Clara Zetkin: Arbeiterinnen, organisiert Euch!

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 17, 14. August 1901, S. 130 f.]

Arbeiterinnenlos, trauriges Los! Wer empfindet die furchtbare Wahrheit dieses Wortes lebendiger, qualvoller als die Hunderttausende von Lohnsklavinnen?

Als Arme der Fuchtel des aussaugenden Kapitalismus untertan, müssen sie im Schweiße ihres Angesichts um ihr Brot ringen, und wie oft – trotz Strömen von vergossenem Schweiße – vergeblich. Ob der Tätigkeitsdrang kraftstrotzenden Lebens in ihren Adern pulsiert, oder Schwächlichkeit und Siechtum das Schaffen zur dornenreichen Pein gestalten: ganz gleich, die Arbeiterin muss rackern und schanzen. Sie muss, auch wenn jede Faser ihrer Muskeln, jede Fiber ihrer Nerven vor Überanstrengung und Schmerz bebt. Sie muss, und wenn sie zehnmal weiß, dass die Fron langsam den Körper vergiftet, das letzte Fünkchen Lebenskraft zum Erlöschen bringt, Alter, Gebrechlichkeit und Tod vorzeitig herbeiruft. Sie muss sogar in der Zeit, wo die Mutterschaft ihre heiligen, unabweisbaren Forderungen an den Organismus der Frau stellt; sie muss sogar in dem Falle, wo die Arbeit das keimende Leben unter ihrem Herzen bedroht. Die Arbeit fordert den ganzen Werkeltag und oft noch die Nacht und den Sonntag der Lohnsklavin ein. Sie raubt ihr die Möglichkeit, sich an der Natur zu freuen und zu erquicken, dem heißen Bildungsdrang zu gehorchen, Familienpflichten zu erfüllen, Familienglück zu genießen.

Und der Lohn für die Körper und Geist zermürbende Fron? Bettelpfennige, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben, welche die Arbeiterin zur chronischen Unterernährung, zum langsamen Verhungern verurteilen. Bettelpfennige, welche die Arbeiterin zwingen, in einem zugigen Dachkämmerchen oder in einer feuchten, luft- und lichtlosen Hofwohnung zu Hausen, sich als Schlafgängerin mit Schicksalsgenossinnen zusammenpferchen zu lassen, wie es den Schweinen in Cadinen [Kadyny] nicht geschieht. Bettelpfennige, die bedingen, dass der Arbeiterin alles vorenthalten bleibt, was das Leben lebenswert macht. Als Zugabe aber vielleicht noch eine grobe, unwürdige Behandlung seitens des Vorgesetzten, wohl auch Zudringlichkeiten, die tiefer verletzen als die ärgste Grobheit.

Warum tauscht die Arbeiterin für fleißiges Mühen all diese Plagen ein? Ist denn die Arbeit ein Fluch und nicht ein Segen? Kann Arbeiterinnenlos nicht glücklich Los sein oder werden? Wir wollen Auskunft auf diese Fragen, so müssen heutzutage die dichten Scharen fieberhaft tätiger und doch darbender proletarischer Frauen und Mädchen rufen. Die moderne Arbeiterbewegung gibt ihnen die verlangte Auskunft. Sie sagt:

Die kapitalistische Ausbeutung ist es, welche die Arbeit für die Arbeitenden selbst aus einem Segen in einen Fluch verkehrt, weil sie ihnen die Früchte ihres Schaffens raubt und den Ausbeutern in den Schoß wirft, auch wenn diese Tagediebe sind. Die kapitalistische Ausbeutung ist es, welche die Arbeit aus einer Freude in eine Qual wandelt, welche sie mit allen Plagen und Schädlichkeiten verquickt, unter denen die Arbeiterin seufzt. Denn die kapitalistische Ausbeutung kennt keine Rücksicht auf das Wohl der Interessen der Arbeitenden. Sie hat nur einen Leitstern: den Profit der Ausbeutenden. Deshalb Kampf der Arbeitenden und Ausgebeuteten gegen die kapitalistische Ordnung, ihrer Nutznießer und Träger! Nur dieser Kampf gestaltet allmählich Arbeiterinnenlos zu einem glücklicheren Los. Er beschränkt die Ausbeutermacht des Unternehmertums, er zerschmettert schließlich das System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Aber die Arbeiterin, die Arme, die Schwache, wie soll sie den Kampf gegen die übermächtige, gold- und herrschaftsgewaltige Ausbeuterklaffe und ihre Ordnung führen? Zeigt ihr nicht jede protzig abgeschlagene Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, wie lächerlich gering ihre eigene Kraft ist? Gewiss. Die Arbeiterin muss sich deshalb vor Allem die eine Erkenntnis einprägen: Einigkeit macht stark! Fester Zusammenschluss und einheitliches Handeln lassen auch die Arbeiterinnen mächtig werden. Je widerstandsschwächer die Proletarierin dem Unternehmer gegenüber ist, je elender in der Folge ihre Arbeitsbedingungen sind, und je verhängnisvoller die gewissenlose Ausbeutung auf ihr Leben und Sein als Frau zurückwirkt: um so dringender bedarf sie in ihrem Kampfe gegen die Kapitalistenklasse des Schutzes der gewerkschaftlichen Organisation. Die gewerkschaftliche Organisation ermöglicht es, dass auch zu Gunsten der Arbeiterin, in Verteidigung ihrer Interessen Menschenrecht der Geldsacksgewalt gegenüber zum Worte, zum Siege gelangt.

