Lily Braun: Die Wirtschaftsgenossenschaft. Eine Entgegnung

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 18, 28. August 1901, S. 140-142]

Nach den fünfzehn Spalten zu schließen, mit denen Genossin Zetkin meine kleine Broschüre totgeschlagen hat, muss die Gefahr, die ich damit über das kämpfende Proletariat heraufbeschworen habe eine riesige sein; die bösartigsten Gegner des Sozialismus haben sich kaum solcher Beachtung zu erfreuen gehabt. Mir fällt dabei immer jene Geschichte von dem katholischen Priester ein, der seinem Lieblingsschüler, als er ihn entließ, folgende Lehren mit auf den Weg gab: „Hüte Dich am meisten“, so sagte er, „vor dem Teufel der Ketzerei. Mit jedem Gedanken, den keiner unserer Heiligen und heiligen Väter vorgedacht hat, schleicht er sich bei Dir ein. Die heilige Kirche zu fördern, ist allein Sache ihres erleuchteten Hauptes. Wir haben nur zu glauben und Glauben zu predigen und die Beunruhigung von den Gemütern ferne zu halten.“

Nun bilde ich mir keineswegs ein, dass mein Plan einer Wirtschaftsgenossenschaft ein völlig neuer ist; neu an ihm ist nur, wie ich mir seine Verwirklichung denke und dass ich die Arbeiterschaft auffordere, sie in die Hand zu nehmen. Genossin Zetkin versucht den Nachweis zu führen, dass ich damit einer Utopie nachjage. Nebenbei bemerkt, ist es komisch genug, wie sehr es neuerdings üblich wird, diejenigen utopischer Ideen zu zeihen, die Ideale der Sozialdemokratie aus dem Stadium der Predigt in das der Tat hinüberführen wollen! Im Wesentlichen sind die Gründe, die Genossin Zetkin gegen die Wirtschaftsgenossenschaft anführt, genau dieselben, die gegen jede genossenschaftliche Idee eingewendet worden sind. Man hielt die Konsumgenossenschafter mindestens für ebensolche unpraktische Utopisten und begriff nicht, dass arme Arbeiter mit schwankendem Einkommen den Kaufherren der Welt Konkurrenz machen wollten. Und die Konsumgenossenschaften haben sich in einer Weise durchgesetzt, wie ihre ersten Vorkämpfer es sich sicher nicht träumen ließen. Für baren Unsinn halten heute noch sehr viele Sozialdemokraten die baugenossenschaftliche Bewegung, weil es dem Proletariat an Mitteln fehlen soll, sie erfolgreich durchzuführen. Und doch dringt sie unaufhaltsam vorwärts, wovon Jeder sich durch die Broschüre von Paul Kampffmeyer, „Die Baugenossenschaften im Rahmen eines nationalen Wohnungsreformplanes“, die auch Genossin Zetkin anführt, überzeugen kann. Und zwar sind ein erstaunlich großer Teil der Genossenschafter ungelernte oder doch nicht besonders hoch entlohnte Arbeiter, mit einer Jahreseinnahme von 900 bis 1200 Mk. Diese Arbeiterkategorie aber ist es gerade, deren Frauen, sobald Kinder da sind, die Familie durch ihre Arbeit mit erhalten müssen.*

