[Feuilleton der Neuen Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, I. Band, Nr. 37, 24. Februar 1911. S. 757-760]
H. Laufenberg, Hamburg und sein Proletariat im achtzehnten Jahrhundert. Eine wirtschaftshistorische Vorstudie zur Geschichte der modernen Arbeiterbewegung im niederelbischen Städtegebiet, Hamburg 1910, Kommissionsverlag Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg, 125 Seiten. Preis 80 Pfennig.
H. Wendel, Frankfurt am Main von der großen Revolution bis zur Revolution von oben (1789 bis 1866). Frankfurt a. M. 1910, Buchhandlung Volksstimme, 192 Seiten. Preis: Vereinsausgabe broschiert 1,20 Mark, gebunden 2,20 Mark. Auch in 6 Heften zu 20 Pfennig. Buchhandelausgabe broschiert 2,50 Mark, gebunden 3,50 Mark.
Vor einigen Jahren sprach Genosse Bebel in der „Neuen Zeit“ den Wunsch aus, dass mit der lokalen Geschichtsschreibung der deutschen Arbeiterbewegung vorgegangen würde, Gr meinte, das Quellenmaterial aus der älteren Parteigeschichte werde immer spärlicher, und die alten Genossen, die die Ereignisse noch mit erlebt hätten und manche wertvolle Auskünfte geben könnten, stürben aus, Eine Geschichte aber, die ohne Fühlung mit jenen geschrieben würde, die die Ereignisse erlebt und die hauptsächlich in Betracht kommenden Persönlichkeiten noch gekannt hätten, verirre sich leicht ins Dichten und Komponieren.
In diesen Bemerkungen liegt ohne Zweifel viel Wahres, aber wir möchten sie nicht als den leitenden Gesichtspunkt für die lokale Geschichtsschreibung der Partei aufgefasst wissen. Wer eine Zeit mithandelnd und mitkämpfend erlebt hat, sieht sie immer nur vom subjektiven Gesichtspunkt an, und wenn er sie nun gar aus dreißig, vierzig, fünfzigjähriger Erinnerung erzählt, so gerät er leichter als irgendwer ins Dichten und Komponieren. Als Goethe seine Lebensgeschichte abfasste, sammelte er ein gewaltiges Material zeitgenössischer Literaturquellen, um seine persönlichen Erinnerungen aufzufrischen und zu berichtigen, und wir müssten uns sehr irren, wenn nicht auch Genosse Bebel, als er seine Denkwürdigkeiten zu schreiben unternahm, dieselbe Vorsichtsmaßregel beobachtet hätte.
Es sei noch einmal gesagt, dass der Wert persönlicher Erinnerungen damit in keiner Weise herabgesetzt werden soll, aber sie können nicht die Hauptquelle einer geschichtlichen Darlegung sein. Was ihnen vorausgehen muss, ist eine historisch-wissenschaftliche Darstellung der Tatsachen und Zustände selbst, aus der Zeit, um die es sich handelt; erst damit ist die Möglichkeit gegeben, das subjektive Element aus den persönlichen Erinnerungen auszuschalten. Wenn Goethe gerade auf literarischem Gebiet eine Autorität allerersten Ranges ist, so muss man ihm schon glauben, dass der Siebenjährige Krieg die Mutter unserer klassischen Literatur gewesen sei, allein wenn man die Kabinettskriege und Söldnerheere des alten Fritz nach historisch-wissenschaftlicher Methode untersucht, so entdeckt man bald, wie sehr der Altmeister von Weimar in diesem Punkte „gedichtet und komponiert“ hat.
Deshalb erscheint uns auch für die lokale Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung als notwendig, in erster Reihe den historischen Boden der lokalen Entwicklung zu untersuchen, und unter diesem Gesichtspunkt begrüßen wir mit lebhafter Freude sowohl die Schrift des Genossen Laufenberg wie die Schrift des Genossen Wendel. Die erste ist die unmittelbare Vorläuferin einer Parteigeschichte für das niederelbische Städtegebiet, und die zweite löst für Frankfurt und den Maingau dieselbe Aufgabe, wenn sie auch keine Fortsetzung ankündigt. In jedem Falle zeigen beide Schriften, wie außerordentlich fruchtbar diese Art der Grundlegung für die Lokalgeschichte der modernen Arbeiterbewegung ist und wie sehr sie von vornherein eine gedrängte und lichtvolle Darstellung ermöglicht, während Lokalgeschichten ohne solch festes Fundament allzu leicht der Gefahr unterliegen, in belanglosen Einzelheiten oder gar persönlichem Kleinkram zu versanden.
