[eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 84, Juni 2004]
Zinserhöhungen kommen
Greenspans Signal, dass höhere Zinssätze auf dem Weg seien, markiert einen bedrohlichen Wendepunkt. Die Tage des schuldenfinanzierten Konsumbooms in den USA, der Lokomotive des weltweiten Wachstums, sind gezählt. Zusammen mit dem Anstieg des Ölpreises (siehe S. 22) ist Greenspans Schritt eine Warnung vor einer noch tieferen Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft. Lynn Walsh schreibt.
Alan Greenspan bekam, was er wollte. Bush nominierte ihn für eine weitere Amtszeit, seine fünfte, als Vorsitzender der Federal Reserve Bank. Das ist Greenspans Belohnung für seine geleisteten Dienste. Niemand tat mehr dafür, Bush im November wiedergewählt zu bekommen.
Im Abschwung nach 2001, der mit dem Beginn der Präsident*innenschaft von Bush zusammenfiel, senkte Greenspan stetig die Zinssätze, um die Konsumausgaben, die Hauptstütze der US-Wirtschaft in den letzten Jahren, aufrechtzuerhalten. Die Zinssätze fielen von 6,5% im Januar 2001 auf 1% im Juni letzten Jahres, den niedrigsten Stand seit 1958. Unter Berücksichtigung der Preisinflation liegen die realen kurzfristigen Zinssätze effektiv bei null. Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen durch niedrige Zinsen und eine massive Ausweitung der Geldmenge war die einzige echte Wirtschaftspolitik der Bush-Regierung, dank der „unabhängigen” Fed. Das übergeordnete Ziel ist es, das Wachstum bis nach den Wahlen am 9. November aufrechtzuerhalten.
Billige Kredite waren der hochoktanige Treibstoff für eine Konsumausgabenblase, die auf einem Immobilienboom und einer Explosion der Hypotheken- und Verbraucher*innenschulden beruhte. Greenspan ließ zu, dass sich diese Blase weitaus mehr aufblähte als ähnliche kreditgetriebene Expansionen in der Vergangenheit. Aber nun erreichte sie klar ihre Grenzen.
Am 4. Mai kündigte Greenspan an, dass der Leitzins bei 1% bleiben werde. In der rätselhaften Sprache, für die er berühmt-berüchtigt ist, verkündete er jedoch, dass die Aufhebung der „politischen Akkkomodierung” (Codewort für billige Kredite zur Stützung von Konsumausgaben) in „gemessenem Tempo” (Codewort für eine schrittweise Anhebung der Zinsen um 0,25% oder 0,5%) erfolgen werde. Nichtsdestotrotz hatte diese scheinbar vage Ankündigung eine Schockwirkung auf die Finanzmärkte. In Verbindung mit einem Anstieg der Ölpreise und immer lauteren Warnsignalen aus dem Irak führte sie zu starken Einbrüchen an den US- und Weltbörsen.
Die Kapitalist*innen verstanden die Botschaft laut und deutlich. Es gibt eine Wendung in der Wirtschaftslage, der Trend der Zinsen wird aufwärts sein. Viele Spekulant*innen glauben obendrein, dass die Veränderung viel schneller kommen könnte, als Greenspan andeutet.
Greenspan zögerte diese Ankündigung klar so lange hinaus, wie er konnte. Aber die jüngsten US-Wirtschaftsdaten zwangen ihn wirklich, eine Veränderung zu signalisieren. Das Beschäftigungswachstum von über 300.000 im April zeigt eine anhaltende Erholung, gestützt hauptsächlich auf dem Dienstleistungssektor. Das BIP-Wachstum im ersten Quartal betrug 4,2% (Jahresrate), während der Konsum um 3,8% wuchs (zurückgegangen von 5,1% in der zweiten Hälfte des Jahres 2003). . Die Preise stiegen im ersten Quartal um 2,5%. Selbst ohne Lebensmittel und Energie stiegen die Preise um 2,1%, der höchste Anstieg seit dem zweiten Quartal 2001.