Ebenso gut nun, wie diese Arbeiter Bau- und Konsumgenossenschaften beitreten können, sind sie auch imstande, Glieder einer Wirtschaftsgenossenschaft zu werden, um so mehr, wenn sie – wie ich von vornherein voraussetzte – aus einer Bau – oder auch aus einer Konsumgenossenschaft hervorgeht. Die Wirtschaftsgenossenschaft stellt finanziell nicht viel höhere Anforderungen an ihre Mitglieder, im Gegenteil, sie erleichtert eine Vermehrung des Familieneinkommens, indem sie die Leistungsfähigkeit der Frau erhöht. Genossin Zetkin wird kaum leugnen können, dass alle diese Arbeiterfamilien ihr Leben – wenn auch noch so schlecht – fristen. Ich kann nun wirklich nicht einsehen, warum ihnen das in der Wirtschaftsgenossenschaft, die durch Einkauf und Zubereitung der Speisen im Großen ganz bedeutend billiger wirtschaften kann, als die einzelne kleine Familie, nicht möglich sein sollte, was ihnen unter unvergleichlich schwierigeren Verhältnissen in der Mietskaserne möglich ist. Nun werden mir aber die Krisen, die Zeiten der Arbeitslosigkeit entgegengehalten, als ob ich selbst niemals etwas von ihnen gehört hätte. Ich halte aber meinen Plan gerade im Hinblick auf sie für besonders wichtig, denn ich glaube, dass die Existenz, auch die noch so kümmerliche, in der Wirtschaftsgenossenschaft immerhin noch viel leichter ist, als in der Verlassenheit irgend eines Großstadtwinkels, wo kein Nachbar sich um den anderen kümmert. Es scheint mir auch durchaus nicht so unmöglich, aus Beiträgen der Mitglieder einen Fond für Notfälle zu gründen. In den Bau- und Sparvereinen bestehen vielfach solche Fonds, aus denen die Miete für diejenigen bezahlt wird, die sie momentan nicht aufbringen können, und dass es nicht schwer ist, solche Fonds ins Leben zu rufen, zeigt sich schon daraus, dass die Arbeiter in Zeiten guten Verdienstes aus freien Stücken Spareinlagen machen. Genossin Zetkin sucht mir aber schließlich auch aus einem Umstand einen Strick zu drehen, den nur derjenige in dieser Weise gegen mich ausnützen kann, der von vornherein mit dem schärfsten Vorurteil an meine Ideen herangetreten ist. Weil ich nämlich 1,49 Mk. für die tägliche Beköstigung eines Dienstboten ansetze, meint sie, dass ich nur auf solche Mitglieder der Genossenschaft rechne, die pro Tag und Kopf dasselbe für ihre Ernährung ausgeben können! Wäre das meine Ansicht, so wäre es nicht der Mühe wert, auch nur ein Wort über meinen Plan noch zu verlieren. Er wäre ebenso gerichtet wie ich selbst. Wenn ich diese Summe bei der Rechnungsaufstellung genannt habe, so geschah es einmal, weil sie der Kostgeldberechnung des Berliner Dienstbotenvereins entspricht, andererseits aber auch, weil es bei solchen approximativen Schätzungen besser ist, zu hoch als zu niedrig zu greifen. Sodann habe ich aber auch wiederholt betont, dass der ganze Plan nach den verschiedensten Richtungen hin modifiziert werden kann.

Der Zwang, der Arbeit nachzuziehen, wird auch als eine wesentliche Hinderung der Entstehung von Arbeiter-Wirtschaftsgenossenschaften angesehen. Er müsste ebenso die Baugenossenschaften unmöglich machen und doch entstehen sie und wachsen. Ich vermag auch nicht einzusehen, warum die Aussicht, vielleicht einmal in einen anderen Stadtteil oder in eine andere Stadt zu ziehen, die Arbeiterfamilie verhindern sollte, wenigstens auf absehbare Zeit die Vorteile der Wirtschaftsgenossenschaft zu genießen. Ihre Beweglichkeit wird dadurch keineswegs gehemmt. Und je mehr diese Vorteile empfunden werden, desto eifriger wird dann das Bestreben sein, neuen Wirtschaftsgenossenschaften zum Leben zu verhelfen. Außerdem macht man in den Großstädten mehr und mehr die Erfahrung, dass die Arbeiter weit ab von der Arbeitsstätte, z.B. in gesunden Vororten, zu wohnen vorziehen. Das wird um so mehr der Fall sein, wenn die arbeitende Frau nicht mehr gezwungen ist, ihrer häuslichen Pflichten wegen, nahe der Fabrik oder der Werkstatt zu wohnen

