[eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 158, Mai 2012]
Große Konzerne akkumulieren massive Bargeldbestände. Trotz Rekordprofiten mangelt es an Investitionen in die Produktion. Obendrein sind die Konzernüberschüsse mit den Defiziten des öffentlichen Sektors verbunden. Bargeldhorter sollte mit einer sofortigen Abgabe auf brachliegendes Kapital belegt werden, um öffentliche Arbeiten zu finanzieren und die Massenarbeitslosigkeit zu verringern. Lynn Walsh berichtet.
„Im Geschäftsleben geht es nicht einfach darum, Geld zu machen, so entscheidend das auch ist: Es ist auch die mächtigste Kraft für sozialen Fortschritt, die die Welt je gekannt hat“, sagte David Cameron kürzlich auf einer Wirtschaftskonferenz (23. Februar 2012). Die von Karl Marx anerkannte historische Rechtfertigung des Kapitalismus war, dass die vom Profitstreben der Kapitalist*innen angetriebene Kapitalakkumulation die Technologie entwickelte und mächtige Produktionsmittel schuf, die Grundlage des modernen Lebens.
Aber ist dies immer noch wahr? In allen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern gibt es heute deutliche Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus eine Sackgasse erreicht hat. Es gibt eine Stagnation in der Weltwirtschaft, im Gefolge des schlimmsten Konjunktureinbruchs seit den 1930er Jahren. Regierungen, Haushalte und viele kleine Unternehmen werden durch untragbare Schulden herabgedrückt. Doch gleichzeitig akkumulieren große Konzerne riesige Bargeldbestände, während Heerscharen von Arbeitslosen verzweifelt versuchen, angemessene Arbeitsplätze zu finden. Laut Internationaler Arbeitsorganisation verloren über 200 Millionen Arbeiter*innen als Ergebnis der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz.
„Jeder weiß, dass die Unternehmen weltweit auf Bargeld sitzen, Bargeld generieren und die Möglichkeit haben, noch mehr Geld zu leihen. Aber wohin wird es gehen? Die optimistische Antwort wäre: in die Realwirtschaft. Die Realität ist wahrscheinlich: in Fusionen, Übernahmen und [Aktien-]Rückkäufe.“ (Reuters, Breakingviews, 3. April 2012)
Im Vereinigten Königreich halten Nicht-Finanzunternehmen nach Schätzungen (der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte) 731,4 Milliarden Pfund (3. Quartal 2011), das höchste verzeichnete Niveau (Pressemitteilung, 7. Februar 2012) Wie bei anderen Ländern enthält diese Zahl nicht Gelder, die auf Offshore-Konten gehalten werden, um die Besteuerung zu Hause zu vermeiden. Dieser Hort ist sechsmal größer als die Gesamtinvestitionen der britischen Unternehmen im Jahr 2011 (118 Mrd. £). Ein Beispiel ist Rolls Royce, eine der erfolgreichsten Firmen des britischen Kapitalismus. „Wie viele der britischen Konzerne hat auch Rolls Royce Geld für schlechte Zeiten angehäuft. Ende 2010 hatte es 2,9 Milliarden Pfund in bar auf der hohen Kante. Die Nettoliquidität (d.h. ohne Schulden) stieg im vergangenen Jahr auf 1,5 Milliarden Pfund, entsprechend etwa 15% der Einnahmen.“ („The Economist“, 19. Mai 2011)
Die gleiche Zeitschrift kommentiert: „Britische Unternehmen haben in den letzten zehn Jahren zusammen weniger ausgegeben als sie eingenommen haben. Das Sparen hat zugenommen, seitdem die Finanzkrise zuschlug: Ende letzten Jahres beliefen sich die nach Investitionen, Steuern, Zinsen und Dividenden verbleibenden Konzernmittel auf 6,2% des BIP … Die Unternehmen sollten eigentlich Aufbewahrungsorte der Ersparnisse der Menschen sein, aber stattdessen sind sie selbst zu großen Sparern geworden“.
Die Schätzungen über die Bargeldbestände variieren, aber das Bild ist dasselbe in Europa und den USA. In der Eurozone werden die Bargeldbestände auf fast 2 Billionen Euro geschätzt – das meiste davon wird in kurzfristigen, täglich fälligen Einlagen gehalten. (Cash-Hoarding Companies Seem Unable to Splash Out [Bargeld hortende Firmen scheinen unfähig auszugeben], „Financial Times“, 11. März 2012)
In den USA berichtete die Federal Reserve im vergangenen Jahr, dass Nicht-Finanzunternehmen mehr als 2 Billionen Dollar an Bargeld und anderen liquiden Mitteln hielten – das höchste Niveau seit 1963. („Companies Shun Investment, Hoarde Cash” [Unternehmen meiden Investitionen, horten Bargeld], „Wall Street Journal“, 17. September 2011) Obendrein enthalten die Zahlen der Federal Reserve nicht die beträchtlichen Bargeldbestände vieler ausländischer Tochtergesellschaften von US-Unternehmen, die besteuert werden müssten, wenn die Firmen sie repatriieren würden.
