[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 2, 15. Januar 1902, S. 9 f.]
Vor der unheiligen Bundeslade der junkerlichen Zollwucherer tanzt keine der reaktionären Parteien mit größerer Inbrunst als das Zentrum. Die vom Regierungsentwurf vorgesehene Erhöhung der Zollsätze auf Getreide dünkt ihm bekanntlich noch allzu bescheiden, der Raub am werktätigen Volke, zu dem diese Erhöhung allein schon führen müsste, noch allzu gering. Aber kaum eine der reaktionären Parteien verquickt dem Zentrum gleich die Politik schamlosesten arbeiterfeindlichen Zollwuchers mit der Politik verwerflichster Reformheuchelei. Der Zollwucher ist nicht nur bestimmt, der Not der Landwirtschaft dadurch abzuhelfen, dass er Krautjunkern, Eisen- und Baumwollbaronen Zehntausende und Hunderttausende in die wohlgefüllten Taschen leitet. Er soll auch Mittel zu dem Zwecke sein, die Arbeiterklasse mit einer Witwen- und Waisenversicherung zu bedenken. Also lautet das Eiapopeia, mit dem die Zentrumspolitiker den „großen Lümmel“ der greinenden und rebellierenden katholischen Arbeiterschaft vor der drohenden Gefahr der Ausplünderung einzulullen suchen.
Warum nicht der feigenblattlose, phrasenlose Zollwucher? Warum die Liebesmüh‘ der Herren, ihr reformeifriges, arbeiterfreundliches Herz zu entdecken? Die Antwort liegt nahe genug. Keine der reaktionären Parteien muss in diesen bösen Tagen des allgemeinen Wahlrechts wie das Zentrum mit den proletarischen Massen großer Industriezentren rechnen. Keiner brennt deshalb wie ihm das Feuer der Notwendigkeit auf den Nägeln, diese Massen durch irgend ein Kunststück politischer Taschenspielerei über den eingeleiteten Verrat ihrer Interessen zu täuschen, ihre Aufmerksamkeit durch ein vorgehaltenes Zuckerbrötchen zu fesseln, um ihnen die bittere Pille: Verteuerung der Lebenshaltung und Verschlechterung der Erwerbsverhältnisse in den Mund zu schieben.
Wahrhaftig: würden die proletarischen Zentrumsanhänger auf diesen plumpen Schwindel hineinfallen, sie hätten die Stockprügel auf den Magen verdient, mit denen sie das Zentrum in seiner „Arbeiterfreundlichkeit“ ebenso gnädig als reichlich regalieren will. Denn wie liegen die Dinge?
Zunächst sieht der Zolltarifentwurf der Regierung nirgends mit einer Silbe vor, dass die durch den Zollwucher erhöhten Reichseinnahmen für Zwecke der Witwen- und Waisenversicherung verwendet werden sollen. Was vorliegt, sind nichts als unverbindliche Anregungen und Wünsche einzelner Zentrumsmänner, denen ein junkerlicher Vorkämpfer des Zollwuchers mit einem verständnisinnigen Augurenlächeln zunickte. Auch wenn diesen Anregungen, die sich vielleicht zu einem Antrage verdichten, die höflichste Verbeugung des bestgescheitelten Regierungsmannes zuteil würde: am Ende ständen die Zentrumsleute sicherlich wieder einmal als „blamierte Europäer“ und nicht als erfolgreiche Sozialpolitiker da. Die Regierung hat behufs Erhaltung des Junkertums als herrschende Klasse nicht bloß dafür zu sorgen, dass Dank des Zollwuchers erhöhte Einnahmen die Hammersteine jeglichen Namens davor schützen, den Unterhalt ihrer Flora Gass und die Spielschulden ihrer „harmlosen“ Söhne mit dem Zuchthaus bezahlen zu müssen. Als Dienerin der herrschenden Klassen überhaupt muss sie darauf bedacht sein, die fantastisch anschwellenden Kosten der kapitalistischen Klassenpolitik zu decken, ohne dass die bemitleidenswürdigen „schwächeren“ Schultern der Besitzenden durch eine progressiv stark steigende Einkommens- und Vermögenssteuer belastet werden. Was die Reichskasse vom Ertrag des Zollwuchers abbekommt, muss helfen, die Löcher zu stopfen, welche Militarismus, Seegewaltsträume und Weltfeldmarschallslorbeeren in das Budget reißen. Eine bessere Fürsorge für Witwen und Waisen gehört zu jenen Kulturaufgaben, für welche das Deutsche Reich in seiner glorreichen Herrlichkeit nie genügend Mittel übrig hatte und übrig haben wird.