Aber „die Nichtachtung, mit der Genossin Braun an den Tatsachen des realen Lebens vorübergegangen ist“ – Genossin Zetkin hätte, wie ihre Parenthese, „um einen milden Ausdruck zu gebrauchen“, beweist, viel lieber von meiner völligen Unkenntnis dieser Tatsachen gesprochen –. wird mir auch noch auf andere Weise vorgehalten. Ich soll mich nämlich einer schrecklichen Dienstbotenausbeutung schuldig machen, indem ich drei Dienstboten für die Küche und eine Kinderwärterin der Wirtschaftsgenossenschaft zuteile. Ganz abgesehen davon, dass, wie ich schon gesagt habe, eine Ausgestaltung des Planes nach jeder Richtung von mir ausdrücklich als selbstverständlich hingestellt wurde, halte ich auch jetzt noch bei einer einfachen Kost und Anwendung aller arbeitssparenden Maschinen und Einrichtungen drei Personen in der Küche – natürlich nur dort – für ausreichend. ohne dass sie überbürdet zu sein brauchen. Und was die „Kinderwartemaschine“ betrifft, so scheint Genossin Zetkin anzunehmen, dass sämtliche 50 Familien gleichaltrige kleine Kinder haben, und sie vergisst vollständig, dass allein schon der umfriedete Hof und Garten – wie zum Beispiel die großen Häuserkomplexe des Berliner Spar- und Bauvereins ihn aufweisen – den Kindern, die laufen können, einen sehr erheblichen Schutz gewährt. Gegenwärtig haben die Kinder erwerbstätiger Frauen doch nichts von alledem. Übrigens bin ich sicherlich die Letzte, die dagegen etwas einzuwenden hat, womöglich jedem kleinen Kinde eine Wärterin zu geben; es handelt sich aber hier nicht darum, ins Blaue hinein zu wünschen – das bleibe den Utopisten überlassen – sondern auf einfache Art zunächst einen bescheidenen Anfang zu machen.

Mit dem schwersten Geschütz gegen den grimmen Feind fährt meine Kritikerin in ihrem letzten Artikel auf. Es wäre, so sagt sie, „eine scharf zu verurteilende Kräfteverschleuderung, wollten die Genossinnen sich mit der Gründung von Wirtschaftsgenossenschaften beschäftigen“ … „auch der Hinblick auf die Ablösung des Einzelhaushaltes durch die Wirtschaftsgenossenschaft in der sozialistischen Gesellschaft würde das nicht rechtfertigen“; – auch nicht die von allen Sachkundigen übereinstimmend gewonnene Erkenntnis. dass die Frauen des Proletariats in Folge ihrer physischen und geistigen Überlastung für den gewerkschaftlichen und politischen Kampf trotz aller Mühe nur in minimalem Umfang zu gewinnen sind?! Dass ich diesen Gedanken in den Vordergrund gerückt habe, dass die Wirtschaftsgenossenschaft mir in erster Linie nicht Zweck, sondern Mittel zum Zwecke ist. dass ich keine Mühe für verschwendet halte, durch die die Frauen unserer Sache näher gebracht werden können – das hat Genossin Zetkin trotz ihrer 15 Spalten mit keiner Silbe zu erwähnen für nötig gefunden! Aber beim bloßen Verschweigen lässt sie es nicht bewenden. In Bezug auf die Wohnungsreformfrage entwickle ich eine Auffassung, die – so sagt sie – nur bei einem bürgerlichen Sozialreformer erklärlich wäre. Ich begehe nämlich das Verbrechen, dem Proletariat aus seinem bisherigen Mangel an Einsicht und Energie in Bezug auf die Wohnungsreform einen Vorwurf zu machen und zu behaupten, dass nach dieser Richtung hin von Staat, Gemeinden und Versicherungsanstalten viel mehr geschehen wäre. wenn die Arbeiterklasse eine entschiedene Agitation entfalten würde. Habe ich mich damit der bürgerlichen Sozialreformelei schuldig gemacht, so muss es wohl einem waschechten Genossen allein entsprechen, nicht nur Alles, was die Arbeiterklasse tut oder lässt, für unfehlbar richtig zu erklären, sondern auch fest davon überzeugt zu sein, dass all ihre praktische Tätigkeit eine völlig vergebliche ist! Zu dieser Ansicht aber werde ich mich nie bekehren, auch wenn ich mich dadurch täglich dem Vorwurf, kein vollkommener Sozialist zu sein, aussetzen müsste. Ich werde es stets für die erste Pflicht eines Genossen halten, auch der eigenen Partei kritisch gegenüber zu stehen, und nach bestem Wissen und Gewissen das auszusprechen, was ihm als Fehler erscheint. Ich werde ferner immer der Überzeugung sein, dass die Arbeiterklasse ein ausschlaggebender Faktor in unserm politischen Leben ist und es ihrer Bedeutung nach in viel höherem Maße noch sein könnte. Es heißt ihre Energie lähmen, statt sie zu stärken. wenn man ihr immer vorhält, dass sie der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber trotz ihrer Millionen Stimmen machtlos ist. Was aber gerade die spezielle Frage der Wohnungsreform betrifft, so ist es eine nicht fortzuleugnende Tatsache, dass die Sozialdemokratie ihr bis vor Kurzem vollständig ablehnend gegenüber stand, dass sie ihr lebendiges Leben aber auch durch ihr beginnendes Interesse für sie wieder einmal beweist und nur noch energischer beweisen sollte. Es besteht in der freisinnigen Bourgeoisie eine starke Strömung zu ihren Gunsten, und mir erscheint es als eine selbstverständliche Aufgabe der Arbeiterklasse, alles auszunutzen, was ihr zu Gute kommen kann. Und zwar nicht – ich betone es nochmals –, um sich in erster Linie ein besseres Leben zu sichern, sondern um Existenzbedingungen zu schaffen, die dem Arbeiter seinen gewerkschaftlichen und politischen Kampf ermöglichen oder erleichtern.

