Clara Zetkin: Weihnachtsbotschaft

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 26, 17. Dezember 1902, S. 201 f.]

Weihnachten, du Fest ewig grünender, ewig verratener Menschheitshoffnung auf ein Empor, grüßt du uns wieder im feierlichen Schimmer deiner Millionen Kerzen, im harzigen Duft deiner vielen Tannen, welche innige Liebe wie starres Herkommen, vertrauensseliger Glaube wie berechnende Heuchelei schmückt! Mit ehernen Zungen künden deine Glocken allen christlichen Landen die frohe Botschaft: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Wie beredt mahnt sie in diesen Zeitläuften schärfsten Gegensatzes und Kampfes zwischen der Welt der Darbenden, Unfreien, Zertretenen und der Welt der Genießenden und Knechtenden an alles, was das Christentum in seiner fast zweitausendjährigen Entwicklung und Herrschaft den zahllosen Scharen der Ungenannten schuldig geblieben ist. Nicht Friede und Freude ist es darum, das die Christglocken den Wissenden läuten, es ist Sturm und Kampf.

Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen! Mit zermalmendem Tritt schreitet die Krise durch unser Wirtschaftsleben. Im Proletariat Tausende und Abertausende von Arbeitslosen, die Brotlose sind, welche nicht einmal am Festtag eine Antwort finden auf die Frage: „Was werden wir essen, was werden wir trinken?“; Arbeitslose, die als Heimatlose, Obdachlose die Straßen füllen und auch am heiligen Abend nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen. In den Schichten der kleinen Gewerbetreibenden Hunderte und Aberhunderte von Existenzen, die zerschmettert am Boden liegen, die aus den Reihen der Selbständigen in die dunklen Fluten des Proletariats hinabgeschleudert worden sind. Und über dem unsäglichen Jammer der Massen, von ihrem Elend gespeist, der trunkene Jubel einer winzigen Minderheit, die auch aus diesen Nöten als Sieger hervorgeht. Wohin der Blick friede- und freudeheischend sich wendet, der erbarmungslose Krieg Aller gegen Alle.

Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen! Manch eine Mutter weint über den gefallenen oder siechen Sohn, der das Evangelium der gepanzerten Faust, das Evangelium von „Seiner Majestät geheiligten Person“ in China Denen künden musste, die es hören wollten und Denen, die es nicht hören wollten. Die letzten Verzweiflungsschreie des zu Nutz und Frommen spekulierender Grubenkapitalisten niedergezwungenen Burenvolkes klingen in ein Stammeln um Bettleralmosen aus. In allen Ländern „christlicher Kultur“ die Herrschaft des bewaffneten Friedens; die Massen erdrückt unter der Last des Militär- und Marinebudgets, bedroht von den Gewehren, welche so gern gegen den „inneren Feind“ losgehen möchten.

Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen! Im Reichstag tobt das Zollbrigantentum und stampft im frevelhaften Beute- und Machthunger Recht und Gesetz unter die Füße. Schamlos reißt es den Armen und Ärmsten den Bissen vom Munde und überschüttet Schlossherren und Industriekönige mit einer überschwänglichen Fülle von Gaben. Zur Schröpfung der Volksmassen die Entrechtung! Nach der Aichbichlerei, welche die alte Form der namentlichen Abstimmung eskamotierte, die Kardorffiade, welche die Beratung der einzelnen Zolltarifposten erdrosselt, die Geschäftsordnungsdebatten durch Mehrheitsbeschluss gewaltsam kürzt und den Zollwucher mittels einer einzigen Abstimmung in die Scheunen bringt. Nach der Kardorffiade die lex Gröber, welche die Worterteilung zur Geschäftsordnung vom Belieben des Reichstagspräsidenten abhängig macht, die Redezeit zur Geschäftsordnung auf fünf Minuten beschränkt und mithin die Diktatur eines Vorsitzenden schafft, der nicht mehr der Geschäftsführende und Vertrauensmann aller Abgeordneten ist, sondern nur der „Hausknecht“ der raffgierigen, gewissenlosen, zolltollen Mehrheit. Zur Niederbüttelung der Zollgegner die feigenblattlose Willkür an Stelle des Rechtes gesetzt, die Anarchie an Stelle der Regel, des Gesetzes. Die Anwälte und Wortführer der breiten Volksmassen geknebelt, mundtot gemacht, der Möglichkeit beraubt, im Namen und Auftrag der Plünderungsgeweihten ihre Stimme zur tödlichen Kritik, zum flammenden Protest wider den Zollraub zu erheben. Das verfassungsgemäß festgelegte Recht jeder Minderheit im Parlament auf freie Meinungsäußerung zerbrochen. Der Reichstag zur eklen Schacherbude entwürdigt, die parlamentarischen Verhandlungen zur widerlichen Posse erniedrigt, das Lebensprinzip des Parlamentarismus selbst getroffen.

