1764 abgeschlossen, von dem die preußisch-russische „Freundschaft“ datiert und in dessen berüchtigtem, geheimen Artikel die Teilung Polens angebahnt wurde, Friedrich II. fühlte sich als russischer Satrap noch bis ins Innerste gedemütigt; schon in der ersten Zeit nach dem geschlossenen Bündnisse musste er dem Übermute eines russischen Unterhändlers die Lektion geben, „er werde zwar stets der Freund der Russen, aber niemals ihr Sklave sein,“ und als dies Löcken wider den stachel natürlich nichts an dem Zwange der Dinge selbst änderte, schrieb er seinem Bruder Heinrich: „Das ist eine furchtbare Macht, die in einem halben Jahrhundert ganz Europa wird zittern machen … Wie die Sachen jetzt stehen, sehe ich keine Rettung mehr, als das man mit der Zeit einen Bund der größten Staaten bildet, um sich diesem gefährlichen Strome entgegenzustellen.“
Von solchen Empfindungen und Empfindlichkeiten weiß sich Bismarck frei, und wenn der russische Übermut selbst ihn in einen solchen „Bund“ gegen den „gefährlichen Strom“ zu zwingen. wusste, so hat er doch vor und vollends nach seiner Entlassung keine Gelegenheit verabsäumt, wo immer er es ungestraft konnte, mit diesem Strome zu schwimmen. Keine Gehässigkeit gegen Österreich ist ihm zu schlecht, um sie nicht durch seine dienstwilligen Federn zu verbreiten; keine Liebkosung für Russland ist ihm so unappetitlich, das er sie nicht gern aus dem Staube aufläse, und hinter dem Schiffe, das den Kaiser nach England trägt, knallt der „altmärkische Vasall“ mit seiner juchtenen Peitsche her. Immerhin – er bleibt in der Rolle, welche er stets gespielt hat, und wenn die Schäbigkeit dieser Rolle nachgerade aller Welt in die Augen sticht, so ist das ein Fort-, aber kein Rückschritt. Ein härteres Urteil scheinen Die zu verdienen, welche, stets erbötig, das Hemd zu wechseln und die Haut, wenn nötig, ehedem die Wunder der Zündnadel feierten, wie sie heute die Friedenspalmen des Dreibundes feiern, welche gar nicht eng genug mit Österreich verbunden sein können, nachdem sie eben erst mit Bismarck auf die „turmhohe“ Freundschaft Russlands geschworen hatten und welche vor kurzen drei Jahren sich im Schimpfen auf das „perfide Albion“ eben so wenig genug tun konnten, wie jetzt im Lobpreisen der Englandfahrt des Kaisers. Das scheint wieder eine Probe jener Gesinnungslosigkeit zu sein, welche Deutschland verseucht, wie kein anderes Land, und zu einem erheblichen Teile ist sie es auch. Aber zu einem anderen Teile hat sie doch einen tieferen Zusammenhang. Der deutsche Patriotismus ist in der Mauser; der „nationale Gedanke“ stirbt ab, und als ideologischer Niederschlag der internationalen Solidarität, welche die kapitalistischen Interessen je länger je stärker verbindet, beginnt sich ein „modernes Europäertum“ am geistigen Horizont der bürgerlichen Klassen abzuzeichnen.
Der „nationale Gedanke,“ der seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland herum rumorte, war seinem inneren Wesen nach die Befriedigung der Bourgeoisie über die Beseitigung der Schranken, welche in den Kleinstaaten und ihren verzopften Einrichtungen der Ausbreitung des Kapitalismus im Wege gestanden hatten. Aber im Laufe einer mit beispielloser Macht und Schnelligkeit um sich greifenden Entwicklung ist dieser Gedanke selbst eine Schranke geworden, an welcher die Expansionskraft des Kapitals ungeduldig rüttelt; in dem Zeitalter der Kartelle und der Trusts einer-, der internationalen Arbeiterbewegung andererseits verwittern die Farben an den Grenzpfählen der einzelnen Länder; das Kapital züchtet eine neue über Europa regierende Kaste heran, und diese Kaste ist wesensgleich, in der Tat eine und dieselbe vom Scheitel bis zur Sohle, in London wie in Rom, in Madrid wie in Moskau. Das Kind ist schon so ausgewachsen, dass es nachgerade an der Zeit ist, ihm das ideologische Mäntelchen zuzuschneiden; welches seine Blöße decken soll; die „Nation,“ das in seiner Art hervorragendste Organ des deutschen Kapitalismus, lässt denn auch schon fleißig Bügeleisen und Schere klappern, sie spottet über die „heroische Schwachheit“ des Patriotismus – der arme Gotthold Ephraim, der sein Lebtag doch alles Andere eher war, als ein Kapitalist, muss durch eine wunderliche Laune des Schicksals immer herhalten, wenn kapitalistische Schönheitspflästerchen gesucht werden – und dann beruft sie sich, um der neuen „Internationalität“ alles Polizeiwidrige abzustreifen, auf den „stählernen Gegner der Sozialisten,“ nämlich auf Friedrich Nietzsche.
Der ist nun freilich der rechte Mann, die innersten Geheimnisse des heutigen Kapitalismus zu entdecken und zu verraten. Er fragt mit sittlicher Entrüstung: „Gesetzt, ein Staatsmann stachle die eingeschlafenen Leidenschaften und Begehrlichkeiten seines Volkes auf, mache ihm aus seiner bisherigen Schüchternheit und Lust am Danebenstehen einen Flecken, aus seiner Ausländerei und heimlichen Unendlichkeit eine Verschuldung, drehe sein Gewissen um, mache seinen Geist eng, seinen Geschmack „national“ – wie! ein Staatsmann, der dies Alles täte, den sein Volk in alle Zukunft hinein, falls es Zukunft hat, abbüßen müsse, ein solcher Staatsmann wäre „groß?“ Und noch deutlicher. und unumwundener schreibt Nietzsche an einer anderen Stelle? „Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitätswahnsinn zwischen die Völker Europas gelegt hat und noch legt, dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner Hilfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinander lösende Politik, welche sie treiben, notwendig nur Zwischenaktpolitik sein kann, – dank alle dem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehen oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht, das Europa Eins werden will.“ Da diese Sätze geschrieben sind, als Bismarck noch auf der Höhe seiner Macht stand, so ist ihnen Ehrlichkeit nicht abzusprechen: Dankbarkeit aber lässt sich dieser Philosophie des Kapitalismus nicht nachrühmen, sie rollt den „großen Staatsmann,“ der so unendlich viel für das Kapital getan hat, das ihm zu tun fast nichts mehr übrig blieb, erbarmungslos unter die Füße, als wäre er der letzte seiner Lohnarbeiter, denen er den gesetzlichen Schutz vor der Ausbeutung des Kapitals so hartnäckig verweigerte.
Bei alle dem mag es noch eine gute Weile dauern, ehe der patentierte Patriotismus in dem vollen Schmucke seines neuen Gefieders prangt. Muss er doch auch die: „geistigen Waffen“ seines Zeughauses gegen den „Umsturz“ umschmieden lassen und man erwäge nur, wie manchen Scheffel sauren Schweißes die Umarbeitung der Kapitel über den „nationalen Gedanken“ und die „internationale Vaterlandslosigkeit“ seinen Sophisten und Sykophanten bereiten wird! Aber mausern wird sich der seltsame Vogel noch einmal, und hoffentlich zum letzten Male, ehe er stirbt.
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