[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 4, 19. Februar 1896, S. 25 f.]
Frauenrecht, und zwar auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens, des politischen Lebens, stand in der letzten Zeit wieder einmal im Mittelpunkt der Reichstagsverhandlungen. Und wieder war es die in allen Richtungen vorwärts drängende, das träge Regen und Bewegen der kapitalistischen Gesellschaft anpeitschende Sozialdemokratie, welche die Frage anschnitt durch ihren Initiativantrag, ein einheitliches und freiheitliches Vereins- und Versammlungsrecht des Reichs für beide Geschlechter betreffend. sie war es auch, die sich betätigte als die entschiedenste Vorkämpferin eines Rechts, das die natürliche Konsequenz des neuzeitlichen Wirtschaftslebens ist, die natürliche Konsequenz der aus diesem erwachsenen bürgerlichen Freiheit. Für diese Freiheit hat einstens auch die deutsche Bourgeoisie geschwärmt, „lang, lang ist’s her“. Aber wie der Märzenschnee an der sonne ist ihre ehemalige Begeisterung zusammengeschmolzen, und wie sie jederzeit bereit ist, um der dreißig Silberlinge des kapitalistischen Profits willen die bürgerliche Freiheit zu verraten, so weigert sie sich auch starrnackig, die Konsequenzen derselben bezüglich der Frauenrechte zu ziehen. Welche Gründe ihrer Haltung sie auch immer beteuert: weit weniger die zopfigen Philistervorurteile sind heutigen Tags für ihre Inkonsequenz maßgebend, als die Geldsacksinteressen, als die Furcht vor dem klassenbewussten Proletariat, dessen Kampf jede Erweiterung der politischen Rechte am Ende zu Gute kommt. Dies erhellte auch aus den Debatten, die bis jetzt zur Frage des unbeschränkten Vereins- und Versammlungsrechts für beide Geschlechter stattfanden. Was in der und jener Rede nur leise anklang, nur verschämt durchblickte, das versicherte ausdrücklich einer der zynischsten und täppischsten Klopffechter der kapitalistischen Klasse: der sattsam bekannte Duellpastor Schall.
Noch sind die durch eine prächtige Rede von Auer eingeleiteten Erörterungen über die Frage nicht abgeschlossen. Wir werden, sobald dies der Fall, an anderer Stelle ausführlich darüber berichten. Aber schon der bisherige Gang der Verhandlungen zeigt klärlich, dass außer der Sozialdemokratie keine einzige politische Partei geschlossen für das Recht der Frau auf volle Vereins- und Versammlungsfreiheit eintritt. Damit ist auch das Schicksal des Antrags besiegelt, soweit er sich auf erweiterte öffentliche Rechte des weiblichen Geschlechts bezieht.
Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Forderung, auch den Frauen unbeschränktes Vereins- und Versammlungsrecht auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete zuzuerkennen, wird wieder- und wiederkehren, weil sie Dank der vom Kapitalismus geschaffenen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse wiederkehren muss, weit unfehlbarer als die Schwalben mit der Frühlingszeit. Die profunde Unwissenheit eines Pastor Schall mag allerdings in ho!der Ideengemeinschaft mit dem spießbürgerlich beschränkten Philosophen des Unbewussten, Eduard von Hartmann, in der Frauenfrage nichts sehen als eine „alte Jungfernfrage“. sie mag davon träumen, dass diese Frage durch eine Junggesellensteuer gelöst werden könne. Am sausenden Webstuhl der Zeit sitzen Mächte und schaffen Bedingungen, welche mit eisernem Drucke die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts erzwingen, welche, wenn die Stunde gekommen, auch den widerstrebendsten Gewalten das Vereins- und Versammlungsrecht wie das Stimmrecht für die Frauen abtrotzen.
Die wirtschaftstechnische Revolution, die sich vollzogen, die sich noch stetig vor unseren Augen weiter vollzieht, hat für Millionen von Frauen die Unmöglichkeit geschaffen, des Lebens Unterhalt und Inhalt in der Familie zu finden. sie müssen dem Manne gleich „hinaus ins feindliche Leben“, müssen dort „wirken und streben“, werden von der Not eherner Faust hinein gebannt in das tosende Wirtschaftsgetriebe unserer Zeit. Mehr als 700000 Frauen frondeten 1894 in der deutschen inspektionspflichtigen Großindustrie, nach Hunderttausenden beziffern sich die Arbeiterinnen der Kleinindustrie, der handwerksmäßigen Betriebe, der Hausindustrie. Ihnen gesellen sich zu das Heer der Frauen, die im Handelsgewerbe tätig sind, die große Zahl der weiblichen Dienstboten in Stadt und Land, die Scharen der Arbeiterinnen, die in der Landwirtschaft und Forstkultur ihr Brot zu erwerben suchen. Mit jedem Jahre wächst die Zahl der Lehrerinnen, der weiblichen Beamten im Verkehrswesen, der Schriftstellerinnen, Übersetzerinnen, Malerinnen, Musikerinnen, Journalistinnen etc. Bereits 1882 betrug in Deutschland die Zahl der erwerbstätigen Frauen rund 5½ Millionen, d.h. fast ein Viertel der gesamten weiblichen Bevölkerung des Reiches. Und wie revolutionierend hat nicht seit jenem Jahr in die proletarischen, aber auch in die klein- und mittelbürgerlichen Familien die wirtschaftliche Entwicklung eingegriffen, die mit des Dampfes Kraft, der Elektrizität schnell vorwärts treibt. Davon werden die Ergebnisse der letzten Berufs- und Gewerbezählung zeugen.
