Lynn Walsh: Iran – Der Sturz des Schahs ist nur der Anfang

[eigene Übersetzung des englischen Textes in Militant Nr. 437, 5. Januar 1979, S. 1 und 16]

In den letzten paar Wochen ging immer wieder mehr als ein Viertel der 4,5 Millionen Einwohner*innen Teherans auf die Straße, um den Sturz des Schahs zu fordern.

Die Ereignisse im Iran haben einen eigenen revolutionären Schwung entwickelt.

Tag für Tag gehen die Demonstrationen in allen großen und kleinen Städten des Iran trotz des Kriegsrechts weiter.

Die Ölfelder bleiben durch Streiks lahmgelegt. Der Iran, ehemals einer der größten Ölexporteure der Welt, muss Öl importieren, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten.

Die Wirtschaftstätigkeit wurde durch Streiks in Banken, Postämtern und anderen Institutionen abgewürgt.

Die Flucht der Reichen des Iran, um aus dem Land zu kommen, wurde durch einen soliden Streik der Fluglots*innen und der Mitarbeiter*innen der Zivilluftfahrt behindert.

Der Versuch der Luftwaffe, es zu übernehmen, wurde durch die Sabotage ihres Computerinformationszentrums in Täbris trotz strenger Sicherheitsvorkehrungen untergraben. Das Computerprogramm wurde so manipuliert, dass auf jede Eingabe die Antwort „Yankee go home!“ lautet.

Nur wenige rechnen damit, dass der Schah noch lange an der Macht bleiben wird. Anscheinend hat er einmal unter dem Vorwand eines „Winterurlaubs“ seine Bereitschaft angekündigt, das Land zu verlassen.

Er und seine Familie haben großzügige Vorkehrungen für ihr wahrscheinliches Exil getroffen, mit Millionenbeträgen auf Schweizer Bankkonten und großen Anwesen in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, die bereits bereitstehen.

Aber die Hardliner in der Armeeführung und im Umfeld des Schahs scheinen ihn überzeugt zu haben, vorerst zu bleiben.

Die herrschende Klasse steht vor dem gleichen Dilemma vor denen das Franco-Regime in Spanien stand.

Sie ist verzweifelt bemüht, den enormen Reichtum und die uneingeschränkte Macht zu behalten, die sie unter der Diktatur des Schahs erworben hat. Sie sind von der Furcht vor der Rache der Arbeiter*innen für ihre jahrelange Korruption und Folter eingeschüchtert.

Wenn sie jedoch versuchen, die Unterdrückung zu verstärken, werden sie damit nur die Massenbewegung gegen sich anheizen.

Sie können keinen klaren Weg nach vorne sehen. Deshalb ist die herrschende Clique jetzt gespalten und kann nicht umhin, zwischen Zugeständnissen auf dem Papier und verstärkter Unterdrückung zu schwanken.

In den Vereinigten Staaten ist die Regierung auch gespalten und hat keine klare Politik. Sie sind zu der Erkenntnis getrieben, dass die Tage des Schahs gezählt sind, können aber keine gangbaren alternativen Gestalten sehen, durch die der US-Imperialismus seinen Einfluss im Iran weiterhin ausüben könnte.

In Großbritannien scheint die unmittelbare Sorge der Regierung die Zukunft der iranischen Bestellung von britischen Chieftain-Panzern zu sein.

Die gesamte Arbeiter*innenbewegung muss energisch ein sofortiges Ende der schändlichen Unterstützung des Schahs und der Überreste seines Regimes durch die Labour-Regierung fordern. Alle Waffenlieferungen an den Iran müssen sofort gestoppt werden! Gewerkschafter*innen sollten den Boykott für alle Lieferungen an die reaktionären Generäle des Iran durchsetzen.

Trotz der Versprechen des Schahs, dass die für Unterdrückung und Folter Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, haben rücksichtslose rechte Elemente in Armee und Polizei ihre Terrorkampagne gegen die Opposition verstärkt und sich besonders führende Vertreter*innen der Arbeiter*innen für systematische Misshandlungen und Ermordungen herausgepickt.

Dennoch ist die Armee unfähig, die Massenunruhen zu unterdrücken. Trotz Kriegsrechts und Militärregierung seit November ist es ihr nicht gelungen, die „Ordnung“ wiederherzustellen oder die Arbeiter*innen zur Rückkehr an ihre Arbeit zu zwingen.

Die Armee selbst wird durch die Ereignisse untergraben. Berichte von Soldaten, die Befehle verweigern oder sich gegen ihre Offiziere wenden, häufen sich.