Die Blasenprobleme
Das Hauptproblem für den US-Kapitalismus ist in diesem Stadium jedoch nicht die Inflation, die recht moderat ist. Die wirkliche Gefahr ist, dass die Immobilien- und Verbraucher*innenkreditblase völlig untragbar wird – und zusammenbricht. Greenspan verspricht, dass er Maßnahmen ergreifen werde, um aus der Blase sanft die Luft herauszulassen und eine „sanfte Landung” herbeizuführen. Zweifellos würde er Zinserhöhungen gerne bis nach November hinauszögern. Aber die meisten Kommentator*innen – und auch die Spekulant*innen – glauben, dass er im Sommer Maßnahmen ergreifen müsse.
Die vom Anleihemarkt bestimmten langfristigen Zinsen sind bereits stark gestiegen. Die Rendite zehnjähriger Benchmark-Staatsanleihen liegt derzeit bei über 4,5% (gegenüber 3,5% im letzten Jahr). Diese wachsende „Spreizung” zwischen kurz- und langfristigen Zinsen kann nicht mehr lange aufrechterhalten werden.
Die Immobilienblase war eine wichtige Stütze für die Verbraucher*innenausgaben, des überwiegenden Anteils am BIP-Wachstum in den letzten Jahren. Die Immobilienpreise stiegen um 30% bis 40% stärker als die Einzelhandelspreise allgemein. Dies ist das Ergebnis einer gestiegenen Nachfrage, die durch günstige Hypotheken (mit einem von 7,5% im Jahr 2002 auf 5,8% im Jahr 2002 [2004?] gesunkenen Hypothekenzins) angeheizt wurde. Die Immobilienverschuldung stieg um über 50% innerhalb von drei Jahren und pumpte 2,3 Billionen Dollar in die Wirtschaft. Viele Hausbesitzer*innen nutzten Hypothekenrefinanzierungen, um ihre Konsumausgaben aufzustocken. Andere erzielten durch niedrigere Hypothekenzahlungen ein höheres verfügbares Einkommen.
Über 80% der Hypotheken sind festverzinslich, so dass argumentiert wird, dass steigende Zinsen keine großen Auswirkungen auf Hausbesitzer*innen haben würden. Allerdings nahmen viele bis an die Grenzen ihres Einkommens Kredite auf, und jeder Einkommensrückgang durch Arbeitslosigkeit oder niedrigere Löhne wird ihr ohnehin schon knappes verfügbares Einkommen weiter schmälern. Obendrein wurden in letzter Zeit immer mehr Hauskäufer*innen durch die Politik der Gläubiger*innen gezwungen, variabel verzinsliche Hypotheken aufzunehmen, um Immobilien zu kaufen, die zuvor als weit über ihrem Einkommensniveau liegend galten.
Die Gesamtverschuldung der Verbraucher*innen stieg zwischen 2000 und 2003 um 33% auf 27 Billionen Dollar – wodurch zusätzlich 1,52 Billionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt wurden. Die Verschuldung der Haushalte stieg von 97% des jährlichen verfügbaren Einkommens im Jahr 2000 auf 113% im Jahr 2003. Unter den einkommensschwächsten Fünftel der Bevölkerung zahlt ein Viertel der Haushalte mehr als 40% ihres Einkommens für den Schuldendienst. Höhere Zinssätze werden viele verschuldete Familien unerträglich belasten.
Aber nicht nur die Armen stecken bis zum Hals in Schulden. Auch superreiche Investor*innen und Finanzhäuser spekulierten auf der Grundlage billiger Kredite. Sie nutzten das aus, was die Wall Street als „Carry Trade” bezeichnet. Dabei werden billige Kredite auf den kurzfristigen Geldmärkten aufgenommen (wobei die Kredite wiederholt verlängert werden) und zu höheren Zinssätzen langfristig weiterverliehen. Investor*innen leihen sich auch in den USA günstig Geld, um in ausländische Finanzanlagen wie Aktien und hochverzinsliche/risikoreiche Junk Bonds zu investieren. Das ist ein riskantes Geschäft. Die Profite hängen davon ab, dass die kurzfristigen Zinsen über einen längeren Zeitraum auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Bis zu seiner Ankündigung im Mai versicherte Greenspan den Spekulant*innen wiederholt, dass die niedrigen Zinsen beibehalten würden. Das erklärt den Schock, als er seine Melodie änderte.