John Authers kommentiert in der „Financial Times“ (29. Januar 2012): „Derzeit machen Barmittel mehr als 6% der Aktiva in den Bilanzen von US-Nicht-Finanzunternehmen aus. Das ist der höchste Stand seit mindestens sechs Jahrzehnten und stellt die Frucht rekordhoher Gewinnspannen dar. Die Unternehmen haben während des Wirtschaftsaufschwungs nach Lehman ihre Kosten durch Entlassungen gesenkt, während die vernachlässigbaren Zinssätze ihre Fremdkapitalkosten reduzierten. Als Ergebnis sind die US-Konzernprofite, als Anteil des Bruttoinlandsprodukt, höher als jemals seit 1950“.
Apple ist ein bemerkenswertes Beispiel, das auf einem Bargeldberg von mehr als 100 Milliarden Dollar sitzt. Auffallend ist, dass die Branchen, die am meisten Bargeld horten, die Spitzentechnologiesektoren sind, die in den letzten Jahren stark expandierten: Technologie (264 Mrd. $), Pharmazeutika (141 Mrd. $) sowie Energie und Konsumgüter (jeweils mehr als 100 Mrd. $). („US Firms Pile Up Cash, But Not Jobs“ [US-Firmen häufen Bargeld an, aber keine Arbeitsplätze], AFP, 11. August 2011)
Ein Polster gegen die Krise
Letztes Jahr drängte Präsident Barack Obama die US-Konzerne, „ins Spiel zu kommen“ und einen Teil des Geldes zu investieren, das in ihren Bilanzen tatenlos herumliegt. Dieser Appell stieß jedoch in den Vorstandsetagen der Konzerne auf taube Ohren.
Warum horten die großen Konzerne Bargeld auf diese Weise? Zunächst war dies eine unmittelbare Reaktion auf die Finanzkrise, die durch den Zusammenbruch des US-Immobilienbooms und der Subprime-Hypothekenkrise Ende 2007 ausgelöst wurde. Die großen Konzerne wurden von der schweren Kreditklemme betroffen, die auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers folgte. Sie haben immer noch kein Vertrauen in einen nachhaltigen Aufschwung und fürchten die Möglichkeit einer erneuten Krise.
Hinter dieser kurzfristigen Reaktion gibt es jedoch ein langfristiger Trend. Trotz des Anstiegs der Konzernprofite seit der Wendung zur neoliberalen Politik nach 1980 und dem riesigen Anstiegs des von den Superreichen genommenen Anteils am Vermögen fielen die Investitionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung in allen G7-Ländern (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Italien und Kanada). Dieser Trend spiegelt die Unfähigkeit des Kapitalismus wider, ausreichende Gelegenheiten für profitable Investitionen zu finden. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, was er wahrscheinlich tun wird, wird er für die kapitalistische Weltwirtschaft eine anhaltende Stagnation bedeuten.
Als Reaktion auf die Kreditklemme nach Lehman entschieden die meisten großen Unternehmen, dass sie sich als Polster gegen den Abschwung auf ihre eigenen Reserven verlassen müssten. Die normale Funktion der Banken, die Unternehmen mit Krediten zu versorgen (oft auf der Grundlage von Kreditlinien, die je nach Bedarf verfügbar waren), brach zusammen. Die Konzerne verringerten ihre Abhängigkeit von den Banken, und gleichzeitig reduzierten sie ihre Investitionen, kürzten die Dividendenzahlungen an die Aktionär*innen, reduzierten die Aktienrückkäufe und kürzten die Kosten durch Zusammenpressen der Lohne und Entlassungen von Arbeiter*innen.
