Clara Zetkin: Die alte Geschichte vom Splitter und Balken

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 2. Jahrgang (wenn man die „Arbeiterin“ mitzählt) Nr. 3, 8. Februar 1892, S. 25 f.]

Die konservative „Post“ hat sich bemüßigt gefunden, mit sittlichster Entrüstung, welcher die pharisäerhafte Heuchelei und infame Verlogenheit aus allen Poren schwitzt, gegen die „irrationelle Lebensweise mancher Arbeiterkreise“ loszuziehen und bei der Gelegenheit die deutschen Arbeiterfrauen wegen „ihrer geringen haushälterischen Ausbildung“ tüchtig abzukanzeln. Die meisten deutschen Arbeiterfrauen, so führt das Organ des „gemäßigten“ Junker- und Muckertums aus, seien in der Haushaltungskunde hinter den Arbeiterfrauen anderer Länder entschieden zurück: sie kochen schlecht, ihre Unordentlichkeit und Kenntnislosigkeit muss für die unsaubere, liederliche Kleidung der Arbeiterfamilie verantwortlich gemacht werden, sie besitzen keinen Sinn für Ordnung, Häuslichkeit, Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit, kein Verständnis für die liebevolle Pflege des Mannes und die gute Erziehung der Kinder. Die biedere „Post,“ welche nebenbei in einem elegischen Seufzer die Klage aushaucht, dass nicht allen Mädchen des werktätigen Volks die patriarchalischen Segnungen eines Gesindedienstes zuteil werden, verlangt am Schluss ihrer Auslassungen, dass die wirtschaftliche Erziehung der Mädchen aus dem Arbeiterstande durch das Gesetz in die Hand genommen werden müsse. Mit naiver Offenherzigkeit plaudert sie aus, zu welchem Zweck sie dem Arbeiter eine „reinliche Wohnung und eine gut zubereitete Hausmannskost“ freundlichst gönnen will. Der Arbeiter soll sich in Folge einer besseren wirtschaftlichen Ausbildung der Frauen an „einer angenehmen Häuslichkeit“ erfreuen, damit er aus den Krallen der Sozialdemokratie gerissen werde, „sich nicht regelmäßig in Destillationen an Zukunftsstaatsplänen berausche.“ Nachdem Pastor Iskraut gegen die Sozialdemokratie die Knüppelgarde ohne Erfolg organisiert, hat die „Post“ den heiteren Plan ausgeheckt, den Feinden der „gottgewollten und sittlich gerechtfertigten Ordnung“ mit einer Suppengarde auf den Leib zu rücken. Einen Orden für den genialen Artikelschreiber, der zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, in einem Atem der in tausend Ängsten zitternden Gesellschaft ein unfehlbares Rettungsmittel empfohlen und die begehrlichen Arbeiter mit handgreiflicher Deutlichkeit daran erinnert hat, wie ungesund sie wohnen, wie miserabel sie essen, wie erbärmlich sie sich kleiden, das Alles natürlich – aus eigener Schuld.