Einige der am Derivatehandel beteiligten Hedgefonds nutzten den „Carry Trade” in großem Stil aus. Der renommierte Investor Warren Buffett warnte, dass diese Praktiken „finanzielle Massenvernichtungswaffen” darstellen. Ein rascher Anstieg der kurzfristigen Zinsen könnte für einige Hedgefonds und Investmentbanken eine schwere Krise hervorrufen. Der Zusammenbruch des Hedgefonds Long Term Capital Management im Jahr 1998, der das weltweite Finanzsystem an den Rand einer systemischen Kernschmelze brachte, ist eine Warnung, was passieren kann.
Abrechnung nur hinausgezögert
Die verantwortungsbewussteren Strateg*innen des Kapitalismus sind der Meinung, dass Greenspan die Erhöhung der Zinsen leichtfertig hinauszögerte. „Die Federal Reserve hinkt hinterher”, sagte Brian Wesbury, Chefökonom einer Investmentfirma in Chicago. „Beim höchsten BIP-Wachstums seit 20 Jahren und dem steigenden Inflationsdruck gibt es keine Rechtfertigung, die Zinsen so niedrig zu halten. Meiner Meinung nach hätten sie letztes Jahr mit der Anhebung der Zinsen beginnen sollen.” („Worries grow as Fed takes time raising rates” [Die Sorgen wachsen, während sich die Fed mit Zinserhöhungen Zeit lässt], „International Herald Tribune“, 18. Mai)
Einige Kommentator*innen meinen, dass der kurzfristige Leitzins der Fed auf 5% steigen müsste, um sich an die vom Anleihemarkt festgelegten langfristigen Zinsen anzupassen – ein riesiger Sprung von den gegenwärtigen 1%. Greenspan verspricht, dass eine solche Anpassung „maßvoll“ erfolgen und durch eine langgezogene Reihe kleinerer Erhöhungen erreicht werden solle. Aber das Ausmaß der Schuldenblase und die wachsenden Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft könnten eine viel schnellere Veränderung erzwingen.
Der US-Ökonom Kurt Richebächer sagt: „Die Börsenblase der 1920er Jahre endete mit einem beispiellosen Konsumboom, und genau das geschieht seit 1997 und besonders seit 2001 erneut. Seitdem machen die Konsumausgaben 92% des BIP-Wachstums aus. Doch um dieses Wachstum trotz des eklatanten Mangels an Einkommenszuwächsen aufrechtzuerhalten, entwickelte die Fed eine in der Geschichte beispiellose Politik: Sie treibt die Immobilienpreise mit künstlich niedrigen Zinsen in die Höhe, um schnell wachsende Sicherheiten für Verbraucher*innenkredite zu schaffen.“
Laut Richebächer übertünchte Greenspan „die bestehenden Fehlentwicklungen des Booms durch noch größere neue Blasen und makroökonomische Fehlentwicklungen, was auf noch viel Schlimmeres in der Zukunft hindeutet”. (Zitiert von Larry Elliot, „Old Greenspan magic is fading” [Die Magie des alten Greenspan verblasst], „Guardian“ Weekly, 20. Mai)
Selbst eine „sanfte Landung“ Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres dürfte bestenfalls äußerst holprig verlaufen. Aber eine „harte Landung“ ist ebenso wahrscheinlich, eine Fortsetzung und Vertiefung des weltweiten Abschwungs, der auf den Zusammenbruch der Finanzblase der 1990er Jahre folgte. Dies könnte zu einer Explosion des Weltkapitalismus führen, mit massiven Kämpfen der Arbeiter*innenklasse, der Landarbeiter*innen und der Enteigneten gegen die barbarischen Auswirkungen der Krise.
Die USA führten zusammen mit China seit Mitte 2003 eine teilweise Erholung der Weltwirtschaft an. Aber wie die OECD kürzlich warnte, ist es eine sehr einseitige Erholung mit zwei Geschwindigkeiten. Das chinesische Wachstum hängt von der Nachfrage der USA nach seinen Waren ab und befindet sich selbst mitten in einer Investitionsblase, die jederzeit platzen könnte (siehe Artikel S. 25). Die jüngste Erholung in Japan nach zwölf Jahren Stagnation hängt vom chinesischen Wachstum ab. Unterdessen leidet die Eurozone weiterhin unter einer anhaltenden Phase „anämischen Wachstums“ (OECD). Die Auswirkungen der bevorstehenden US-Zinserhöhungen werden in der gesamten Weltwirtschaft nach dröhnen. Die derzeitige fragile Erholung könnte jederzeit zusammenbrechen.