Die Gewerkschaft zwingt dem profitgierigen Unternehmertum kürzere Arbeitszeit ab, die der Arbeiterin noch dringender Not tut als dem Arbeiter. Schädigt doch das lang ausgedehnte Schuften ihren Organismus empfindlicher als den des Mannes, und rächt sich doch die Überanstrengung ihrer Kräfte in verderblichster Weise an den Kindern, denen sie das Leben schenkt. In der Hauswirtschaft und vor Allem bei der Pflege und Erziehung der Kinder fallen ihr Pflichten zu, welche der Vater nicht zu leisten hat. Und muss sie in den meisten Fällen nicht mehr noch als ihr Kamerad in Fabrik und Werkstatt nachholen, um die Lücken ihres Wissens auszufüllen? Die Gewerkschaft entreißt dem Ausbeuterklüngel höheren Lohn. Welcher Segen für die elend gezahlte Arbeiterin, deren Verdienst meist an der Hungergrenze hin und her pendelt, und die aus der Hand in den Mund zu leben gezwungen ist. Ist es denn nicht der jämmerliche, unsichere Verdienst, der Hunderte in die Straße stößt, um hier ein Stück Brot aufzuheben, das ihnen fleißige Arbeit nicht gewährt? Höherer Lohn, und die Arbeiterin hat die Möglichkeit, ihrer Existenz einen etwas kulturwürdigeren Zuschnitt zu geben, ein paar Groschen für andere als leibliche Bedürfnisse zu verwenden, sie gewinnt Mittel für Bildung des Geistes und der Sinne, für edleren Lebensgenuss.

Die Gewerkschaft kämpft für gesunde Arbeitsräume, für Maßregeln und Einrichtungen, welche Gesundheit und Leben der Arbeitenden schützen. Das Ziel dieses Kampfes liegt im Interesse der Arbeiterin, deren Körper ganz besonders unter gesundheitsschädigenden Einflüssen leidet. Die Gewerkschaftsbewegung nötigt das machtstolze Unternehmertum, in den ausgebeuteten Proletariern mehr zu sehen, als bloße billige, lebendige Anhängsel der kostbaren tobten Maschinen: als fühlende, denkende, wollende Menschen. Sie erringt den Lohnsklaven menschenwürdige Behandlung. Menschenwürdige Behandlung, welche hoffnungsreiche Aussicht für die Arbeiterin, die nur zu oft mit Ohrfeigen und Schimpfwörtern traktiert wird!

Die Gewerkschaft bietet der Arbeiterin noch zahlreiche andere bedeutsame, materielle Vorteile. Sie unterstützt sie im Falle der Arbeitslosigkeit, vielfach auch bei Krankheit und Not. Sie verficht ihr Recht in jeder Hinsicht; sie wacht über die Durchführung der dürftigen gesetzlichen Bestimmungen, welche die lohnarbeitende Frau schützen; sie strebt danach, dass das Gesetz die kapitalistische Ausbeutungsfreiheit noch weiter einengt.

Unschätzbar ist, was die Gewerkschaft in ideeller Hinsicht für die Arbeiterin leistet. Sie lehrt sie nachdenken über ihre Lage und die Mittel, sie zu verbessern: sie klärt sie über das Warum ihres Elends auf und zeigt ihr den Weg, der aus der Not zum Glück, aus der Knechtschaft zur Freiheit führt. Das Bewusstsein der Solidarität aller Ausgebeuteten weckt sie in ihr und schult dieses Bewusstsein zur praktischen Betätigung. Sie hebt die Arbeiterin aus ihrer Vereinsamung empor und lässt ihr den Segen einer Gemeinsamkeit empfinden, den sittlich tragenden Einfluss eines Leidens und Freuens, eines Empfindens, Denkens, Wollens und Kämpfens im Bunde mit Vielen. Sie gliedert die Arbeiterin einer neuen, großen Familie an und bereitet sie für ihre Aufgabe als Gesellschaftsbürgerin vor.

Indem aber die Gewerkschaft die wirtschaftliche, die materielle Lage der Arbeiterin verbessert, indem sie die Lohnsklavin mit Wissen ausrüstet und ihr einen zielklaren, kräftigen Willen verleiht, leichtert sie nicht bloß die Ketten, welche die erwerbstätige Proletarierin in der Gegenwart trägt. Sie stärkt damit die geistige und sittliche Kraft der Arbeiterin und macht sie wehrtüchtiger, für ihre volle Befreiung vom Joche des Kapitalismus zu kämpfen. Die größere wirtschaftliche, geistige und sittliche Kampfestüchtigkeit, welche die Gewerkschaft der Arbeiterin verleiht, ist eine Vorbedingung für die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft. Nur in dieser wird aber Arbeiterinnenlos ein glücklich Los sein, weil nur in ihr die Arbeit frei und jedes Fluches ledig wird.

Arbeiterinnen, wollt Ihr Euer hartes Geschick in der Gegenwart etwas freundlicher gestalten? Arbeiterinnen, wollt Ihr in Zukunft Euer volles Menschentum erobern, die Freiheit. Würde und den Segen der Arbeit für Alle, eine Gesellschaftsordnung des Rechts und der Gerechtigkeit, der Kultur für Jeden, der Menschenantlitz trägt? Organisiert Euch!


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