Laufenbergs Schrift zerfällt in zwei ungefähr gleich große Hauptabschnitte, von denen der erste die politische und wirtschaftliche Geschichte der Stadt Hamburg im achtzehnten Jahrhundert darstellt, während der zweite die Entstehung des Hamburger Proletariats neben und unter der Zunft, seine soziale Lage und seine Gruppenbildung behandelt und in den letzten Zunftkämpfen am Schlusse jenes Jahrhunderts den Keim und die Entwicklungsrichtung zur freien Lohnarbeiterschaft aufzeigt. Mit einer höchst anerkennenswerten Beherrschung eines weitschichtigen Quellenmaterials schildert Laufenberg den Ursprung und die Wandlungen des Hamburger Handels von der großen Verkehrsrevolution des sechzehnten Jahrhunderts ab, mit ihren Rückwirkungen auf die politischen, sozialen und auch religiösen Strömungen der Zeit. Die Klassenkämpfe zwischen dem Patriziat, dem herrschenden Stande der städtischen Großgrundbesitzer, den beiden großen Kaufmannsgruppen, der alteingesessenen Kaufmannschaft, die in den Rohprodukten des Hinterlandes, besonders in Getreide und Holz handelt und somit die agrarischen Handelsinteressen verficht, und den im sechzehnten Jahrhundert zuziehenden englischen und niederländischen Kaufleuten, die Handelsinteressen von weiteren Horizonten vertreten – der Gegensatz prägte sich in einer verschiedenen Währung, nicht minder aber im lutherischen und im kalvinistischen Glaubensbekenntnis aus –, endlich der Zünfte finden ihren letzten Niederschlag in der Verfassung von 1712.
Grundbesitzer, Kaufleute, Zunftmeister fließen politisch zusammen zu Klasse der Besitzenden: wer ein Vermögen von 35000 bis 40000 Mark (nach heutiger Währung) besitzt; gilt als „erbgesessen“ und hat Sitz und Stimme in der Bürgerschaft, die sich mit dem Rate, von dem die Mehrheit in den Händen des Großhandels ist, in die Herrschaft über die Stadt teilt. Den „Handwerksämtern“, das heißt den Zünften, werden ihre Befugnisse und Rechte gegen die Freimeister und Bönhasen bestätigt; diese, die Väter des modernen Proletariats, dürfen nur für Armenhäuser, Hospitäler und Waisenhäuser arbeiten. Ihre soziale und wirtschaftliche Bewegung ist auf die brutalste Weise geknebelt; bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat sich das Zünftlertum in Hamburg in selten schroffer Ausprägung erhalten. Die Kosten der Verfassung, die ihr Leben bis zum Jahre 1860 fortgeschleppt hat, mussten die untersten Schichten der Bevölkerung tragen.
Wie sich nun aus diesen untersten Schichten das moderne Proletariat zu entwickeln beginnt, erzählt Laufenberg im zweiten Abschnitt seines Büchleins, wiederum nach zuverlässigsten Quellen, in überaus lehrreicher Weise. Es sind Kämpfe teils innerhalb der Zunft, die sich immer ausschließlicher zu einer Handhabe der Meister wider die Arbeiter entwickelt, teils zwischen zünftigen und unzünftigen Handwerkern, von denen diese noch streng an den zünftlerischen Formen festhalten, noch nicht den Gegensatz der alten Form und. der neuen Bedürfnisse zu überwinden, noch nicht neue Formen der Organisation zu schaffen verstehen. Im Jahre 1791 kam es jedoch schon zu einer großen Bewegung aller Arbeiterschichten aus scheinbar geringfügigen Ursachen, dem „ersten Generalstreit auf deutschem Boden“, wie Laufenberg sagt, der die Stadt eine volle Woche in Atem erhielt und alle Produktion lahm legte. Er wurde unter Blutvergießen niedergeschlagen, und ein paar Jahre später erging ein „Tumultmandat“, das immerhin einen beklagenswerten Mangel an staatsmännischer Einsicht à la Dallwitz und Jagow verriet, indem es sich nicht nur gegen Tumultuanten richtete, sondern auch Polizisten und Soldaten ermahnte, nie durch ein ungestümes und raues Betragen, unzeitiges Schlagen, Schimpfen und andere Beleidigungen Ursache zu Händeln zu geben.
Es sind nur einige wenige Gesichtspunkte, die wir aus der vortrefflichen Schrift Laufenbergs hervorheben konnten. Eine auch nur allgemeine Skizze ihres reichen Inhaltes zu geben, verbietet sich durch die überaus gedrängte Form der Darstellung. Wir müssen selbst sagen: durch ihre allzu gedrängte Form, denn wir fürchten, dass namentlich ihre ersten Kapitel dem Verständnis der Leser aus der Arbeiterklasse manche Hindernisse bereiten werden. So schmeichelhaft es für den Genossen Laufenberg ist, dass er als gelernter Theologe um den dauernden Knacks herumgekommen ist, den das Studium der Theologie selbst hervorragenden Geistern zuzufügen pflegt – wir erinnern nur an David Strauß und Bruno Bauer –, so. spricht er doch allzu sehr als nunmehr gelernter Ökonom und setzt bei den Lesern allzu große ökonomische Kenntnisse voraus, Dies wäre das einzige, was wir an seiner Arbeit auszusetzen hätten, und wir heben es hervor, um den Wunsch daran zu knüpfen, dass seine größere Arbeit Über die Hamburger Arbeiterbewegung, die hoffentlich bald erscheint, ein wenig populärer – im guten Sinne des Wortes – geschrieben sein möchte.