Die Aufmerksamkeit der führenden Vertreter*innen auf der Welt ist auf die sich vertiefende Katastrophe im Irak gerichtet. Doch bald könnten sie auch mit einer globalen Wirtschaftskatastrophe konfrontiert sein.
Ölschock?
Was war der Plan? Saddam plattmachen. Die Kontrolle über Iraks Öl übernehmen. Die saudische Dominanz untergraben und die Macht der OPEC brechen. Und so schnell, wie Rumsfeld „Abrakadabra” sagen könnte, würde es ein goldenes Zeitalter von billigem Öl und fantastischen Profiten geben.
Aber der Zauberspruch funktionierte nicht. Die Pläne der Neokonservativen im Weißen Haus und im Pentagon sind in Trümmern. Tatsächlich gingen sie mit aller Macht nach hinten los. Die irakische Rohölproduktion erreichte ihr Vorkriegsniveau von drei Millionen Barrel pro Tag (bpd) nicht wieder. Mitte Mai fiel sie nach neuen Angriffen auf die südliche Pipeline auf 850.000 bpd. Mitglieder der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) sind derzeit effektiver denn je darin, die Produktion zu begrenzen und die Preise aufrechtzuerhalten. Mit steigenden Nachfrage, weil das Weltwirtschaftswachstums zunimmt, schnellten die Ölpreise nominal (zu aktuellen Preisen) auf Rekordniveau, wobei die US-Referenzsorte 40 Dollar pro Barrel überschritt.
Einige Kommentator*innen sehen dies lediglich als Ärgernis, einen störenden Schluckauf und nicht als den Beginn eines gefährlichen Öl„schocks“. Es gab keine drastische Unterbrechung der Ölversorgung wie nach dem Arabisch-Israelischen Krieg 1973 oder der Iranischen Revolution 1979, zwei Mega-Schocks, die schweren Weltrezessionen hervorriefen. Die derzeitigen Engpässe werden von gestiegener Nachfrage aus den USA und China verursacht, die das Ergebnis von beschleunigtem Wirtschaftswachstums ist. Höhere Preise, so argumentieren die Hausse-Prophet*innen, werden erhöhte Investitionen in die Ölförderung anregen, und dann werden die Preise tendenziell sinken. Auf jeden Fall, so sagen sie, liege der reale (inflationsbereinigte) Preis für Rohöl immer noch nur bei etwa der Hälfte des Höchstpreises von 1980, nach heutigen Preisen etwa 80 Dollar pro Barrel.
Die Baisse-Prophet*innen warnen jedoch, dass der scharfe Aufwärtstrend der Ölpreise die Erholung in den USA und Asien, den beiden Lokomotiven des weltweiten Wachstums, zunichte machen könnte. Teureres Öl ist kein isolierter Faktor, sondern geht mit einer Wende zu höheren Zinsen einher. Teurere Kredite werden zu einem Fall der Aktien- und Immobilienpreise führen, was wiederum zu einem Fall – vielleicht einem scharfen Fall – bei Investitionen und Konsumausgaben führen wird. Als Greenspan Anfang Mai warnte, dass US-Zinserhöhungen kommen und der Ölpreis die 40-Dollar-Marke pro Barrel überschritt, gab es scharfe Einbrüche an den weltweiten Börsen, die die früheren Gewinne des Jahres 2004 zunichte machten.
Diese finanziellen Turbulenzen fielen zudem mit der Ermordung von Abdul Zahra Othman, dem Präsidenten des irakischen Marionetten-Regierungsrats, in Bagdad und weiteren Enthüllungen über Folterungen im berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis zusammen. In Saudi-Arabien gab es einen weiteren Anschlag auf ausländische Techniker, der diesmal das Leben von fünf Ingenieuren in der Raffinerie von Yanbu kostete. Die größte Sorge der internationalen Großunternehmen ist nun die drohende Katastrophe im Irak, die zunehmende Spannung und Instabilität überall im Nahen Osten sowie den beispiellosen Konfliktpotenzialen überall. Herkömmliche Lehrbuchberechnungen über die Funktionsweise des Ölmarktes sind bedeutungslos (wie ein Experte es ausdrückt) „im aktuellen Klima geopolitischer Angst”.
