[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 39, S. 385-388]
f Berlin, 17. Juni 1896,
Die Geschichte ist immer unendlich viel witziger, als der witzigste Menschenkopf sein kann. Über den Jubel und Trubel zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des neuen Deutschen Reiches ist manch treffendes und zündendes Wort der Kritik gesprochen worden, aber keines reicht auch nur von fern an den epigrammatischen Blick heran, den die Geschichte selbst über den Spektakel aufleuchten lässt, just da er sich eben wieder zur Türe hinaus trollt. Es ist in der Tat ein holdes Paar, das ihm den Kehraus tanzt: der feudale und der rheinbündlerische Partikularismus, Das Gezänk der bürgerlichen Presse über den Vorstoß des Grafen Limburg-Stirum gegen den Reichskanzler Hohenlohe und über den Protest des bayerischen Prinzen Ludwig in Moskau ist der würdigste Epilog zu den unzähligen Festreden, die seit Jahr und Tag über die deutsche Reichsherrlichkeit, über die wunderbare Erfüllung des nationalen Gedankens verbrochen worden sind.
Graf Limburg-Stirum hat als Mitglied der preußischen Geldsackvertretung den „Onkel Chlodwig“ in ziemlich grober Weise angehaucht, weil dieser das Amt eines preußischen Ministerpräsidenten nur „im Nebenamt“ versehe und sich um preußische Angelegenheiten nicht kümmere. Die nationalliberalen Blätter haben ganz recht, wenn sie darin einen Ausfluss des preußischen Partikularismus erblicken, wenn sie meinen, Fürst Hohenlohe habe sich diese Strafpredigt nur deshalb zugezogen, weil er ein geborener Bayer sei, Die ostelbischen Junker betrachten alle einflussreichen und fetten Ämter des preußischen Staates als Gottesgaben, die ihnen von aller Ewigkeit her und in alle Ewigkeit hinaus bestimmt seien; sie werden ärgerlich und verdrießlich, wenn sich da ein „Ausländer“ hineindrängt. Und ein Bayer ist für sie ein „Ausländer“, wie ein Chinese oder ein Türke oder ein Bürgerlicher. Die nationalliberalen Blätter haben auch darin recht, dass die preußischen Junker den bürgerlichen Minister Herfurth, den sie mit dem Spottnamen Rübezahl zu beehren pflegten, ebenso angeulkt haben, wie jetzt den Fürsten Hohenlohe, obgleich Hohenlohe wie Herfurth doch so viel für die Junker getan haben, dass ihnen zu tun fast nichts mehr übrig blieb. Sie waren eben „Ausländer“, und der hungrigen Sippe der Junker ist es allemal ein Stoß ins Herz, wenn „Ausländer“ ihnen Posten oder Pöstchen wegschnappen, auf welche sie von Gottes- und Rechtswegen ein unveräußerliches Anrecht zu haben meinen.
Wir haben auch volles Verständnis dafür, dass die nationalliberale Presse diesen Anlass benutzt, um wehmütige Klagen darüber zu erheben, dass ihr gefeiertes Deutsches Reich doch eigentlich nur ein Großpreußen mit dem ostelbischen Junkertum als herrschender Klasse sei: mit einer herrschenden Klasse, die durchaus nicht moralische Eroberungen im übrigen Deutschland machen wolle, sondern in diesem Deutschland nur ein willkommenes Gebiet. für ihre Ausbeutungs- und Unterdrückungszwecke sehe. Das ist in seiner Art ganz richtig: die ostelbischen Junker, so dicht sie am Rande ihres ökonomischen Bankrotts stehen, haben politisch noch Immer das Heft in der Hand, und es hieße ihnen bitteres Unrecht tun, wenn man sagen wollte, dass sie je in moralischen Eroberungen gemacht haben. Das haben sie niemals getan, und sie haben auch niemals damit renommiert, es tun zu wollen, Die deutsche Einheit als nationale Bewegung war Ihnen stets in tiefster Seele verhasst, aus gutem Grunde, denn diese Bewegung war in ihrem inneren Kerne bürgerlichen Ursprungs, und wenn sie siegte, so war es mit der junkerlichen Herrlichkeit vorbei. Die Junker haben stets den Standpunkt vertreten, dass Deutschland in Preußen aufgehen müsse; von einem Aufgehen Preußens in Deutschland, wie es die bürgerliche Ideologie verlangte, haben sie nie etwas hören wollen. Ihr preußischer Partikularismus ist durchaus wurzelecht und kann deshalb nur mit der Wurzel, mit der junkerlichen Klassenherrschaft
selbst, vernichtet werden.