Gewiss, nicht nur „manche Arbeiterkreise,“ vielmehr fast die gesamte Arbeiterklasse leidet heutzutage durch eine „irrationelle Lebensweise.“ Allein es gehört echt junkerlich bornierte Einsichtslosigkeit gepaart mit verstoeckerter Verlogenheit dazu, den Unverstand und die Nachlässigkeit der Proletarier für die diesbezüglichen Verhältnisse verantwortlich zu machen. Die große Masse der Arbeiterfamilien wird durch ihre Klassenlage zu einer der Vernunft, den Rücksichten auf die Gesundheit, den Komfort, die Schönheit Hohn sprechenden Lebensweise gezwungen. Der Verdienst des Mannes, ist auch derjenige der gesamten Familie, reicht gerade hin, einen dürftigen Lebensunterhalt zu sichern. Und wie oft vermag er auch das nicht mehr zu leisten! In den seltensten Fällen nur ist es hier möglich, im Handumdrehen, wie die „Post“ auf dem Papier, die Quadratur des Zirkels zu lösen und auf Grund der schmalen Einnahme die „erreichbar größte Menge und die erreichbar beste Qualität der Lebensmittel“ zu beschaffen. Der Arbeiter muss von der Hand in den Mund leben, er kann nicht warten, bis sich sein Lohn so hoch angesammelt hat, dass er wie der erste beste Kommerzienrat im Großen, mithin billig und gut einkaufen kann. Seine Frau, welche in Fabrik und Werkstatt schaffen muss, hat nach Feierabend nicht die Zeit, einen weiten Weg zu machen, um die besten und billigsten Bezugsquellen aufzusuchen. Dazu muss die Arbeiterfamilie nur zu oft mit der Entnahme der Lebensmittel auf Kredit rechnen, bei dem nächsten Kleinkrämer einkaufen, der borgt, weil er in Gestalt höherer Preise, geringeren Gewichts, schlechter Qualität der Waren wucherische Profite zieht. Dem Arbeiter, der Arbeiterfrau sind die betreffenden Nachteile für ihre Wirtschaftsführung sehr wohl bekannt, aber was tun, angesichts der Unmöglichkeit, ihre Arbeits-, ihre Erwerbsverhältnisse, die Grundlage ihrer Haushaltung zu ändern? Wenn es Jemand fertig bringen muss, mit fortwährender Berücksichtigung des Problems „billig und gut“ zu wirtschaften, so ist es die Arbeiterfrau, die sich Woche für Woche der Notwendigkeit gegenüber befindet, mit einem geringen Wirtschaftsgeld viele hungrige Mägen zu füllen, und die ebenso gern wie irgend eine „Gnädige“ Mann uns Kinder in freundlicher Wohnung und reiner Kleidung sehen möchte.

Wunderbar nur, dass die in zarter Fürsorge für die rationelle Lebensweise der Arbeiter schwärmende „Post“ eine sehr wichtige Seite des Kapitels schweigend überblättert. Wir meinen die nicht nur „irrationellen,“ sondern geradezu mörderischen Verhältnisse, welche bezüglich der Länge der Arbeitszeit, der Intensität, mit der die proletarische Arbeitskraft ausgenutzt wird, für die Existenz des Arbeiters vorliegen, seine Lebenskraft bedrohen, seine Tage kürzen.

Aber freilich wäre es in der Beziehung der „Post“ schwer gefallen, die Proletarierin mit „ihrer geringen haushälterischen Ausbildung“ zum Sündenbock zu stempeln, sie mit den Missetaten der kapitalistischen Gesellschaft als Schuldige zu denunzieren, welche die misslichen Lebensverhältnisse ihrer Klasse auf dem Gewissen hat.

Leichter war es schon, ihr mit der erforderlichen unverfrorenen Verdrehung der Tatsachen die Schuld für die Missstände aufzubürden, die sich betreffs der Nahrung, Wohnung und Kleidung der Arbeiter in sinnenfälligster Weise breit machen. Die meisten Proletarierinnen befinden sich heutzutage nicht in der Lage, am häuslichen Herde schalten und walten, den Hausgeschäften, der Pflege der Kinder den größten Teil ihrer Zeit widmen zu können. Die Notwendigkeit, den sinkenden Lohn des Mannes zu ergänzen, hat ebenso sehr wie die Gier des Unternehmertums nach billigen Arbeitskräften darauf hingewirkt, dass die Proletarierin aus einer Hausfrau in eine industrielle Berufsarbeiterin verwandelt worden ist.

Die Frau, welche tagsüber 12, 14 und noch mehr Stunden schwer in ihrem Beruf außer dem Hause schaffen muss, ist nach Feierabend nicht mehr imstande, nach Davids Kochbuch sorgfältig zubereitete Mahlzeiten herzustellen, Küchenchemie zu treiben, die Wohnung mit zierlichen Erzeugnissen weiblicher Handarbeit zu schmücken, den Kindern bei den Schularbeiten behilflich zu sein, in jeder Minute erzieherisch auf sie einzuwirken, dem Manne eine anregende, verständnisvolle Gesellschaft zu bieten. Es ist noch aller Ehren Wert, wenn sie es – meist mit Drangabe ihrer Nachtruhe – durchsetzt, irgend eine warme Mahlzeit zusammen zu brauen, die Wohnung vom gröbsten Schmutz zu säubern, Kinder und Mann in Bezug auf Wäsche und Kleidung nicht ganz verlumpen zu lassen.