Wahrlich, die Weihnachtstage sind in eine Walpurgisnacht der Reaktion verkehrt, wie sie toller, höllischer nicht ersonnen werden kann. Überwältigend herrlich offenbart sich dem nach Brot und Recht hungernden Volke die steigende Ethik, der wachsende Gerechtigkeitssinn der bürgerlichen Klassen, Ethik und Gerechtigkeitssinn, von denen sozialreformelnde bürgerliche Bettler und hoffnungsvolle proletarische Toren eine Milderung der Klassengegensätze und des Klassenkampfes erharrten. Da haben wir es vor uns, das letzte Wort der Ethik der Besitzenden, es lautet: Zollwucher. Da starrt es uns entgegen, das letzte Wort des Gerechtigkeitssinnes der Herrschenden: es heißt parlamentarisches Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie, gegen das kämpfende Proletariat. Hinter der Plünderung der Werktätigen und der parlamentarischen Entrechtung ihrer Volksvertretung hockt aber sprungbereit, nur notdürftig versteckt, der fiebernde Wille zur politischen Entrechtung der Volksmassen selbst, zum Wahlrechtsraub. In greifbaren Erscheinungen verkörpert schreiten sie durch das öffentliche Leben, jene Begriffe und Tatsachen, welche von den „Gutgesinnten“ als Scheuel und Gräuel verfemt werden, wenn die Ausgebeuteten sie bewusst der heutigen Gesellschaft entgegenstellen, welche dagegen salonfähig, hoffähig, ja heilig sind, sobald die Ausbeutenden sie ihren Interessen dienstbar machen: der Klassenhass, der Klassenkampf, die Klassendiktatur.

Innerlich zwingender noch als die Zollgier ist es das Machtbedürfnis, das die Besitzenden und Herrschenden in diesen Tagen von Infamie zu Infamie, von Gewalttat zu Gewalttat treibt. Sie kämpfen um die Macht zur Ausbeutung und Versklavung der Habenichtse, die sich „meuternd“ für ihr Menschentum, ihre Freiheit und Kultur erhoben haben. Denn die Weihnachtsbotschaft: Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen, ist ihnen aufs Neue erklungen. Aus stumpfsinniger Ergebung hat sie dieser Ordnung Bürdenträger zu kraftvoller Hoffnung geweckt und ihre scheue Verzweiflung zu trotzigem Kampfesmut aufgepeitscht. Das neue Evangelium zeigt ihnen die heilige Stadt des Friedens, der Freude für Alle: die sozialistische Gesellschaft. Es weist ihnen den Weg, der durch die Wüste der kapitalistischen Gesellschaft dahin führt: den nimmer rastenden Kampf. Die Heilsbotschaft ist verstanden worden. Kein Wohltaten Erflehender, ein Recht Heischender; nicht länger ein willenloser Sklave, ein trotziger Rebell; kein entsagender Dulder, ein kraftgeschwellter, begehrender Kämpfer: so steht das Proletariat in unseren Tagen auf der Bühne der Geschichte. Von der Klasse Not zu einem Wollen fest zusammengeschweißt, von der unerbittlichen Logik der Tatsachen zur Zielklarheit erzogen, so läuft es Sturm wider die kapitalistische Ordnung. Was Wunders da, wenn deren Nutznießer sich mit allen Mitteln rüsten, den anrückenden Eroberer zurückzuwerfen? Heraus gegen ihn mit Allem, was Rettung verspricht: von dem Messen mit zweierlei Maß, der Zertrümmerung des Rechtes im Parlament, den ächtenden Kaiserreden gegen die „vaterlandslosen Gesellen“, dem „stillen Manne aus der Werkstatt“ bis zur Hoffnung auf den Staatsstreich und die Kanonen jenes Ehrenmannes Krupp, der das Vaterland der Gnade würdigte, sich von ihm Panzerplatten und Granaten um Millionen teurer bezahlen zu lassen, als von unseren „Erbfeinden“ und „Erbfreunden“. Macht Wider Macht, so will es der Geschichte Lauf. Lautestes Schlachtgetöse des Klassenkampfes umhallt deshalb Tannenbaum wie Altar und mischt sich mit Kinderjubel, Christmettengeläute und frommen Chorälen.

Gerüstet und gewappnet, in Kriegsstimmung, trotz winterlicher Kälte „Gewitterwind witternd“, feiert das deutsche Proletariat seine Weihnachten als Symbol der nimmer welkenden Wunderblume vertrauensgläubigen Hoffens, die wieder und wieder aus dem Boden des Massenelends empor sprosst Die Heilsbotschaft, die ihm die Glocken läuten, ist nicht länger ein sehnsuchtsschwerer Glauben, es ist ein überzeugtes, wohlbegründetes Wissen. Darum trägt das Proletariat die Waffen bereit zum siegenden Streit. Es weiß, dass von seiner weltgeschichtlichen Mission als Erlöser seiner selbst und der ganzen Menschheit das Wort des Nazareners gilt: „Ich bin das Schwert, ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern den Krieg.“ Kühn schreitet es, von dem Sturmglockengebraus der politischen Ereignisse gerufen, dem Kampfe entgegen. „’S ist der Geschichte ew’ges Muss.“


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