So berechtigt also die Klagen der nationalliberalen Presse über das junkerliche Großpreußen sind, so zwecklos sind sie. Die deutsche Bourgeoisie, die Gagern in Frankfurt und die Hansemann in Berlin, haben im Jahre 1848 die deutsche Einheitsbewegung in die Hände des preußischen Absolutismus und Feudalismus gespielt; sie haben sich im Jahre 1866 nach schwachem Sträuben abermals von dem preußischen Junkertum vergewaltigen lassen; sie haben allemal ein Großpreußen, in dem der ostelbische Großgrundbesitz die erste Geige spielte, einem einigen Deutschland vorgezogen, in dem das moderne Proletariat ein gewichtiges Wort hätte mitsprechen können. Und sie paktieren heute noch jeden Tag lieber mit den verrottetsten Junkern, ehe sie den billigsten Ansprüchen der Arbeiterklasse das geringste Zugeständnis machen. Was soll also das Flennen über das junkerliche Großpreußen, das im übrigen Deutschland keine moralischen Eroberungen zu machen wisse? Es ist ein ebenso sinnloser Katzenjammer, wie das einjährige Schwadronieren über des Deutschen Reiches Herrlichkeit ein sinnloser Rausch war.
Hätte. die deutsche Einheit als nationale Bewegung gesiegt, so würde sie mit allem Partikularismus, mit dem preußischen wie mit dem sächsischen und bayerischen und schwäbischen und welchem Partikularismus sonst noch immer gründlich aufgeräumt haben. Da aber der preußische Partikularismus unter der Maske der deutschen Einheit siegte, so blieb auch der sächsische, bayerische, schwäbische und sonstige Partikularismus bestehen. Der stärkere Partikularismus kann den schwächeren Partikularismus unterdrücken, aber er kann ihn nicht auflösen, sintemalen die Existenz des einen Partikularismus die Existenz der anderen Partikularismen bedingt. Man begreift somit, dass als der preußische Partikularismus den Reichsjubel und Reichstrubel zum fünfundzwanzigjährigen Reichsjubiläum auspfiff, der Mut auch in der Brust des bayerischen Partikularismus seine Spannkraft übte. Hieb Graf Limburg-Stirum seinen Bayern, so hieb Prinz Ludwig von Bayern seinen Preußen. Das Reichsjubiläumsjahr hätte auch nicht den richtigen. Ausgang gehabt, wenn es nicht mit einer Szene aus den Tagen des Rheinbundes gekrönt worden wäre.