Die Ölnachfrage steigt
Die Ölnachfrage stieg aus einer Reihe von Gründen. Der Wachstumsspurt der US-Wirtschaft, die etwa 12 % der globalen Nachfrage ausmacht ist ein wichtiger Faktor. Die USA fragen zunehmend bestimmte Rohölsorten nach, die den neuen Umweltvorschriften in verschiedenen US-Bundesstaaten entsprechen. Das Bush-Regime entschied auch, weiterhin Öl in die strategische Ölreserve in Louisiana zu pumpen, bis sie ihre maximale Kapazität von 700 Millionen Gallonen erreicht. Diese Politik trotz Forderungen des Kongresses, Reserven auf den Markt zu bringen, um die Preise zu senken, zeigt die Angst der Regierung vor einer weiteren Ölkrise.
Obendrein gab es einen riesigen Anstieg der Nachfrage aus China, getrieben vom rasanten Wachstum der Verarbeitenden industrie und massiven Bauprojekten. Chinas Ölverbrauch war im ersten Quartal 2004 um 40 % höher als im selben Zeitraum des Vorjahres. International erhöhte der Anstieg des Volumens des internationalen Handels enorm den Energieverbrauch im Transportwesen – Schiffe, Züge und Kraftfahrzeuge sind allesamt Spritfresser.
Inzwischen wurde das Weltangebot an Rohöl und raffiniertem Öl begrenzt. Experten scheinen über das tatsächliche Ausmaß der Ölreserven (Shell wurde kürzlich dabei erwischt, seine angegebenen Reserven aufzublähen) und die Rohölförderkapazitäten weit von einander abzuweichen. Aber selbst Optimist*innen wie Peter Odell, der meint, dass „mehr als ausreichende Produktionskapazitäten bestehen oder schnell entwickelt werden können”, warnen, dass wegen der „Marktanarchie” „übermäßige Preisunbeständigkeit und damit einhergehende Probleme mit der Sicherheit der Ölversorgung und den Ölmärkten unvermeidlich scheinen”. („Financial Times“, 16. Mai)
Der Großteil der irakischen Vorkriegslieferungen (etwa drei Millionen Barrel pro Tag) ging vorerst verloren. Das Herunterfahren der Ölförderung in Venezuela im letzten Jahr, ein Versuch, Chávez zu stürzen, verringerte ebenfalls das weltweite Angebot. Und im März einigte sich die OPEC darauf, die Förderung um eine Million Barrel pro Tag zu verringern. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die globale Nachfrage nach Öl im Jahr 2004 um zwei Millionen Barrel pro Tag höher sein werde als 2003. Sie glaubt, dass derzeit etwa 2,5 Millionen Barrel pro Tag an Reservekapazitäten vorhanden seien, hauptsächlich in der Golfregion. Die Frage ist: wird die OPEC diese Kapazitäten zur Verfügung stellen oder wird sie versuchen, die Preise auf dem aktuellen Niveau oder sogar noch höher zu halten?
Als der Ölpreis Anfang der 1990er Jahre auf etwa 10 Dollar pro Barrel fiel, gerieten einige Regime in den ölerzeugenden Staaten in eine wirtschaftliche und politische Krise. Über die IEA und eine geheime Zusammenarbeit mit den „großen Drei“ der OPEC-Produzent*innen – Saudi-Arabien, Iran und Venezuela – drängten die USA auf einen stabilen Preis zwischen 22 und 28 Dollar pro Barrel. Das Motiv war nicht Philanthropie, sondern der Wunsch, soziale Explosionen zu verhindern.
Seitdem sind die Spannungen jedoch noch akuter geworden. Seit dem 11. September 2001 ist der langjährige Pakt zwischen dem US-Imperialismus und dem saudischen Regime – Schutz im Austausch für billiges Öl – weitgehend zerbrochen. Die saudische Monarchie ist sich bewusst, dass der Bush-Plan, Saddam zu stürzen, auch darauf abzielte, die OPEC und die saudische Dominanz über die Ölreserven am Golf zu brechen. Gleichzeitig sieht sich das saudische Regime mit wachsenden Rebellionen sowohl von extremen Wahhabit*innen als auch von schiitischen Kräften konfrontiert, die unerbittlich die Zusammenarbeit der Monarchie mit dem US-Imperialismus ablehnen.