Die blutigen Zusammenstöße in Maschad letzte Woche, bei denen mindestens 100 Menschen getötet und mehrere Tausend verletzt wurden, wurden durch einen kleinen Zwischenfall ausgelöst, bei dem ein Soldat, der versuchte, eine Panzerbesatzung zur Teilnahme an einer Demonstration zu überreden, durch Schüsse aus einem anderen Panzer getötet wurde.

Daraufhin rückten Panzer vor und überrollten die Demonstrant*innen, was zu zwei Tagen eines blutigen Massakers führte.

Wenn die rechten Generäle die Bewegung weiterhin niederschlagen, wird die Armee selbst zerfallen. In dem darauf folgenden Bürger*innenkrieg ist die herrschende Klasse keineswegs zuversichtlich, dass sie als Sieger hervorgehen würde.

Die Erleichterung des Schahs

Die intelligenteren Vertreter*innen der herrschenden Klasse versuchen daher, einen Ausweg durch einen Kompromiss mit den alten liberalen Politiker*innen zu finden, die vom Schah so lange von der Macht ausgeschlossen waren. In dem Versuch, Teil-Zugeständnisse zu machen und die revolutionäre Bewegung auf den Straßen zu dämpfen, riefen der Schah und seine Berater Schapur Bachtiar, einen der führenden Vertreter*innen der liberal-nationalistischen „Nationalen Front“, dazu auf, eine Regierung zu bilden.

Auf den Straßen wurde dies jedoch sofort mit Rufen wie „Nieder mit Bachtiar!“ – „Bachtiar – ein Diener ohne Macht!“ beantwortet.

Dem neuen „Premierminister“ wurde keine wirkliche Autorität über die Armee und die Polizei gegeben. Der Schah zog sogar sein Versprechen zurück, das Land zu verlassen, was ursprünglich offenbar eine Bedingung für Bachtiars Mitspielen war.

Die Arbeiter*innen verstehen offensichtlich, dass Bachtiar als neue Fassade gedacht ist, hinter der das alte Regime mit oder ohne den Schah weiterbestehen wird.

Selbst andere führende Vertreter*innen der Nationalen Front haben wenig Vertrauen in Bachtiars Findelkinder-Regierung. Sie haben sich geweigert, einer Regierung unter ihm beizutreten, und verurteilen seinen Kompromiss mit dem Schah.

Auch Ayatollah Khomeini hat Bachtiar nicht unterstützt, obwohl er (vielleicht alarmiert durch die Folgen eines Streiks solchen Ausmaßes) offenbar zu einer teilweisen Wiederaufnahme der Produktion in den Ölfeldern aufgerufen hat, ein Aufruf, der bisher ignoriert wurde.

Die Streiks und Demonstrationen werden trotz aller Zugeständnisse Bachtiars auf dem Papier weitergehen. Wenn Bachtiar demokratische Rechte versprochen hat, dann nur, weil ihm die enorme Bewegung der Arbeiter*innen keine Wahl lässt.

Die Arbeiter*innen und Bäuer*innen des Iran wollen mehr als nur den Sturz des Schahs, der inzwischen praktisch eine ausgemachte Sache ist. Sie wollen das Ende des gesamten Regimes, ein Ende des grotesken Reichtums und der Privilegien der herrschenden Klasse in einem Land, in dem Millionen Menschen noch immer in extremer Armut leben.

Gäbe es im Iran eine Arbeiter*innenpartei, die in der Lage wäre, der großartigen revolutionären Bewegung sozialistische Ziele zu geben und der Bewegung auf den Straßen und in den Fabriken eine klare Führung zu geben, wäre das Regime des Schahs bereits endgültig beendet.

Die Armee wäre durch einen Klassenappell an die Truppen zerbrochen worden. Die Arbeiter*innen hätten nicht nur den Schah gestürzt, sondern auch die Axt an die Wurzel gelegt, alle ihre Ausbeuter*innen beseitigt und mit der Aufgabe der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft begonnen.

Dies ist der einzige Weg nach vorne für die iranischen Arbeiter*innen und Bauern. Alle Anzeichen besagen, dass sie sich aus ihrer eigenen Initiative in diese Richtung bewegen.

Aber ohne eine organisierte Massenführung bleiben viele Hindernisse und die Gefahr einer Reaktion bestehen.

Es ist die Pflicht der organisierten Arbeiter*innen weltweit, dem iranischen Volk in seinem Kampf gegen die Reaktion und für einen sozialistischen Iran jede nur mögliche Hilfe zu geben.


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