Aber verschwindend klein ist die Zahl der für ihren Unterhalt von der Familie losgelösten Frauen, welchen im wirtschaftlichen Leben die Rolle des Hammers zugefallen ist. Die weitaus überwiegende Majorität von ihnen muss Amboss sein, muss an Stelle der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne die vom Kapitalisten auf sich nehmen, der mit Skorpionen züchtigen kann, wo dem Manne das Recht zustand, Zucht mit der Peitsche zu üben.
Diese Frauen, die Proletarierinnen, die der Armut Fluch zu Nutz und Frommen des Kapitals hier an die Maschine schmiedet, dort „hungernd mit dem Hirn zu pflügen“ zwingt, sie bedürfen der unbeschränkten Vereins- und Versammlungsfreiheit als eines Lebensrechts, einer unentbehrlichen Waffe im Kampfe ums Dasein. Denn in dem kraft der Klassenspaltung unvermeidlichen, naturnotwendigen Krieg um die Interessen von Kapital und Arbeit empfinden sie als wirtschaftlich Schwache täglich, stündlich das vae victis! Wehe den Besiegten. Wehrlos stehen sie Kapitalistengewalt, Kapitalistenwillkür gegenüber, so lange die Organisation nicht die Einzelnen zu einer Macht zusammenschweißt, die zielbewusst und planmäßig wider den Feind ringt und kämpft. Die kapitalistische Ausbeutung der proletarischen Frau und die unbeschränkte Koalitionsfreiheit des weiblichen Geschlechts sind zwei aufeinander folgende Glieder ein und der nämlichen Entwicklungskette.
Die Koalitionsfreiheit der Arbeiterin ist jedoch ein leeres Wort, ist Schall und Rauch, so lange dem weiblichen Geschlecht nicht volles Vereins- und Versammlungsrecht auch in politischer Beziehung durch Gesetzeskraft zuerkannt ist. Denn derart greifen heutigen Tags wirtschaftliches und politisches Leben ineinander, so innig sind sie mitsamt verquickt, das bei Fragen über Fragen eine Trennung der wirtschaftlichen von der politischen Seite so unmöglich ist, als die Annahme, der Scharfmacher von Neunkirchen könne je zum Vorkämpfer werden für Arbeiterrecht. Aber was Laienverstand nicht zu scheiden vermag, das erkennet und erklügelt in Sachen des Vereins- und Versammlungsrechts der Proletarierinnen Beamtenwitz im Klassenstaat, im bürgerlichen Staat, dessen ureigenste, neunmal heilige Aufgabe es ja ist, die kapitalistische Ausbeutung und Herrschaft zu schirmen und aufrecht zu erhalten. Die den Arbeiterinnen verfassungsgemäß gewährleistete blutarme Koalitionsfreiheit zerstiebt in Nichts an Polizeiwillkür und Juristenweisheit. Bajuwarisches Vereins- und Versammlungswesen erweist das zweifelsohne.
Das unbeschränkte Vereins- und Versammlungsrecht auch in politischer Beziehung ist deshalb eine Lebensnotwendigkeit für das weibliche Proletariat, ist eine Forderung brennendster Dringlichkeit auch für die männliche Arbeiterschaft, welche die Schmutzkonkurrenz der Frauenarbeit nur dadurch zu mildern vermag, dass sie die Arbeiterinnen organisiert zum Kampfe führt gegen den gemeinsamen Feind. Angesichts dieser Sachlage kann die bürgerliche Gesellschaft – auch im europäischen Reiche der himmlischen Mitte – dem weiblichen Geschlecht das volle Vereins- und Versammlungsrecht auf die Dauer nicht vorenthalten. Mögen einstweilen noch bürgerliche Politiker aller Schattierungen mit mehr oder weniger Überzeugung oder Heuchelei gegen die sozialdemokratische Forderung deklamieren. Fromme und weltliche Salbaderei wird schließlich verstummen müssen vor dem vielmillionenstimmigen Rufe der zielbewussten Proletarierinnen, die, unterstützt von ihrer Klasse, der kapitalistischen Gesellschaft wieder und wieder erklären: Wir fordern unser Recht!
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