Die USA waren gezwungen, ihr militärisches Kommandozentrum nach Katar zu verlegen. US-Unternehmen wurden kürzlich von der Erschließung saudischer Gasreserven ausgeschlossen. Und die Zusammenarbeit zwischen der von den USA dominierten IEA und der OPEC scheint zerbrochen zu sein. Anfang dieses Jahres führte Saudi-Arabien die OPEC-Initiative an, die Produktion zu drosseln, um einer Aufstockung der Rohölvorräte durch die USA und andere Länder zuvorzukommen und die Preise in die Höhe zu treiben. Doch während die saudischen Herrscher*innen verzweifelt versuchen, angemessene Öleinnahmen aufrechtzuerhalten, fürchten sie auch einen neuen Abschwung der Weltwirtschaft, der die Nachfrage verringern und die Preise senken würde. In den letzten Wochen änderten die Saudis ihre Taktik und versuchen nun, ihre OPEC-Partner*innen zu einer Anhebung der Quoten zu bewegen. Es ist nicht sicher, ob dies vereinbart wird (Venezuela widersetzt sich diesem Schritt). Selbst wenn dies der Fall ist, ist es nicht sicher, dass das erhöhte Angebot rechtzeitig an die Verbraucher*innen geliefert wird, um Engpässe zu beheben und die Preise zu senken.
Die OPEC, die etwa 38% der weltweiten Produktion kontrolliert, wurde durch die US-Besetzung des Irak keineswegs geschwächt, wie Bush gehofft hatte, sondern gestärkt. „Die OPEC scheint bei ihren Bemühungen, den Ölpreis hoch zu halten, besser koordiniert zu sein als je zuvor … [Sie] wird immer effizienter bei der Koordinierung ihrer Politik im Dienste hoher Ölpreise.“ (Katrina Bennhold, „Return of economic demon: oil shock“ [Rückkehr des Wirtschaftsdämons: Ölschock], „International Herald Tribune“, 4. Mai) Obendrein wird der Anteil der OPEC an der weltweiten Produktion steigen, da andere Reserven zurückgehen.
Die OPEC wird wahrscheinlich einen neuen Zielpreis von 32 bis 34 Dollar pro Barrel festlegen. Aber die Preise stiegen durch die rasende Spekulation auf den Ölmärkten auf 40 Dollar pro Barrel. „Der Ölsektor ist derzeit in den Händen von kurzfristig orientierten Händlern“, kommentiert ein Londoner Finanzier, „und unterliegt vielen widersprüchlichen Einflüssen“. Insbesondere die großen Hedgefonds kauften aggressiv Terminkontrakte, also Verträge über die Lieferung von Öl zu einem späteren Zeitpunkt. Sie setzen darauf, dass die Preise noch mehr steigen werden, damit sie ihre Lieferungen mit Gewinn weiterverkaufen können. Diese Art der Spekulation könnte die Ölpreise auf untragbare Niveaus treiben, was zu plötzlichen Wirtschaftseinbrüchen und neuen Anstiegen führen würde, eine Achterbahnfahrt der Marktanarchie.
Auswirkungen auf das BIP
Die steigenden Ölpreise haben, obwohl sie (noch) nicht das Ausmaß der Schocks von 1973 und 1979 erreichen, bereits eine Auswirkung. Die Preise an den Zapfsäulen überschritten in den USA 2 Dollar pro Gallone, 2,27 Dollar an der Westküste. Dies ist klar für Bushs Chancen auf eine Wiederwahl nicht förderlich. Ein Anstieg der Benzinpreise um 10 Dollar pro Barrel entspricht einer „Steuererhöhung“ von 70 Milliarden Dollar für die US-Verbraucher*innen, die durch die Inflation erhoben wird. Wal-Mart schätzt, dass die höheren Benzinpreise seinen durchschnittlichen Kund*innen mehr als 7 Dollar pro Woche ihres verfügbaren Einkommens kosten. In Großbritannien erzeugte die Aussicht auf einen Anstieg der Preise an den Zapfsäulen auf über 1 Pfund pro Liter Gerüchte über einen weiteren populistischen Protest gegen die Kraftstoffpreise, wie im September 2000.