Aus den Tagen des Rheinbundes oder im Grunde aus noch viel schlimmeren Tagen. Die Tage des Rheinbundes hatten doch wenigstens den Vorzug, in den deutschen Staaten, die zum Rheinbunde gehörten, einigermaßen mit dem feudalen Schutt aufzuräumen; ärger und fluchwürdiger waren jene späteren Tage, in denen die deutschen Dynasten vor dem russischen Zarentum einher tänzelten, in denen König Ludwig I. von Bayern sich nicht schämte, an den Zaren Nikolaus zu schreiben: „Ich sehe in Russland die stärkste Stütze Bayerns; ich wiederhole es, das ist mein politisches Glaubensbekenntnis.“ Und dieser Ludwig war noch der „teutscheste“ der deutschen Dynasten, “ebenso wie sein gleichnamiger Enkel wegen seiner besonders deutschen Gesinnung gerühmt wird, jener Prinz Ludwig, der eben als Gast des Zaren für gut befunden hat, zu verkünden, dass der bayerische Partikularismus noch ganz munter sei und keineswegs das Zeitliche zu segnen gedenke,
Man konnte darauf gefasst sein, dass diese Kundgebung das Herz jedes königlich bayerischen Kammerherrn vor Entzücken höher schlagen lassen würde. Was dagegen auf den ersten Augenblick befremden könnte, ist die Tatsache, dass sie ähnliche Wallungen in der zottigen Mannesbrust der bürgerlichen Demokratie zu entfachen gewusst hat. Es ist anzuerkennen, dass die nationalliberalen Blätter, die Organe der großen Bourgeoisie, die Rede des Prinzen Ludwig ebenso unwirsch oder noch unwirscher besprachen, als die Rede des Grafen Limburg-Stirum, Der großen Bourgeoisie ist aus guten Gründen ein Großpreußen immer noch lieber, als ein Kleinbayern. „Aber die bürgerliche Demokratie ist ganz aus dem Häuschen über die herrliche Tat des bayerischen Thronfolgers – zum schlagenden Beweise dafür, dass die krähwinkelhafte Verbohrtheit des deutschen Spießers unverbesserlich ist. Man traut seinen Augen nicht, wenn man in der hiesigen „Volkszeitung“ und im Stuttgarter. „Beobachter“ liest, der Prinz Ludwig habe „eines deutschen Fürsten würdig“ gesprochen, er habe diesmal nicht im Namen der Wittelsbacher, nicht bloß im Namen Bayerns, nein, er habe ganz Süddeutschland aus dem Herzen gesprochen und seine Worte würden vom Rhein bis zum Böhmerwald und Inn freudigen Widerhall: finden. Wüsste . man nicht, dass diese Philister den Mund unmäßig weit aufreißen, wenn sie einmal im Schatten eines Fürstenhuts ihren Heldenmut beweisen können, hätten sie wirklich das Recht, im Namen von „ganz Süddeutschland“ zu sprechen, so könnte Einem „ganz Süddeutschland“ aufrichtig. leid tun.
Von allem anderen abgesehen, so hatte der bayerische Partikularismus einmal in seinem Dasein eine große Gelegenheit, dem preußischen Partikularismus, dem „protzigen, übermütigen Preußentum“ einen schweren Schlag zu versetzen, die Interessen der bürgerlichen Klasse, von dem Proletariat ganz zu geschweigen, gegenüber dem ostelbischen Junkertum kräftig zu fördern. Das war im Herbste 1870 bei der Beratung der Versailler Verträge. Von der Macht, die der bayerische Partikularismus damals durch die Gunst der Umstände besaß, gibt es schon äußerlich einen zutreffenden Begriff, dass er von den neunundsiebzig Paragrafen der norddeutschen Bundesverfassung sechsundzwanzig durchlöcherte, einige davon allerdings nur formell, und andere fünfundzwanzig für sich ganz oder teilweise aufhob. Damals konnte der bayerische Partikularismus, wenn er sonst wollte, dem preußischen Partikularismus eine bürgerliche Magna Charta abtrotzen. Aber auch nicht eine einzige seiner Forderungen bezweckte, die Volksrechte auch nur um Strohhalmsbreite zu erweitern. Sein ganzes Bestreben ging darauf hinaus, die deutsche Einheit, die von dem preußischen Partikularismus schon genügend vermurkst worden war, noch weiter zu vermurksen. Ein besonderer Dorn im Auge war ihm die vorgeschrittenere Gesetzgebung des norddeutschen Bundes über Niederlassung und Verehelichung; dass der bayerische Staatsbürger, der in Preußen oder Sachsen ohne Genehmigung seines Königs eine Ehe schloss, auch fernerhin den Genuss haben sollte, seine ehelichen Kinder von Rechtswegen als Bastarde behandelt zu sehen, das war eins jener erhabenen Ziele, um welche der bayerische Partikularismus seinen edlen Schweiß in Strömen vergoss.