Wenn Laufenberg darin etwas zu wenig tut, so enthält Wendels Schrift über Frankfurt a. M. eher die eine oder die andere Arabeske, die ohne Schaden für das Ganze hätte wegfallen können. Indessen handelt es sich auch hier nur um einen kleinen Schönheitsfehler, der einem jungen Talent von packender Darstellungsgabe nicht übel zu Gesichte steht. Auch Wendels Schrift beruht auf gediegenen Studien und ist ebenfalls eine wertvolle Bereicherung der Geschichtswissenschaft.
In einigen Grundzügen ähnelt sich die Geschichte der Städte Hamburg und Frankfurt a. M. Beide sind Handelsstädte und in beiden hat sich eben deshalb der mittelalterliche Zunftkram bis tief in die Zeit hinein erhalten, wo sich das industrielle Kapital auch in Deutschland siegreiche Bahn brach, Beide Städte waren noch im Jahre 1848 Tummelplätze zünftlerischer Beschränktheit, und beide sind dann doch ein halbes Menschenalter später die ersten Stätten der modernen Arbeiterbewegung geworden. Doch bieten beide Schriften keine unmittelbaren Parallelen, da Laufenberg seine Darstellung mit dem Ende des achtzehnten Jahrzehnts schließt, Wendel aber von dieser Zeit erst seine Darstellung beginnt.
Er fasst die Geschichte Frankfurts im neunzehnten Jahrhundert dahin zusammen: Unterjochung des Handelskapitals durch das Industriekapital. Aber das Handelskapital war in seiner Niederlage so wenig heroisch, wie das Industriekapital in seinem Siege. Dort eine gräuliche Versumpfung, die zu einem elenden Ende führen musste, hier die Plünderung der Stadt durch ostelbische Junker, in denen die Kroaten Isolanis aus dem Dreißigjährigen Kriege wieder erstanden zu sein schienen. Insofern hat Goethe äußerlich recht behalten, als zwar nicht der Siebenjährige Krieg des achtzehnten, aber der siebentägige Krieg des neunzehnten Jahrhunderts, zwar nicht für die deutsche Literatur, aber für seine Vaterstadt eine neue Zeit herbeigeführt hat, jedoch den inneren Zusammenhang hat er schon in seinen jungen Jahren richtig geahnt, als er am 7. Dezember 1777 aus Klaustal an Frau v. Stein schrieb: „Seltsame Empfindung, aus der Reichsstadt, die in und mit ihren Privilegien vermodert, hier herauf zu kommen, wo vom unterirdischen Segen die Bergstädte fröhlich nachwachsen.“ Diesen Salz Goethes hätte Wendel zum Motto seines Büchleins wählen können; es ist im Grunde schon derselbe Gedanke, die sich wie ein roter Faden durch seine Darstellung zieht.
Wenn es eine Ironie der Geschichte war, dass ostelbische Junker das Strafgericht an dem Frankfurter Klüngel vollstrecken mussten, der im widrigsten Schacher verkommen war, so war es nicht minder eine Ironie der Geschichte, dass sich nach der preußischen Eroberung die Frankfurter Bourgeoisie als die unerschrockene Bannerträgerin der bürgerlichen Demokratie aufspielte. Der Schwindel hatte ja kurze Beine, aber in seiner ganzen Blöße deckt ihn doch erst die Schrift Wendels auf, indem sie zeigt, wie durch und durch verhockt, verlottert und vermorscht die Freie Stadt Frankfurt in ihrer Sünden Blüte gewesen ist. Nichts begreiflicher daher,. als die wilde Wut, womit die angeblich demokratische Presse in Frankfurt über die Schrift Wendels hergefallen ist, aber auch nichts ehrenvoller für den Verfasser, der sich eine schlagendere Bestätigung seiner überall auf urkundlichem Material fußenden Geschichtserzählung gar nicht wünschen konnte.
Es versteht sich, dass Wendel den preußischen Henkersdienst an der Stadt Frankfurt mit denselben erschreckend wahren Farben schildert, wie das Treiben der armen Sünder, die daran glauben mussten. Für unsereinen ist es ja leicht, in diesen Dingen unparteiisch zu sein, zumal da die Preußen aus der Freien Stadt wohl eine Ruine machen, aber nicht das neue Leben vernichten konnten, das aus dieser Ruine bereits empor blühte. Die Anfänge der Frankfurter Arbeiterbewegung schildert Wendel in seinem letzten Kapitel, und mit Recht sieht er in ihnen einen herrlichen Anfang, der alle Nichtigkeit und Niedrigkeit vergangener Tage auslöschte.
Alles in allem sind die Monografien Laufenbergs und Wendels ausgezeichnete Beiträge zur Parteigeschichte. Wenn die eine kein Hamburger, die andere kein Frankfurter Arbeiter wird missen wollen, so gehören beide zu den Zierden jeder Arbeiterbibliothek.
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