Wegen Währungsunterschieden sind die Auswirkungen des Ölpreisanstiegs nicht für alle Wirtschaften die selben. Der Ölpreis wird in Dollar angegeben, der gegenüber anderen Währungen fiel. Ein Anstieg von etwa 90% seit 2002 in Dollar entspricht einem Anstieg von etwa 40% in Euro und 60% in Yen.
Für die Weltwirtschaft insgesamt wird ein Anstieg des Rohölpreises um 10 Dollar pro Barrel etwa 0,5% vom globalen BIP-Wachstum wegnehmen. Die Auswirkung ist jedoch in armen und halb entwickelten Ländern viel schwerer. Die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder verringerten ihre „Energieintensität” (Energieverbrauch pro BIP-Einheit) in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich, teils durch Deindustrialisierung, teils durch vergrößerte Effizienz. „China und Afrika sind jedoch mehr als doppelt so energieintensiv wie der OECD-Durchschnitt, Indien sogar fast dreimal so energieintensiv, gemessen am Ölverbrauch pro Dollar des BIP. Die IEA schätzt, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar pro Barrel über ein Jahr hinweg das BIP Chinas um 0,8%, Indiens um 1%, Thailands um 1,8% und das der Länder südlich der Sahara um 3% verringern würde.” („Financial Times“, 17. Mai)
Die schnell wachsenden, halb entwickelten asiatischen Wirtschaften machen jetzt etwa 25% des Welt-BIP und einen erheblichen Anteil des Welthandels aus. Ein durch höhere Ölpreise ausgelöster Abschwung hätte schwerwiegende Auswirkungen auf die USA und andere fortgeschrittene kapitalistische Länder. Wegen der Globalisierung sind die halb entwickelten Wirtschaften heute viel enger mit den fortgeschrittenen Wirtschaften verbunden als 1973 oder 1979.
Entflammbare Bedingungen
Spekulant*innen scheinen immer optimistisch zu sein. Die meisten kapitalistischen Kommentator*innen versichern uns, dass „es nicht wie 1973 oder 1979 ist”. Allerdings schleichen sich zunehmend Zweifel ein. Der „Guardian“ ist der Ansicht, dass „die industrialisierten Wirtschaften des Westens vielleicht besser in der Lage sind, mit höheren Ölpreisen umzugehen als sie es in den 1970er oder 1980er Jahren waren … [aber] ein plötzlicher Schock ähnlichen Ausmaßes würde höchstwahrscheinlich immer noch zu einer Rezession führen, da sie Schwierigkeiten hätten, sich anzupassen”. („Crude calculations” [Plumpe Berechnungen], Leitartikel, 17. Mai)
Der Ölexperte Andrew Oswald betrachtet den Energiepreis nach wie vor als den besten Indikator für den Konjunkturzyklus. Er weist darauf hin, dass allen vier Wirtschaftseinbrüchen in den letzten drei Jahrzehnten ein steiler Anstieg der Ölpreise vorausging. „Wir sind heute genauso anfällig für höhere Ölpreise … Wenn die Preise weiter steigen, sollten wir uns sicherlich Sorgen um die Erholung machen.“ („Return of economic demon“ [Rückkehr des Wirtschaftsdämons], „International Herald Tribune“, 4. Mai)
Ein weiterer Ölschock wäre natürlich nicht einfach eine Wiederholung vergangener Ereignisse. „Dennoch“, schreibt Paul Krugman, „müsste die Welt bei einer größeren Versorgungsunterbrechung mit weniger Öl auskommen, und das kann kurzfristig nur durch eine weltweite Konjunkturabschwächung geschehen. Eine durch Öl verursachte Rezession scheint gar nicht so weit hergeholt.“ („International Herald Tribune“, 15. Mai).
Das Irak-Schlamassel destabilisiert den gesamten Nahen Osten. Es ist unwahrscheinlich, dass die irakische Ölproduktion in naher Zukunft wieder vollständig aufgenommen werden kann. Das saudische Regime ist grundlegend instabil. Ein umfassender interner Konflikt oder die Machtübernahme durch rechte islamische Kräfte würde zweifellos eine „erhebliche Versorgungsunterbrechung“ bedeuten, einen großen Ölschock. Und Venezuela? Nigeria? Algerien?
Das ist eine Periode der weltweiten kapitalistischen Krise. Durch die Invasion des Irak verschärfte der US-Imperialismus alle Widersprüche international und machte damit Umwälzungen und Explosionen unvermeidlich.
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