„Vier Jahre nach dem Beginn der globalen Finanzkrise“, so Ian Stewart, Chefökonom von Deloitte, „bleibt die Welt ein unsicherer Ort. Von der Ungewissheit über die Zukunft des Euro bis hin zur Sorge über eine iranische Blockade der Öllieferungen, die durch die Meerenge von Hormus kommen, stehen die Konzerne vor einer schwindelerregenden Palette von Risiken. Ein hohes Niveau an Barmitteln der Konzerne wird als eine Versicherungspolice gegen solche Ereignisse angesehen“. („What to Do with Corporate Cash“ [Was mit den Barmitteln der Konzerne tun], Deloitte-Pressemitteilung, 7. Februar 2012)
Obama in den USA und Cameron in Großbritannien haben die großen Konzerne aufgerufen, in die Produktion zu investieren. Doch laut Deloitte ergab eine Umfrage unter 136 Großunternehmen in den USA, dass die angemessenste Verwendung für Barmitteln der Konzerne im Jahr 2012 – die von mehr als einem Drittel genannt wurde – darin bestand, sie „zu behalten“. Laut dem Chef-Wirtschaftsberater von Ernst & Young: „Das Klima der Unsicherheit veranlasste Firmen dazu, auf ihren Barmitteln zu sitzen, und selbst nach der Einigung für Griechenland in dieser Woche ist es schwer vorstellbar, dass sich diese Lage kurzfristig ändern wird“. („Evening Standard“, 24. Februar)
Eine Bonanza für Investor*innen?
Unternehmen, die Bargeld horten, geraten unter Druck, über einen Teil des Bargeldes zu verfügen, nicht nur von führenden politischen Vertreter*innen, sondern – Überraschung, Überraschung! – von Aktionär*innen. Sie fordern, dass Unternehmen mit hohen Barmitteln zum Ausschütten von Dividenden zurückkehren (während des Booms machten die meisten Investor*innen ihr Geld durch Kapitalgewinne, da die Aktienkurse stiegen, und nicht durch Dividenden). Sie drängen auch auf Aktienrückkäufe, bei denen die Unternehmen durch den Rückkauf ihrer Aktien effektiv Bargeld an die Aktionär*innen ausschütten. Die Verringerung der Summe der ausgegebenen Aktien treibt den Aktienkurs in die Höhe (da die Profite pro Aktie steigen). Dies kommt vor allem Vorstandsmitgliedern zugute, deren Boni (in vielen Fällen Aktienoptionen) durch die „gute Performance“ der Aktien ihrer Unternehmen an der Börse enorm aufgebläht werden.
„Die Konzerne scheinen beschlossen zu haben, sich auf Bargeld und nicht auf Wachstum zu orientieren“, kommentiert David Bowers („Financial Times“, 8. Februar 2012). Die großen Konzerne werden für kurzfristige Ziele geführt. „Britische Konzerne werden nicht für die langfristige Gesundheit [health], sondern für den Reichtum [wealth] der Vorstände geführt, mit schlechten Folgen für die Unternehmen selbst und noch mehr für die gesamte Wirtschaft“. (Martin Wolf, Britain Needs to Whittle Down Corporate Cash Piles [Großbritannien muss die Bargeldberge der Konzerne abtragen], „Financial Times“, 16. Februar)
Ohne Investitionen der großen Unternehmen wird es kein Wachstum geben, und die derzeitige Stagnation wird anhalten. Dies hat ernste Auswirkungen auf die enorme Schuldenlast, die die meisten westlichen Regierungen derzeit lähmt. „Wachstum ist eine notwendige Bedingung für ein erfolgreiches Management der öffentlichen Schulden“, schreibt Martin Wolf. Ende 2011 lag das Haushaltsdefizit der britischen Regierung bei 8,8% des BIP, während die Unternehmen einen Überschuss von 5,5% des BIP hatten.
„Wir erleben eine symbiotische Beziehung zwischen Staats-,Leihen‘ und Konzern-,Sparen‘, wie man sie selten zuvor sah“, sagt Ian Harnett von Absolute Strategy (zitiert von John Authers, „Financial Times“, 29. Januar). Damit die Regierungen ihre Defizite abbauen können, müssen die Unternehmen ihre überschüssigen Barmittel ausgeben.