Jedoch gesetzt auch, das Unbegreifliche würde Ereignis, dem Zentrum gelänge es, gegen wucherische Zollsätze eine Witwen- und Waisenversicherung einzuhandeln. Die Arbeiterklasse müsste dann nur einen winzigen Vorteil mit einem unendlichen Schaden bezahlen. Nur der kleinste Teil der Ergebnisse des Zollwuchers fließt in die Reichskasse und könnte günstigsten Falles zu Gunsten der Witwen und Waisen aufgewendet werden: nur der Ertrag der Zölle auf die eingeführten ausländischen Waren. Der Löwenanteil strömte in Gestalt künstlich gesteigerter Preise für die betreffenden einheimischen Erzeugnisse den agrarischen Schnapphähnen und einzelnen Gruppen von Schlotjunkern zu. Von den vielen Hunderten von Millionen, um die zum Beispiel hohe Zölle auf Brotkorn die Existenzkosten des werktätigen Volkes verteuern, kommt der Reichskasse nicht mehr als etwa ein Neuntel zu Gute, den übergroßen Rest säckeln die Großgrundbesitzer ein. Riesensummen zwänge also der Zollwucher den arbeitenden Massen ab und würfe sie Reichen und Sehrreichen in den Schoß. Wahre Bettelpfennige dürften sie dagegen durch Vermittlung des Reiches für ihre Witwen und Waisen aufwenden.
Die Zahl der Witwen und Waisen aber würde der Zollwucher obendrein beträchtlich vergrößern. Die Wissenschaft hat schon längst statistisch nachgewiesen, dass in Zeiten der Lebensmittelteuerung und des schlechten Erwerbs die Zahl der Erkrankungen steigt, Hungertyphus und andere Seuchen weite Verbreitungsgebiete finden, die Ziffer der Todesfälle in die Höhe geht. Indem der Zollwucher den Lebensbedarf künstlich verteuert, den Verdienst unsicher gestaltet und schmälert: schafft er Witwen und Waisen. Tausenden und Zehntausenden proletarischer Männer und Frauen kürzt er freventlich das Leben, weil er sie mit stärkerer Arbeitsqual und schwereren Sorgen belastet und sie zu einer entbehrungsreicheren Lebenshaltung zwingt. Das Zentrum fügt der Brutalität der Ausraubung der arbeitenden Massen noch die Schamlosigkeit der Verhöhnung der Beraubten hinzu, wenn es dieselben für die Plagen des Zollwuchers mit dem Hinweis auf eine Versicherung der Witwen und Waisen vertröstet. Die verheißene „Wohltat“ gleicht der „Wohltat“ eines Straßenräubers, der Jemand niederknüttelt und bis aufs Hemd ausplündert, ihm aber zur Entschädigung für alle Leiden entweder die paar Kupferpfennige in die Hand drückt, die er unter den geraubten Silber- und Goldmünzen vorgefunden, oder aber einen Wechsel übergibt, zahlbar am Sankt Nimmerlein und von Niemand garantiert. Gewiss, dass eine bessere Fürsorge für Witwen und Waisen dringend nottut. Was die soziale Versicherungsgesetzgebung bis jetzt in dieser Hinsicht leistet, erhebt sich nicht über das Niveau einer etwas reformierten Armenversorgung. Wäre es aber dem Zentrum ehrlich um die Lösung der vorliegenden Aufgabe zu tun, so hätte es nur bei Beratung der Entwürfe zur Reform der Invaliditäts- und der Unfallversicherung den einschlägigen sozialdemokratischen Anträgen zustimmen müssen. Geldsacksfromm wie es ist, hat es sich damals wohl gehütet, Witwen- und waisenfreundlich zu pfeifen. Jetzt dagegen spitzt es reformfröhlich den salbungsvollen Mund, um die proletarischen Massen durch die Gebärde zu prellen. Das Zentrum hat noch jederzeit ein Quäntchen Sozialreform zu Gunsten der Arbeiterklasse mit einem Zentner Sozialreaktion zu Nutz und Frommen der Besitzenden erschachert. Der Kampf um den Zollwucher zeigt es in seiner alten Rolle, als Partei des sozialpolitischen Mumpitzes.
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