Der Klassenlage der Proletarierin gegenüber bedeutet es einen Schlag ins Wasser, von Gesetzeswegen die häusliche Ausbildung der Mädchen des Proletariats zu dekretieren. Was nützen alle Kurse über Haushaltung und Wirtschaftsführung, wenn die Töchter der Arbeiter von frühester Jugend an aus der Familie hinaus zum Erwerb müssen? Welchen Vorteil ziehen die Arbeiterfrauen aus ihrer besseren hauswirtschaftlichen Ausbildung, wenn sie vom frühen Morgen bis späten Abend zum Schaffen in Fabrik und Werkstatt gezwungen sind, wenn sie nicht zuerst danach fragen können, wie sie am besten und vorteilhaftesten wirtschaften, am behaglichsten leben möchten, wenn sie vielmehr beständig sorgen müssen, dass sie überhaupt fort wirtschaften, kümmerlich weiterexistieren können? Zuerst muss die Frage gelöst werden, woher das Stück Brot nehmen, erst später die andere, wie soll es verspeist werden. Was vermag die beste wirtschaftliche Ausbildung der Frau gegenüber der Tatsache, dass der Verdienst des Mannes tiefer und tiefer sinkt? Aus Nichts vermag auch die geschickteste Köchin nicht ein kräftiges, wohlschmeckendes Mahl zu bereiten.

Will man ernstlich für die rationelle Lebensweise der Arbeiter und Arbeiterinnen etwas tun, so sorge man zuerst für menschenwürdige Löhne, so sorge man für eine Verkürzung der Arbeitszeit für alle Proletarier ohne Ausnahme. Eine Verkürzung der Arbeitszeit wird der Frau erlauben, sich wieder mehr der Pflege der Kinder, der Führung der Hausgeschäfte zu widmen, sie wird es dem Manne möglich machen, täglich ein paar Stunden im Kreise der Seinigen zu verbringen, das Haus- und Familienleben der Arbeiter wird sich heben. Höhere Löhne werden die Proletarierfamilien in den Stand setzen, vorteilhafter und rationeller zu wirtschaften. Aber für beide Forderungen sind die Herren von der „Post“ ebenso wenig wie die Vertreter anderer bürgerlicher und junkerlicher Kreise zu haben. Der Profit vor Allem und dann – ein wenig Flunkerei und Heuchelei mit dem Interesse für Arbeiterwohl.

Fühlt sich die „Post“ durchaus dazu berufen, als Prediger in der Wüste über rationelle Lebensweise und hauswirtschaftliche Ausbildung der Frauen vor tauben Ohren zu salbadern, so wende sie sich an andere Kreise, als an die der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die nämlichen Missstände, welche die Not bei dem Proletariat, hat der Überfluss bei den oberen Zehntausend erzeugt. Das Zuviel an der Spitze, das Zuwenig an der Basis der gesellschaftlichen Stufenleiter zeitigt die gleichen Folgen. Die Kochkunst der „Gnädigsten“ und „Allergnädigsten“ von feudalen Raubrittertums oder von modernen Industrierittertums Gnaden beschränkt sich meist darauf, mit feinem Zünglein zu kosten, was die „perfekte Köchin,“ der französische Koch bereitet. Ohne das harte Mühen der fleißigen Hände von Proletarierinnen würde der Glanz ihrer Prachtwohnungen bald unter Staub und Spinnengewebe verschwinden. Die „liebevolle Pflege“ des Mannes überlassen die Damen der besseren Stände dem Dienstpersonal und den Mätressen hohen und niederen Grades. Das, was sie als Mütter leisten, ist in der Regel nicht mehr, als dass sie Töchter in die Welt setzen, für deren Toiletten und Mitgift das werktätige Volk in Gestalt von Liebesgaben an die notleidenden Schnapsbrenner und Agrarier aufkommen muss, und dass sie Söhnen das Leben geben, deren Spielschulden, Pferdesport und sonstige „noble Passionen“ aus der gleichen Quelle gedeckt werden. Hübsch vor der Tür der Klasse kehren, deren Interessen man vertritt, verehrte „Post,“ dort gibt es Schmutz genug.


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