Eine Kapitalabgabe zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten
Die führenden politischen Vertreter*innen haben Investitionen angemahnt, aber sie sind nicht gekommen. Letztes Jahr erklärte George Osborne: „Was ich in den nächsten Monaten zu tun habe, ist, sie zu überzeugen, dieses Geld auszugeben“. (Corporate Finance: Rivers of Riches [Konzernfinanzen: Reichtumsflüsse], „Financial Times“, 22. Mai 2011)
„Es wird hart sein, die öffentlichen Defizite ohne etwas Hilfe von Konzerngeldern abzubauen, die die Investor*innen an sie ausbezahlt haben wollen“. (John Authers, „Financial Times“, 29. Januar 2012) Eine Reihe von Kommentaren in der Großkonzernpresse deuten an, dass die Regierungen hinter den Kulissen über eine Erhöhung der Unternehmenssteuern diskutieren, um Investitionsausgaben zu ermutigen. David Bowers von Absolute Strategy Research sagt: „Politiker und Entscheidungsträger werden die Frage stellen müssen: Wie lange wollen wir es den Unternehmen noch erlauben, sich selbst um Geld zu bringen?“ („Financial Times“, 29. Januar)
Allerdings sind führende kapitalistische Vertreter*innen wie die Konservativ-Liberaldemokratische Regierung in Großbritannien völlig feige, wenn es darum geht, den Großkonzernen entgegenzutreten. Sie sind rückgratlos gegenüber dem so genannten freien Markt. Die Koexistenz von massiven Bargeldbeständen und horrenden Arbeitslosenzahlen verweist jedoch auf die Notwendigkeit einer Vermögensabgabe. In Großbritannien beispielsweise würde selbst eine 50%ige Steuer auf ungenutzte Bargeldreserven rund 370 Milliarden Pfund einbringen – Geld, das in Wohnungen, Schulen, die Infrastruktur usw. investiert werden könnte. Zusammen mit einer Kapitalabgabe auf profitable Banken und Finanzhäuser könnte dies die Grundlage für ein massives Investitionsprogramm für öffentliche Bauvorhaben bilden.
Ein solches Programm würde Millionen von Arbeitsplätzen schaffen und das Wachstum der gesamten Wirtschaft ankurbeln. Zweifellos würden die großen Unternehmen einwenden, dass eine Vermögensabgabe auf eine „Enteignung“ ihres Vermögens hinauslaufen würde. Aber ihre Profite stammen letztlich alle aus der Arbeit der Arbeiter*innenklasse, und wenn sie sich weigern, ihr brachliegendes Geld in die Expansion der Wirtschaft zu investieren, verlieren sie jede Rechtfertigung für ihre Rolle als Kapitalist*innen.
„Greifen Sie nicht den Profit an“, verkündete der republikanische Präsidentschaftskandidat der USA, Mitt Romney, indem er gegen Steuern für Großunternehmen argumentierte. „Profit … ist das, was es den Unternehmen ermöglicht, Leute einzustellen und zu wachsen“. Die US-Konzerne genossen Rekordprofite und ein historisch niedriges Steuerniveau. Aber wo ist das Wachstum? Wo sind die Arbeitsplätze? Große Unternehmen schütten lieber Geld an die Aktionär*innen (und die Firmenvorstände) aus, als in Arbeitsplätze und Wachstum zu investieren.
Wenn große Unternehmen nicht bereit sind, sich an sozialen Projekten zu beteiligen, sollten sie in öffentliches Eigentum überführt und unter demokratischer Arbeiter*innenkontrolle und -verwaltung geführt werden. Dies würde eine Brücke zu einer demokratisch geplanten Wirtschaft bilden, die den Bedürfnissen der Mehrheit entspricht und nicht nur die Kassen der Superreichen füllt.
Die Grenzen des Kapitalismus
Das derzeitige Horten der Unternehmensprofite und der Mangel an Investitionen sind nicht nur eine Reaktion auf die Krise 2007-09. Sie sind Ausdruck einer tief verwurzelten Krise des Kapitalismus. Das Horten von Bargeld durch Produktionsunternehmen begann lange vor der jüngsten Krise. Sie war das Gegenstück zur Finanzialisierung der Wirtschaft, das die Ausbreitung der neoliberalen Politik des ultrafreien Marktes nach 1980 begleitete.
Während des Nachkriegsaufschwungs bis Ende der 1960er Jahre fuhren die Großkonzerne in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern und die transnationalen Unternehmen enorme Profite aus der verarbeitenden Industrie ein. Doch durch die dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche gab es einen Rückgang in der Profitabilität – und die Kapitalist*innen wandten sich auf der Suche nach Superprofiten zunehmend spekulativer Finanzaktivität zu. Dies bereicherte die superreiche kapitalistische Elite enorm, unterhöhlte jedoch die Einkommen der Arbeiter*innenklasse und großer Teile der Mittelschicht und belastete sie mit einer enormen Schuldenlast.
Dies schränkte unweigerlich den Markt für kapitalistische Waren ein, was wiederum den Spielraum für rentable Investitionen in die Produktion einschränkt. Obendrein scheuen sich seit der Finanzkrise die großen Produktionsunternehmen sogar, ihre überschüssigen Barmittel in Finanzanlagen zu investieren. Daher das Zwillingsphänomen von brachliegenden Konzernbarmitteln und Millionen von arbeitslosen Arbeiter*innen. Der Kapitalismus kann den von Cameron behaupteten sozialen Fortschritt nicht länger sichern: Er hat längst seine historischen Grenzen erreicht – und ist überreif für einen Systemwechsel.
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