Wie der Anfang, so das Mittel und das Ende. In den fünfundzwanzig Jahren des neuen Deutschen Reiches sehen wir den bayerischen Partikularismus regelmäßig „im Gefolge“ des preußischen Partikularismus, wenn dieser eine Nichtsnutzigkeit gegen die bürgerlichen Interessen und Rechte ausführte. Wir haben den Prinzen Ludwig niemals seine sonore Stimme dagegen erheben hören. Die demokratische Presse würde uns sehr verbinden, wenn sie uns irgend einen Frevel des preußischen Partikularismus gegen die deutschen Volksmassen nennen wollte, an dem der bayerische Partikularismus nicht seinen wohl gemessenen Anteil gehabt hätte, wenn sie uns auseinandersetzen wollte, wodurch sich etwa der Münchener Meineidsmichel zu seinem Vorteil von dem Berliner Ihring-Mahlow unterschied. Erst als bei dynastischen Festen am russischen Hofe irgend ein uns glücklicher Toastredner die weltumstürzende Ansicht zu äußern gewagt hatte, dass bajuwarische Prinzen „im Gefolge“ borussischer Prinzen erschienen seien, erhob sich der bayerische Thronfolger zu männlichem Protest und erklärte unter der Ägide des schmunzelnden Zaren, dass jener dynastische Partikularismus, der den Todfeinden des deutschen Volkes und ganz besonders auch der russischen Knute seit Jahrhunderten ein willkommener Bundesgenosse gewesen ist, noch immer eine Macht im Deutschen Reiche sei.
Nun, so sehr weit ist es damit nicht her und zwar glücklicherweise nicht, wie wir hinzufügen wollen, auf die Gefahr hin, die zornigen Blitze demokratischer Entrüstung auf uns herabzuziehen. Prinz Ludwig selbst sah die Sache auch viel kaltblütiger an, als seine Bewunderer, indem er sofort ein seine kühne Rebellion verleugnendes Telegramm an den deutschen Kaiser richtete, Der bayerische Partikularismus weiß recht gut, dass er bei aller gegenseitigen Eifersucht nur noch besteht durch den preußischen Partikularismus, und er wird sich hüten, um einiger demokratischen Schaumschlägereien willen sich mit seinem Nährvater ernstlich zu überwerfen.
Man kann den Teufel nicht durch Beelzebub vertreiben, aber noch viel weniger Beelzebub durch den Teufel. Man kann nicht den stärkeren Pfahl aus dem Fleische der deutschen Einheit reißen, indem man den schwächeren Pfahl um so tiefer hineintreibt. Die kleinbürgerliche Demokratie, die in solchen Träumen schwelgt, zeigt eben dadurch, weshalb sie seit fünfzig Jahren von Nichts durch Nichts zu Nichts kommt. Der. großbürgerliche Liberalismus ist freilich schlauer und möchte am liebsten den rheinbündlerischen wie den feudalen Partikularismus um die Ecke bringen, aber bei jedem Blick auf das Proletariat fällt ihm das Herz in die Hosen. Er wird fortfahren, heimlich. über den einen wie den anderen Partikularismus zu stöhnen und öffentlich nach“ der Pfeife des einen wie des anderen Partikularismus zu tanzen.
Das Proletariat, das der nationalen Einheit bedarf, lässt sich weder von dem borussischen noch dem bajuwarischen, noch von sonst einem Partikularismus ein X für ein U vormachen … Es sieht mit heiterm Kopfschütteln, wie das Reichsjubeljahr der Bourgeoisie von den Gespenstern des feudalen und des rheinbündlerischen Partikularismus zum Tempel hinausgejagt wird, aber es hat so wenig eine Grund, sich vor diesen Gespenstern zu fürchten, als etwa es einen Grund hat, etwas von ihnen zu hoffen.
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