Bei dem Vorwurf der bürgerlichen Sozialreformelei lässt es aber Genossin Zetkin keineswegs bewenden. Noch viel verdächtiger komme ich ihr vor und stellt sie mich den Lesern ihrer Besprechung dar, weil ich die „kapitalistische Ausbeutung der proletarischen Arbeitskraft, die kapitalistische Klassenherrschaft“ nicht geschildert habe. Es ist wirklich nicht meine Schuld, wenn mir dabei wieder kirchliche Reminiszenzen kommen: in der lutherischen Kirche nämlich wird jedem Gottesdienst das Herbeten der drei Glaubensartikel vorangeschickt, und sie hält Niemanden für einen echten evangelischen Christen, der das in seiner Kirche nicht ebenso macht. Wer meine Broschüre liest – natürlich ohne Vorurteil liest –, der wird dies „Glaubensbekenntnis“ nicht vermissen, weil es auf die Worte nicht ankommt, sondern auf den Geist der Worte und jede Zeile in ihr davon durchtränkt ist.

Zum Schlusse noch einige Worte an Diejenigen, die meinem Plan ohne Voreingenommenheit gegenüberstehen, die Anderen zu überzeugen, dürfte ja doch ein ziemlich vergebliches Bemühen sein! Der Gedanke der Wirtschaftsgenossenschaft liegt so sehr in der Luft, dass er in den verschiedensten Formen zum Ausdruck kommt. Eine Genossin, die meinem Plan im Ganzen nicht sympathisch gegenübersteht, erzählte selbst, dass – ich glaube in Cottbus – verheiratete Arbeiterinnen gemeinsam eine Frau engagiert haben, die ihnen das Mittagessen kocht und die Kinder beaufsichtigt, – ein Anfang zur Genossenschaft, der dem unmittelbaren Bedürfnis entsprungen ist. Genossenschaftliche Arbeiterrestaurants sind in verschiedenen Stadtteilen von Paris entstanden, und es mehren sich die Familien, die nicht nur dort gemeinsam essen, sondern auch die Mahlzeiten nach Hause holen; auch in Berlin wird der Plan eines solchen Restaurants ventiliert. Für Verteilungsküchen auf genossenschaftlicher Grundlage, wie die in Manchester begründeten, wird neuerdings in Frankreich eine rege Agitation entfaltet. Der Idee der Wirtschaftsgenossenschaft nach meinem Plan, fängt man an, auch in deutschen Genossenschaften näher zu treten. Offenbar geht es mit dieser „Utopie“ wie mit so mancher: sie wird über Nacht zur Wirklichkeit.

Genossin Zetkin sagt: Die proletarische Frauenbewegung „hat ihre Kraft auf den gewerkschaftlichen und politischen Kampf gegen die Kapitalistenklasse und ihren Staat zu konzentrieren“. Ich stimme ihr bei. Sie hat aber auch, das füge ich noch hinzu, dafür zu sorgen, dass aus der kleinen Handvoll Frauen, die gegenwärtig diesen Kampf führen, eine große Schar wird, und muss zu diesem Zwecke jedes Mittel ergreifen, das Kampffähige schaffen hilft. Die Wirtschaftsgenossenschaft ist solch ein Mittel. Selbst wenn es zunächst nur Wenige befreien hilft, bei der Zurückgebliebenheit des weiblichen Proletariats sind auch diese Wenigen viel.

Lily Braun

* Ich verweise dabei nur auf folgende Schriften: Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899, 4 Bände. Berlin 1990. – Großherzoglich badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, Karlsruhe 1901. – Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten bearbeitet vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. – Rudolf Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der Fabrik. Tübingen 1897.


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